Das Wichtigste in Kürze:
- Das Martingal ist primär ein Sicherheitshilfsmittel, das verhindern soll, dass das Pferd den Kopf unkontrolliert hochreißt und dabei den Reiter verletzt – es dient nicht der Haltungskorrektur oder Ausbildung.
- Es gibt zwei Hauptvarianten: das Ringmartingal (häufig beim Springen und im Gelände) und das seltenere feststehende Martingal (feste Verbindung zum Gebiss).
- Das Ringmartingal führt vom Sattelgurt zwischen den Beinen hindurch nach vorne und endet in zwei Ringen, durch die die Trensenzügel laufen – es wirkt nur nach unten begrenzend, nicht seitlich.
- Die korrekte Länge ist entscheidend: Als Faustregel gilt, dass die Martingalringe bei normal getragener Kopfhaltung bis zum Kehlgang des Pferdes reichen sollten – bei kürzerer Einstellung wird aus dem Sicherheitsmittel ein permanent einwirkender Hilfszügel.
- Das Martingal ist der unkomplizierteste und klarste aller Hilfszügel mit der geringsten Missbrauchsgefahr – wenn man die richtige Länge einhält.
Nach all den komplexen, teilweise hochproblematischen Hilfszügeln, die wir in dieser Serie besprochen haben, kommen wir nun zu einem, der tatsächlich das ist, als was er konzipiert wurde: ein einfaches, klares Sicherheitshilfsmittel. Das Martingal ist der unkomplizierteste Hilfszügel überhaupt – und gleichzeitig einer der am wenigsten problematischen, wenn er korrekt eingesetzt wird. Es lohnt sich trotzdem, genau hinzuschauen, denn auch hier gibt es Unterschiede in den Varianten, Regeln für die Verschnallung und mögliche Fehlerquellen.
Was ist ein Martingal und wofür ist es da?
Das Martingal (manchmal auch „Stoßzaum“ genannt, was aber zu Verwechslungen mit dem Stoßzügel führen kann) ist ein Riemen, der am Sattelgurt befestigt wird, zwischen den Vorderbeinen des Pferdes hindurch nach vorne führt und dort in einer oder zwei Verbindungen zu den Zügeln endet. Zusätzlich gibt es meist einen Halsriemen, der verhindert, dass das Martingal bei gesenktem Kopf zu weit nach vorne rutscht.
Die Hauptfunktion ist klar und eindeutig: Das Martingal soll verhindern, dass das Pferd den Kopf unkontrolliert hochreißt. Diese Bewegung kann gefährlich sein:
- Das Pferd kann dem Reiter mit dem Hinterkopf ins Gesicht schlagen
- Zähne können ausgeschlagen werden
- Die Nase des Reiters kann brechen
- Im schlimmsten Fall kann der Reiter das Bewusstsein verlieren und vom Pferd fallen
Das Martingal ist also primär ein Sicherheitsmittel, kein Ausbildungshilfsmittel. Es soll Unfälle verhindern, nicht die Haltung korrigieren oder das Pferd in eine bestimmte Form bringen. Diese klare, begrenzte Funktion macht es so unkompliziert – und so viel weniger problematisch als andere Hilfszügel.
Das Ringmartingal: Der Klassiker
Die mit Abstand häufigste Form ist das Ringmartingal (auch „running martingale“ oder „deutsches Martingal“ genannt). Es besteht aus folgenden Komponenten:
Der Hauptriemen: Führt vom Sattelgurt zwischen den Vorderbeinen nach vorne und teilt sich dort in zwei Stränge.
Die beiden Ringe: Die Stränge enden jeweils in einem Ring (meist aus Metall, manchmal auch aus Kunststoff oder Gummi). Durch diese Ringe werden die Trensenzügel geführt.
Der Halsriemen: Ein zusätzlicher Riemen, der um den Hals des Pferdes läuft und mit dem Hauptriemen verbunden ist. Er verhindert, dass das Martingal bei gesenktem Kopf zu tief hängt oder zwischen die Vorderbeine gerät.
Die Wirkungsweise ist simpel: Solange das Pferd seinen Kopf in normaler Position hält oder senkt, hat das Martingal keinen Kontakt – die Ringe hängen einfach lose an den Zügeln. Hebt das Pferd den Kopf über eine gewisse Höhe, spannen sich die Martingalriemen und ziehen die Zügel nach unten. Das Pferd spürt Druck am Gebiss von oben nach unten – ein Signal, den Kopf nicht weiter zu heben.
