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Das Wichtigste in Kürze:

  • Der Stoßzügel führt vom Sattelgurt zwischen den Vorderbeinen hindurch direkt zum Gebiss und soll primär verhindern, dass das Pferd den Kopf unkontrolliert hochreißt.
  • Seine ursprüngliche Intention war es, Pferde mit der Angewohnheit des extremen Kopfschlagens zu korrigieren – als temporäres Hilfsmittel in spezifischen Problemsituationen.
  • Der Stoßzügel wirkt ausschließlich von unten nach oben und bietet keinerlei seitliche Begrenzung, was ihn fundamental von Ausbindern oder Dreieckszügeln unterscheidet.
  • Die größte Kritik: Seine starre, konstante Einwirkung führt häufig zu Überzäumung, das Pferd rollt sich ein und kommt hinter die Senkrechte, ohne dass eine echte Dehnung oder Losgelassenheit möglich ist.
  • Aus tierschutzfachlicher Sicht ist der Stoßzügel hochproblematisch, da er oft als Dauerlösung statt als kurzzeitige Korrekturmaßnahme eingesetzt wird und dabei massive biomechanische und psychische Schäden verursachen kann.

Wenn man über umstrittene Hilfszügel spricht, führt der Stoßzügel regelmäßig die Liste an. Kaum ein anderes Hilfsmittel wird so kontrovers diskutiert und so häufig missbräuchlich eingesetzt. Um zu verstehen, warum der Stoßzügel so problematisch ist, muss man zunächst seine ursprüngliche Funktion kennen – und dann betrachten, wie weit die Realität oft davon entfernt ist.

Was ist ein Stoßzügel und wie funktioniert er?

Der Stoßzügel (manchmal auch „Stoßriemen“ genannt) ist ein einzelner Riemen aus Leder oder Kunstleder, der am Sattelgurt oder Longiergurt befestigt wird, zwischen den Vorderbeinen des Pferdes hindurchläuft und am Gebissring – meist am Unterring einer Kandare oder am Ring einer Trense – endet. Manche Varianten haben in der Mitte einen Ring, an dem ein zusätzlicher Riemen zum Vorderzwiesel des Sattels führt, um zu verhindern, dass der Stoßzügel zu weit nach hinten rutscht.

Die Wirkungsweise ist eindimensional: Der Stoßzügel begrenzt ausschließlich die Aufwärtsbewegung des Kopfes. Versucht das Pferd, den Kopf hochzureißen, entsteht sofort Druck am Gebiss von unten nach oben. Je kürzer der Stoßzügel verschnallt ist, desto früher und stärker wirkt dieser Druck. Anders als Ausbinder oder Dreieckszügel bietet der Stoßzügel keinerlei seitliche Begrenzung – das Pferd kann den Kopf beliebig zur Seite drehen, aber nicht nach oben nehmen.

Diese spezifische Wirkung macht den Stoßzügel zu einem sehr fokussierten, aber auch sehr eingeschränkten Hilfsmittel. Er kann genau eine Sache: Kopfhochnehmen verhindern. Alles andere kann er nicht – und das ist Teil des Problems.

Die ursprüngliche Intention: Korrektur von Kopfschlagen

Der Stoßzügel wurde ursprünglich entwickelt, um ein spezifisches Problem zu lösen: Pferde, die die Angewohnheit haben, den Kopf extrem hochzureißen oder heftig zu schlagen. Solches Kopfschlagen kann verschiedene Ursachen haben – Schmerzen, schlechte Erfahrungen, Überforderung, unpassende Ausrüstung – und ist sowohl für das Pferd selbst als auch für den Reiter gefährlich.

Die Idee war: Durch den Stoßzügel soll das Pferd lernen, dass Kopfhochnehmen unangenehm ist, während eine tiefere, ruhigere Kopfhaltung angenehm bleibt. Das Pferd sollte durch diese negative Verstärkung die unerwünschte Verhaltensweise aufgeben und eine konstante, tiefere Kopfhaltung einnehmen.

Wichtig war dabei immer: Der Stoßzügel sollte ein temporäres Korrekturmittel sein, das nur so lange eingesetzt wird, bis das Pferd die Angewohnheit abgelegt hat. Parallel sollte immer nach der eigentlichen Ursache des Kopfschlagens gesucht und diese behoben werden – Schmerzen behandeln, Ausrüstung anpassen, Überforderung reduzieren.

