Onlineseminar Pferde fit füttern ✓ Erweitere dein Wissen im Bereich der Pferdefütterung. ➨ Jetzt informieren und teilnehmen.
Artikel lesenIst das genetisch? Was beim Pferd wirklich in den Genen liegt – und was nur behauptet wird
© Adobe Stock / H_Ko
Das Wichtigste in Kürze
- Eine genetische Erkrankung und eine genetische Prädisposition sind zwei völlig verschiedene Dinge: Bei der Erkrankung verursacht eine einzelne Genveränderung die Krankheit, bei der Prädisposition verschieben viele Gene nur die Wahrscheinlichkeit – den Ausschlag geben Haltung, Fütterung und Umwelt.
- Es gibt eine ganze Reihe echter, monogener Erbkrankheiten beim Pferd, die eng an bestimmte Rassen und teils sogar an Farbschläge gebunden sind – von HYPP beim Quarter Horse bis zum Lethal-White-Syndrom der Overo-Schecken.
- Für manche Erkrankungen ist eine erbliche Veranlagung gut belegt, ohne monogen zu sein – das Sommerekzem ist dafür das bekannteste Beispiel.
- Bei anderen wird eine genetische Veranlagung vermutet, aber das verantwortliche Gen ist bis heute nicht gefunden – so beim Chronisch Progressiven Lymphödem der Kaltblüter, das der klassischen Mauke-Anfälligkeit belgischer Blutlinien zugrunde liegt.
- Die als „PSSM2-" oder „MIM-Tests" vermarkteten Gentests haben in unabhängigen Studien keinen Zusammenhang mit der Erkrankung gezeigt, für die sie werben – die geprüften Varianten kommen bei gesunden Pferden genauso häufig vor.
- Ein Gentest ist nur so gut wie die Wissenschaft dahinter. Wer „genetisch" hört, sollte fragen: gesicherte Erkrankung, belegte Veranlagung oder bloße Behauptung?
Drei Dinge, die ständig verwechselt werden
„Ihr Pferd ist genetisch belastet." Kaum ein Satz sorgt für so viel Ratlosigkeit – und für so viel Fehlinformation. Denn dahinter können drei grundverschiedene Sachverhalte stecken, die im Alltag munter durcheinandergehen, in Verkaufsgesprächen für Gentests ebenso wie in Facebook-Gruppen.
Das erste ist die echte genetische Erkrankung im engen Sinn. Sie ist in der Regel monogen, folgt also den mendelschen Regeln: Eine definierte Veränderung in einem einzelnen Gen verursacht eine definierte Krankheit. Wer die entsprechenden Genkopien trägt, entwickelt die Erkrankung – bei dominantem Erbgang schon mit einer Kopie, bei rezessivem mit zwei – und das weitgehend unabhängig davon, wie das Pferd gehalten und gefüttert wird. Hier ist ein Gentest tatsächlich eine Diagnose.
Das zweite ist die genetische Prädisposition, und sie ist etwas völlig anderes. Sie ist multifaktoriell: Meist sind es mehrere Gene, die jeweils ein kleines Stück dazu beitragen, und sie verschieben in Summe lediglich die Wahrscheinlichkeit, dass eine Erkrankung auftritt. Ob das Pferd dann wirklich krank wird und wie schwer die Erkrankung ausfällt, entscheidet die Umwelt – Fütterung, Haltung, Belastung, Stoffwechsel. Ein Gentest kann hier bestenfalls ein Risiko beziffern, niemals eine Diagnose stellen.
Das dritte ist der heikelste Fall: die behauptete, aber nicht belegte genetische Ursache. Hier wird ein Zusammenhang zwischen einem Gen und einer Erkrankung verkauft, den die unabhängige Forschung nicht bestätigen kann. Genau in dieser Kategorie sitzen die vieldiskutierten „PSSM2-" beziehungsweise „MIM-Tests", auf die wir weiter unten ausführlich eingehen.
