Kritik, Risiken & Tierschutz: Der korrekte Umgang mit Hilfszügeln

Kritik, Risiken & Tierschutz: Der korrekte Umgang mit Hilfszügeln

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Das Wichtigste in Kürze:

  • Die drei häufigsten Fehler im Umgang mit Hilfszügeln sind: zu kurze Verschnallung, zu starre Einstellung ohne Bewegungsfreiheit und Dauergebrauch statt temporärer Einsatz.
  • Falsch eingesetzte Hilfszügel führen zu massiven biomechanischen Problemen: Das Pferd rollt sich ein, fällt auf die Vorhand, verspannt die Muskulatur und kann langfristig keine gesunde Haltung entwickeln.
  • Psychisch können Hilfszügel zu erlernter Hilflosigkeit, Resignation und dem Verlust der natürlichen Bewegungsfreude führen – das Pferd funktioniert nur noch, statt aktiv mitzuarbeiten.
  • Aus tierschutzrechtlicher Sicht sind Hilfszügel dann problematisch, wenn sie dem Pferd Schmerzen oder Leiden zufügen, seine Bewegungsfreiheit übermäßig einschränken oder über einen unangemessen langen Zeitraum eingesetzt werden.
  • Die ethische Verantwortung des Reiters oder Longenführers besteht darin, ehrlich zu prüfen, ob der Hilfszügel wirklich dem Pferd dient oder nur der eigenen Bequemlichkeit.

Hilfszügel können durchaus sinnvoll eingesetzt werden. Die Realität auf den Reitanlagen dieser Welt sieht jedoch oft anders aus: Pferde, die mit viel zu kurz verschnallten Ausbindern an der Longe laufen, Schulpferde, die ihr gesamtes Arbeitsleben mit Hilfszügeln verbringen, Reiter, die durch Schlaufzügel versuchen, mangelnde Ausbildung oder Reitfähigkeit zu kompensieren. Die berechtigte Kritik an Hilfszügeln entzündet sich nicht am Werkzeug selbst, sondern an seiner falschen, übermäßigen oder gar missbräuchlichen Verwendung.

Dieser Artikel beleuchtet die Schattenseiten des Hilfszügeleinsatzes: Was kann schiefgehen, welche Folgen hat das für das Pferd, und wo liegen die ethischen Grenzen?

Fehler Nr. 1: Zu kurze Verschnallung

Der mit Abstand häufigste und folgenreichste Fehler ist die zu kurze Verschnallung von Hilfszügeln. Was viele nicht verstehen: Die gewünschte Kopf-Hals-Position soll nicht durch mechanischen Druck erzwungen, sondern durch korrekte Arbeit und zunehmende Bemuskelung erreicht werden. Ein Hilfszügel sollte lediglich eine äußere Grenze setzen, nicht aber das Pferd permanent in eine Position drücken, die es aus eigener Kraft noch gar nicht halten kann.

Typische Szene auf der Longieranlage: Ein junges Pferd wird mit Ausbindern oder Dreieckszügeln ausgestattet, die so kurz verschnallt sind, dass es kaum noch Spielraum hat, seinen Kopf und Hals zu bewegen. Der Gedanke dahinter ist meist: „Je kürzer, desto schneller kommt das Pferd in die gewünschte Haltung.“ Das Gegenteil ist der Fall.

Ein zu kurz verschnallter Hilfszügel zwingt das Pferd in eine Position, die es biomechanisch noch nicht einnehmen kann. Es fehlt die Muskulatur, um diese Haltung aktiv zu tragen. Die Folge: Das Pferd weicht aus – nach unten, indem es sich einrollt und den Nasenrücken hinter die Senkrechte bringt, oder nach oben, indem es sich im Genick verwirft und den Unterhals herausdrückt. In beiden Fällen entsteht massive Verspannung statt der gewünschten Losgelassenheit.

Die richtige Verschnallung ist großzügig genug, um dem Pferd Bewegungsspielraum zu lassen. Der Hilfszügel sollte erst dann wirken, wenn das Pferd sich deutlich über den angestrebten Rahmen hinaus bewegt – nicht früher. Als Faustregel gilt: Wenn der Hilfszügel ständig Kontakt hat, ist er zu kurz.

