Das Wichtigste in Kürze:
- Hilfszügel sind Ausrüstungsgegenstände, die zusätzlich zur normalen Zäumung eingesetzt werden, um die Haltung des Pferdes zu beeinflussen oder bestimmte Bewegungen zu begrenzen.
- Man unterscheidet grundsätzlich zwischen fest verschnallten Hilfszügeln (wie Ausbinder oder Stoßzügel) und solchen, die in der Hand geführt werden (wie Schlaufzügel).
- Jeder Hilfszügel wurde ursprünglich mit einer sinnvollen Intention entwickelt – als temporäres Hilfsmittel für spezifische Ausbildungssituationen.
- In der Praxis werden Hilfszügel jedoch häufig falsch angewendet, zu eng verschnallt oder als Dauerlösung missbraucht, was die berechtigte Kritik an ihrem Einsatz erklärt.
- Richtig eingesetzt können Hilfszügel in bestimmten Situationen unterstützen, ersetzen aber niemals eine fundierte Ausbildung und gutes Reiten.
Kaum ein Thema in der Pferdewelt polarisiert so sehr wie der Einsatz von Hilfszügeln. Für die einen sind sie unverzichtbare Ausbildungshilfen, für die anderen Werkzeuge der Unterdrückung. Die Wahrheit liegt – wie so oft – irgendwo dazwischen. Jeder einzelne Hilfszügel wurde einst aus einem guten Grund heraus entwickelt: um Pferde in bestimmten Ausbildungsphasen zu unterstützen, Korrekturen vorzunehmen oder Sicherheit zu gewährleisten. Das Problem ist nicht das Werkzeug selbst, sondern wie es verwendet wird. Falsche Verschnallung, dauerhafter Einsatz oder der Versuch, durch mechanischen Druck auszugleichen, was durch mangelndes Können oder fehlendes Training nicht erreicht wird – das sind die Gründe, warum Hilfszügel zu Recht kritisch betrachtet werden.
Um Hilfszügel sinnvoll einsetzen oder ihre Verwendung kritisch beurteilen zu können, muss man zunächst verstehen, was sie sind, wie sie wirken und welche Rolle sie in der Pferdeausbildung spielen können – und sollten.
Was sind Hilfszügel? Eine Definition
Hilfszügel sind Ausrüstungsgegenstände, die zusätzlich zur normalen Zäumung verwendet werden und die Kopf-Hals-Haltung des Pferdes beeinflussen oder bestimmte Bewegungen begrenzen sollen. Sie wirken in der Regel durch mechanischen Druck oder Begrenzung und geben dem Pferd einen äußeren Rahmen vor, der bestimmte Haltungen erleichtert oder andere erschwert bis unmöglich macht.
Der Begriff „Hilfszügel“ ist dabei etwas irreführend, denn streng genommen sind es keine Zügel im eigentlichen Sinne – also keine direkte Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul, über die feine, dosierte Signale gegeben werden können. Vielmehr sind es Hilfsmittel mit unterschiedlichen Wirkungsweisen, die je nach Typ und Verschnallung sehr unterschiedliche Effekte haben.
Die zwei Hauptkategorien: Fest verschnallt vs. in der Hand geführt
Hilfszügel lassen sich grundsätzlich in zwei große Kategorien einteilen, die sich in ihrer Wirkungsweise fundamental unterscheiden:
Fest verschnallte Hilfszügel werden vor dem Reiten oder Longieren am Pferd befestigt und bleiben während der gesamten Arbeitseinheit in einer gleichbleibenden Einstellung. Zu dieser Kategorie gehören beispielsweise Ausbinder, Dreieckszügel, Stoßzügel, Chambon oder Halsverlängerer. Sie wirken konstant und geben dem Pferd einen festen, unveränderlichen Rahmen vor. Der Vorteil: Sie sind berechenbar und können gerade beim Longieren Sicherheit geben. Der Nachteil: Sie können nicht situativ angepasst werden und laufen Gefahr, bei falscher Einstellung über längere Zeit schädlich zu wirken.
In der Hand geführte Hilfszügel werden wie normale Zügel in der Hand des Reiters gehalten und können jederzeit dosiert eingesetzt oder ganz nachgegeben werden. Hierzu zählen Schlaufzügel, Thiedemannzügel oder der Gogue in seiner Reitvariante. Sie ermöglichen theoretisch eine feinere, situative Einwirkung, erfordern aber auch deutlich mehr Können und Gefühl vom Reiter. In ungeübten Händen können sie durch ihre oft verstärkte Hebelwirkung besonders scharf und damit problematisch sein.
Eine Sonderstellung nimmt das Martingal ein, das streng genommen weniger zur Beeinflussung der Haltung dient als zur Sicherheit – es soll primär verhindern, dass das Pferd den Kopf unkontrolliert hoch reißt und dabei den Reiter verletzt.