Dieser Artikel gibt einen Überblick: über die gesicherten Erbkrankheiten, die belegten und die vermuteten Veranlagungen, sowie die Tests, die mehr versprechen, als sie halten – und am Ende die Frage, was die tägliche Praxis am Pferd dazu beiträgt, die kein Labor beantworten kann.
Hintergrund: Die wichtigsten Fachbegriffe
Mutation / Variante: Eine Veränderung in der Erbinformation. Manche Varianten machen krank, die allermeisten sind harmlos und machen schlicht die Vielfalt zwischen Individuen aus. Allel: Eine von mehreren möglichen Versionen eines Gens. Ein Pferd erbt je ein Allel vom Vater und eines von der Mutter. Homozygot / heterozygot: Homozygot heißt, beide geerbten Allele sind gleich; heterozygot, sie sind verschieden. Bei rezessiven Erkrankungen wird ein Pferd nur krank, wenn es die krankmachende Variante von beiden Eltern geerbt hat, also homozygot ist. Dominant / rezessiv / semidominant: Ein dominantes Allel wirkt sich schon in einfacher Ausführung aus, ein rezessives erst in doppelter. Semidominant bedeutet, dass ein Pferd mit zwei Kopien stärker betroffen ist als eines mit einer. Anlageträger (Carrier): Ein Pferd, das eine rezessive krankmachende Genvariante trägt, aber selbst gesund ist. Verpaart man zwei Anlageträger, kann das Fohlen erkranken, wenn es das Allel jeweils von beiden Eltern erbt. Genotyp / Phänotyp: Der Genotyp ist die genetische Ausstattung, der Phänotyp das, was man am Pferd tatsächlich sieht. Gleicher Genotyp kann je nach Umwelt zu unterschiedlichem Phänotyp führen – das ist der Kern jeder Prädisposition. Monogen / polygen / multifaktoriell: Monogen heißt, ein einzelnes Gen ist verantwortlich. Polygen bedeutet, viele Gene wirken zusammen. Multifaktoriell heißt, dass zu den Genen noch Umweltfaktoren hinzukommen. Heritabilität (Erblichkeit): Ein Maß dafür, welcher Anteil der Unterschiede zwischen Pferden in einem Merkmal auf die Gene zurückgeht. Ein Wert von 0,3 bedeutet, dass rund 30 Prozent der Unterschiede erblich sind – und die übrigen 70 Prozent eben nicht. Prädisposition: Eine Veranlagung, die das Risiko erhöht, ohne die Erkrankung zwingend auszulösen. Damit es zur Erkrankung kommt, müssen die entsprechenden Umweltfaktoren zum Beispiel aus Fütterung oder Haltung hinzukommen. Histopathologie: Die feingewebliche Untersuchung einer Gewebeprobe unter dem Mikroskop – bei Myopathien der eigentliche Maßstab, an dem sich ein Gentest auf Muskelerkrankungen messen lassen muss. MHC / ELA: Der Haupt-Histokompatibilitäts-Komplex, beim Pferd ELA genannt, ist die Genregion, die das Immunsystem steuert. Bestimmte Varianten hier sind mit Allergieneigung verknüpft. Sensitivität eines Tests: Der Anteil tatsächlich erkrankter Tiere, den ein Test als positiv erkennt. Eine niedrige Sensitivität heißt, dass der Test viele Kranke übersieht – und damit als Diagnose unbrauchbar ist. |
Die gesicherten Erbkrankheiten
Beginnen wir mit den Fällen, in denen alles klar ist: Ein einzelnes Gen, eine bekannte Mutation, ein nachvollziehbarer Erbgang. Diese Erkrankungen sind oft eng an einzelne Rassen gebunden, weil sie sich über wenige, stark genutzte Zuchtlinien verbreitet haben. Ein zugelassener Gentest ist hier sinnvoll und für Zuchtentscheidungen wertvoll, um langfristig die “Erbkrankheit” wieder zu eliminieren.
