Das Wichtigste in Kürze:
- TCM (Traditionelle Chinesische Medizin) ist ein ganzheitliches medizinisches System, das über 3000 Jahre alt ist und den Körper als energetisches System betrachtet, in dem Qi (Lebensenergie) durch Meridiane fließt.
- Anders als die westliche Medizin behandelt TCM nicht isolierte Symptome, sondern energetische Muster und Disharmonien – zwei Pferde mit derselben westlichen Diagnose können also völlig unterschiedliche TCM-Behandlungen benötigen.
- Die Grundprinzipien umfassen Yin und Yang (gegensätzliche, aber ergänzende Kräfte), die Fünf Elemente (Holz, Feuer, Erde, Metall, Wasser) und das Konzept von Fülle und Leere.
- TCM bietet vielfältige Behandlungsmethoden: Akupunktur, Akupressur, Kräuter, Massage (Tui Na), Moxibustion (Wärmebehandlung), Bewegungstherapie und Ernährungsanpassung.
- Die Diagnostik erfolgt durch Beobachtung, Pulsdiagnose, Zungendiagnose (beim Pferd eingeschränkt), Befragung und Betrachtung des Gesamtzustands – nicht durch Laborwerte oder bildgebende Verfahren.
- TCM ersetzt nicht die Schulmedizin, sondern ergänzt sie: Bei akuten Notfällen und strukturellen Schäden ist die konventionelle Veterinärmedizin unverzichtbar, bei chronischen Erkrankungen und funktionellen Störungen kann TCM ihre Stärken ausspielen.
- Die erfolgreiche Anwendung erfordert fundierte Ausbildung und jahrelange Praxis – Wochenendkurse reichen nicht aus, um die Komplexität dieses Systems zu erfassen.
Eine andere Sichtweise auf Gesundheit und Krankheit
Wenn ein Pferd lahmt, sucht die westliche Medizin lokal nach der Ursache: Ist ein Bein verletzt, eine Sehne entzündet, ein Gelenk geschädigt? Röntgen, Ultraschall, Laborwerte helfen, den Schaden zu lokalisieren. Die Behandlung zielt auf die Reparatur: Entzündungshemmer, Schonung, physiotherapeutische Maßnahmen, im schlimmsten Fall Operation.
Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) würde dieselbe Lahmheit ganz anders betrachten. Sie würde fragen: Wie ist der energetische Zustand des Pferdes? Fließt das Qi frei durch die Meridiane, oder gibt es Blockaden? Liegt ein Fülle-Muster vor (zu viel Energie an der falschen Stelle) oder ein Leere-Muster (zu wenig Energie)? Welches Organ ist aus dem Gleichgewicht? Gibt es Hitze oder Kälte im Körper, Feuchtigkeit oder Trockenheit?
Diese unterschiedlichen Fragestellungen führen zu unterschiedlichen Behandlungsansätzen. Die westliche Medizin behandelt die Struktur, die TCM behandelt die Energie. Die westliche Medizin fokussiert auf das Problem, die TCM auf das Gleichgewicht des gesamten Systems.
Das bedeutet nicht, dass eine Methode richtig und die andere falsch ist. Sie sind einfach verschieden – und in vielen Fällen wunderbar ergänzend.
Die philosophischen Grundlagen: Yin und Yang
Im Zentrum der TCM steht das Konzept von Yin und Yang – zwei gegensätzliche, aber untrennbar miteinander verbundene Kräfte, die alles Lebendige durchziehen.
Yang steht für: Aktivität, Wärme, Bewegung, Tag, Außen, Oben, Energie, Funktion. Im Körper repräsentiert Yang die aktiven Prozesse: Bewegung, Stoffwechsel, Verdauung, die Fähigkeit sich zu erwärmen, Lebendigkeit.
Yin steht für: Ruhe, Kühle, Substanz, Nacht, Innen, Unten, Struktur, Speicherung. Im Körper repräsentiert Yin die Substanz: Blut, Körpersäfte, Gewebe, die Fähigkeit zu nähren und zu befeuchten, Regeneration.
Gesundheit bedeutet in der TCM, dass Yin und Yang in Balance sind. Sie müssen nicht gleich stark sein, aber sie müssen in einem harmonischen Verhältnis zueinander stehen. Krankheit entsteht, wenn dieses Gleichgewicht gestört ist – zu viel Yang (Hitze, Überaktivität, Entzündung) oder zu wenig Yang (Kälte, Schwäche, Antriebslosigkeit), zu viel Yin (Feuchtigkeit, Stagnation) oder zu wenig Yin (Trockenheit, Substanzverlust).
