Das Wichtigste in Kürze:
- Dreieckszügel und Laufferzügel sind die flexiblen Alternativen zu starren Ausbindern – beide ermöglichen eine Vorwärts-Abwärts-Dehnung, während sie gleichzeitig seitlich begrenzen.
- Dreieckszügel (Wiener Zügel) führen vom Sattelgurt durch die Gebissringe nach oben zum Genickstück und laden das Pferd aktiv zur Dehnung ein, indem bei gesenktem Kopf der Druck nachlässt.
- Laufferzügel (Phillipszügel) sind noch variabler: Je nach Verschnallung (seitlich am Sattel, unten am Gurt) können sie von maximaler Dehnung bis zu leichter Aufrichtung alles ermöglichen.
- Die Gemeinsamkeit beider Hilfszügel: Sie arbeiten mit dem Prinzip „Druck und Nachlass“ – das Pferd wird belohnt, wenn es die gewünschte Haltung einnimmt, statt mechanisch dorthin gezwungen zu werden.
- Beide Hilfszügel eignen sich besonders für das Longieren und erfordern eine korrekte Verschnallung, um ihre Vorteile auszuspielen – zu kurz eingestellt werden sie genauso problematisch wie starre Ausbinder.
Wer die Nachteile starrer Ausbinder kennt – vor allem die fehlende Möglichkeit zur Dehnung – sucht oft nach flexibleren Alternativen. Genau hier kommen Dreieckszügel und Laufferzügel ins Spiel. Beide gehören zur Familie der „flexiblen Ausbinder“ und teilen ein grundlegendes Funktionsprinzip: Sie geben dem Pferd seitliche Begrenzung, erlauben aber gleichzeitig, dass es Kopf und Hals nach vorne-unten streckt und sich dehnt. Diese Eigenschaft macht sie zu beliebten Hilfsmitteln beim Longieren – vorausgesetzt, man versteht ihre Unterschiede und setzt sie korrekt ein.
Das gemeinsame Prinzip: Dehnung ermöglichen, nicht verhindern
Bevor wir in die Details der einzelnen Hilfszügel eintauchen, lohnt sich ein Blick auf das, was beide gemeinsam haben und was sie fundamental von starren Ausbindern unterscheidet.
Das Prinzip von Druck und Nachlass: Sowohl Dreieckszügel als auch Laufferzügel arbeiten nicht mit starrer Begrenzung, sondern mit einem dynamischen System. Wenn das Pferd seinen Kopf hebt oder sich stark nach oben-außen entzieht, entsteht Druck am Gebiss und am Genick. Senkt das Pferd hingegen Kopf und Hals und dehnt sich vorwärts-abwärts, lässt dieser Druck nach – das Pferd wird für die gewünschte Haltung belohnt.
Dieser Unterschied ist entscheidend: Während starre Ausbinder das Pferd in eine Position zwingen (oder es daran hindern, diese zu verlassen), laden flexible Hilfszügel das Pferd ein, eine bestimmte Haltung einzunehmen, weil diese angenehmer ist. Das ist lerntheoretisch ein völlig anderer Ansatz und deutlich pferdefreundlicher.
Die Vorwärts-Abwärts-Dehnung: Beide Hilfszügel ermöglichen die wichtige Dehnungshaltung. Das Pferd kann seinen Hals nach vorne-unten strecken, die Nase Richtung Boden nehmen, den Rücken aufwölben. In dieser Position wird die gesamte Oberlinie gedehnt und aktiviert – die Basis für eine gesunde Rückenmuskulatur und echte Losgelassenheit. Das ist der größte Vorteil gegenüber klassischen Ausbindern.
Die seitliche Begrenzung bleibt: Trotz aller Flexibilität in der Vertikalen behalten beide Hilfszügel eine seitliche Begrenzung. Das Pferd kann sich nicht extrem nach außen legen oder den Kopf zur Seite wegdrehen. Diese seitliche Einrahmung kann gerade bei noch unausbalancierten oder jungen Pferden hilfreich sein.
Der Dreieckszügel (Wiener Zügel): Einladung zur Dehnung
Der Dreieckszügel verdankt seinen Namen seiner charakteristischen Form: Er bildet ein Dreieck vom Sattelgurt durch die Gebissringe hinauf zum Genickstück. Diese besondere Verschnallung ist der Schlüssel zu seiner Wirkungsweise.