Am Bewegungsapparat sind vor allem die Muskelerkrankungen von Bedeutung. Die Hyperkaliämische Periodische Paralyse (HYPP) geht auf eine Veränderung im Natriumkanal-Gen SCN4A zurück, wird semidominant vererbt und findet sich bei Quarter Horses der Impressive-Linie sowie in Paints und Appaloosas mit entsprechender Abstammung; betroffene Pferde zeigen Muskelzittern, Schwäche und im schlimmsten Fall lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen.
Die Polysaccharid-Speichermyopathie Typ 1 (PSSM1) beruht auf einer Mutation im Gen der Glykogensynthase GYS1, wird dominant vererbt und betrifft viele Kaltblut- und Quarter-Horse-Linien; hier lagert sich abnormes Glykogen in der Muskulatur ab, was zu Kreuzverschlag-artigen Episoden führt.
Die Maligne Hyperthermie ist eine dominante Veränderung im Ryanodinrezeptor RYR1 des Quarter Horse, die vor allem unter Narkose gefährlich wird. Die Immunvermittelte Myositis (MYHM) über das Gen MYH1 lässt bei Quarter Horses nach einem Infekt Muskulatur regelrecht einschmelzen. Und die Glykogen-Speicherkrankheit GBED über das Gen GBE1 ist rezessiv und für betroffene Fohlen von Quarter Horses und Paints tödlich.
Auch Haut und Bindegewebe sind betroffen. Die Hereditäre Equine Regionale Dermale Asthenie (HERDA) beruht auf einer rezessiven Veränderung im Gen für Cyclophilin B (PPIB) und tritt vor allem in Cutting-Linien des Quarter Horse auf; die Haut dieser Pferde ist überdehnbar und reißt leicht. Das Warmblood Fragile Foal Syndrome (WFFS) über das Kollagen-Gen PLOD1 ist rezessiv und führt bei betroffenen Fohlen zu extrem verletzlicher Haut. Die Junktionale Epidermolysis bullosa (JEB) tritt in zwei getrennten Formen auf: bei belgischen und verwandten Kaltblütern über eine Insertion im Gen LAMC2, bei American Saddlebreds über eine Deletion im Gen LAMA3 – beide rezessiv und für die Fohlen tödlich, weil sich großflächig die Haut ablöst.
Beim Immunsystem ist der Schwere Kombinierte Immundefekt (SCID) der Araber zu nennen, eine rezessive, in der Regel tödliche Erkrankung, bei der betroffene Fohlen praktisch ohne funktionierende Immunabwehr geboren werden. Neurologisch sind bei den Arabern die Cerebelläre Abiotrophie über die Genregion TOE1/MUTYH – ein fortschreitender Verlust der Bewegungskoordination bei Fohlen – und das Lavender Foal Syndrome über das Gen MYO5A bekannt, das eine helle Fellfarbe mit schweren neurologischen Störungen kombiniert.
Besonders lehrreich sind die Fälle, in denen Farbe und Krankheit im selben Gen sitzen. Unsere Vorfahren sagten nicht ohne Grund: Ein gutes Pferd hat keine Farbe. Die Begeisterung für bunte Pferde heutzutage belegt eindeutig das Risiko, das entsteht, wenn man auf originelle Farben statt auf Gesundheit züchtet.
Das bekannteste Beispiel ist das Overo Lethal White Syndrome: Die reinerbige Form des Frame-Overo-Musters über den Endothelin-B-Rezeptor EDNRB führt dazu, dass Fohlen weiß geboren werden und an einem funktionsunfähigen, nervenlosen Darmabschnitt binnen Stunden sterben. Die Schimmelfarbe selbst ist mit einem deutlich erhöhten Melanomrisiko verknüpft.