Ein Pferd mit Yang-Überschuss ist nervös, schwitzt leicht, hat rote Schleimhäute, ist übererregt. Ein Pferd mit Yang-Mangel friert, ist antriebslos, hat kalte Ohren und Beine, bewegt sich ungern. Die Behandlung muss jeweils das Gegenteil: Yang dämpfen oder Yang aufbauen.
Die Fünf Elemente: Ein System von Beziehungen
Die Fünf-Elemente-Lehre ist ein weiteres zentrales Konzept der TCM. Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser repräsentieren nicht nur Naturelemente, sondern auch Phasen, Qualitäten, Organsysteme, Emotionen, Jahreszeiten.
Holz (Leber/Gallenblase): Frühling, Wachstum, Expansion, Bewegung, Flexibilität. Emotion: Ärger/Frustration. Wenn das Holz-Element gestört ist, zeigt sich das in Verspannungen, Reizbarkeit, Kopfschmerzen, Schreckhaftigkeit durch Augenprobleme.
Feuer (Herz/Dünndarm): Sommer, Blüte, Höhepunkt, Freude, Bewusstsein. Emotion: Freude/Übererregung. Störungen manifestieren sich als Nervosität, Herzrasen, Schlafmangel, übermäßiges Schwitzen.
Erde (Milz/Magen): Spätsommer, Ernte, Transformation, Nährung, Verdauung. Emotion: Grübeln/Sorge. Störungen zeigen sich als Verdauungsprobleme, Müdigkeit, Substanzverlust, schwaches Immunsystem und Neigung zu Lymphansammlungen.
Metall (Lunge/Dickdarm): Herbst, Rückzug, Loslassen, Atmung, Abgrenzung. Emotion: Trauer. Störungen sorgen für Atemwegsprobleme, Hauterkrankungen, geschwächte Abwehr, Verdauungsstörungen.
Wasser (Niere/Blase): Winter, Speicherung, Essenz, Willenskraft, Lebenskraft. Emotion: Angst. Störungen sieht man in Schwäche, Knochenproblemen, Fruchtbarkeitsstörungen, Ängstlichkeit, vorzeitigem Altern.
Diese Elemente existieren nicht isoliert, sondern beeinflussen sich gegenseitig über zwei Zyklen:
Der Ernährungszyklus: Holz nährt Feuer, Feuer nährt Erde (Asche wird zu Erde), Erde nährt Metall (Mineralien kommen aus der Erde), Metall nährt Wasser (kondensiertes Wasser an Metall), Wasser nährt Holz (Pflanzen brauchen Wasser).
Der Kontrollzyklus: Jedes Element wird von einem anderen kontrolliert, damit es nicht überschießt. Holz kontrolliert Erde (Wurzeln halten Erde fest), Erde kontrolliert Wasser (Dämme halten Wasser), Wasser kontrolliert Feuer (eindämmen oder löschen), Feuer kontrolliert Metall (schmilzt es), Metall kontrolliert Holz (Axt fällt Baum).
Wenn diese Zyklen gestört sind – wenn ein Element zu schwach ist, um das nächste zu nähren, oder zu stark und ein anderes unterdrückt – entstehen Krankheitsmuster. Die TCM-Behandlung zielt darauf ab, diese Beziehungen wieder ins Gleichgewicht zu bringen.
Qi – die Lebensenergie: Das zentrale Konzept
Qi (ausgesprochen „Tschi“) ist das vielleicht schwierigste und gleichzeitig zentralste Konzept der TCM. Es gibt keine direkte Übersetzung ins Deutsche. Qi ist Lebensenergie, Vitalität, Funktion, Bewegung – alles zugleich.
Es gibt verschiedene Arten von Qi:
Ursprungs-Qi (Yuan Qi): Die angeborene Lebenskraft, gespeichert in den Nieren, die „Batterie“ des Körpers.
Nähr-Qi (Ying Qi): Wird aus der Nahrung gewonnen, zirkuliert durch die Meridiane, nährt alle Organe und Gewebe.
Abwehr-Qi (Wei Qi): Zirkuliert an der Oberfläche, schützt vor äußeren pathogenen Faktoren (Wind, Kälte, Feuchtigkeit), ist vergleichbar mit dem Immunsystem.
Organ-Qi: Jedes Organ hat sein spezifisches Qi, das seine Funktion ermöglicht.