Aufbau und Verschnallung: Der Dreieckszügel besteht aus einem durchgehenden Riemen, der am Sattelgurt oder Longiergurt (meist auf Höhe des Bauchs) mittig befestigt wird. Von dort führen zwei Stränge zu den Gebissringen, laufen durch diese hindurch und werden oben am Genickstück oder am Stirnriemen des Halfters befestigt. Manche Modelle haben zusätzliche Ringe oder Gummieinsätze für mehr Elastizität.
Die Länge wird so eingestellt, dass das Pferd in Dehnungshaltung – also mit gesenktem Kopf und vorwärts-abwärts gestrecktem Hals – kaum bis keinen Druck spürt. Hebt es den Kopf, zieht der Riemen durch die Gebissringe und erzeugt gleichzeitig Druck auf das Gebiss und aufs Genick (durch den Zug am Genickstück).
Die spezifische Wirkung: Der Dreieckszügel lädt das Pferd aktiv zur Dehnung ein. Der Zug geht von unten nach oben, was eine natürliche Einladung ist, den Kopf zu senken. Das Pferd lernt schnell: „Wenn ich mich dehne, wird es angenehm.“ Diese positive Verknüpfung ist deutlich effektiver und pferdefreundlicher als mechanischer Zwang.
Ein weiterer Vorteil: Der Dreieckszügel wirkt gleichzeitig auf beiden Seiten. Es gibt keine einseitige Belastung, das Pferd wird symmetrisch begrenzt. Das fördert eine gerade Haltung und verhindert, dass sich das Pferd auf eine Seite versteift.
Typischer Einsatz beim Longieren: Der Dreieckszügel ist in erster Linie ein Longierhilfsmittel. Er eignet sich besonders für:
- Junge oder noch nicht ausbalancierte Pferde, die lernen sollen, sich zu dehnen und den Rücken zu nutzen
- Pferde, die beim Longieren dazu neigen, den Kopf hochzunehmen und hohl zu laufen
- Aufbau- und Rehabilitationsarbeit, bei der die Rückenmuskulatur gestärkt werden soll
- Als temporäres Hilfsmittel, um dem Pferd zu zeigen, wie sich eine korrekte Dehnungshaltung anfühlt
Wichtig ist: Der Dreieckszügel ist kein Selbstläufer. Er funktioniert nur in Kombination mit korrekter Longenarbeit – richtiges Tempo, passende Zirkelgröße, angemessene Dauer. Ein Pferd, das zu schnell oder zu langsam läuft, auf zu engem Zirkel kreist oder überanstrengt wird, kann auch mit dem besten Dreieckszügel keine gesunde Haltung entwickeln.
Die Variante nach Geuder: Eine spezielle Form des Dreieckszügels ist der sogenannte Dreieckszügel nach Geuder. Der Unterschied liegt in der leicht modifizierten Verschnallung und manchmal in zusätzlichen Gummieinsätzen, die noch mehr Elastizität erlauben. Das Grundprinzip bleibt aber gleich. In der Praxis sind die Unterschiede graduell – wer einen klassischen Dreieckszügel korrekt einsetzt, kommt zu ähnlichen Ergebnissen wie mit der Geuder-Variante.
Der Laufferzügel (Phillipszügel): Der Variable unter den Hilfszügeln
Der Laufferzügel ist der Chamäleon unter den Hilfszügels – je nach Verschnallung kann er völlig unterschiedlich wirken. Diese Flexibilität macht ihn interessant, erfordert aber auch mehr Wissen vom Anwender.
Aufbau und Verschnallungsmöglichkeiten: Der Laufferzügel besteht aus einem durchgehenden Riemen, der ebenfalls am Sattelgurt befestigt wird, durch die Gebissringe läuft und dann – je nach gewünschter Wirkung – an verschiedenen Punkten fixiert werden kann:
Variante 1 – Seitliche Verschnallung (hoch am Sattel): Wird der Laufferzügel seitlich am Sattel, etwa auf Höhe der D-Ringe, befestigt, ähnelt seine Wirkung stark der von Dreieckszügeln. Das Pferd wird zur Dehnung eingeladen, der Zug erfolgt von der Seite leicht nach oben. Diese Verschnallung ermöglicht maximale Vorwärts-Abwärts-Dehnung.