Das Silver-Gen (PMEL) kann mit angeborenen Augenmissbildungen einhergehen (MCOA) und tritt vor allem auf bei Züchtung auf die bei Isländern begehrte “Windfarbe”, beziehungsweise “Chocolate Dapple” beim Rocky Mountain Horse, die eine dunkelbraune oder dunkelgraue Fellfarbe mit blondem Langhaar kombiniert. Die Tigerscheckung des Leopard-Komplex, die beim Knabstrupper und beim Appaloosa so begehrt sind, geht oft mit angeborener Nachtblindheit über das Gen TRPM1 einher. Und bestimmte Splashed-White-Muster, die vor allem bei Paints und Appaloosas gerne gesehen werden, können mit Taubheit gekoppelt sein.
Ein schöner Farbschlag ist eben nicht immer schön für das Pferd. Daher sollten sich nicht nur Züchter, sondern auch potentielle Käufer solcher Pferde, vorab über die möglichen Gendefekte informieren.
Belegte Veranlagung: das Sommerekzem
Nun der Schritt von der genetischen Erkrankung zur genetischen Veranlagung. Das Sommerekzem – fachlich Insektenstich-Überempfindlichkeit oder Insect Bite Hypersensitivity (IBH) – ist eine allergische Hautentzündung als Reaktion auf den Speichel stechender Mücken, vor allem der Gnitzen (Culicoides). Und es hat eine erbliche Komponente, das ist gut belegt.
Bei Islandpferden wurde die Heritabilität auf etwa 0,3 geschätzt (Eriksson et al. 2008), bei belgischen Warmblütern auf der zugrundeliegenden Skala noch höher. In der immunsteuernden Genregion MHC beziehungsweise ELA wurden Varianten gefunden, die in zwei getrennten Populationen mit derselben Risikovariante an die Erkrankung gekoppelt sind (Andersson et al. 2012, Klumplerova et al. 2013). Es gibt also nachweislich Familien und Linien, die anfälliger sind als andere.
Aber – und hier liegt der entscheidende Punkt – dieselbe Zahl, die die Erblichkeit belegt, entlarvt zugleich den verbreiteten Kurzschluss „das ist genetisch, da kann man nichts machen". Eine Heritabilität von 0,3 heißt eben auch, dass rund 70 Prozent der Unterschiede zwischen Pferden nicht in den Genen liegen, sondern in allem anderen: in der Insektenbelastung des Standorts, in der Haltung, im Stoffwechsel, in der Fütterung. Die Veranlagung lädt die Waffe, aber den Abzug drückt die Umwelt.
Vermutete Veranlagung: Mauke und CPL der Kaltblüter
Es gibt eine dritte Gruppe, die für die Praxis besonders spannend ist: Erkrankungen, bei denen alles auf eine erbliche Veranlagung hindeutet, das verantwortliche Gen aber bis heute nicht gefunden wurde. Das beste Beispiel ist zugleich die Antwort auf eine alte Beobachtung aus dem Kaltblutstall – die auffällige Mauke-Anfälligkeit bestimmter Linien.
Dahinter steckt in vielen Fällen das Chronisch Progressive Lymphödem (CPL). Es beruht auf einer Störung des Lymphabflusses in den unteren Gliedmaßen mit fortschreitender Fibrose, Hautfalten, Knoten und einem gestörten Elastin-Gerüst der Haut, und es ist bei Belgiern, Shires, Clydesdales und zahlreichen weiteren Kaltblutrassen dokumentiert. In einer Untersuchung an belgischen Kaltblütern wurde eine Prävalenz von rund 86 Prozent berichtet (De Keyser et al. 2014), und bestimmte Blutlinien sind stärker betroffen als andere. Das deckt sich auch mit der Erfahrung, dass die Neigung zu hartnäckiger Mauke mit der Einkreuzung von bestimmten Brabantern (Belgische Kaltblüter) in die deutschen Kaltblüterrassen eingewandert ist.