In dieser ursprünglichen, sehr begrenzten Verwendung – temporär, zur Korrektur eines spezifischen Problems, unter fachkundiger Anleitung – könnte der Stoßzügel theoretisch seine Berechtigung haben. Die Realität sieht jedoch meist ganz anders aus.

Die Verschnallung: Zwischen den Beinen hindurch

Die charakteristische Verschnallung des Stoßzügels zwischen den Vorderbeinen ist biomechanisch bedeutsam. Der Druck kommt nicht von der Seite (wie bei Ausbindern) oder von oben (wie bei Dreieckszügeln), sondern von unten-hinten. Das bedeutet:

Bei kurzer Verschnallung zieht der Stoßzügel das Gebiss nach unten-hinten, also in Richtung Brust des Pferdes. Diese Zugrichtung ist für das Pferd extrem unangenehm und führt zu einer ganz spezifischen Reaktion: Das Pferd versucht, dem Druck auszuweichen, indem es den Kopf senkt und die Nase einrollt. Es kommt hinter die Senkrechte, das Genick knickt übermäßig ein.

Diese Position wird oft mit korrekter Aufrichtung oder Versammlung verwechselt. In Wahrheit ist es das genaue Gegenteil: Das Pferd ist nicht aufgerichtet, sondern eingerollt. Es trägt nicht mehr Last mit der Hinterhand, sondern fällt auf die Vorhand. Die Muskelkette ist unterbrochen, der Rücken kann nicht schwingen.

Die richtige Länge – falls der Stoßzügel überhaupt eingesetzt werden soll – wäre so, dass er nur dann wirkt, wenn das Pferd den Kopf deutlich über die normale Position hinaus hochreißt. Bei normaler Haltung sollte er durchhängen oder gerade eben Kontakt haben. In der Praxis sieht man aber häufig viel zu kurz verschnallte Stoßzügel, die permanent Druck erzeugen.

Der gravierendste Nachteil: Keine seitliche Begrenzung

Was den Stoßzügel fundamental von anderen Hilfszügeln unterscheidet, ist das völlige Fehlen seitlicher Begrenzung. Ein Pferd mit Stoßzügel kann den Kopf beliebig zur Seite drehen, sich nach außen oder innen verwerfen, schief laufen – der Stoßzügel verhindert das nicht.

Das macht ihn besonders beim Longieren problematisch. Ein junges oder nicht ausbalanciertes Pferd neigt dazu, sich auf der Kreisbahn nach außen zu legen oder den Kopf nach innen zu nehmen. Ausbinder oder Dreieckszügel würden hier seitliche Orientierung geben. Der Stoßzügel tut das nicht – er begrenzt nur die Vertikale.

Die Folge: Pferde mit Stoßzügel laufen häufig schief und entwickeln einseitige Verspannungen. Sie lernen keine korrekte seitliche Biegung, keine gleichmäßige Anlehnung auf beiden Seiten. Stattdessen entstehen muskuläre Dysbalancen, die sich langfristig manifestieren.

Noch problematischer wird es beim Reiten: Ein Reiter, der sein Pferd mit Stoßzügel reitet, hat keine Möglichkeit mehr, über die Zügel seitlich einzuwirken, zu stellen oder zu biegen. Die gesamte seitliche Kommunikation ist gestört, weil der Stoßzügel von unten dagegen arbeitet.

Das Hauptproblem: Überzäumung und Einrollen

Die mit Abstand häufigste und schädlichste Folge des Stoßzügeleinsatzes ist die Überzäumung. Durch den Druck von unten-hinten rollt das Pferd sich ein: Der Nasenrücken kommt hinter die Senkrechte, das Genick knickt übermäßig ein, der Kehlkopf wird abgeknickt.