Wenn das Qi frei fließt, ist das Pferd gesund. Wenn das Qi blockiert ist (Stagnation), entstehen Schmerzen und Dysfunktionen. Wenn zu wenig Qi vorhanden ist (Mangel), zeigt sich Schwäche und Erschöpfung. Wenn das Qi fehlgeleitet wird (rebellierendes Qi), entstehen Symptome wie Husten, Erbrechen, Kopfschmerzen.
Die Meridiane: Energiebahnen des Körpers
Qi fließt nicht wahllos durch den Körper, sondern auf definierten Bahnen – den Meridianen. Es gibt zwölf Hauptmeridiane, die jeweils einem Organsystem zugeordnet sind, sowie mehrere Sondermeridiane.
Diese Meridiane verlaufen über die gesamte Körperoberfläche und verbinden Außen mit Innen, Oben mit Unten, Organe mit Gliedmaßen. Auf den Meridianen liegen die Akupunkturpunkte – insgesamt über 360 klassische Punkte beim Menschen, beim Pferd entsprechend übertragen und angepasst.
Ein blockierter Meridian zeigt sich oft durch Schmerzen entlang seines Verlaufs. Ein schwacher Meridian zeigt sich durch Kraftlosigkeit in den Bereichen, die er versorgt. Die Behandlung – ob mit Akupunktur, Akupressur oder Massage – zielt darauf ab, die Meridiane wieder durchgängig zu machen, Blockaden zu lösen, schwache Bereiche zu stärken.
Die TCM-Diagnostik: Sehen, Hören, Fragen, Fühlen
Die TCM-Diagnose folgt ganz anderen Prinzipien als die schulmedizinische. Es gibt keine Laborwerte, keine Röntgenbilder, keine Ultraschalluntersuchungen. Stattdessen nutzt der TCM-Therapeut seine Sinne und seine Erfahrung:
Beobachtung (Inspektion): Wie steht das Pferd? Wie bewegt es sich? Wie ist der Zustand von Fell, Haut, Augen? Wie ist die Körperhaltung? Zeigt das Pferd Anzeichen von Hitze (Schwitzen, Unruhe, rote Schleimhäute) oder Kälte (Frieren, Steifheit, kalte Extremitäten)?
Pulsdiagnose: In der Human-TCM eine hohe Kunst, beim Pferd eingeschränkter, aber dennoch wertvoll. Der Puls verrät, ob Fülle oder Leere vorliegt, ob Hitze oder Kälte, ob das Qi fließt oder stagniert.
Zungendiagnose: Beim Pferd schwierig durchzuführen, aber wenn möglich sehr aufschlussreich. Die Farbe, Form und der Belag der Zunge geben Hinweise auf den Zustand der inneren Organe.
Irisdiagnose: Eine zusätzliche Methode, die vor allem konstitutionelle Schwachstellen und Dispositionen zeigen kann und beim Pferd häufiger Anwendung findet als Puls- und Zungendiagnostik.
Befragung (Anamnese): Was frisst das Pferd? Wie ist die Haltung? Wann treten Probleme auf (Organuhr!)? Gibt es zeitliche Muster? Wie ist die Vorgeschichte? Wie verhält sich das Pferd?
Palpation: Wo sind Verspannungen? Wo sind Schwächen? Wie reagiert das Pferd auf sanfte oder nachdrückliche Berührung an verschiedenen Stellen? Sind bestimmte Punkte druckempfindlich?
Aus all diesen Informationen erkennt der Therapeut das energetische Muster: Welches Organ ist betroffen? Liegt Fülle oder Leere vor? Ist Hitze oder Kälte das Problem? Ist Feuchtigkeit vorhanden? Wo ist das Qi blockiert?
Die Behandlungsmethoden: Ein vielfältiges Arsenal
Die TCM verfügt über ein reiches Spektrum an Behandlungsmethoden, die alle dasselbe Ziel verfolgen: Das Gleichgewicht wiederherstellen, das Qi zum Fließen bringen, Disharmonien ausgleichen.
Akupunktur ist die bekannteste Methode: Feine Nadeln werden an spezifischen Punkten gesetzt, um den Energiefluss zu beeinflussen. Die Nadeln können tonisieren (stärken), sedieren (beruhigen), Blockaden lösen, Energie umleiten. Die meisten Pferde tolerieren Akupunktur erstaunlich gut und zeigen oft deutliche Entspannungsreaktionen während der Behandlung.
