Zahngesundheit beim Pferd: Die stille Prophylaxe im Maul

Zahngesundheit beim Pferd: Die stille Prophylaxe im Maul

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Das Wichtigste in Kürze:

  • Fressen ist für Pferde überlebenswichtig, weshalb Schmerzen und Probleme mit den Zähnen oft lange verborgen bleiben.
  • Eine regelmäßige zahnmedizinische Untersuchung und Korrektur durch einen erfahrenen Dentalpraktiker ist mindestens einmal jährlich notwendig.
  • Die Hengstzähne und die Wolfszähne können Probleme bereiten und müssen bei Bedarf entfernt werden.
  • Schlecht gekaute Nahrung durch Zahnprobleme führt zu einer massiven Beeinträchtigung der Verdauung und kann Magengeschwüre verstärken oder sogar Kotwasser oder Koliken auslösen.
  • Besondere Aufmerksamkeit gilt jungen Pferden im Zahnwechsel (2,5 bis 5 Jahre) und alten Pferden mit nachlassender Zahnsubstanz.
  • Als Pferdebesitzer sollte man auf subtile Anzeichen wie starkes Speicheln, Ablehnung des Gebisses, Mundgeruch oder Gewichtsverlust achten.

Gesundheit vorbeugen bedeutet beim Pferd oft, genau hinzuschauen – besonders da, wo es unbequem ist. Die Zähne sind ein Paradebeispiel dafür. Die Zahngesundheit ist für das Wohlbefinden und die Leistung des Pferdes fundamental, wird aber häufig unterschätzt. Probleme im Maul können zu Rittigkeitsproblemen, Verspannungen im Rücken und vor allem zu einer ineffizienten Verdauung, schlechter Nährstoffverwertung, Darmstörungen wie Kotwasser oder Koliken und erheblichen Schmerzen führen. Eine konsequente Prophylaxe im Maul ist daher unverzichtbar.

Warum Pferdezähne besondere Aufmerksamkeit benötigen

Pferde sind darauf ausgelegt, faserreiche Nahrung über viele Stunden hinweg zu zermahlen. Ihre Zähne werden kontinuierlich aus dem Zahnfach geschoben (etwa 2-5mm pro Jahr), um den Abrieb auszugleichen. Durch die nicht optimale Mahlbewegung entsteht jedoch oft eine ungleichmäßige Abnutzung, die zu sogenannten Zahnspitzen an den Backenzähnen führen kann. Diese scharfen Kanten können die Schleimhäute im Maul verletzen, was zu Schmerzen und Entzündungen führt.

Der größte Trugschluss: Nur weil ein Pferd “normal” frisst, heisst das nicht, dass es keine Zahnschmerzen hat. Pferde fressen aufgrund ihres Überlebensinstinkts auch bei starken Schmerzen weiter. Daher ist es für Pferdebesitzer und Reiter umso wichtiger, die subtilen Anzeichen für Zahnprobleme zu erkennen, um frühzeitig vorbeugen zu können.

Die jährliche Prophylaxe: Kontrolle ist Pflicht

Die wichtigste Maßnahme zur Prophylaxe von Zahnproblemen ist die regelmäßige Kontrolle und Korrektur der Zähne durch einen qualifizierten Dentalpraktiker. Ganz gleich, ob derjenige ausschließlich als Dentalpraktiker tätig ist oder ob es ein Tierarzt mit entsprechender Zusatzausbildung ist: Es benötigt ein erhebliches Maß an Fachwissen und Erfahrung, um die Zahnsituation beim Pferd zu optimieren, ohne zu viel Material wegzunehmen, was dann im Alter zu frühem Zahnverlust führt. 

Da der Pferdedentalpraktiker keine geschützte Berufsbezeichnung ist, kann sich jeder so nennen – ähnlich wie bei Hufbearbeitern. Um sicherzugehen, dass derjenige qualifiziert ist, lohnt es sich, einen Blick auf die Webseite der IGFP zu werfen. Das ist sozusagen die “Stiftung Warentest” für Pferdedentalpraktiker. Führt jemand das Siegel, kann man sicher sein, dass er gut ausgebildet ist. Das heißt nicht, dass es nicht auch hervorragende Dentalpraktiker ohne IGFP Siegel gäbe. Aber das ist für den Laien einfach schwer einzuschätzen und ein Schaden schnell angerichtet, daher ist die Liste der IGFP-zertifizierten Dentalpraktiker eine große Hilfe bei der Suche nach einem passenden “Pferdezahnarzt”.

