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Das Wichtigste in Kürze:

  • Thiedemannzügel (auch Köhlerzügel genannt) sind eine Mischform zwischen Schlaufzügel und Martingal – sie führen vom Sattelgurt durch die Trensenzügel und wirken so indirekter als reine Schlaufzügel.
  • Ihre Wirkungsweise ist ähnlich wie beim Martingal (sie begrenzen das Hochreißen des Kopfes), aber mit einer zusätzlichen Komponente durch die Einbindung in die Zügel, was sie flexibler macht.
  • Der große Vorteil gegenüber Schlaufzügeln: Sie sind deutlich weniger scharf, da die Hebelwirkung durch die Integration in die normalen Zügel abgemildert wird und der Reiter nicht direkt auf sie einwirkt.
  • Thiedemannzügel werden hauptsächlich beim Springen und im Gelände eingesetzt, wo sie Sicherheit bieten sollen, ohne die feine Zügeleinwirkung so stark zu beeinträchtigen wie ein klassisches Martingal.
  • Trotz ihrer milderen Wirkung bleiben auch Thiedemannzügel ein Hilfsmittel, das Erfahrung erfordert und nicht zur Dauerlösung werden sollte – sie korrigieren Symptome, nicht Ursachen.

Nach den massiven Problemen, die Schlaufzügel mit sich bringen, stellt sich die Frage: Gibt es eine Möglichkeit, eine ähnlich begrenzende Wirkung zu erzielen, ohne die extreme Schärfe und Gefährlichkeit? Die Antwort lautet: Ja, in gewissem Maße. Thiedemannzügel (benannt nach dem legendären deutschen Springreiter Fritz Thiedemann) oder Köhlerzügel sind genau dieser Versuch eines Kompromisses – weniger scharf als Schlaufzügel, aber mit ähnlicher grundsätzlicher Wirkrichtung. Um zu verstehen, wo dieser Kompromiss sinnvoll sein kann und wo seine Grenzen liegen, muss man die Unterschiede zu anderen Hilfszügeln genau betrachten.

Was sind Thiedemannzügel und wie funktionieren sie?

Thiedemannzügel bestehen aus einem Riemen, der am Sattelgurt oder -gurt befestigt wird und von dort – ähnlich wie beim Martingal – nach vorne zum Pferdekopf führt. Der entscheidende Unterschied zum Martingal: Der Riemen endet nicht in zwei separaten Ringen, durch die die Trensenzügel laufen, sondern wird durch die Trensenzügel selbst geführt und dort fixiert.

Der genaue Aufbau: Der Thiedemannzügel teilt sich in zwei Stränge, die jeweils durch eine Schlaufe oder einen Ring am Trensenzügel laufen – typischerweise etwa auf Höhe des Mähnenkamms oder leicht davor. Von dort können die Enden entweder am Sattel befestigt werden oder – bei manchen Varianten – laufen sie weiter durch die Gebissringe und zurück zur Hand des Reiters (dann ähneln sie mehr dem Schlaufzügel).

Die häufigste Variante: Bei der klassischen Thiedemann-Verschnallung sind die Enden fest am Sattel fixiert. Der Riemen führt vom Gurt nach vorne, durch die Trensenzügel und zurück zum Sattel. So entsteht eine Art Dreieck: Sattelgurt – Trensenzügel – zurück zum Sattel.

Die Wirkung: Zwischen Martingal und Schlaufzügel

Die Wirkung der Thiedemannzügel ist komplexer als die eines einfachen Martingals, aber weniger direkt und scharf als die von Schlaufzügeln.

Wenn das Pferd den Kopf hochnimmt: Der Thiedemannzügel übt über die Trensenzügel Druck nach unten aus. Da er durch die Zügel läuft, wirkt er indirekt auf das Gebiss – nicht mit der vollen Hebelwirkung eines Schlaufzügels, sondern abgemildert durch die normale Zügelführung. Das Pferd spürt eine Begrenzung, wird aber nicht so massiv gezwungen wie bei Schlaufzügeln.