Biomechanische Folgen:

  • Die Hinterhand kann nicht mehr unter den Schwerpunkt treten
  • Das Pferd fällt auf die Vorhand, statt Last aufzunehmen
  • Der Rücken kann nicht schwingen, sondern bleibt starr oder sackt ein
  • Die Oberlinie wird nicht gedehnt, sondern verkürzt und verspannt
  • Statt gewünschter Aufrichtung entsteht eine Fehlhaltung, die langfristig zu Schäden führt

Gesundheitliche Risiken:

  • Abknickung des Kehlkopfs kann die Atmung beeinträchtigen
  • Übermäßiger Druck auf die Halswirbelsäule
  • Verspannungen in der gesamten Hals- und Rückenmuskulatur
  • Langfristig: Kissing Spines, Arthrosen, chronische Verspannungen

Psychische Folgen:

  • Das Pferd lernt keine echte Losgelassenheit, sondern nur Vermeidung von Unbehagen
  • Resignation, wenn es merkt, dass es dem Druck nicht entkommen kann
  • Verlust der natürlichen Bewegungsfreude
  • Erlernte Hilflosigkeit

Das Perfide: Von außen kann ein eingerolltes Pferd für Laien sogar „gut“ aussehen – der Kopf ist ja „unten“, das Pferd läuft „ruhig“. In Wahrheit ist es ein Bild des Leidens und der Resignation.

Stoßzügel und die fehlende Dehnung

Ein weiterer fundamentaler Nachteil: Der Stoßzügel verhindert aktiv die so wichtige Vorwärts-Abwärts-Dehnung. Während Dreieckszügel oder Laufferzügel das Pferd zur Dehnung einladen, zwingt der Stoßzügel das Pferd in eine Position, aus der heraus echte Dehnung unmöglich ist.

Eine korrekte Dehnung bedeutet: Das Pferd streckt Hals und Kopf nach vorne-unten, die Nase geht in Richtung Boden, der Rücken wölbt sich auf, die gesamte Oberlinie wird aktiv gedehnt. In dieser Position baut sich gesunde Muskulatur auf, der Rücken lernt zu schwingen.

Mit Stoßzügel ist diese Bewegung blockiert. Das Pferd kann den Kopf nicht frei nach vorne strecken, weil der Stoßzügel von unten-hinten zieht. Es kann die Nase nicht in Richtung Boden weisen, ohne sich einzurollen. Die natürliche Dehnungsbewegung, die für die Pferdegesundheit so essentiell ist, wird unterdrückt.

Das bedeutet: Selbst wenn der Stoßzügel nicht zu kurz verschnallt ist und keine akute Überzäumung erzwingt, verhindert er trotzdem die Entwicklung einer gesunden Muskulatur. Das Pferd kann nie lernen, sich wirklich zu dehnen und den Rücken aufzuwölben.

Stoßzügel als Dauerlösung: Ein Tierschutzproblem

Was als temporäres Korrekturmittel gedacht war, wird in der Praxis häufig zur Dauerlösung. Man sieht Pferde, die seit Jahren ausschließlich mit Stoßzügel longiert oder geritten werden. Die Begründung: „Das Pferd geht sonst nicht ordentlich“, „Es reißt immer den Kopf hoch“, „Ohne Stoßzügel ist es nicht händelbar.“

All diese Begründungen übersehen das Grundproblem: Wenn ein Pferd dauerhaft einen Stoßzügel braucht, um eine akzeptable Haltung zu zeigen, dann ist das Pferd nicht korrekt ausgebildet. Der Stoßzügel kaschiert nur ein Problem, löst es aber nicht. Schlimmer noch: Er verhindert aktiv, dass das Pferd je lernen kann, sich selbst zu tragen und eine gesunde Haltung aus eigenem Antrieb einzunehmen.

Der Dauergebrauch des Stoßzügels ist aus mehreren Gründen tierschutzrechtlich bedenklich:

Einschränkung der Bewegungsfreiheit: Das Pferd kann sein arttypisches Bewegungsrepertoire nicht mehr ausführen. Der Kopf-Hals-Bereich ist ein essentielles Balancierelement – wird dieser dauerhaft eingeschränkt, ist das eine erhebliche Beeinträchtigung des Wohlbefindens.

Chronische Schmerzen: Die dauerhafte Fehlhaltung führt zu chronischen Verspannungen und kann langfristig strukturelle Schäden verursachen. Das Pferd leidet still, weil es resigniert hat.

Vermeidung echter Ausbildung: Der Stoßzügel wird genutzt, um mangelnde Sachkenntnis oder fehlendes Training zu kompensieren. Das Pferd wird in eine Position gezwungen, statt sie durch korrekte Arbeit zu erlernen.

Nach dem Tierschutzgesetz ist es verboten, einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zuzufügen. Ein dauerhaft eingesetzter Stoßzügel, der zu Fehlhaltungen und chronischen Verspannungen führt, bewegt sich in einer rechtlichen Grauzone – und moralisch ist er klar abzulehnen.