Fehler Nr. 2: Zu starre Einstellung ohne Bewegungsfreiheit

Eng verwandt mit der zu kurzen Verschnallung ist die zu starre Einstellung. Pferde sind Bewegungstiere – ihr gesamter Körper ist auf fließende, elastische Bewegungen ausgelegt. Die Kopf-Hals-Position eines Pferdes ist nicht statisch, sondern verändert sich ständig je nach Gangart, Tempo, Balance und Gelände. Ein galoppierendes Pferd braucht mehr Bewegungsfreiheit nach vorne-oben als ein Pferd im Schritt, ein Pferd im Innengalopp braucht mehr Möglichkeiten zur seitlichen Biegung als im Außengalopp.

Fest verschnallte Hilfszügel, die dem Pferd keinerlei Anpassungsmöglichkeit bieten, ignorieren diese natürliche Dynamik. Sie zwingen das Pferd in ein starres Korsett, das keine individuelle Anpassung erlaubt. Das Pferd kann seinen Hals nicht mehr als Balancierstange nutzen, kann beim Stolpern oder Erschrecken nicht mehr reflexartig den Kopf heben, kann nicht mehr frei vorwärts-abwärts dehnen.

Die Folge ist ein Pferd, das sich vorsichtig, gehemmt und unsicher bewegt. Statt schwingend und losgelassen zu laufen, wird jeder Schritt zur vorsichtigen Gratwanderung. Der Rücken kann nicht frei schwingen, weil die Muskelkette von der Hinterhand über den Rücken bis zum Genick unterbrochen ist. Was von außen vielleicht „schön“ aussehen mag – ein Pferd in vermeintlich korrekter Aufrichtung – ist biomechanisch eine Katastrophe.

Fehler Nr. 3: Dauergebrauch statt temporärer Einsatz

Hilfszügel sind, wie der Name schon sagt, Hilfsmittel. Sie sollen in spezifischen Situationen unterstützen, nicht aber zum permanenten Bestandteil der Ausrüstung werden. In der Praxis sieht man jedoch häufig Pferde, die seit Jahren nie ohne Hilfszügel gearbeitet werden. Besonders in Reitschulen ist das ein verbreitetes Phänomen: Schulpferde, die ihr gesamtes Arbeitsleben mit Ausbindern verbringen, weil sie „sonst zu unruhig sind“ oder „den Kopf hochnehmen“.

Was hier passiert, ist fatal: Das Pferd lernt nie, aus eigener Kraft und eigenem Willen eine angemessene Haltung zu finden. Es entwickelt keine Selbsthaltung, keine echte Balance, keine Tragfähigkeit. Stattdessen verlässt es sich vollständig auf die äußere Begrenzung durch den Hilfszügel. Nimmt man diesen nach Jahren des Dauergebrauchs plötzlich ab, bricht das gesamte künstliche Gerüst zusammen – das Pferd hat nie gelernt, sich selbst zu tragen.

Zudem führt der Dauergebrauch zu muskulären Dysbalancen. Bestimmte Muskelgruppen werden permanent überbeansprucht, andere verkümmern mangels Nutzung. Die Halsmuskulatur kann sich nicht natürlich entwickeln, die Rückenmuskulatur kann nicht korrekt auftrainiert werden. Das Pferd sieht zwar äußerlich vielleicht akzeptabel aus, ist aber biomechanisch ein Wrack.

Die biomechanischen Folgen: Wenn der Körper leidet

Die falsche Verwendung von Hilfszügeln hat konkrete, messbare Auswirkungen auf die Biomechanik des Pferdes:

Einrollen und Hinter-die-Senkrechte-Kommen: Wenn ein Hilfszügel zu viel Druck auf das Genick ausübt, weicht das Pferd nach unten aus. Es rollt sich ein, der Nasenrücken kommt hinter die Senkrechte, der Halsansatz wird übermäßig belastet. In dieser Position kann die Muskelkette nicht funktionieren – die Hinterhand kann nicht unter den Schwerpunkt treten, der Rücken kann nicht schwingen, die Lastaufnahme der Hinterhand ist unmöglich.

Auf die Vorhand fallen: Ein eingerolltes Pferd verlagert automatisch mehr Gewicht auf die Vorhand. Statt bergauf zu arbeiten, schiebt es sich bergab. Das belastet die Vorderbeine übermäßig, führt zu Verspannungen in der Schultermuskulatur und kann langfristig zu Sehnenproblemen und Arthrosen führen.