Akupressur und Shiatsu nutzen Fingerdruck statt Nadeln. Diese Methoden sind sanfter, nicht-invasiv und können von interessierten Pferdebesitzern nach entsprechender Anleitung selbst durchgeführt werden. Sie eignen sich besonders für empfindliche Pferde und zur regelmäßigen Gesundheitspflege.
Moxibustion nutzt die Wärme von glimmendem Beifußkraut, um Akupunkturpunkte zu stimulieren und Yang-Energie zuzuführen. Besonders wertvoll bei alten, schwachen Pferden und bei chronischen Kälte-Zuständen.
Tui Na ist die chinesische manuelle Therapie – eine Kombination aus Massage, Akupressur, Mobilisation und Dehnung, die gezielt auf Meridiane und Energiefluss wirkt. Anders als westliche Massage arbeitet Tui Na nach TCM-Prinzipien, wird beim Pferd aber – im Vergleich zu Akupressur oder Shiatsu – nur selten angewendet.
Kräutertherapie ist in China gleichwertig neben der Akupunktur. Pflanzen werden nach ihrer thermischen Wirkung, ihrem Geschmack und ihrer Organaffinität klassifiziert und zu individuellen Rezepturen zusammengestellt. Moderne Anbieter nutzen zunehmend rein pflanzliche Mischungen und verzichten auf die traditionell verwendeten tierischen Bestandteile.
Bewegungstherapie ist ein oft vernachlässigter, aber fundamentaler Aspekt: Bewegung löst Qi-Stagnation, fördert den freien Fluss, stärkt oder beruhigt, je nach Art der Bewegung. Pferde haben eine natürliche Fähigkeit zur Selbstregulation durch Bewegung – wenn man sie lässt.
Ernährungsanpassung folgt den Prinzipien der Fünf Elemente. Beim Pferd sind die Möglichkeiten eingeschränkt (Pferde brauchen hauptsächlich Heu), aber innerhalb dieser Grenzen gibt es durchaus Spielraum: Heulage vermeide, weil sie feucht und kühl ist, Getreide reduziere, weil es erhitzend wirkt, Kräuter gezielt zufüttern zum Ausgleich.
Der Unterschied zur Schulmedizin: Komplementär, nicht alternativ
Die TCM arbeitet nach völlig anderen Prinzipien als die westliche Medizin. Das bedeutet aber nicht, dass sie besser oder schlechter ist – sie ist einfach anders, mit eigenen Stärken und Schwächen.
Stärken der Schulmedizin:
- Hervorragend bei akuten, lebensbedrohlichen Situationen
- Präzise Diagnostik struktureller Schäden
- Chirurgische Interventionen bei Verletzungen
- Antibiotika bei schweren bakteriellen Infektionen
- Labordiagnostik zur objektiven Messung von Parametern
- Wissenschaftlich überprüfbar und standardisierbar
Stärken der TCM:
- Hervorragend bei chronischen und therapieresistenten Erkrankungen
- Behandlung funktioneller Störungen ohne strukturelle Ursache
- Ganzheitlicher Blick auf Körper, Geist und Umwelt
- Präventive Medizin (Gesunderhaltung, bevor Krankheit entsteht)
- Nebenwirkungsarme Behandlungen
- Aktivierung der Selbstheilungskräfte
Die ideale Herangehensweise ist integrativ: Das Beste aus beiden Welten nutzen. Bei einem Pferd mit akuter Kolik braucht es schulmedizinische Notfallversorgung. Bei einem Pferd mit chronischem Husten, bei dem schulmedizinisch „nichts zu finden“ ist, kann TCM ihre Stärken ausspielen. Bei einem Pferd mit Hufrehe braucht es sowohl schulmedizinische Akutversorgung als auch TCM-Unterstützung für die zugrundeliegenden Stoffwechselstörungen.
Viele moderne Tierärzte arbeiten bereits integrativ: Sie nutzen schulmedizinische Diagnostik, um strukturelle Probleme auszuschließen oder zu identifizieren, und setzen dann TCM-Methoden ein, um den Heilungsprozess zu unterstützen und das Gleichgewicht wiederherzustellen.

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Die Organuhr: Zeit als diagnostisches und therapeutisches Werkzeug
Ein faszinierendes Konzept der TCM ist die Organuhr: Jedes Organsystem hat eine zweistündige Hochphase, in der seine Energie am stärksten ist, sowie eine Tiefphase zwölf Stunden später.