Der große Vorteil: Die Einwirkung ist völlig unabhängig von der Reiterhand. Das Martingal wirkt nur dann, wenn das Pferd wirklich versucht, den Kopf hochzureißen – nicht bei normalen Bewegungen, nicht bei natürlichen Kopfhöhenveränderungen. Es ist eine passive Sicherheitsmaßnahme, die nur in kritischen Momenten aktiviert wird.
Das feststehende Martingal: Die seltenere Variante
Die zweite, deutlich seltener anzutreffende Form ist das feststehende Martingal (auch „standing martingale“ oder „festes Martingal“). Hier endet der Riemen nicht in zwei Ringen, sondern in einer festen Verbindung – meist am Nasenriemen des Reithalfters oder an einem speziellen Halfter.
Der Unterschied: Das feststehende Martingal wirkt nicht über das Gebiss, sondern über den Nasenriemen. Es zieht den Kopf des Pferdes nach unten, ohne direkten Druck aufs Maul auszuüben.
Warum es seltener ist: Das feststehende Martingal hat einige Nachteile gegenüber dem Ringmartingal:
- Es schränkt die Bewegungsfreiheit stärker ein, da es fest mit dem Kopf verbunden ist
- Es kann bei Pferden, die gegen den Druck ankämpfen, zu Verspannungen im Genick führen
- Es bietet weniger Flexibilität – das Pferd kann den Kopf nicht situativ anpassen
- Bei falscher Länge wird es schnell zu einer permanenten Begrenzung statt einer Notbremse
Das feststehende Martingal wird hauptsächlich in sehr spezifischen Bereichen eingesetzt:
- Im Westernreiten (traditionell)
- Bei sehr jungen Pferden am Boden (nicht beim Reiten)
- In manchen Rennställen
- Gelegentlich bei Pferden, die extrem den Kopf hochreißen und bei denen ein Ringmartingal nicht ausreicht
Für den normalen Reit- und Freizeitsport ist das Ringmartingal die bessere, flexiblere und pferdefreundlichere Wahl.
Haupteinsatzgebiete: Springen und Gelände
Das Martingal findet seine Hauptverwendung in zwei Bereichen:
Beim Springen: Hier ist das Martingal besonders verbreitet. Die Gründe liegen auf der Hand:
- Beim Anreiten eines Sprungs kann ein Pferd aus Aufregung oder Unsicherheit den Kopf hochreißen
- In der Luft über dem Sprung können unerwartete Kopfbewegungen den Reiter gefährden
- Nach der Landung können Pferde manchmal „explosiv“ werden und den Kopf schlagen
- Das Martingal bietet hier echte Sicherheit, ohne die Springleistung zu beeinträchtigen
Im Gelände: Auch bei Ausritten, im Jagdreiten oder beim Vielseitigkeitsreiten ist das Martingal beliebt:
- Unerwartete Situationen (Wild, Traktor, flatternde Plastiktüte) können Pferde erschrecken
- Im Gelände sind die Bedingungen weniger kontrollierbar als in der Halle
- Das Martingal gibt dem Reiter zusätzliche Sicherheit in unberechenbaren Momenten
Seltener in der Dressur: In der klassischen Dressurarbeit sieht man Martingale kaum. Die Gründe:
- In der Dressur sollte das Pferd lernen, sich selbst zu tragen und den Kopf nicht hochzureißen
- Die Arbeit ist kontrollierter und weniger dynamisch als beim Springen
- Ein Pferd, das in der Dressur dauerhaft ein Martingal „braucht“, hat ein Ausbildungsproblem
- Bei Turnieren ist das Martingal in Dressurprüfungen nicht erlaubt
Die korrekte Länge: Die wichtigste Regel
Bei allen Diskussionen über Hilfszügel taucht immer wieder das Thema „richtige Länge“ auf. Beim Martingal ist das besonders wichtig, denn die Grenze zwischen sinnvollem Sicherheitsmittel und problematischen Hilfszügel verläuft genau hier.
Die klassische Faustregel: Die Martingalringe sollten, wenn man sie mit den Zügeln entlang des Pferdehalses nach oben führt, etwa bis zum Kehlgang des Pferdes reichen. Bei dieser Länge wirkt das Martingal nur dann, wenn das Pferd den Kopf deutlich über die normale Position hinaus hochnimmt.
Alternative Faustregeln:
- Die Ringe sollten bis zur Bugspitze reichen, wenn man sie seitlich anlegt
- Bei normal getragener Kopfhaltung sollten die Martingalriemen durchhängen oder gerade eben Kontakt haben
- Man sollte die Ringe etwa eine Handbreit über die Höhe des Widerristes heben können
Alle diese Regeln zielen auf dasselbe ab: Das Martingal soll nicht permanent einwirken, sondern nur als Notbremse dienen. Es ist keine Haltungskorrektur, sondern eine Sicherheitsgrenze.
