Therapeutisches Reiten und Hippotherapie – Heilsame Begegnungen auf vier Hufen

Therapeutisches Reiten und Hippotherapie – Heilsame Begegnungen auf vier Hufen

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Das Wichtigste in Kürze:

  • Hippotherapie nutzt die Bewegung des Pferdes zur körperlichen Förderung
  • Therapeutisches Reiten verbindet physische, psychische und soziale Förderung
  • Pferdegestützte Pädagogik hilft Kindern mit Ängsten, Trauma oder Verhaltensauffälligkeiten
  • Die dreidimensionale Bewegung des Pferdes wirkt auf den ganzen Körper
  • Das sanfte Wesen der Pferde ist Balsam für traumatisierte Kinderseelen
  • Qualifizierte Therapeuten und gut ausgebildete Therapiepferde sind entscheidend

Mehr als nur reiten

Pferde haben eine besondere therapeutische Wirkung. Was im Freizeitbereich intuitiv geschieht, wird in der Therapie gezielt eingesetzt. Kinder mit körperlichen Einschränkungen, geistigen Behinderungen, psychischen Belastungen oder Entwicklungsverzögerungen profitieren enorm von der Arbeit mit Pferden.

Die therapeutische Arbeit mit Pferden hat viele Gesichter. Hippotherapie, therapeutisches Reiten, heilpädagogisches Reiten, pferdegestützte Psychotherapie – all diese Begriffe beschreiben unterschiedliche Ansätze mit einem gemeinsamen Ziel: Kindern durch die Begegnung mit Pferden zu helfen.

Hippotherapie – Physiotherapie auf dem Pferderücken

Die Hippotherapie ist eine Form der Physiotherapie, bei der die Bewegung des Pferdes therapeutisch genutzt wird. Das Kind sitzt auf dem Pferd, während ein Therapeut das Pferd führt und ein zweiter Therapeut das Kind begleitet und stützt.

Die Bewegung des Pferdes im Schritt überträgt sich auf das Becken des Kindes. Pro Minute entstehen etwa 90 bis 110 dreidimensionale Schwingungen – ähnlich dem menschlichen Gang. Für Kinder, die selbst nicht oder nur eingeschränkt laufen können, ist das eine einzigartige Erfahrung. Der Körper wird bewegt, Muskeln werden aktiviert, das Gleichgewicht wird trainiert, ohne dass das Kind aktiv etwas tun muss.

Hippotherapie wird eingesetzt bei Kindern mit Cerebralparese, Muskeldystrophie oder anderen neurologischen Erkrankungen. Auch nach Unfällen oder Operationen kann die sanfte Bewegung des Pferdes helfen, Bewegungsfähigkeit zurückzugewinnen. Die Therapie findet meist ohne Sattel statt, damit die Schwingungen direkt auf den Körper übertragen werden.

Viele Kinder erleben durch die Hippotherapie Fortschritte, die auf anderen Wegen kaum möglich wären. Die Rumpfstabilität verbessert sich, die Muskulatur wird gekräftigt, Spastiken können sich lösen. Und das alles nicht auf der Behandlungsliege, sondern auf dem Rücken eines warmen, lebendigen Wesens. Die Motivation ist ungleich höher als bei klassischer Physiotherapie.

Therapeutisches Reiten – Ganzheitliche Förderung

Während die Hippotherapie vor allem körperlich wirkt, geht das therapeutische Reiten weiter. Hier werden körperliche, psychische, emotionale und soziale Aspekte miteinander verbunden. Das Kind lernt nicht nur, auf dem Pferd zu sitzen, sondern auch, mit dem Pferd zu kommunizieren, es zu führen und zu pflegen.

Therapeutisches Reiten wird angeboten für Kinder mit unterschiedlichsten Einschränkungen: Entwicklungsverzögerungen, Aufmerksamkeitsdefiziten, Lernschwierigkeiten, Autismus-Spektrum-Störungen oder emotionalen Problemen. Die Therapie wird individuell auf das Kind abgestimmt.