Variante 2 – Untere Verschnallung (am Gurt): Wird der Laufferzügel weiter unten am Gurt befestigt – ähnlich wie Ausbinder – wirkt er aufrichtender. Das Pferd kann sich immer noch dehnen, aber nicht ganz so weit nach unten. Der Zug kommt mehr von vorne-seitlich. Diese Variante eignet sich für Pferde, die bereits eine gute Grunddehnung gelernt haben und nun an etwas mehr Aufrichtung bei gleichzeitiger Durchlässigkeit arbeiten sollen.
Variante 3 – Durch die Vorderbeine: Eine seltene, aber mögliche Verschnallung führt den Laufferzügel zwischen den Vorderbeinen hindurch nach hinten zum Gurt. Diese Variante wirkt ähnlich wie ein Stoßzügel und wird in der Regel nur von sehr erfahrenen Ausbildern für spezifische Korrekturen eingesetzt.
Die Vielseitigkeit als Stärke: Der große Vorteil des Laufferzügels ist seine Anpassungsfähigkeit. Man kann ihn im Laufe der Ausbildung des Pferdes unterschiedlich verschnallen und so die Anforderungen schrittweise steigern: Anfangs sehr dehnungsfördernd, später etwas aufrichtender. Diese Flexibilität macht den Laufferzügel zu einem vielseitigen Werkzeug für verschiedene Ausbildungsstufen.
Einsatzgebiete: Der Laufferzügel wird hauptsächlich beim Longieren eingesetzt, kann aber theoretisch auch beim Reiten verwendet werden (was allerdings eher selten der Fall ist). Er eignet sich für:
- Die gesamte Bandbreite der Ausbildung – von der Dehnungsphase bis zur leichten Aufrichtung
- Pferde, die bereits Erfahrung mit Hilfszügeln haben und bei denen man die Anforderungen variieren möchte
- Situationen, in denen man während der Ausbildung flexibel zwischen verschiedenen Schwerpunkten wechseln möchte
Die Vielseitigkeit hat aber auch einen Nachteil: Der Laufferzügel erfordert mehr Wissen und Erfahrung. Man muss verstehen, wie die unterschiedlichen Verschnallungen wirken und welche für das jeweilige Pferd oder Ausbildungsziel passend ist. Für absolute Einsteiger kann diese Komplexität überfordernd sein.
Gemeinsamkeiten und Unterschiede: Wann welcher Hilfszügel?
Beide Hilfszügel teilen das grundlegende Prinzip der Dehnungsförderung und des Druck-Nachlass-Systems. Beide sind deutlich pferdefreundlicher als starre Ausbinder. Aber wann sollte man welchen wählen?
Dreieckszügel ist die bessere Wahl, wenn:
- Man einen einfachen, klar definierten Hilfszügel möchte, der genau eine Sache gut kann: Dehnung fördern
- Man mit einem noch unerfahrenen Pferd arbeitet, das erstmals lernen soll, sich zu dehnen
- Man selbst noch nicht so viel Erfahrung mit verschiedenen Verschnallungsvarianten hat
- Man primär beim Longieren arbeitet und keine Variabilität braucht
Laufferzügel ist die bessere Wahl, wenn:
- Man Flexibilität braucht und im Laufe der Ausbildung unterschiedliche Schwerpunkte setzen möchte
- Das Pferd bereits Grunddehnung gelernt hat und nun an Variationen arbeiten soll
- Man über genug Erfahrung verfügt, um die verschiedenen Verschnallungsmöglichkeiten sinnvoll zu nutzen
- Man ein Hilfsmittel sucht, das mit dem Pferd „mitwachsen“ kann
In der Praxis ergänzen sich beide Hilfszügel oft: Viele Ausbilder beginnen mit Dreieckszügeln, um die Grunddehnung zu etablieren, und wechseln dann zu Laufferzügeln, um mehr Variabilität zu haben.
Die kritischen Punkte: Was kann schiefgehen?