Der ursprüngliche Sinn: Hilfszügel als temporäres Hilfsmittel
Die Entwicklung der verschiedenen Hilfszügel erfolgte aus unterschiedlichen Motivationen heraus. Einige sollten jungen oder noch nicht ausbalancierten Pferden helfen, leichter in eine Dehnung zu finden. Andere dienten der Korrektur von problematischen Angewohnheiten wie extremem Kopfschlagen oder zu starkem Anlehnen. Wieder andere wurden als Sicherheitsmittel konzipiert, um Reiter und Pferd vor Verletzungen zu schützen.
Der entscheidende Punkt ist: Alle diese Hilfsmittel waren ursprünglich als temporäre Unterstützung gedacht. Sie sollten in spezifischen Ausbildungsphasen eingesetzt werden, um dem Pferd zu helfen, eine gewünschte Haltung zu finden oder eine bestimmte Bewegungsqualität zu entwickeln. Das Ziel war stets, sie mittelfristig wieder abzulegen, sobald das Pferd gelernt hat, die gewünschte Balance und Haltung aus eigener Kraft und Motivation zu zeigen.
Ein Hilfszügel ist keine Lösung, sondern bestenfalls eine Brücke auf dem Weg zur Lösung. Er kann dem Pferd zeigen, wie sich eine bestimmte Haltung anfühlt, oder dem Reiter Zeit verschaffen, um an seinem Sitz oder seiner Hilfengebung zu arbeiten. Was ein Hilfszügel jedoch niemals kann: Die Muskulatur aufbauen, die nötig ist, um eine gesunde Haltung dauerhaft tragen zu können. Er kann keine Losgelassenheit erzeugen, keine echte Dehnungsbereitschaft und schon gar keine Durchlässigkeit im Sinne der klassischen Ausbildungsskala.
Hilfszügel und die Ausbildungsskala
Die klassische Ausbildungsskala – Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geraderichtung, Versammlung – bildet das Fundament der gymnastizierenden Pferdeausbildung. Sie beschreibt einen logischen Aufbau, bei dem jede Stufe auf der vorherigen aufbaut. Hilfszügel können in diesem System bestenfalls eine sehr begrenzte, unterstützende Rolle spielen.
In der Phase der Losgelassenheit beispielsweise können Hilfszügel wie der Dreieckszügel oder der Chambon theoretisch helfen, indem sie das Pferd zur Dehnung einladen und so die Rückenmuskulatur zum Schwingen bringen. Das funktioniert aber nur, wenn das Pferd den Hilfszügel als Einladung versteht und nicht als Zwang – was wiederum von der korrekten Verschnallung und dem gesamten Kontext (ruhige Atmosphäre, kompetente Longenführung, angemessenes Tempo) abhängt.
Bei der Anlehnung wird es bereits kritischer: Eine echte Anlehnung entsteht aus der Hinterhand heraus, wenn das Pferd mit schwingenden Rücken an das Gebiss herantritt und dort eine elastische, vertrauensvolle Verbindung zur Reiterhand sucht. Ein Hilfszügel, der mechanisch die Kopfposition begrenzt, kann diese echte Anlehnung nicht ersetzen – er kann höchstens verhindern, dass das Pferd sich extrem stark nach oben oder zur Seite entzieht, während der Reiter an seiner Einwirkung arbeitet.
Für Schwung und Versammlung sind Hilfszügel noch weniger geeignet, da diese Qualitäten echte Lastaufnahme der Hinterhand, bewusste Balance und eine hohe Durchlässigkeit erfordern – alles Dinge, die nicht durch äußere Begrenzung entstehen können, sondern nur durch systematisches, gymnastizierendes Training.
Der schmale Grat zwischen Unterstützung und Manipulation
Die entscheidende Frage bei jedem Einsatz von Hilfszügeln lautet: Unterstütze ich damit die natürliche Entwicklung des Pferdes, oder manipuliere ich nur äußerlich ein gewünschtes Bild, während ich die eigentlichen Probleme verschleiere?
Ein Beispiel: Ein junges Pferd, das beim Longieren noch unsicher ist und den Kopf hochreißt, kann durch einen korrekt verschnallten Dreieckszügel lernen, dass es angenehmer ist, sich zu dehnen und den Rücken schwingen zu lassen. Der Hilfszügel gibt hier einen Rahmen, innerhalb dessen das Pferd eine positive Erfahrung machen kann. Wird derselbe Dreieckszügel aber zu kurz verschnallt, zwingt er das Pferd in eine Position, die es muskulär noch gar nicht halten kann, führt zu Verspannungen und Frust – und damit zum Gegenteil von Losgelassenheit.