Ein typischer Ablauf könnte so aussehen: Das Kind begrüßt das Pferd, putzt es gemeinsam mit dem Therapeuten, führt es zum Reitplatz, macht Übungen auf dem Pferd und hilft anschließend beim Versorgen. Jeder Schritt hat therapeutische Bedeutung. Das Putzen fördert die Feinmotorik und die Körperwahrnehmung, das Führen trainiert Konzentration und Verantwortungsbewusstsein, das Reiten selbst stärkt Gleichgewicht und Selbstvertrauen.

Das Pferd gibt unmittelbares, ehrliches Feedback. Ein Kind, das zu hektisch ist, merkt, dass das Pferd nervös wird. Ein Kind, das sich klar ausdrückt, erlebt, dass das Pferd folgt. Diese Erfahrung ist besonders für Kinder wertvoll, die im Alltag oft Misserfolge erleben. Hier können sie Selbstwirksamkeit spüren.

Heilpädagogisches Reiten – Wenn Verhalten im Fokus steht

Das heilpädagogische Reiten richtet sich an Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten, emotionalen Störungen oder sozialen Schwierigkeiten. Der Schwerpunkt liegt auf der pädagogischen Arbeit, weniger auf dem reiterlichen Können.

Kinder, die Schwierigkeiten haben, Regeln einzuhalten, Grenzen zu akzeptieren oder mit Frustration umzugehen, lernen im Kontakt mit dem Pferd wichtige soziale Kompetenzen. Das Pferd akzeptiert keine Gewalt, keine Willkür, keinen Kontrollverlust. Es braucht Ruhe, Klarheit und Respekt. Kinder, die das verstehen und umsetzen, erleben einen Erfolg, der weit über den Reitplatz hinaus wirkt.

Heilpädagogisches Reiten findet oft in Kleingruppen statt. Kinder lernen, aufeinander Rücksicht zu nehmen, gemeinsam Aufgaben zu lösen und Konflikte friedlich zu klären. Das Pferd wird zum Vermittler, der hilft, soziale Regeln zu begreifen.

Pferdegestützte Therapie bei Trauma und Ängsten

Kinder, die traumatische Erfahrungen gemacht haben oder unter starken Ängsten leiden, finden in Pferden oft geduldige Begleiter. Pferdegestützte Psychotherapie arbeitet gezielt mit der Beziehung zwischen Kind und Pferd, um emotionale Wunden zu heilen.

Das Besondere an Pferden: Sie urteilen nicht, sie haben keine Erwartungen, sie sind präsent. Für traumatisierte Kinder, die oft Vertrauen verloren haben, ist diese bedingungslose Akzeptanz heilsam. Das Pferd fragt nicht nach der Vergangenheit, es nimmt das Kind an, wie es ist.

In der Therapie werden keine klassischen Reitstunden gegeben. Stattdessen arbeitet das Kind am Boden mit dem Pferd, beobachtet es, nähert sich an, baut Vertrauen auf. Manche Kinder brauchen Wochen, bis sie das Pferd berühren. Andere gehen schneller auf das Tier zu. Der Therapeut begleitet diesen Prozess einfühlsam und lässt dem Kind Zeit.

Die Arbeit mit dem Pferd kann helfen, Gefühle auszudrücken, die in Worten nicht fassbar sind. Kinder, die nicht über ihr Trauma sprechen können oder wollen, zeigen ihre Emotionen oft im Umgang mit dem Pferd. Das ermöglicht dem Therapeuten, behutsam daran anzuknüpfen.

Auch Ängste können durch Pferde bearbeitet werden. Ein Kind, das Angst vor großen Tieren hat, kann lernen, diese Angst zu überwinden. Ein Kind, das Angst vor Kontrollverlust hat, erlebt auf dem Pferd, dass Loslassen auch sicher sein kann. Diese Erfahrungen übertragen sich oft auf andere Lebensbereiche.