Die Empfehlung lautet:

  • Generell einmal jährlich Zähne kontrollieren lassen. Wenn es öfter nötig ist, z.B. wegen einer besonderen Zahnsituation, dann wird der Dentalpraktiker das sagen. Die guten sind alle so ausgebucht, dass sie nicht darauf angewiesen sind, mehr Termine zu “verkaufen” als wirklich notwendig.
  • Junge Pferde (2,5 bis 5 Jahre): Oftmals alle sechs Monate, da sich die Zähne im Zahnwechsel befinden und Probleme mit Kappen oder verzögertem Durchbruch nicht selten sind.
  • Alte Pferde (ab ca. 20 Jahren): Individuelle Intervalle, oft ebenfalls häufiger, um die nachlassende Zahnsubstanz und Lücken (Diastasen) zu überwachen.

Bei der Kontrolle und Korrektur werden scharfe Kanten und Haken entfernt, um Verletzungen vorzubeugen, zerbrochene oder lockere Zähne werden entfernt und die Schneidezähne werden soweit gekürzt, dass sie wieder zur Balance der Backenzähne passen. Darüber hinaus wird nach weiteren Problemen gesucht, die die Kautätigkeit beeinträchtigen können, wie Entzündungen oder Lücken zwischen den Zähnen (Diastasen).

Mehr als nur Spitzen: Häufige Probleme

Neben den scharfen Zahnspitzen gibt es weitere Bereiche, die bei der Prophylaxe beachtet werden müssen:

1. Hengst- und Wolfszähne: Die kleinen, nutzlosen Wolfszähne sind verkümmerte Zähne, die von Stecknadelkopfklein bis zur Größe unserer Eckzähne reichen können. Sie sitzen meist direkt vor dem ersten Backenzahn und können den Kontakt mit dem Gebiss empfindlich stören. Sie werden in der Regel entfernt, um dem Pferd beim Reiten Schmerzen zu vorbeugen. Die Hengstzähne (Canini) kommen bei Wallachen/Hengsten (und ganz selten bei Stuten) vor. Sie dienen der Verteidigung und müssen gekürzt werden, wenn sie zu lang werden oder scharfe Kanten aufweisen.

2. Diastasen und Parodontose: Im Alter oder durch Fehlstellungen können sich Lücken zwischen den Backenzähnen (Diastasen) bilden. Hier verfangen sich Futterpartikel, was Entzündungen des Zahnfleischs (Parodontose) und tiefe Eiterungen auslösen kann. Dies ist oft sehr schmerzhaft und erfordert eine intensive Behandlung.

Achtung: Zahnprobleme wirken sich auf die Verdauung aus

Zahnprobleme sind mehr als nur ein Rittigkeitsproblem. Sie sind eine Gefahr für die Verdauungsgesundheit. Wenn ein Pferd Schmerzen beim Kauen hat, wird es das Futter nicht mehr ausreichend zermahlen.

  • Futter schlucken statt kauen: Ungenügend zerkleinertes Raufutter gelangt in Magen und Darm.
  • Magenprobleme: Die Nahrung wird nicht ausreichend eingespeichelt, was zu weniger Säurepuffer im Magen und damit niedrigeren pH-Werten führt. Außerdem können die groben Fasern in entzündete Magenschleimhautbereiche “pieksen”, was zu Schmerzen und Förderung von Magengeschwüren führt.
  • Folgen im Darm: Die Darmbakterien können grobe Fasern zu schlecht verdauen, das Futter kann nicht optimal verwertet werden. Dies führt nicht nur zu Gewichtsverlust, sondern erhöht auch das Risiko für Koliken.

Mit einer konsequenten Zahn-Prophylaxe man diesen ernsten, sekundären Problemen effektiv vorbeugen.

Was du als Besitzer beobachten musst

Da Pferde Schmerzen gut verbergen, ist deine Aufmerksamkeit gefragt. Achte auf subtile Verhaltensänderungen, die auf Zahnschmerzen hindeuten können:

  • Das Pferd lässt Futterwickel (Heu oder Gras) fallen.
  • Es speichelt vermehrt oder kaut einseitig.
  • Es zeigt Abwehrreaktionen oder Kopfschlagen beim Auftrensen oder beim Reiten.
  • Es frisst langsamer als gewohnt oder hat Schwierigkeiten, stängeliges Heu aufzunehmen.
  • Unverdaute Körner oder lange Heustücke sind im Kot zu finden.
  • Mundgeruch (kann auf Zahnfleischentzündungen oder Diastasen hindeuten).

Solltest du eines dieser Anzeichen bemerken, kontaktiere umgehend deinen kompetenten Pferdedentalpraktiker, um die Gesundheit deines Pferdes zu erhalten.

Team Sanoanimal

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