Verkürzte Tritte und blockierter Rücken: Wenn der Hals fixiert ist, kann der Rücken nicht frei schwingen. Die Folge sind verkürzte, steife Tritte, besonders in den Hinterfüßen. Das Pferd kann nicht mehr raumgreifend vorwärts gehen, sondern trippelt vorsichtig dahin. Die Rückenmuskulatur verspannt, statt sich aufzubauen.

Falsche Muskulatur: Dauerhaft falsch eingesetzte Hilfszügel führen zum Aufbau falscher Muskulatur. Statt der erwünschten Oberlinie (Rückenmuskulatur, Halsmuskulatur) entwickelt sich eine dominante Unterlinie. Der Unterhals wird massiv, der Rücken bleibt flach und schwach. Diese Fehlentwicklung lässt sich nur schwer wieder korrigieren und begleitet das Pferd oft ein Leben lang.

Die psychischen Folgen: Wenn die Seele resigniert

Mindestens ebenso gravierend wie die körperlichen sind die psychischen Folgen des falschen Hilfszügeleinsatzes. Ein Pferd, das dauerhaft in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt wird, das auf jeden Versuch, sich natürlich zu bewegen, mit mechanischem Druck konfrontiert wird, lernt Hilflosigkeit.

Resignation: Das Pferd gibt auf. Es lernt, dass es ohnehin nichts an seiner Situation ändern kann, also fügt es sich. Es läuft mechanisch seine Runden, ohne innere Beteiligung, ohne Freude, ohne den Versuch, aktiv mitzuarbeiten. Diese erlernte Hilflosigkeit ist für Außenstehende oft schwer zu erkennen – das Pferd läuft ja scheinbar „brav“ und „ruhig“. In Wahrheit hat es nur aufgegeben.

Verlust der Bewegungsfreude: Pferde sind von Natur aus Bewegungstiere, die Freude an natürlicher, schwungvoller Bewegung haben. Ein Pferd, das dauerhaft in ein mechanisches Korsett gezwängt wird, verliert diese Freude. Es bewegt sich nur noch, weil es muss, nicht weil es will. Der innere Antrieb, die natürliche Energie erlöschen.

Vertrauensverlust: Die Arbeit mit dem Pferd sollte auf Vertrauen basieren – das Pferd vertraut darauf, dass der Mensch ihm nichts Schlechtes will, dass die Signale klar und fair sind, dass es für Mitarbeit belohnt wird. Hilfszügel, die Schmerz oder Unbehagen verursachen, zerstören dieses Vertrauen. Das Pferd lernt, dass die Arbeit mit dem Menschen unangenehm ist, dass es sich nicht auf faire Behandlung verlassen kann.

Stereotypien und Verhaltensauffälligkeiten: In extremen Fällen können dauerhaft falsch eingesetzte Hilfszügel zu Stereotypien führen. Weben, Koppen, Kopfschlagen – alles Verhaltensweisen, die aus chronischem Stress und Frustration entstehen. Das Pferd versucht, mit der psychischen Belastung umzugehen, und entwickelt Ersatzhandlungen.

Tierschutzrechtliche Aspekte: Wann wird es illegal?

In Deutschland regelt das Tierschutzgesetz den Umgang mit Pferden. §1 besagt: „Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ Und §2: „Wer ein Tier hält, betreut oder zu betreuen hat, muss das Tier seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen ernähren, pflegen und verhaltensgerecht unterbringen.“

Hilfszügel bewegen sich in einer rechtlichen Grauzone. Sie sind nicht verboten, können aber unter bestimmten Umständen einen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz darstellen:

  • Wenn sie dem Pferd nachweislich Schmerzen zufügen (zu enge Verschnallung, die zu Druckstellen oder Verletzungen führt)
  • Wenn sie über einen unangemessen langen Zeitraum eingesetzt werden (Dauergebrauch ohne vernünftigen Grund)
  • Wenn sie die Bewegungsfreiheit des Pferdes so stark einschränken, dass artgemäßes Verhalten nicht mehr möglich ist
  • Wenn sie eingesetzt werden, um mangelnde Sachkenntnis oder fehlende Ausbildung des Reiters zu kompensieren

Die „Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen unter Tierschutzgesichtspunkten“ des Bundeslandwirtschaftsministeriums nehmen zwar keine explizite Stellung zu Hilfszügeln, betonen aber generell, dass die Ausbildung und Nutzung von Pferden tierschutzkonform erfolgen muss.