Die Reiterhand bleibt aktiv: Im Gegensatz zum reinen Martingal, das völlig unabhängig von der Reiterhand wirkt, sind bei Thiedemannzügeln die Trensenzügel eingebunden. Der Reiter kann weiterhin normal auf die Zügel einwirken, die Thiedemannzügel modulieren diese Einwirkung nur – sie verstärken sie nicht drastisch, sondern setzen eine Grenze nach oben.

Die Flexibilität: Weil die Thiedemannzügel durch die Zügel laufen und nicht direkt am Gebiss ansetzen, haben sie eine gewisse Elastizität und Anpassungsfähigkeit. Die Einwirkung ist weniger starr als bei einem klassischen Martingal, aber deutlich milder als bei Schlaufzügeln.

Der Vergleich: Thiedemannzügel vs. Martingal vs. Schlaufzügel

Um die Position der Thiedemannzügel besser zu verstehen, lohnt sich ein direkter Vergleich:

Martingal:

  • Wirkt völlig unabhängig von der Reiterhand
  • Setzt nur eine obere Grenze (verhindert Kopfhochreißen)
  • Sehr einfach und klar in der Wirkung
  • Keine Hebelwirkung, keine Schärfe
  • Kann die feine Zügeleinwirkung beeinträchtigen (Zügel laufen durch Ringe)

Thiedemannzügel:

  • Wirken durch die Trensenzügel hindurch
  • Setzen eine obere Grenze, aber flexibler
  • Komplexer in der Wirkung, erfordert mehr Verständnis
  • Leichte Hebelwirkung, aber deutlich milder als Schlaufzügel
  • Beeinträchtigen die Zügeleinwirkung weniger als Martingal

Schlaufzügel:

  • Wirken direkt und mit massiver Hebelwirkung
  • Können in alle Richtungen zwingen, nicht nur nach unten begrenzen
  • Extrem scharf und gefährlich in falschen Händen
  • Starke Hebelwirkung, hohe Verletzungsgefahr
  • Ersetzen praktisch die normale Zügelführung (wenn falsch eingesetzt)

Die Thiedemannzügel sind also tatsächlich ein Mittelweg – weniger problematisch als Schlaufzügel, aber komplexer als ein Martingal.

Haupteinsatzgebiet: Springen und Gelände

Thiedemannzügel wurden primär für den Springsport entwickelt und finden dort bis heute ihre Hauptverwendung. Die Gründe:

Sicherheit beim Springen: Ein Pferd, das über einem Sprung den Kopf hochreißt, kann den Reiter im Gesicht treffen, ihm die Zähne ausschlagen oder andere Verletzungen zufügen. Gleichzeitig ist ein hochgerissener Kopf biomechanisch problematisch – das Pferd kann den Sprung nicht gut überwinden. Eine Begrenzung ist hier also aus Sicherheitsgründen sinnvoll.

Weniger Behinderung als Martingal: Beim Springen braucht der Reiter sehr feine, schnelle Zügeleinwirkung. Ein klassisches Martingal mit seinen Ringen kann dabei stören – die Zügel laufen nicht ganz frei, der Winkel verändert sich. Thiedemannzügel, die durch die Zügel selbst laufen, behindern diese freie Einwirkung weniger.

Flexibilität im Gelände: Auch im Geländeritt, wo schnelle Reaktionen gefordert sind und Pferde manchmal in brenzligen Situationen den Kopf hochreißen, können Thiedemannzügel Sicherheit bieten, ohne die Kommunikation zu stark zu beeinträchtigen.

Korrektur von Springpferden: Manche Springpferde entwickeln die Angewohnheit, beim Anreiten eines Sprungs oder in der Luft den Kopf hochzureißen. Thiedemannzügel können hier temporär zur Korrektur eingesetzt werden.

Die Vorteile: Warum Thiedemannzügel dem Schlaufzügel vorzuziehen sind

Wenn man unbedingt einen Hilfszügel einsetzen möchte, der eine gewisse begrenzende Wirkung hat, sind Thiedemannzügel in vielen Situationen die bessere Wahl als Schlaufzügel:

Deutlich weniger scharf: Die indirekte Wirkung über die Trensenzügel ist viel milder als die direkte Hebelwirkung der Schlaufzügel. Die Verletzungsgefahr ist erheblich geringer.