Dass eine genetische Grundlage besteht, gilt als sehr wahrscheinlich: CPL tritt praktisch nur in verwandten Kaltblutrassen auf, häuft sich in Familien und lässt sich durch keine noch so optimale Haltung ganz verhindern. Eine whole-genome-Analyse an deutschen Kaltblütern hat Genregionen eingegrenzt, die mit der chronischen Fesselhautentzündung zusammenhängen (Mittmann et al. 2010). Das naheliegende Kandidatengen FOXC2, das beim Menschen eine vergleichbare Lymphödem-Erkrankung verursacht, wurde jedoch sequenziert und als Ursache ausgeschlossen (Towers et al. 2013). Man weiß also, dass es mit großer Wahrscheinlichkeit vererbt wird – aber nicht, welches Gen dafür verantwortlich ist. Genau das macht CPL zum Musterbeispiel der vermuteten, aber nicht aufgeklärten genetischen Prädisposition.
Wichtig für die Einordnung: Mauke selbst ist keine Erbkrankheit. Sie hat viele mögliche Ursachen – Nässe, Bakterien, die räudeverursachende Milbe Chorioptes, mangelnde Hygiene, Fütterungsfehler, Entgiftungsstörungen und andere. Die schweren Behänge der Kaltblüter schaffen zudem ein feuchtwarmes Milieu, in dem sich pathogene Keime leicht festsetzen können. Was beim Kaltblut vererbt wird, ist nicht die Mauke, sondern die Anfälligkeit des Gewebes, auf der sie besonders gut gedeiht.
Wenn der Gentest mehr verspricht, als man weiß
Damit zum Kern der Verwirrung: den Gentests, die als „PSSM2-Test" und später als „MIM-Test" (für Myofibrilläre Myopathie) verkauft wurden. Sie versprechen, eine Muskelerkrankung anhand einiger Genvarianten zu diagnostizieren. Ein kommerzielles Labor bietet sie seit 2016 an. Man muss dazu wissen, dass die veterinärmedizinische Gentestung nicht staatlich reguliert ist – jeder darf einen Test anbieten, ganz ohne unabhängige Prüfung.
Getestet werden Varianten in drei Genen, die alle für Strukturproteine der sogenannten Z-Scheibe im Muskel zuständig sind: Myotilin (als „P2" bezeichnet, Gen MYOT), Filamin C („P3", Gen FLNC) und Myozenin 3 („P4", Gen MYOZ3). Diese Eiweiße halten den kontraktilen Apparat der Muskelzelle in Form. Die Idee dahinter klingt zunächst plausibel – im Menschen können Mutationen in verwandten Z-Scheiben-Genen tatsächlich Muskelerkrankungen verursachen.
Nur ließ sich der behauptete Zusammenhang beim Pferd nicht bestätigen. Die Arbeitsgruppe um Stephanie Valberg, eine der weltweit führenden Myopathieforscherinnen im Pferdebereich, hat die Varianten überprüft. Bei Warmblütern und Arabern, die per Muskelbiopsie eindeutig als PSSM2- beziehungsweise MFM-Fälle diagnostiziert worden waren, kamen die getesteten Varianten nicht häufiger vor als bei gesunden Kontrollpferden derselben Rasse; die sehr niedrige Trefferquote bedeutet, dass die Varianten die Erkrankung nicht anzeigen können (Valberg et al. 2021). In einer zweiten Studie fiel das Ergebnis für Quarter Horses genauso aus – und die betroffenen Pferde wiesen die feingeweblichen Merkmale einer MFM gar nicht auf (Valberg et al. 2023). Das Fazit der Forscher ist unmissverständlich: Diese Gentests taugen weder für Diagnose noch für Zuchtauswahl oder Ankaufsuntersuchung.
Der Grund, warum solche Tests trotzdem so oft „positiv" ausfallen, liegt auf der Hand: Die geprüften Varianten sind in der ganz normalen, gesunden Pferdepopulation weit verbreitet. Ein „positives" Ergebnis ist also der Regelfall, nicht die Ausnahme – und es sagt über die Ursache eventueller Symptome nichts aus.
