Das Wichtigste in Kürze:
- Chambon und Gogue sind spezialisierte Hilfszügel, die durch ihre einzigartige Verschnallung gezielt die Dehnung und Rückentätigkeit fördern – beide wirken auf Gebiss und Genick und laden das Pferd zur Vorwärts-Abwärts-Haltung ein.
- Der Chambon wird ausschließlich beim Longieren eingesetzt und basiert auf dem Druck-Nachlass-Prinzip: Hebt das Pferd den Kopf, entsteht Druck auf Genick und Gebiss; dehnt es sich, lässt der Druck nach.
- Der Gogue existiert in zwei Varianten: als fester „Gogue fixe“ (ähnlich dem Chambon) und als „Gogue commandé“ (in der Reiterhand geführt), wodurch er sowohl beim Longieren als auch beim Reiten einsetzbar ist.
- Beide Hilfszügel sind besonders wertvoll in der Rehabilitationsarbeit und beim Muskelaufbau, da sie das Pferd aktiv dazu motivieren, den Rücken aufzuwölben und die Oberlinie zu nutzen.
- Trotz ihrer Vorteile erfordern beide eine absolut korrekte Einstellung und ein Verständnis für biomechanische Zusammenhänge – falsch verschnallt können auch sie zu Überzäumung und Verspannungen führen.
Während viele Hilfszügel primär begrenzen und kontrollieren, verfolgen Chambon und Gogue einen anderen Ansatz: Sie wollen das Pferd aktiv dazu einladen, seinen Rücken aufzuwölben und die für gesunde Bewegung so wichtige Dehnung einzunehmen. Beide gehören zu den anspruchsvollen, aber auch wirkungsvollsten Hilfsmitteln in der Longenarbeit – vorausgesetzt, man versteht ihre spezielle Funktionsweise und setzt sie korrekt ein.
Das gemeinsame Prinzip: Aktivierung der Oberlinie
Bevor wir uns die beiden Hilfszügel im Detail ansehen, lohnt sich ein Blick auf das, was sie verbindet und von anderen Hilfszügeln grundlegend unterscheidet.
Doppelte Einwirkung auf Genick und Gebiss: Sowohl Chambon als auch Gogue wirken nicht nur auf das Gebiss, sondern gleichzeitig auch auf das Genick. Diese doppelte Einwirkung ist der Schlüssel zu ihrer Wirksamkeit. Wenn das Pferd den Kopf anhebt, entsteht nicht nur Druck am Gebiss, sondern auch am Genick – eine sehr deutliche, aber nicht schmerzhafte Rückmeldung.
Einladung statt Zwang: Das Geniale an diesem System: Sobald das Pferd sich dehnt und Kopf und Hals nach vorne-unten nimmt, lässt der Druck vollständig nach. Das Pferd wird für die gewünschte Haltung belohnt – und zwar unmittelbar und spürbar. Dieser sofortige Nachlass ist lerntheoretisch extrem wirksam. Das Pferd lernt schnell: „Dehnung ist angenehm, Kopf hochreißen ist unangenehm.“
Förderung der Rückentätigkeit: Wenn ein Pferd sich korrekt dehnt – Nase nach vorne-unten, Genick nicht der höchste Punkt, Oberlinie gestreckt – wölbt sich automatisch der Rücken auf. Die Bauchmuskulatur spannt sich an, die Rückenmuskulatur arbeitet dynamisch, die Hinterhand kann besser unter den Schwerpunkt treten. Diese aktive Rückentätigkeit ist das Ziel beider Hilfszügel.
Takt und Losgelassenheit als Grundlage: Beide Hilfszügel funktionieren nur, wenn das Pferd in einem angemessenen Tempo mit taktvollen Bewegungen läuft. Ein Pferd, das zu schnell hetzt oder zu langsam schlurft, kann auch mit dem besten Hilfszügel keine korrekte Dehnung entwickeln. Die Basisarbeit muss stimmen – dann können Chambon oder Gogue diese unterstützen.
Der Chambon: Spezialist für die Longenarbeit
Der Chambon ist der ältere und bekanntere der beiden Hilfszügel. Entwickelt vom französischen Reiter Chambon de Lamothe in den 1960er Jahren, hat er sich besonders in der Rehabilitationsarbeit und beim Muskelaufbau bewährt.