Wenn ein Pferd regelmäßig zu bestimmten Zeiten Probleme zeigt, kann das diagnostisch wertvoll sein: Ein Pferd, das jede Nacht zwischen 1 und 3 Uhr unruhig wird, könnte eine Leber-Problematik haben (Leber-Zeit). Ein Pferd, das morgens zwischen 3 und 5 Uhr hustet, zeigt möglicherweise eine Lungen-Schwäche (Lungen-Zeit).
Auch therapeutisch ist die Organuhr relevant: Behandlungen sind in der Hochphase eines Organs oft am wirksamsten. Stärkende Therapien sollten zur Hochzeit durchgeführt werden, belastende Eingriffe zur Tiefphase vermieden werden.
Was TCM nicht kann – die Grenzen ehrlich benennen
So wertvoll TCM ist – sie hat klare Grenzen:
Strukturelle Schäden können nicht repariert werden. Ein gerissenes Kreuzband wächst nicht durch Akupunktur wieder zusammen. Eine schwere Hufbeinrotation regeneriert sich nicht durch Kräuter allein. Hier braucht es schulmedizinische oder weitere Intervention.
Akute Notfälle erfordern schulmedizinische Versorgung. Ein Pferd mit schwerer Kolik, mit hohem Fieber, mit Vergiftung braucht sofortige tierärztliche Hilfe, nicht erst eine TCM-Diagnose.
Schnelle Symptomlösung ist nicht das Ziel der TCM. TCM arbeitet an der Wurzel, am Gleichgewicht – das braucht Zeit. Wer nach einer Sitzung dramatische Heilung erwartet, wird meist enttäuscht.
Wissenschaftliche Beweisbarkeit im klassischen Sinne ist schwierig. Das Konzept des Qi entzieht sich der direkten Messung, die Wirkung ist oft subjektiv, die Ergebnisse schwer standardisierbar. Das bedeutet nicht, dass TCM nicht wirkt – aber es bedeutet, dass sie sich schwer in das westliche wissenschaftliche Paradigma einfügt.
Diese Grenzen zu kennen und zu respektieren ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Seriosität. Eine gute TCM-Behandlung erkennt man daran, dass der Therapeut ehrlich über Möglichkeiten und Grenzen spricht und bei Bedarf zur schulmedizinischen Abklärung rät.
Die Qualifikation macht den Unterschied
TCM ist komplex. Die Grundlagen – Yin und Yang, die Fünf Elemente, das Konzept des Qi – klingen einfach. Aber sie auf ein individuelles Pferd anzuwenden, das richtige Muster zu erkennen, die passende Behandlungsstrategie zu entwickeln – das erfordert Jahre der Ausbildung und Praxis.
Ein Wochenendkurs in Akupunktur vermittelt vielleicht die Lage wichtiger Punkte. Aber er vermittelt nicht das tiefe Verständnis der TCM, nicht die Fähigkeit zur Diagnose, nicht die Kunst der individuellen Anpassung. Die Gefahr: Therapeuten mit minimaler Ausbildung praktizieren „Rezept-Akupunktur“ – sie nadeln nach Schema F, ohne das energetische Muster zu verstehen. Das kann helfen (durch Zufall), aber es ist keine echte TCM.
Wer einen TCM-Therapeuten für sein Pferd sucht, sollte nach der Ausbildung fragen: Wie lange hat sie gedauert? Bei welchem Institut? Umfasst sie Diagnostik oder nur Punktprotokolle? Wie viel Praxiserfahrung ist vorhanden?
Ein guter Therapeut wird eine ausführliche Erstuntersuchung durchführen, wird das energetische Muster erklären, wird die Behandlungsstrategie begründen können. Er wird transparent über Grenzen sprechen und nicht mit unrealistischen Versprechungen arbeiten.
TCM als Lebensphilosophie, nicht nur als Medizin
Was TCM von der westlichen Medizin grundlegend unterscheidet, ist ihre philosophische Dimension. TCM ist nicht nur ein Werkzeugkasten zur Behandlung von Krankheiten. Sie ist eine Sichtweise auf das Leben, die Gesundheit, das Zusammenspiel von Mensch, Tier und Natur.
In der TCM ist Gesundheit kein Zustand, den man hat oder nicht hat. Gesundheit ist ein dynamisches Gleichgewicht, das ständig neu hergestellt werden muss. Ein Pferd ist nie „perfekt gesund“ im Sinne eines statischen Idealzustands. Aber es kann in Balance sein, im Fluss, im Einklang mit sich und seiner Umwelt.