In der Praxis wird hier selten eingegriffen – die Beweislast ist hoch, und was genau „angemessen“ ist, wird unterschiedlich interpretiert. Das bedeutet aber nicht, dass alles, was legal ist, auch ethisch vertretbar ist.

Mit mit vielen Hilfszügeln ohne Reiter
Es gibt immer wieder heiße Diskussionen bis wohin Hilfszügel eine Hilfe sind und ab wo sie hinterfragt oder sogar verboten gehören
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Die ethische Verantwortung: Ehrlichkeit sich selbst gegenüber

Jenseits der rechtlichen Fragen steht die ethische Verantwortung jedes Einzelnen, der mit Pferden arbeitet. Die zentrale Frage lautet: Setze ich diesen Hilfszügel ein, weil er wirklich dem Wohl des Pferdes dient – oder weil er mir das Leben leichter macht?

Ehrliche Selbstreflektion ist gefragt:

  • Brauche ich den Hilfszügel, um ein spezifisches Ausbildungsziel zu erreichen, oder nutze ich ihn, um meine eigenen Defizite zu kaschieren?
  • Ist der Einsatz temporär und gezielt, oder ist der Hilfszügel zu einem permanenten Requisit geworden?
  • Habe ich das Wissen und die Erfahrung, um diesen Hilfszügel korrekt einzusetzen, oder experimentiere ich auf Kosten des Pferdes?
  • Gibt es alternative Wege zum Ziel, die dem Pferd mehr Mitspracherecht und Eigenverantwortung lassen?

Die unbequeme Wahrheit ist: In den meisten Fällen könnten Hilfszügel durch bessere Ausbildung, mehr Zeit und mehr Sachkenntnis ersetzt werden. Ein gut ausgebildetes Pferd, das von einem kompetenten Reiter oder Longenführer gearbeitet wird, braucht keine mechanischen Hilfsmittel, um eine gesunde Haltung einzunehmen.

Wann ist ein Hilfszügel vertretbar?

Nach all dieser Kritik stellt sich die Frage: Gibt es überhaupt Situationen, in denen Hilfszügel ethisch vertretbar sind? Die Antwort lautet: Ja, aber unter sehr engen Voraussetzungen:

  • Der Einsatz ist temporär und dient einem klar definierten Ausbildungsziel
  • Die Person, die den Hilfszügel einsetzt, verfügt über fundiertes Wissen und Erfahrung
  • Die Verschnallung ist korrekt und lässt dem Pferd ausreichend Bewegungsspielraum
  • Das Pferd zeigt keine Anzeichen von Stress, Schmerz oder Resignation
  • Es gibt einen klaren Plan, wann und wie der Hilfszügel wieder abgelegt werden soll
  • Es wurden Alternativen geprüft und als weniger geeignet befunden

Wenn all diese Punkte erfüllt sind, kann ein Hilfszügel ein legitimes Ausbildungswerkzeug sein. In der Realität sind diese Voraussetzungen jedoch selten vollständig gegeben.

Fazit: Die Verantwortung liegt beim Menschen

Hilfszügel sind keine neutralen Werkzeuge – sie sind machtvolle Eingriffe in die Biomechanik und die Psyche des Pferdes. In falschen Händen oder falsch eingesetzt richten sie erheblichen Schaden an, der oft erst Jahre später sichtbar wird, wenn das Pferd chronische Probleme entwickelt oder psychisch resigniert hat.

Die Verantwortung für einen ethisch vertretbaren Umgang liegt vollständig beim Menschen. Es ist unsere Pflicht, uns ehrlich zu fragen, ob der Einsatz eines Hilfszügels wirklich nötig und sinnvoll ist, oder ob wir damit nur unsere eigenen Unzulänglichkeiten kompensieren. Es ist unsere Pflicht, uns das nötige Wissen anzueignen, bevor wir zu solchen Hilfsmitteln greifen. Und es ist unsere Pflicht, das Pferd immer als fühlendes, lernendes Lebewesen zu sehen, nicht als Objekt, das wir in eine gewünschte Form pressen können.

In den folgenden Artikeln dieser Serie werden wir die einzelnen Hilfszügeltypen im Detail betrachten. Bei jedem wird deutlich: Die Wirkung hängt nicht nur vom Werkzeug selbst ab, sondern vor allem davon, wer es wie und warum einsetzt. Die Frage ist nie nur „Welcher Hilfszügel?“, sondern immer auch „Brauche ich überhaupt einen?“

Team Sanoanimal

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