Keine Möglichkeit, „auf dem blanken Thiedemann“ zu reiten: Durch ihre Konstruktion funktionieren Thiedemannzügel nur in Kombination mit den normalen Trensenzügeln. Man kann nicht versehentlich oder absichtlich nur auf ihnen reiten und das Pferd permanent einer scharfen Einwirkung aussetzen.

Weniger Versuchung zum Missbrauch: Weil die Wirkung milder ist, ist die Versuchung geringer, sie als Dauerlösung zu nutzen. Man merkt eher, wenn sie nicht mehr helfen und echter Trainingsarbeit Platz machen muss.

Bessere Integration in normale Zügelführung: Der Reiter kann weiterhin relativ normal auf die Zügel einwirken, die Thiedemannzügel sind eher eine Sicherheitsmaßnahme im Hintergrund.

Die Nachteile und kritischen Punkte

Trotz ihrer Vorteile gegenüber Schlaufzügeln sind auch Thiedemannzügel nicht unproblematisch:

Komplexe Verschnallung: Die korrekte Verschnallung erfordert Wissen und Erfahrung. Falsch verschnallt können auch Thiedemannzügel Probleme verursachen – etwa wenn sie zu kurz sind oder an der falschen Stelle durch die Zügel laufen.

Gefahr der Gewöhnung: Auch wenn sie milder sind als Schlaufzügel, können Pferde sich an Thiedemannzügel gewöhnen und lernen, sich dagegen zu stemmen statt echte Selbsthaltung zu entwickeln.

Symptombehandlung statt Ursachenforschung: Wie bei allen Hilfszügeln besteht die Gefahr, dass man mit Thiedemannzügeln ein Symptom (Kopfhochreißen) behandelt, ohne nach der Ursache zu suchen (Schmerzen, Angst, Überforderung, Schlechte Ausbildung).

Nicht für Anfänger geeignet: Die Kombination aus Trensenzügeln und Thiedemannzügeln erfordert ein gewisses Maß an Koordination und Gefühl. Anfänger sind damit schnell überfordert.

Falsche Sicherheit: Manche Reiter verlassen sich zu sehr auf Thiedemannzügel als Sicherheitsmaßnahme, statt an der eigentlichen Problematik zu arbeiten – etwa an einem Pferd, das aus Angst oder Schmerz den Kopf hochreißt.

Für wen eignen sich Thiedemannzügel?

Thiedemannzügel sind geeignet für:

  • Erfahrene Springreiter, die eine Sicherheitsmaßnahme beim Springen möchten, ohne die Zügeleinwirkung zu stark zu beeinträchtigen
  • Geländereiter, die in schwierigem Terrain zusätzliche Sicherheit wünschen
  • Temporäre Korrekturarbeit bei Pferden, die die Angewohnheit haben, den Kopf hochzureißen (aber nur unter fachkundiger Anleitung)
  • Reiter mit guter Zügelführung, die den Unterschied zwischen normaler Zügeleinwirkung und der Thiedemann-Begrenzung spüren und entsprechend reagieren können

Thiedemannzügel sind nicht geeignet für:

  • Reitanfänger oder unerfahrene Reiter
  • Als Dauerlösung über Monate oder Jahre
  • Als Ersatz für fundierte Ausbildungsarbeit
  • Im normalen Reitschulbetrieb
  • Bei Pferden mit unklaren Anlehnungsproblemen (hier braucht es erst Diagnose und echte Korrektur)

Die korrekte Einstellung: Länge ist entscheidend

Wie bei allen Hilfszügeln ist die richtige Länge entscheidend. Thiedemannzügel sollten so eingestellt sein, dass sie in normaler Haltung des Pferdes keinen oder nur minimalen Kontakt haben. Sie sollten erst dann wirken, wenn das Pferd den Kopf deutlich über die normale Position hinaus hochnimmt.

Eine Faustregel: Wenn man die Thiedemannzügel in normaler Kopfhaltung leicht anheben kann, ohne dass Spannung entsteht, sind sie richtig verschnallt. Sind sie permanent unter Spannung, sind sie zu kurz.

Zu kurz eingestellte Thiedemannzügel führen zu denselben Problemen wie andere zu kurze Hilfszügel: Das Pferd wird permanent in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt, kann nicht natürlich balancieren, entwickelt Verspannungen und Ausweichverhalten.