Was passiert bei zu kurzer Verschnallung: Ein zu kurz eingestelltes Martingal wird vom Sicherheitsmittel zum permanent einwirkenden Hilfszügel. Das Pferd kann seinen Kopf nicht mehr frei bewegen, nicht mehr als Balancierstange nutzen, nicht mehr natürlich kommunizieren. Es fühlt sich eingeengt, entwickelt Verspannungen, kann beim Stolpern nicht mehr reflexartig den Kopf heben.
Ein zu kurzes Martingal ist außerdem biomechanisch problematisch: Es verhindert, dass das Pferd beim Sprung seinen Hals frei strecken kann (den sogenannten „Bascule“ über dem Sprung). Das Pferd kann den Sprung nicht optimal überwinden, das Verletzungsrisiko steigt.
Die praktische Handhabung: Worauf achten?
Neben der richtigen Länge gibt es einige praktische Punkte bei der Verwendung eines Martingals:
Martingalstopper verwenden: Die Ringe des Martingals können auf den Trensenzügeln hin- und herrutschen. Um zu verhindern, dass sie bis an die Gebissringe gelangen (wo sie scheuern und verklemmen können), sollten Martingalstopper verwendet werden – kleine Gummiringe, die auf die Zügel aufgezogen werden und die Martingalringe auf Abstand halten.
Halsriemen korrekt verschnallen: Der Halsriemen sollte so sitzen, dass man bequem eine flache Hand zwischen Riemen und Hals schieben kann. Zu eng schränkt er die Atmung ein, zu locker erfüllt er seine Funktion nicht.
Regelmäßig auf Verschleiß prüfen: Lederriemen verschleißen, Nähte können aufgehen, Schnallen können brechen. Gerade beim Martingal, das eine Sicherheitsfunktion hat, ist regelmäßige Kontrolle wichtig.
Nicht mit anderen scharfen Hilfszügeln kombinieren: Ein Martingal zusätzlich zu Schlaufzügeln oder ähnlich scharfen Hilfsmitteln zu verwenden, ist unnötig und potenziell schädlich. Das Martingal reicht als Sicherheitsmaßnahme aus.
Bei der Bodenarbeit abnehmen: Für Longenarbeit oder andere Bodenarbeit sollte das Martingal abgenommen werden – es kann sich bei Bodenübungen verfangen oder stören.
Für wen ist ein Martingal geeignet?
Im Gegensatz zu vielen anderen Hilfszügeln ist das Martingal für einen breiten Reiterkreis geeignet:
Geeignet für:
- Spring- und Geländereiter auf allen Niveaus
- Freizeitreiter, die zusätzliche Sicherheit im Gelände wünschen
- Pferde, die gelegentlich dazu neigen, den Kopf hochzureißen (wenn parallel an der Ursache gearbeitet wird)
- Reitanfänger unter Anleitung (das Martingal verzeiht unruhige Hände besser als andere Hilfszügel)
Weniger geeignet für:
- Dressurarbeit (hier sollte das Pferd lernen, sich selbst zu tragen)
- Pferde, die permanent extrem den Kopf hochreißen (hier braucht es Ursachenforschung und Training, nicht nur ein Sicherheitsmittel)
- Als Dauerlösung für ein Ausbildungsproblem
Der große Vorteil des Martingals: Es ist schwer, damit massiven Schaden anzurichten. Selbst ein zu kurz verschnalltes Martingal ist deutlich weniger problematisch als ein zu kurz verschnallter Ausbinder oder gar Schlaufzügel. Das macht es zum anfängerfreundlichsten Hilfszügel überhaupt.
Martingal als Übergangslösung
Manchmal wird ein Martingal auch als temporäres Hilfsmittel eingesetzt, während an einem grundlegenderen Problem gearbeitet wird:
Beispiel 1: Ein Pferd hat die Angewohnheit entwickelt, beim Angaloppieren den Kopf hochzureißen. Während mit einem Trainer systematisch an diesem Problem gearbeitet wird (Balance verbessern, Hinterhand aktivieren, Angst nehmen), kann ein Martingal kurzfristig Sicherheit bieten. Sobald das Pferd gelernt hat, ruhig anzugaloppieren, kann das Martingal wieder weg.
Beispiel 2: Ein junges Pferd ist beim Anreiten von Sprüngen noch unsicher und reißt manchmal reflexartig den Kopf hoch. Während es Erfahrung sammelt und Vertrauen aufbaut, gibt das Martingal dem Reiter Sicherheit. Mit zunehmender Routine wird das Martingal überflüssig.