Aufbau und Verschnallung: Der Chambon besteht aus mehreren Komponenten:
- Ein Riemen, der am Sattelgurt oder Longiergurt befestigt wird und nach oben zum Genick führt
- Am Genick teilt sich der Riemen in zwei Stränge, die über ein spezielles Polster laufen
- Diese Stränge führen durch kleine Ringe oder Schlaufen am Genickstück
- Von dort laufen sie nach unten zu den Gebissringen, durch diese hindurch und werden wieder am Genickstück befestigt
Diese Konstruktion mag auf den ersten Blick kompliziert wirken, hat aber eine klare Funktion: Die Umlenkung über das Genick sorgt dafür, dass bei erhobenem Kopf gleichzeitig Druck auf Genick und Gebiss entsteht – und zwar proportional zur Höhe, die das Pferd den Kopf nimmt.
Die Wirkung im Detail: Läuft das Pferd in natürlicher Dehnungshaltung, hängt der Chambon locker. Es entsteht kein Druck, das Pferd bewegt sich frei. Hebt es den Kopf an, spannen sich die Riemen und erzeugen Druck sowohl am Genick (nach unten) als auch am Gebiss (ebenfalls nach unten, aber mit anderer Zugrichtung als beim Stoßzügel).
Der entscheidende Unterschied zum Stoßzügel: Der Chambon zieht nicht starr nach unten-hinten, sondern über das Genick nach unten-vorne. Diese Zugrichtung lädt zur Dehnung ein, statt sie zu blockieren. Das Pferd kann jederzeit dem Druck entkommen, indem es sich dehnt – es wird nicht in eine Position gezwungen, sondern motiviert, diese einzunehmen.
Korrekte Einstellung: Die richtige Länge ist beim Chambon kritisch. Als Faustregel gilt: Wenn man den Chambon entlang der Kopfkontur nach vorne führt, sollte er etwa auf Höhe der Nüstern oder leicht darunter enden. Bei dieser Einstellung wirkt er erst, wenn das Pferd den Kopf deutlich über die gewünschte Position anhebt.
Zu kurz eingestellt wird auch der Chambon problematisch: Das Pferd wird gezwungen, den Kopf tief zu nehmen, auch wenn es muskulär noch nicht dazu in der Lage ist. Die Folge ist wieder Einrollen und Verspannung statt echter Dehnung.
Einsatzgebiete des Chambon:
- Longenarbeit mit jungen oder noch nicht ausbalancierten Pferden
- Aufbauarbeit nach Verletzungen oder längeren Pausen
- Korrektur von Pferden, die sich gegen die Dehnung wehren
- Systematischer Muskelaufbau der Oberlinie
- Vorbereitung auf die Arbeit unter dem Sattel
Wichtig: Der Chambon ist ausschließlich für die Longenarbeit geeignet, nicht zum Reiten. Der Reiter hätte keine Möglichkeit, flexibel auf das Pferd einzuwirken, da der Chambon fest verschnallt ist.
Besonderheiten beim Longieren: Mit Chambon braucht das Pferd besonders am Anfang Zeit, sich an die neue Einwirkung zu gewöhnen. Viele Pferde reagieren zunächst verunsichert oder probieren verschiedene Haltungen aus, bevor sie die Dehnung finden. Diese Suchphase ist normal und wichtig – der Longenführer sollte dem Pferd Raum geben und nicht eingreifen, solange das Pferd in ruhigem Tempo vorwärts läuft.
Sobald das Pferd die Dehnung gefunden hat, sollte man diese Phase genießen lassen – aber nicht überfordern. 15-20 Minuten Longenarbeit mit Chambon reichen für den Anfang völlig aus. Qualität geht vor Quantität.
Der Gogue: Flexibel einsetzbar in zwei Varianten
Der Gogue ist weniger bekannt als der Chambon, aber in vielerlei Hinsicht noch interessanter. Entwickelt von dem französischen Reiter René Gogue, bietet er durch seine zwei Varianten mehr Flexibilität im Einsatz.