Trotz aller Vorteile gegenüber starren Ausbindern können auch flexible Hilfszügel falsch eingesetzt werden:
Zu kurze Verschnallung: Genau wie bei Ausbindern ist auch hier die zu kurze Einstellung der häufigste Fehler. Ein zu kurz verschnallter Dreieckszügel oder Laufferzügel zwingt das Pferd in eine übertriebene Dehnungshaltung, in der es nicht mehr schwingen kann. Der Kopf wird zu tief, die Nase kommt fast auf den Boden, das Pferd kann nicht mehr nach vorne schauen und stolpert. Das ist genauso schädlich wie ein zu kurzer Ausbinder – nur in die andere Richtung.
Die richtige Länge: Das Pferd sollte sich dehnen können, aber nicht müssen. In normaler Haltung sollte der Hilfszügel gerade eben Kontakt haben oder leicht durchhängen. Erst wenn das Pferd den Kopf deutlich anhebt, sollte Druck entstehen.
Dauergebrauch: Auch flexible Hilfszügel sind temporäre Hilfsmittel, keine Dauerlösung. Ein Pferd sollte nicht ausschließlich mit Dreieckszügeln oder Laufferzügeln longiert werden. Es braucht auch Phasen ohne jegliche Hilfszügel, in denen es lernt, sich selbstständig zu balancieren und seine Haltung selbst zu regulieren.
Falsche Grundarbeit: Der beste Hilfszügel nützt nichts, wenn die Grundarbeit nicht stimmt. Ein Pferd, das in falscher Anlehnung läuft, auf zu engem Zirkel gehetzt wird oder keine echte Losgelassenheit zeigt, kann durch keinen Hilfszügel der Welt korrekt gehen. Die Hilfszügel können nur unterstützen, nicht die Arbeit des Longenführers ersetzen.
Unpassende Zäumung: Sowohl Dreieckszügel als auch Laufferzügel laufen durch die Gebissringe. Die Kombination mit einem unpassenden oder zu scharfen Gebiss kann die Wirkung massiv verstärken und schmerzhaft für das Pferd werden. Eine korrekt sitzende, milde Trense ist Voraussetzung.
Für wen eignen sich diese Hilfszügel?
Flexible Hilfszügel wie Dreieckszügel und Laufferzügel eignen sich für:
- Longenführer mit Grundkenntnissen der Biomechanik, die verstehen, was eine korrekte Dehnung ist
- Pferde in der Aufbauphase, die lernen sollen, ihren Rücken zu nutzen
- Rehabilitationssituationen, in denen gezielt die Rückenmuskulatur gestärkt werden soll
- Als Übergang von der reinen Handarbeit hin zu mehr Selbsthaltung des Pferdes
Sie eignen sich nicht für:
- Absolute Anfänger, die noch keine Erfahrung mit Longenarbeit haben
- Als Ersatz für fundierte Ausbildung oder korrektes Longieren
- Als Dauerlösung über Monate oder Jahre
- Pferde mit massiven Anlehnungsproblemen (hier braucht es erst Grundlagenarbeit ohne Hilfszügel)
Fazit: Flexible Alternativen mit echten Vorteilen
Dreieckszügel und Laufferzügel sind die pferdefreundlicheren Alternativen zu starren Ausbindern. Sie ermöglichen das, was biomechanisch so wichtig ist: die Vorwärts-Abwärts-Dehnung, den schwingenden Rücken, die Aktivierung der Oberlinie. Ihr Druck-Nachlass-Prinzip lädt das Pferd ein, statt es zu zwingen.
Der Dreieckszügel ist dabei das einfachere Werkzeug – perfekt für die Etablierung der Grunddehnung. Der Laufferzügel bietet mehr Flexibilität und kann mit dem Ausbildungsstand des Pferdes mitwachsen, erfordert aber auch mehr Wissen vom Anwender.
Beide Hilfszügel sind nur so gut wie die Person, die sie einsetzt. In erfahrenen Händen, korrekt verschnallt und zeitlich begrenzt eingesetzt, können sie wertvolle Unterstützung in der Pferdeausbildung sein. Falsch verwendet – zu kurz, zu lange, ohne Verständnis für ihre Wirkung – richten sie genauso Schaden an wie jeder andere Hilfszügel auch. Die Verantwortung liegt, wie immer, beim Menschen.
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