Die Grenze ist fließend und hängt von zahllosen Faktoren ab: von der Erfahrung der Person, die das Pferd longiert oder reitet, von der individuellen Konstitution und Vorgeschichte des Pferdes, vom konkreten Ausbildungsziel und nicht zuletzt von der Dauer und Intensität des Einsatzes.
Wann können Hilfszügel sinnvoll sein?
Trotz aller Kritik gibt es Situationen, in denen Hilfszügel durchaus ihre Berechtigung haben können:
- In der Longenarbeit mit jungen oder noch nicht ausbalancierten Pferden, die lernen sollen, sich zu dehnen und den Rücken zu nutzen, können Dreieckszügel oder ein Chambon hilfreich sein – vorausgesetzt, sie sind korrekt verschnallt und werden nur temporär eingesetzt.
- Bei der Korrekturarbeit mit Pferden, die starke Anlehnungsprobleme haben oder sich massiv gegen die Reiterhand wehren, können erfahrene Ausbilder mit Schlaufzügeln arbeiten, um dem Pferd neue Bewegungsmuster zu zeigen.
- Im Schulbetrieb werden oft Ausbinder eingesetzt, um unterschiedlich erfahrenen Reitern ein gewisses Maß an Sicherheit zu geben und zu verhindern, dass Schulpferde durch wechselnde, oft unausbalancierte Reiter in problematische Haltungen geraten.
- Als Sicherheitsmittel beim Springen oder im Gelände kann ein Martingal sinnvoll sein, um zu verhindern, dass das Pferd in brenzligen Situationen den Kopf hochreißt und den Reiter verletzt.
All diese Einsatzgebiete haben ihre Berechtigung – aber nur unter der Voraussetzung, dass der Hilfszügel fachkundig ausgewählt, korrekt verschnallt und als das verstanden wird, was er ist: ein temporäres Hilfsmittel, keine Dauerlösung.

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Hilfszügel sind kein Ersatz für gutes Reiten
Der wichtigste Grundsatz im Umgang mit Hilfszügeln ist vielleicht dieser: Sie können niemals ersetzen, was eigentlich durch gutes Reiten, fundierte Ausbildung und Zeit erreicht werden sollte. Ein Pferd, das dauerhaft Hilfszügel benötigt, um eine akzeptable Haltung zu zeigen, ist nicht korrekt ausgebildet – es wird lediglich in eine äußere Form gepresst, während die innere Entwicklung fehlt.
Hilfszügel können eine Brücke sein, sie können in bestimmten Momenten unterstützen, sie können – richtig eingesetzt – dem Pferd helfen, eine positive Erfahrung zu machen. Aber sie können nicht denken, nicht fühlen, nicht individuell auf das Pferd reagieren. Sie sind mechanische Hilfsmittel, die nur so gut oder schlecht sind wie die Person, die sie einsetzt.
Die Kunst liegt darin zu erkennen, wann ein Hilfszügel wirklich hilft und wann er nur ein Problem überdeckt, das eigentlich anders gelöst werden müsste. Diese Unterscheidung erfordert Erfahrung, Beobachtungsgabe und die Bereitschaft, ehrlich zu sich selbst zu sein: Verwende ich diesen Hilfszügel, weil er dem Pferd in seiner aktuellen Entwicklung wirklich nützt – oder weil ich damit ein Problem schnell unsichtbar machen kann, das eigentlich mehr Arbeit, Zeit und vielleicht auch mehr Kompetenz von mir erfordern würde?
Hilfszügel mit Sachverstand einsetzen
Hilfszügel sind weder Teufelszeug noch Wundermittel. Sie sind Werkzeuge, die je nach Einsatz nützen oder schaden können. Ihre ursprüngliche Intention war meist eine gute, und in den richtigen Händen können sie in spezifischen Situationen durchaus sinnvoll sein. Die Realität zeigt jedoch, dass sie in der Praxis oft falsch verwendet werden – zu eng, zu lange, ohne echtes Verständnis für ihre Wirkung auf Biomechanik und Psyche des Pferdes.
Wer Hilfszügel einsetzen möchte, sollte sich intensiv mit ihrer Funktionsweise, ihren Risiken und ihrer korrekten Anwendung auseinandersetzen. Noch wichtiger aber ist die Frage: Brauche ich diesen Hilfszügel wirklich, oder könnte ich das gewünschte Ziel auch ohne ihn erreichen – vielleicht nicht heute, aber mit etwas mehr Zeit, Geduld und gezieltem Training?
In den folgenden Artikeln dieser Serie werden wir die verschiedenen Hilfszügeltypen im Detail betrachten, ihre spezifischen Wirkungsweisen analysieren und sowohl ihre potenziellen Vorteile als auch ihre Risiken beleuchten. Denn nur wer versteht, wie ein Hilfszügel wirkt, kann entscheiden, ob und wie er sinnvoll eingesetzt werden kann – oder wann es besser ist, darauf zu verzichten.