Die zwei Gesichter des Gogue:
Gogue fixe (fester Gogue): Diese Variante funktioniert sehr ähnlich wie der Chambon. Der Riemen führt vom Sattelgurt über eine Umlenkung am Genick zu den Gebissringen und zurück. Der Unterschied zum Chambon liegt in Details der Verschnallung und der Position der Umlenkung, was zu einer etwas anderen Druckverteilung führt. In der Praxis sind die Unterschiede zum Chambon graduell – beide laden zur Dehnung ein und fördern die Rückentätigkeit.
Gogue commandé (geführter Gogue): Hier wird es interessant. Bei dieser Variante werden die Enden des Gogue nicht am Genickstück befestigt, sondern wie normale Zügel in der Hand des Reiters geführt. Der Riemen läuft trotzdem über das Genick, aber der Reiter kann jederzeit dosiert einwirken oder komplett nachgeben.
Diese Variante ermöglicht es, den Gogue auch beim Reiten einzusetzen – eine Option, die der Chambon nicht bietet. Der Reiter kann situativ entscheiden, wie viel Einwirkung nötig ist, und hat gleichzeitig die Vorteile der doppelten Wirkung auf Genick und Gebiss.
Verschnallung und Wirkung: Der Grundaufbau des Gogue ist ähnlich wie beim Chambon:
- Befestigung am Sattelgurt
- Führung nach oben zum Genick
- Umlenkung über das Genickstück (oft durch spezielle Ringe)
- Von dort durch die Gebissringe
- Beim festen Gogue: Zurück zum Genickstück
- Beim geführten Gogue: In die Hand des Reiters
Die Wirkungsweise ist identisch mit dem Chambon, wenn der feste Gogue verwendet wird. Beim geführten Gogue kann der Reiter zusätzlich aktiv einwirken, aber die Grundmechanik bleibt: Druck auf Genick und Gebiss bei erhobenem Kopf, Nachlass bei Dehnung.
Die Vielseitigkeit des geführten Gogue: Der große Vorteil der Reitvariante: Der Reiter kann flexibel reagieren. Dehnt sich das Pferd schön, kann er komplett nachgeben. Versucht das Pferd sich zu verwerfen oder den Kopf hochzureißen, kann er korrigierend eingreifen. Diese Flexibilität macht den geführten Gogue zu einem interessanten Werkzeug für erfahrene Reiter.
Der Nachteil: Diese Flexibilität erfordert auch viel Können und Gefühl. Ein Reiter, der die Gogue-Zügel permanent fest in der Hand hat oder ruckartig daran zieht, macht alle Vorteile zunichte. Der geführte Gogue ist definitiv nichts für Anfänger oder unerfahrene Reiter.
Einsatzgebiete des Gogue:
- Longenarbeit (als fester Gogue) mit ähnlichen Zielen wie beim Chambon
- Reitarbeit (als geführter Gogue) zur Förderung der Dehnung unter dem Reiter
- Korrekturarbeit bei Pferden mit Anlehnungsproblemen
- Übergänge zwischen Longen- und Reitarbeit mit gleichbleibendem Hilfsmittel
- Arbeit mit erfahrenen Ausbildern an der Verbesserung von Takt und Losgelassenheit
Gemeinsamkeiten und Unterschiede: Die Wahl zwischen Chambon und Gogue
Beide Hilfszügel teilen das Grundprinzip der Dehnungsförderung über die doppelte Einwirkung auf Genick und Gebiss. Aber welcher ist für welche Situation besser geeignet?
Chambon ist die bessere Wahl, wenn:
- Man ausschließlich longieren möchte
- Man einen klar definierten, einfach zu handhabenden Hilfszügel sucht
- Das Pferd noch keine Erfahrung mit solchen Hilfsmitteln hat
- Man selbst noch nicht so viel Erfahrung mit komplexeren Hilfszügeln hat
Gogue ist die bessere Wahl, wenn:
- Man Flexibilität zwischen Longen- und Reitarbeit möchte
- Man als erfahrener Reiter auch unter dem Sattel mit dem Hilfszügel arbeiten will
- Man ein Pferd hat, das bereits Grunddehnung kennt und weiterentwickelt werden soll
- Man die Option schätzt, zwischen fester und geführter Variante wechseln zu können
In der Praxis ergänzen sich beide oft: Viele Ausbilder beginnen mit dem einfacheren Chambon an der Longe und wechseln später zum Gogue, wenn auch unter dem Sattel an der Dehnung gearbeitet werden soll.