Alternativen: Wann ein Martingal die bessere Wahl ist

In vielen Situationen, in denen Thiedemannzügel eingesetzt werden, wäre ein klassisches Martingal die einfachere und klarere Alternative:

Martingal ist besser, wenn:

  • Man primär Sicherheit möchte (Kopfhochreißen verhindern)
  • Man keine komplexe Zügelführung benötigt
  • Man ein einfaches, klar verständliches Hilfsmittel sucht
  • Das Pferd beim Springen oder im Gelände gelegentlich den Kopf hochreißt, aber sonst gut geht

Thiedemannzügel sind besser, wenn:

  • Man sehr feine Zügeleinwirkung braucht (z.B. im anspruchsvollen Parcours)
  • Man eine flexiblere, weniger starre Begrenzung möchte
  • Man bereits Erfahrung mit verschiedenen Hilfszügeln hat
  • Man bereit ist, die komplexere Verschnallung und Handhabung zu erlernen

In der Praxis ist das Martingal für die meisten Situationen die bessere Wahl – einfacher, klarer, weniger fehleranfällig.

Der Einsatz in der Ausbildung: Mit Vorsicht zu genießen

Manche Ausbilder nutzen Thiedemannzügel auch in der Dressurarbeit oder beim normalen Training. Hier ist besondere Vorsicht geboten:

Die Gefahr: In der Ausbildung sollte das Pferd lernen, sich selbst zu tragen, eine echte Anlehnung zu entwickeln, aus der Hinterhand zu arbeiten. Thiedemannzügel können diesen Lernprozess behindern, wenn sie zu früh, zu lang oder falsch eingesetzt werden.

Wenn überhaupt in der Ausbildung, dann nur:

  • Für sehr kurze Phasen (wenige Einheiten)
  • Bei spezifischen Problemen, die anders nicht lösbar scheinen
  • Unter Anleitung eines erfahrenen Ausbilders
  • Mit klarem Plan, wann und wie man sie wieder absetzt
  • Bei Pferden, die bereits eine gute Grundausbildung haben

Für junge Pferde in der Grundausbildung sollten die Thiedemannzügel nicht eingesetzt werden. Sie würden nur lernen, gegen ein mechanisches Hilfsmittel zu arbeiten, statt echte Selbsthaltung zu entwickeln.

Fazit: Ein Kompromiss mit klaren Grenzen

Thiedemannzügel sind das, was ihr Name verspricht: ein Kompromiss. Sie sind deutlich weniger problematisch als Schlaufzügel, bieten aber mehr Flexibilität als ein klassisches Martingal. In den Händen erfahrener Spring- oder Geländereiter können sie eine sinnvolle Sicherheitsmaßnahme sein, die die normale Zügelführung weniger beeinträchtigt als andere Hilfsmittel.

Gleichzeitig bleiben sie ein Hilfsmittel, das Symptome behandelt, nicht Ursachen. Ein Pferd, das dauerhaft Thiedemannzügel „braucht“, hat ein Problem, das nicht durch mechanische Begrenzung gelöst wird, sondern durch Training, Gesundheitscheck oder Verhaltensarbeit angegangen werden sollte.

Die klare Empfehlung: Thiedemannzügel sind kein Standard-Equipment für jeden Reiter. Wer sie einsetzen möchte, sollte über entsprechende Erfahrung verfügen, die Verschnallung beherrschen und einen klaren Grund für ihren Einsatz haben. In vielen Fällen ist ein einfaches Martingal die bessere, klarere Alternative. Und in noch mehr Fällen ist gar kein Hilfszügel die beste Lösung – sondern gutes Training, Geduld und fundierte Ausbildungsarbeit.

Thiedemannzügel sind ein Werkzeug für Fortgeschrittene in spezifischen Situationen – kein Allheilmittel und keine Dauerlösung. Wer diese Grenzen respektiert, kann sie verantwortungsvoll einsetzen. Wer sie überschreitet, schadet seinem Pferd, auch wenn die Schäden subtiler sind als bei Schlaufzügeln.

Team Sanoanimal