Voltigieren als therapeutisches Mittel

Therapeutisches Voltigieren verbindet Bewegung, Geschicklichkeit und Gruppenerlebnis. Kinder mit motorischen Schwierigkeiten, Gleichgewichtsstörungen oder geringer Körperwahrnehmung profitieren besonders.

Die Übungen auf dem sich bewegenden Pferd fordern den ganzen Körper. Gleichzeitig macht Voltigieren Spaß und nimmt den therapeutischen Charakter etwas zurück. Kinder erleben es eher als Sport denn als Therapie, was die Motivation erhöht.

Auch der soziale Aspekt ist wichtig. Voltigieren findet in Gruppen statt, Kinder feuern sich gegenseitig an, helfen beim Auf- und Absteigen, freuen sich gemeinsam über Erfolge. Für Kinder, die sich oft ausgeschlossen fühlen, ist diese Gruppenerfahrung wertvoll.

Die richtigen Therapeuten und Pferde

Therapeutisches Reiten erfordert speziell ausgebildete Fachkräfte. In Deutschland gibt es verschiedene anerkannte Ausbildungen, etwa zum Reitpädagogen, Reittherapeuten oder Hippotherapeuten. Eltern sollten darauf achten, dass der Therapeut eine qualifizierte Ausbildung hat und idealerweise auch therapeutisches oder pädagogisches Grundwissen mitbringt.

Ebenso wichtig sind die Pferde. Therapiepferde brauchen besondere Eigenschaften: Sie müssen geduldig, gelassen und zuverlässig sein. Sie dürfen nicht bei Unsicherheit oder ungewöhnliche Bewegungen des Kindes erschrecken. Viele Therapiepferde sind speziell ausgebildet und haben jahrelange Erfahrung.

Die Haltung der Pferde sollte artgerecht sein. Therapiepferde, die ständig in der Box stehen oder zu viele Einsätze haben, können nicht gut arbeiten. Eltern dürfen nachfragen, wie die Pferde leben und wie viele Therapieeinheiten sie pro Tag geben.

Kosten und Kostenübernahme

Therapeutisches Reiten ist oft teurer als regulärer Reitunterricht, da die Betreuung intensiver ist und speziell ausgebildete Fachkräfte arbeiten. Die Kosten variieren je nach Region und Anbieter.

Unter bestimmten Voraussetzungen übernehmen Krankenkassen, Jugendämter oder Eingliederungshilfe die Kosten ganz oder teilweise. Das ist aber nicht selbstverständlich und muss beantragt werden. Meist wird ein ärztliches Attest oder eine Verordnung benötigt. Eltern sollten sich vorab informieren und beraten lassen.

Auch wenn die Finanzierung manchmal schwierig ist: Für viele Kinder ist die therapeutische Arbeit mit Pferden so wertvoll, dass sich der Aufwand lohnt.

Therapeutisches Reiten ersetzt keine Medizin

So heilsam Pferde sind – sie ersetzen keine medizinische oder psychologische Behandlung. Therapeutisches Reiten ist eine Ergänzung, kein Ersatz. Kinder mit schweren Erkrankungen oder Behinderungen brauchen weiterhin ihre regulären Therapien und ärztliche Betreuung.

Aber als Baustein in einem Gesamtkonzept kann die Arbeit mit Pferden Wunder bewirken. Sie motiviert, sie macht Freude, sie gibt Hoffnung. Und manchmal sind es genau diese Faktoren, die den Unterschied machen.

Pferde heilen nicht – aber sie helfen

Pferde haben keine magischen Kräfte. Sie sind Tiere mit eigenen Bedürfnissen und Grenzen. Aber sie haben etwas, das in der Therapie unbezahlbar ist: Geduld, Präsenz und die Fähigkeit, Menschen so anzunehmen, wie sie sind.

Für Kinder mit besonderen Bedürfnissen können Pferde zu Brücken werden. Brücken zu mehr Bewegung, mehr Selbstvertrauen, mehr Lebensfreude. Und manchmal ist genau das der erste Schritt zur Heilung.

Team Sanoanimal

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