Die kritischen Punkte: Was kann schiefgehen?
Trotz ihrer durchdachten Konzeption können auch Chambon und Gogue problematisch werden, wenn sie falsch eingesetzt werden:
Zu kurze Einstellung: Der häufigste Fehler. Ein zu kurz verschnallter Chambon oder Gogue zwingt das Pferd in eine übertriebene Dehnungshaltung, in der es weder sehen kann wohin es läuft, noch muskulär korrekt arbeiten kann. Die Nase kommt fast auf den Boden, das Pferd stolpert, der Rücken sackt ein statt sich aufzuwölben.
Zu langes oder zu schnelles Tempo: Beide Hilfszügel funktionieren nur in einem angemessenen Tempo mit aktivem Vorwärts. Ein Pferd, das zu langsam schlurft, kann keine Dehnung entwickeln. Ein Pferd, das zu schnell hetzt, verspannt sich und fällt auf die Vorhand. Der Longenführer muss das richtige Tempo finden und halten.
Überforderung durch zu lange Einheiten: Die Arbeit in Dehnungshaltung ist anstrengend. Gerade am Anfang ermüdet die Muskulatur schnell. 15-20 Minuten reichen aus – länger wird kontraproduktiv, weil das Pferd ermüdet und in Ausweichhaltungen verfällt.
Falsche Erwartungen: Manche erwarten, dass das Pferd sofort in perfekter Dehnung läuft, sobald der Chambon oder Gogue angelegt ist. In Wahrheit brauchen die meisten Pferde Zeit, um zu verstehen, was von ihnen erwartet wird. Die ersten Einheiten sind oft eine Suchphase – das ist normal und gehört zum Lernprozess.
Einsatz als Dauerlösung: Auch hier gilt: Hilfszügel sind temporäre Hilfsmittel. Das Ziel sollte immer sein, dass das Pferd lernt, sich auch ohne Chambon oder Gogue zu dehnen und den Rücken zu nutzen. Der Hilfszügel ist eine Brücke, keine Endstation.
Für wen eignen sich diese Hilfszügel?
Chambon und Gogue sind anspruchsvolle Hilfsmittel, die mehr Wissen erfordern als einfache Ausbinder:
Geeignet für:
- Longenführer mit guten Kenntnissen der Biomechanik und Erfahrung im Longieren
- Situationen, in denen gezielt Rückenmuskulatur aufgebaut werden soll
- Rehabilitationsarbeit unter fachkundiger Anleitung
- Ausbildung junger Pferde durch erfahrene Ausbilder
- Den geführten Gogue: nur für sehr erfahrene Reiter mit gutem Gefühl
Nicht geeignet für:
- Absolute Anfänger ohne Erfahrung in Longenarbeit
- Situationen, in denen die Grundlagen (Takt, ruhiges Tempo) noch nicht etabliert sind
- Pferde mit gesundheitlichen Problemen, die nicht abgeklärt sind
- Als „quick fix“ für Probleme, die eigentlich fundierte Ausbildungsarbeit erfordern
Fazit: Anspruchsvolle Werkzeuge mit echtem Potenzial
Chambon und Gogue gehören zu den durchdachteren und pferdefreundlicheren Hilfszügeln. Ihr Prinzip – Einladung zur Dehnung durch Druck-Nachlass statt mechanischer Zwang – ist lerntheoretisch sinnvoll und biomechanisch förderlich. In erfahrenen Händen können sie wertvolle Dienste leisten, besonders in der Aufbauarbeit und Rehabilitation.
Gleichzeitig sind sie keine „Einsteiger-Hilfszügel“. Sie erfordern Verständnis für biomechanische Zusammenhänge, Erfahrung im Longieren und die Fähigkeit, das Pferd genau zu beobachten und zu beurteilen. Falsch eingesetzt – zu kurz, zu lange, bei falschem Tempo – verlieren sie ihre Vorteile und können sogar schaden.
Die Wahl zwischen Chambon und Gogue hängt von den individuellen Bedürfnissen ab: Der Chambon ist der unkomplizierte Spezialist für die Longenarbeit, der Gogue bietet mehr Flexibilität, erfordert aber auch mehr Können. Beide haben ihren Platz im Werkzeugkasten erfahrener Pferdeausbilder – aber eben nur dort.
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