Diese temporäre Verwendung ist durchaus sinnvoll – solange klar ist, dass das Martingal eine Brücke ist, kein Dauerzustand. Das eigentliche Ziel bleibt, dass das Pferd lernt, seinen Kopf auch ohne mechanische Begrenzung angemessen zu halten.
Wann ist ein Martingal nicht die Lösung?
Trotz seiner relativen Harmlosigkeit gibt es Situationen, in denen ein Martingal nicht hilft oder sogar kontraproduktiv ist:
Wenn das Pferd Schmerzen hat: Ein Pferd, das wegen Rückenschmerzen, Zahnproblemen oder Satteldrucks den Kopf hochreißt, braucht keinen Hilfszügel, sondern eine medizinische Behandlung.
Bei massiven Ausbildungsdefiziten: Ein Pferd, das nie gelernt hat, sich an den Reiter anzulehnen und permanent gegen die Hand arbeitet, braucht Grundausbildung, nicht ein Martingal.
Bei Angstverhalten: Ein Pferd, das aus Panik oder massiver Angst den Kopf hochreißt, braucht Verhaltensarbeit und Vertrauensaufbau, nicht mechanische Begrenzung.
Als Kaschierung von Reiterfehlern: Wenn der Reiter durch harte, ruckartige Zügeleinwirkung das Pferd dazu bringt, den Kopf hochzureißen, ist die Lösung nicht ein Martingal, sondern eine bessere Zügelführung.
In all diesen Fällen würde ein Martingal nur Symptome behandeln, nicht die Ursache beheben. Es wäre ein Pflaster auf einer offenen Wunde.
Alternativen: Braucht man überhaupt ein Martingal?
Die ehrliche Antwort: In vielen Fällen nicht. Ein gut ausgebildetes Pferd, geritten von einem kompetenten Reiter, braucht kein Martingal. Es hat gelernt, sich selbst zu tragen, den Kopf angemessen zu halten, auf die Hilfen des Reiters zu reagieren.
Alternativen zum Martingal:
- Fundierte Ausbildungsarbeit, die das Pferd lehrt, sich zu tragen
- Überprüfung und Anpassung der Ausrüstung (Sattel, Gebiss, Trense)
- Gesundheitscheck, um Schmerzursachen auszuschließen
- Training des Reiters für feinere, ruhigere Hilfengebung
- Arbeit mit einem erfahrenen Trainer bei hartnäckigen Problemen
Allerdings: Im Springsport und beim Geländereiten ist ein Martingal als reine Sicherheitsmaßnahme durchaus vertretbar – auch bei gut ausgebildeten Pferden. Die Situationen sind hier einfach dynamischer und weniger vorhersehbar als in der Halle. Das Martingal ist dann keine Krücke, sondern ein Sicherheitsgurt.
Fazit: Der unkomplizierteste aller Hilfszügel
Nach all den komplexen, teilweise hochproblematischen Hilfszügeln, die wir in dieser Serie besprochen haben, ist das Martingal eine wohltuende Ausnahme. Es ist das, was ein Hilfszügel im besten Fall sein sollte: Ein klares, einfaches Sicherheitsmittel mit begrenzter, definierter Funktion und geringer Missbrauchsgefahr.
Richtig verschnallt – und das heißt: großzügig lang – ist das Martingal kaum problematisch. Es wirkt nur in Notfällen, schränkt das Pferd im normalen Bewegungsablauf nicht ein, und selbst Fehler in der Handhabung sind weniger gravierend als bei anderen Hilfszügeln.
Das macht das Martingal zu einem der wenigen Hilfszügel, die man auch Reitern empfehlen kann, die nicht jahrelange Erfahrung mit verschiedensten Hilfsmitteln haben. Wer beim Springen oder im Gelände ein Martingal verwendet, ist auf der sicheren Seite – im wahrsten Sinne des Wortes.
Trotzdem bleibt die Grundregel: Auch das Martingal ist kein Ersatz für eine gute Ausbildung. Es ist ein Sicherheitsnetz, keine Lösung. Ein Pferd, das dauerhaft ein Martingal „braucht“, um nicht den Kopf hochzureißen, braucht in Wahrheit Training, nicht einen Hilfszügel. Das Martingal kann Zeit verschaffen, Unfälle verhindern, Sicherheit geben – aber es kann nicht ersetzen, was durch geduldige, fundierte Arbeit erreicht werden sollte: ein Pferd, das gelernt hat, sich selbst zu tragen und seinem Reiter zu vertrauen.
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