Gibt es sinnvolle Einsatzgebiete?

Nach all dieser Kritik stellt sich die Frage: Gibt es Situationen, in denen ein Stoßzügel vertretbar ist? Die Antwort muss sehr differenziert ausfallen.

Theoretisch vertretbar wäre er:

  • Als kurzfristige Korrekturmaßnahme bei massivem, gefährlichem Kopfschlagen
  • Unter Aufsicht eines sehr erfahrenen Ausbilders, der die biomechanischen Zusammenhänge versteht
  • Nur für wenige Einheiten, bis das Problem anderweitig gelöst ist
  • Mit gleichzeitiger Ursachenforschung (Schmerzen, Angst, Überforderung)
  • Bei korrekter, sehr langer Verschnallung, die nur extreme Ausreißer begrenzt

In der Praxis sieht man aber meist:

  • Dauereinsatz über Monate oder Jahre
  • Viel zu kurze Verschnallung, die permanent Druck erzeugt
  • Einsatz durch unerfahrene Personen ohne Verständnis für die Problematik
  • Keine Ursachenforschung, sondern reine Symptombehandlung
  • Verwendung als Ersatz für echte Ausbildungsarbeit

Die ehrliche Antwort lautet daher: In den meisten Fällen ist der Stoßzügel nicht vertretbar. Die Situationen, in denen er wirklich helfen könnte, sind extrem selten – und selbst dann gibt es meist bessere Alternativen.

Bessere Alternativen zum Stoßzügel

Statt zum Stoßzügel zu greifen, sollte man zunächst folgende Alternativen prüfen:

Ursachenforschung: Warum schlägt das Pferd den Kopf? Schmerzen im Rücken, Entzündungen an den Zähnen, unpassendes Gebiss, Angst vor der Gerte? Die Ursache zu beheben ist immer besser als Symptome zu unterdrücken.

Korrekte Grundausbildung: Ein Pferd, das gelernt hat, sich zu dehnen und den Rücken zu nutzen, hat keinen Grund, extrem den Kopf hochzureißen. Investition in fundierte Ausbildung ist die nachhaltigste Lösung.

Andere Hilfszügel: Wenn überhaupt ein Hilfszügel nötig ist, sind Dreieckszügel oder ein korrekt verschnalltes Martingal in den meisten Fällen die bessere Wahl. Sie bieten Begrenzung ohne die extremen Nachteile des Stoßzügels.

Bodenarbeit: Viele Probleme lassen sich durch konsequente, geduldige Bodenarbeit lösen, ohne dass überhaupt longiert oder geritten werden muss.

Professionelle Hilfe: Bei hartnäckigen Problemen sollte man einen erfahrenen Trainer oder Verhaltensexperten hinzuziehen, statt eigenständig mit problematischen Hilfsmitteln zu experimentieren.

Fazit: Ein Hilfszügel mit mehr Schaden als Nutzen

Der Stoßzügel ist das Paradebeispiel dafür, wie ein Hilfsmittel, das ursprünglich für einen sehr spezifischen Zweck entwickelt wurde, in der Praxis zum Problemverursacher wird. Seine starre Einwirkung von unten, die fehlende seitliche Begrenzung und die massive Gefahr der Überzäumung machen ihn zu einem der problematischsten Hilfszügel überhaupt.

Die theoretischen Einsatzgebiete – temporäre Korrektur des gefährlichen Kopfschlagens – sind so selten und so speziell, dass sie den weitverbreiteten Gebrauch nicht rechtfertigen. In der großen Mehrheit der Fälle wird der Stoßzügel als Dauerlösung missbraucht, um Ausbildungsdefizite zu kaschieren oder mangelndes Können zu kompensieren.

Die Empfehlung kann daher nur lauten: Finger weg vom Stoßzügel, es sei denn, man ist absoluter Experte und steht vor einem sehr spezifischen Problem, für das keine andere Lösung existiert. Und selbst dann sollte man zweimal überlegen, ob es nicht doch bessere Alternativen gibt. In den allermeisten Fällen gibt es sie – man muss nur bereit sein, die Zeit und Arbeit zu investieren, die eine echte, nachhaltige Lösung erfordert.

Team Sanoanimal