Diese Sichtweise hat praktische Konsequenzen: Prävention ist wichtiger als Heilung. Aufmerksames Beobachten kleiner Ungleichgewichte ist wichtiger als das Warten auf manifeste Krankheit. Die Anpassung an Jahreszeiten, an Lebenszyklen, an individuelle Konstitution ist wichtiger als standardisierte Behandlungspläne.
Für Pferdebesitzer bedeutet das: TCM ist nicht nur etwas für kranke Pferde. Sie ist ein Werkzeug zur Gesunderhaltung, zur Früherkennung, zur Optimierung des Wohlbefindens. Regelmäßige Akupressur, angepasste Fütterung, ausreichende Bewegung, Aufmerksamkeit für zeitliche Muster – all das ist praktizierte TCM im Alltag.
Der Weg zur Integration
Die Traditionelle Chinesische Medizin bietet für Pferde eine wertvolle Erweiterung der therapeutischen Möglichkeiten. Sie ersetzt nicht die Schulmedizin, aber sie ergänzt sie auf sinnvolle Weise. Sie bietet Lösungen dort, wo die westliche Medizin an Grenzen stößt. Sie bietet eine andere Perspektive, die oft erhellend ist.
Für Pferdebesitzer bedeutet die Beschäftigung mit TCM:
- Ein tieferes Verständnis für das eigene Pferd entwickeln
- Lernen, subtile Zeichen von Ungleichgewicht zu erkennen
- Werkzeuge an die Hand bekommen, um aktiv zur Gesundheit beizutragen
- Eine ganzheitlichere Sichtweise auf Gesundheit und Krankheit gewinnen
Für Therapeuten bedeutet die Integration von TCM:
- Das therapeutische Repertoire erweitern
- Chronische Fälle effektiver behandeln können
- Ein tieferes Verständnis für funktionelle Zusammenhänge entwickeln
- Prävention stärker in den Fokus rücken
Die Integration beider Systeme – westliche Medizin und TCM – ist kein Widerspruch, sondern eine Bereicherung. Jedes System hat seine Stärken, seine Perspektiven, seine Werkzeuge. Zusammen bieten sie ein umfassenderes Bild und mehr Möglichkeiten als jedes für sich allein.
Ein Jahrtausende altes System für moderne Pferde
Die TCM ist uralt, aber sie ist nicht veraltet. Ihre Prinzipien sind zeitlos, weil sie auf grundlegenden Beobachtungen von Leben, Energie und Gleichgewicht beruhen. Diese Prinzipien gelten heute genauso wie vor 3000 Jahren.
Gleichzeitig entwickelt sich die TCM weiter. Die Anwendung am Pferd ist eine relativ moderne Entwicklung. Die Verwendung rein pflanzlicher statt tierischer Rezepturen ist eine zeitgemäße Anpassung. Die Integration heimischer Kräuter statt ausschließlich chinesischer ist eine sinnvolle Weiterentwicklung. Die Kombination mit schulmedizinischer Diagnostik ist eine notwendige Brücke zwischen den Systemen.
Diese Entwicklung zeigt: TCM ist lebendig, anpassungsfähig, offen für Integration. Sie ist kein starres Dogma, sondern ein flexibles System, das sich den Bedürfnissen der Zeit anpasst, ohne seine Kernprinzipien zu verlieren.
Für Pferde der modernen Welt – oft mit Bewegungsmangel, unnatürlicher Haltung, einseitiger Fütterung, chronischem Stress – bietet TCM wertvolle Ansätze. Sie erinnert daran, dass Gesundheit mehr ist als die Abwesenheit von Krankheit. Sie lädt ein, das Pferd als Ganzes zu sehen, in seiner Beziehung zur Umwelt, im Fluss der Jahreszeiten, im Gleichgewicht von Aktivität und Ruhe.
Das ist vielleicht die größte Gabe der TCM: Sie lehrt uns, genauer hinzuschauen, aufmerksamer zu beobachten, die subtilen Zeichen zu lesen, die ein Körper aussendet, bevor aus einem kleinen Ungleichgewicht eine große Krankheit wird. In einer Zeit, in der vieles schnell gehen soll, in der Symptome unterdrückt statt Ursachen behoben werden, ist diese Perspektive wertvoll.
TCM beim Pferd ist mehr als nur eine Behandlungsmethode. Sie ist eine Einladung, anders zu denken, anders zu schauen, anders zu handeln. Eine Einladung, die es wert ist, angenommen zu werden.