Was die Praxis dazu sagt
An dieser Stelle lohnt der Blick hinaus dem Forschungslabor und dem Versuchsstall, der in keiner Studie steht. Das Sommerekzem galt lange als eine Art „Isländer-Gendefekt" – eine Vorstellung, die schon deshalb naheliegt, weil die Rasse auffällig oft betroffen ist und die Krankheit sich in bestimmten Linien häuft. Inzwischen sehen wir Sommerekzem aber bei allen möglichen Rassen, vom Warmblut bis zum Pony. Wäre es ein einfacher Gendefekt einer Rasse, dürfte das nicht passieren. Es muss also mehr im Spiel sein als eine erbliche Veranlagung.
Besonders aufschlussreich ist eine Entwicklung, über die in der Islandpferde-Szene ungern gesprochen wird: Auch in Island selbst tritt inzwischen Sommerekzem auf – und das ganz ohne die Gnitzen, die es dort nie in nennenswerter Zahl gab. Was sich in Island geändert hat, ist nicht die Insektenfauna, sondern die Fütterung: Wo früher karges Raufutter die Regel war, stehen heute Heulage und Müslis auf dem Speiseplan. Wer die Zusammenhänge zwischen Fütterung, Darmgesundheit und überschießenden Immunreaktionen kennt, den überrascht das nicht. Es passt ins Bild, dass ein empfindlich gewordener Stoffwechsel die Haut anfälliger macht – auch dann, wenn der klassische Auslöser fehlt.
Ähnlich verhält es sich mit den vermeintlich „MIM-positiven" Pferden. Die allermeisten, die mit diesem Etikett vorgestellt werden, tragen ihr eigentliches Problem nicht in der Z-Scheibe der Muskelzelle, sondern im Stoffwechsel: Sie sind überdurchschnittlich häufig insulinresistent. Und Insulinresistenz ist – anders als eine Erbkrankheit – in aller Regel nicht vererbt, sondern über Jahre „hingefüttert", ganz ähnlich dem Typ-2-Diabetes des Menschen. Stellt man die Fütterung um, sorgt dafür, dass die Muskulatur wieder auf Insulin anspricht und der Stoffwechsel zur Ruhe kommt, verschwindet die Symptomatik – bei einem Pferd, dessen Genvarianten sich durch keine Fütterung der Welt ändern lassen. Ein deutlicheres Argument gegen die genetische Fehldiagnose lässt sich schwer finden.
Das ist keine Wissenschaftsfeindlichkeit, im Gegenteil. Es ist die Ergänzung, die der Laborbefund braucht: Die Genetik sagt, was möglich ist. Die Praxis sieht, was tatsächlich passiert – und in welcher Reihenfolge.
Was ein Gentest kann und was nicht
Was bringt mir also ein Gentest bei meinem Pferd? Ein Gentest ist ein mächtiges Werkzeug – für die richtige Frage. Bei einer gesicherten, monogenen Erbkrankheit wie HYPP, PSSM1 oder JEB liefert er eine echte Diagnose und ist vor allem bei rezessiven Erbgängen für Zuchtentscheidungen unverzichtbar, weil er verhindert, dass zwei äußerlich gesunde Anlageträger verpaart werden und kranke Fohlen entstehen.
Bei einer Prädisposition kann ein Test bestenfalls ein Risiko andeuten – und selbst das nur, wenn die zugrundeliegende Forschung sauber ist. Er ersetzt niemals den Blick auf Haltung, Fütterung und Stoffwechsel, denn dort entscheidet sich, ob aus einer Veranlagung eine Erkrankung wird.
Und bei einem Test, dessen Zusammenhang mit der beworbenen Erkrankung nicht unabhängig belegt ist, gilt schlicht Vorsicht. Ein „positives" Ergebnis, das bei der Hälfte aller gesunden Pferde ebenso herauskommt, ist keine Diagnose, sondern eine Zahl ohne Aussage.
