Kernpunkte im Überblick:
- Lernblockaden haben immer einen Grund
- Verschiedene Formen von Verweigerung sind Kommunikationsversuche
- Stress und Überforderung zeigen sich in unterschiedlichen Verhaltensmustern
- Körpersprache und Mimik geben wichtige Hinweise
- Scheinbare Unkonzentriertheit ist oft ein Schutzmechanismus
Wenn Pferde nicht mehr lernen können
Lernblockaden sind wie eine verschlossene Tür im Gehirn des Pferdes. Was auch immer wir auf der anderen Seite dieser Tür anbieten – es kommt nicht an. Oft reagieren wir Menschen frustriert auf solche Situationen: „Er könnte, wenn er nur wollte!“ oder „Sie ist einfach stur!“ sind typische Aussagen. In Wirklichkeit sind Lernblockaden aber immer ein Hilferuf des Pferdes, ein Zeichen, dass etwas nicht stimmt.
Die Sprache der Verweigerung verstehen
Pferde zeigen Lernblockaden auf unterschiedliche Weise. Einige werden übermäßig aktiv, andere erstarren förmlich. Diese verschiedenen Reaktionsmuster haben alle ihre eigene Bedeutung:
Die „Explosion“
Wenn Pferde plötzlich mit heftigen Reaktionen wie Buckeln, Steigen oder Wegrennen reagieren, wird dies oft als Widersetzlichkeit interpretiert. Tatsächlich zeigt das Pferd damit aber eine extreme Form der Überforderung. Die Explosion ist der letzte Ausweg, wenn alle subtileren Kommunikationsversuche übersehen wurden.
Das „Einfrieren“
Manche Pferde reagieren auf Überforderung mit Erstarren. Sie stehen wie festgewurzelt, reagieren nicht mehr auf Hilfen und scheinen völlig blockiert. Dies ist eine Form der Schutzhaltung – das Pferd schaltet vorübergehend ab, um sich vor der überfordernden Situation zu schützen.
Die „Ablenkung“
Ein klassisches Zeichen für Lernblockaden ist scheinbare Unkonzentriertheit. Das Pferd schaut ständig weg, reagiert auf jedes Geräusch und scheint sich nicht fokussieren zu können. Dies ist oft ein Versuch, der überfordernden Situation zu entkommen.
Körpersprache lesen lernen
Bevor es zu offensichtlichen Verweigerungen kommt, zeigen Pferde meist subtilere Anzeichen von Überforderung:
- Erhöhte Muskelspannung, besonders im Nacken- und Rückenbereich
- Zusammengepresste oder stark bewegte Lippen
- Schnelles oder unregelmäßiges Atmen
- Schweifschlagen ohne äußeren Anlass
- Ohrenspiel, das zwischen „Lauschen“ und „Anlegen“ wechselt
- Häufiges Kopfheben oder -schütteln
- Zähneknirschen oder übermäßiges Kauen
Diese Signale sind erste Warnsysteme des Pferdes. Werden sie übersehen, verstärkt das Pferd seine „Kommunikation“ bis hin zur kompletten Verweigerung.
Verschiedene Ursachen – ähnliche Symptome
Lernblockaden können verschiedene Ursachen haben, die sich aber oft in ähnlichen Symptomen äußern:
Physische Ursachen
- Schmerzen oder Unwohlsein
- Übermüdung
- Fehlerhafte Ausrüstung
- Hormonelle Schwankungen
- Verdauungsprobleme
Emotionale Ursachen
- Angst oder Unsicherheit
- Fehlendes Vertrauen
- Negative Vorerfahrungen
- Überforderung
- Stress durch die Umgebung
Trainingsbedingte Ursachen
- Unklare Hilfen
- Zu hoher Druck
- Mangelnde Pausen
- Fehlende Grundlagen
- Zu schnelle Steigerung der Anforderungen
Der Teufelskreis der Frustration
Besonders problematisch wird es, wenn auf Lernblockaden mit erhöhtem Druck reagiert wird. Das Pferd zeigt Verweigerung, der Mensch verstärkt den Druck, das Pferd gerät noch mehr in Stress – ein Teufelskreis entsteht. Die ursprüngliche Ursache der Blockade wird dabei immer schwerer erkennbar.
Warnsignale im Trainingsverlauf
Auch der Verlauf des Trainings kann Hinweise auf Lernblockaden geben:
- Verschlechterung bereits gelernter Lektionen
- Zunehmende „Patzer“ bei eigentlich beherrschten Übungen
- Verlust der Arbeitsfreude
- Verzögerte Reaktionen auf bekannte Hilfen
- Vermehrtes Auftreten von Ausweichverhalten
Die richtige Interpretation ist der Schlüssel
Um Lernblockaden richtig zu erkennen und zu interpretieren, müssen wir:
- Das individuelle Pferd gut kennen
- Seine übliche Ausdrucksweise verstehen
- Veränderungen im Verhalten wahrnehmen
- Nach möglichen Ursachen suchen
- Ehrlich unseren eigenen Anteil reflektieren
Vom Erkennen zum Handeln
Das Erkennen von Lernblockaden ist der erste und wichtigste Schritt zu ihrer Auflösung. Nur wenn wir die Signale unseres Pferdes richtig deuten, können wir angemessen reagieren. Dabei gilt: Je früher wir subtile Anzeichen wahrnehmen und darauf reagieren, desto leichter lassen sich größere Probleme vermeiden.
Die Kunst besteht darin, die feinen Unterschiede zu erkennen: Zwischen echten Lernblockaden und normalen Lernpausen, zwischen Überforderung und gesunder Herausforderung, zwischen Verweigerung aus Unsicherheit und Verweigerung aus mangelnder Motivation. Diese Unterscheidung ermöglicht es uns, das Training individuell anzupassen und unserem Pferd den bestmöglichen Weg zum Lernen zu ebnen.
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