Das Wichtigste in Kürze:
- Tetanus gilt als unverzichtbare Basis-Impfung, die oft lebensrettend ist.
- Eine Titerbestimmung ist die sicherste Methode, um die Notwendigkeit der Tetanus-Auffrischung zu prüfen und unnötige Impfungen zu vorbeugen.
- Influenza- und Herpes-Impfungen sollten kritisch betrachtet und nur bei Turnierpferden, Zuchtstuten oder in Beständen mit hohem Infektionsrisiko durchgeführt werden.
- Bei Influenza und Herpes besteht ein höheres Risiko für Impfreaktionen (Impfschäden), weshalb die Indikation streng gestellt werden sollte.
- Der West-Nil-Virus (WNV) ist zwar verbreitet, führt aber nur selten zum tödlichen Verlauf; hier gilt es, das individuelle Risiko des Pferdes abzuwägen.
- Generell gilt: Eine verantwortungsvolle Prophylaxe bedeutet, so viel wie nötig, aber so wenig wie möglich zu impfen.
Gesundheit vorbeugen – das ist der Kern einer jeden guten Prophylaxe. Wenn es um Impfungen geht, geraten viele Pferdebesitzer jedoch in eine Grauzone zwischen Routine und Notwendigkeit. Die pauschale Empfehlung „Impfung ist immer gut“ ist überholt. Stattdessen sollten wir jede Vakzine einer strengen Nutzen-Risiko-Analyse unterziehen. Denn auch Impfungen sind medizinische Eingriffe, die Nebenwirkungen, sogenannte Impfschäden, nach sich ziehen können.
Tetanus: Der unverzichtbare Grundschutz und die Titer-Alternative
Tetanus, der Wundstarrkrampf, ist eine Infektionskrankheit mit einer extrem hohen Sterblichkeitsrate von nahezu 100 Prozent bei Pferden. Die Tetanus-Impfung ist daher die einzige Impfung, die als unverzichtbar für jedes Pferd gilt, unabhängig von Alter, Haltung oder Nutzung. Hier überwiegt der Nutzen die Risiken um ein Vielfaches.
Doch muss wirklich jedes Jahr geimpft werden?
Die Antwort lautet oft: Nein. Der Impfschutz hält bei Tetanus häufig deutlich länger als die üblichen drei Jahre. Um unnötige Impfungen zu vorbeugen, gibt es die Möglichkeit der Titerbestimmung. Dabei wird eine Blutprobe mit einem Schnelltest untersucht, um festzustellen, wie viele Antikörper gegen Tetanus noch im Blut zirkulieren. Ist der Titer ausreichend hoch, kann die Auffrischung bedenkenlos verschoben werden. Das schont das Immunsystem deines Pferdes und vermeidet unnötige Belastung.
Influenza und Herpes: Risiko versus Reglement
Die Impfung gegen Equine Influenza (Pferdegrippe) und das Equine Herpesvirus (EHV) ist oft die Ursache für hitzige Diskussionen unter Pferdebesitzern und Tierärzten. Beide Viren sind hochansteckend und verbreitet, doch die Impfstoffe sind nicht nur dafür bekannt, keine sterile Immunität zu erzeugen, sondern können auch häufiger zu deutlichen Impfreaktionen führen.
Equine Influenza (Pferdegrippe)
Die Influenza-Impfung ist für alle Turnierpferde, die an nationalen oder internationalen Veranstaltungen teilnehmen, obligatorisch. Auch in großen Beständen oder Pensionsställen, in denen viel Publikumsverkehr herrscht, kann sie zur Bestands-Prophylaxe vorgeschrieben sein.
Der Nutzen liegt in der Reduzierung der Krankheitsdauer und der Virusausscheidung. Das Risiko besteht in der Möglichkeit von Impfschäden, die von leichten Schwellungen bis hin zu schwereren, systemischen Reaktionen reichen können. Als verantwortungsvoller Pferdebesitzer solltest du dich fragen: Ist mein Pferd ein reiner Freizeitpartner, der kaum Kontakt zu fremden Pferden hat? Dann ist die Notwendigkeit einer jährlichen Impfung kritisch zu hinterfragen. Ist das Pferd hingegen viel unterwegs, dient die Impfung dem Schutz des gesamten Stalles.
Equines Herpesvirus (EHV)
EHV kann Atemwegserkrankungen, neurologische Störungen und – am gefürchtetsten – Aborte bei tragenden Stuten verursachen.
Die Impfung ist vor allem für Zuchtstuten (zur Abort-Prophylaxe) und in Betrieben mit Zuchtpferden oder einem bekannten EHV-Risiko häufig vorgeschrieben vom Stallbetreiber. Für den reinen Freizeit-Wallach ist der Nutzen im Verhältnis zu den möglichen Impfreaktionen – besonders dem Risiko neurologischer Impfschäden, die zwar selten, aber gravierend sind – meist zu gering, um eine regelmäßige Impfung zu rechtfertigen. Vorbeugen heißt hier, das Risiko durch Isolation von erkrankten Tieren zu minimieren. Kommt es zu einer Infektion reichen konsequente (!) Quarantänemaßnahmen für den gesamten Stall und insbesondere für das betroffene Pferd in der Regel aus, um einen Ausbruch sehr schnell wieder einzudämmen.
West-Nil-Virus (WNV): Die regionale Risikoentscheidung
Das West-Nil-Virus wird durch Stechmücken übertragen und ist in Deutschland endemisch. Pferde sind sogenannte Endwirte; sie können zwar erkranken, aber andere Pferde nicht anstecken. Die Infektionen verlaufen in den meisten Fällen symptomlos, nur selten kommt es zu neurologischen Symptomen und im schlimmsten Fall zum Tod.
Hier muss das Risiko durch die Impfung gegen das Risiko einer potenziell tödlichen Erkrankung abgewogen werden. Da WNV in manchen Regionen Deutschlands stärker verbreitet ist als in anderen, ist dies eine eher regionale und individuelle Entscheidung. Prophylaxe bedeutet in diesem Fall oft auch konsequenter Mückenschutz während der Saison. Wenn du unsicher bist, dann besprich mit deinem Tierarzt oder Therapeuten, ob dein Wohnort und die Haltungsform deines Pferdes die Impfung wirklich notwendig machen.
Checkliste: Der Weg zur individuellen Impf-Prophylaxe
Um dein Pferd optimal und verantwortungsvoll zu schützen, solltest du diese Schritte beachten:
- Impfpass prüfen: Was wurde in der Vergangenheit geimpft?
- Tetanus-Titer bestimmen lassen: Erfrage beim Tierarzt die Möglichkeit eines Titer-Tests, um die Dauer des Basisschutzes zu ermitteln.
- Haltungsanalyse: Wie hoch ist das Risiko? (Freizeitpferde, Sportpferde, Offenstall, Turnierstall, Zuchtbetrieb?)
- Indikation kritisch stellen: Nur wenn eine Impfung gesetzlich oder für die Bestands-Prophylaxe zwingend notwendig ist, sollte sie durchgeführt werden.
- Dokumentation: Jede Impfung wird im Equidenpass vermerkt. Beobachte dein Pferd in den Tagen danach auf mögliche Impfreaktionen und notiere sie, um bei der nächsten fälligen Impfung das Risiko mit deinem Tierarzt neu zu besprechen.
Die beste Vorsorge für dein Pferd ist eine individuelle und informierte Entscheidung. Indem du Impfungen kritisch hinterfragst und Alternativen wie die Titerbestimmung nutzt, schützt du die Gesundheit deines Pferdes nachhaltig und sorgst dafür, dass das Immunsystem nicht unnötig belastet wird.