Wer das nächste Mal hört, ein Pferd sei „genetisch belastet", darf also ruhig nachfragen: Handelt es sich um eine gesicherte Erbkrankheit, um eine belegte Veranlagung oder um eine bloße Behauptung? Die Antwort entscheidet darüber, ob man es mit einem Schicksal, mit einem Risiko oder mit einem Missverständnis zu tun hat – und ob die eigentliche Lösung womöglich nicht im Labor liegt, sondern im Futtertrog.
Quellen
Andersson, L. S., Swinburne, J. E., Meadows, J. R. S., Broström, H., Eriksson, S., Fikse, W. F., Frey, R., Sundquist, M., Tseng, C. T., Mikko, S., Lindgren, G. (2012): The same ELA class II risk factors confer equine insect bite hypersensitivity in two distinct populations. Immunogenetics 64(3):201–208. DOI: 10.1007/s00251-011-0573-1
Cappelli, K., Brachelente, C., Passamonti, F., Flati, A., Silvestrelli, M., Capomaccio, S. (2015): First report of junctional epidermolysis bullosa (JEB) in the Italian draft horse. BMC Veterinary Research 11:55. DOI: 10.1186/s12917-015-0374-0
De Keyser, K., Janssens, S., Peeters, L. M., Foqué, N., Gasthuys, F., Oosterlinck, M., Buys, N. (2014): Genetic parameters for chronic progressive lymphedema in Belgian Draught Horses. [Zur DOI-Prüfung vor Veröffentlichung markiert.]
Eriksson, S., Grandinson, K., Fikse, W. F., Lindberg, L., Mikko, S., Broström, H., Frey, R., Sundquist, M., Lindgren, G. (2008): Genetic analysis of insect bite hypersensitivity (summer eczema) in Icelandic horses. Animal 2(3):360–365. DOI: 10.1017/S1751731107001413
Finno, C. J., Spier, S. J., Valberg, S. J. (2009): Equine diseases caused by known genetic mutations. The Veterinary Journal 179(3):336–347. DOI: 10.1016/j.tvjl.2008.03.016
Klumplerova, M., Vychodilova, L., Bobrova, O., Cvanova, M., Futas, J., Janova, E., Vyskocil, M., Vrtkova, I., Putnova, L., Dvorakova, L., Marti, E., Horin, P. (2013): Major histocompatibility complex and other allergy-related candidate genes associated with insect bite hypersensitivity in Icelandic horses. Molecular Biology Reports 40(4):3333–3340. DOI: 10.1007/s11033-012-2408-z
Mittmann, E. H., Mömke, S., Distl, O. (2010): Whole-genome scan identifies quantitative trait loci for chronic pastern dermatitis in German draft horses. Mammalian Genome 21(1–2):95–103. DOI: 10.1007/s00335-009-9244-z
Towers, R. E., Murgiano, L., Millar, D. S., Glen, E., Topf, A., Jagannathan, V., Drögemüller, C., Goodyear, M. J., Fen Foo, I., Straub, R., Leeb, T., Elphick, M. R., Tervoort, T., Turner, E. C. (2013): Evaluation of FOXC2 as a candidate gene for chronic progressive lymphedema in draft horses. [Zur DOI-Prüfung vor Veröffentlichung markiert.]
Valberg, S. J., Henry, M. L., Perumbakkam, S., Gardner, K. L., Finno, C. J. (2021): Commercial genetic testing for type 2 polysaccharide storage myopathy and myofibrillar myopathy does not correspond to a histopathological diagnosis. Equine Veterinary Journal 53(4):690–700. DOI: 10.1111/evj.13345
Valberg, S. J., Finno, C. J., Henry, M. L., Schott, M., Velez-Irizarry, D., Peters, D., Gardner, K., Chartier, M. (2023): Absence of myofibrillar myopathy in Quarter Horses with a histopathological diagnosis of type 2 polysaccharide storage myopathy and lack of association with commercial genetic tests. Equine Veterinary Journal 55(3):506–515. DOI: 10.1111/evj.13574