Fütterungsmythen, die deinem Pferd schaden – und was wirklich stimmt

Palomino und Australian Shepherd fressen nebeneinander aus zwei Schüsseln vom Boden

© Adobe Stock / Grubärin

Das Wichtigste in Kürze

  • Raufutter ist die Basis jeder Pferdeernährung – aber ohne Mineralfutter und Salzleckstein keine vollständige Versorgung.

  • Rübenschnitzel machen Pferde nicht muskulöser, sondern lassen sie Wasser einlagern – optisch rund, aber nicht gesund.

  • Getreide als Kraftfutter für Sportpferde ist ein Auslaufmodell: Stärke fördert Insulinresistenz und Dickdarmproblemen.

  • Schlechtes Heu lässt sich durch kein Zusatzfutter der Welt reparieren – Qualität ist nicht ersetzbar.

  • Mash wärmt nicht – die echte Wärmequelle des Pferdes ist die Faserfermentation im Dickdarm.

  • Ganzjährige Weidehaltung klingt natürlich, ist es in der Realität aber nicht: Ohne Riesenflächen sind die Wiesen schnell überweidet und machen die Pferde krank.

  • Zu wenig Heu macht Pferde nicht schlank, sondern krank – die Lösung ist die richtige Heuqualität, nicht weniger Raufutter.

  • Heulage ist nicht dasselbe wie Heu – die enthaltene Milchsäure verändert das Darmmikrobiom schleichend und kann zu Kotwasser, Hufrehe und Entgiftungsstörungen führen.

 

Mythos 1: „Raufutter allein reicht"

Heu bildet zu Recht das Fundament jeder Pferdeernährung. Aber: Raufutter ist mineralisch selten ausgewogen. Je nach Herkunft, Boden und Erntezeitpunkt fehlen wichtige Mineralstoffe und Spurenelemente – oder einzelne sind im Überschuss vorhanden, was die Aufnahme anderer blockiert. Ein hochwertiges Mineralfutter und ein Salzleckstein zur freien Aufnahme gehören deshalb zur Grundversorgung jedes Pferdes dazu. Nicht als Luxus, sondern als Notwendigkeit.

Mythos 2: „Dünnen Pferden muss man Rübenschnitzel füttern"

Rübenschnitzel gelten als klassisches Mittel, um Pferden was auf die Rippen zu füttern. Das Ergebnis sieht man tatsächlich schnell – nur leider nicht das, was man sich erhofft. Rübenschnitzel enthalten Pektine, die im Dickdarm rasch fermentiert werden. Das führt zur Ansäuerung des Darmmilieus, das Pferd nimmt vermehrt Säuren auf, und diese werden im Bindegewebe eingelagert. Der Körper reagiert mit Lympheinlagerung, um die Säuren zu verdünnen und den pH-Wert zu stabilisieren. Das Pferd wirkt optisch runder – aber was man sieht, ist Wasser, keine gesunde Muskelmasse. Wer ein dünnes Pferd aufbauen möchte, sollte lieber die Ursache suchen: Darmgesundheit, Zähne, Parasitenbelastung, Heuqualität – und gegebenenfalls einen Ernährungsberater hinzuziehen.

Mythos 3: „Sportpferde brauchen ordentlich Kraftfutter"

Jahrhundertelang haben schwer arbeitende Pferde Hafer, Gerste oder Mais bekommen – und tatsächlich liefert Getreide schnell verfügbare Energie. Was man damals nicht wusste: Die im Getreide enthaltene Stärke ist für den Pferdedarm hochproblematisch. Gelangt unverdaute Stärke in den Dickdarm, stört sie das Mikrobiom und fördert Dysbiosen, wodurch das Raufutter schlechter verwertet wird. Im Dünndarm verdaute Stärke treibt den Blutzucker und damit die Insulinausschüttung in die Höhe – mit langfristigen Folgen für den Stoffwechsel. Insulinresistenz, Hufrehe und Leistungstiefs können die Konsequenz sein. Moderne Pferdeernährung setzt bei Sportpferden auf stärkefreie, proteinhaltige und faserreiche Energiequellen – weil die Forschung inzwischen klar zeigt, dass das die bessere Wahl ist.

Mythos 4: „Mit Zusatzfutter kann man schlechte Heuqualität ausgleichen"

Das wäre schön – ist aber leider nicht so. Heu, das schimmelig, staubig oder überlagert ist, schadet dem Pferd schleichend: Es belastet die Atemwege, stört das Darmmikrobiom und setzt Mykotoxine frei. Für den schlimmsten Fall – leicht schimmeliges Heu in einer Übergangssituation – gibt es Mykotoxinbinder, die man zufüttern kann, um die Folgen kurzfristig abzumildern. Aber das ist keine Dauerlösung. Wer seinem Pferd auf Dauer schlechtes Heu oder Heulage füttert, wird es krank sehen – egal wie viele Zusatzfuttermittel in den Trog kommen. Qualität beim Grundfutter ist nicht verhandelbar und durch nichts zu ersetzen.

Mythos 5: „Mash wärmt das Pferd im Winter"

Ein warmes Mash im Winter fühlt sich fürsorglich an – und genau deshalb hält sich dieser Mythos so hartnäckig. Aber: Traditionelles Mash wirkt im Pferdekörper ähnlich wie Traubenzucker beim Menschen. Es liefert schnell Energie, die genauso schnell wieder verpufft. Moderne Mash-Produkte sind oft nichts anderes als mit Wasser aufgegossenes Müsli – mit Inhaltsstoffen, die man einem Pferd lieber weder als Mash noch als Müsli geben sollte. Und wärmen? Das tut ein Mash ganz sicher nicht, auch wenn es an unseren “Eintopf” erinnert, den wir im Winter schätzen. Der Pferdekörper erzeugt seine Wärme durch Faserfermentation im Dickdarm – ein Prozess, der stundenlang anhält und von innen wärmt. Wer sein Pferd im Winter wirklich warmhalten will, sorgt dafür, dass es rund um die Uhr Heu hat und das Mikrobiom optimal arbeiten kann.

Mythos 6: „Weide ist natürlich, also am besten ganzjährig"

Ja, Pferde sind Weidetiere. Nein, das bedeutet nicht, dass ganzjährige Weidehaltung in unseren Breiten artgerecht ist. Wildpferde nutzen riesige Flächen – wir reden von 20 Hektar und mehr pro Tier – und kehren zur selben Stelle im Schnitt nur ein- bis zweimal pro Jahr zurück. So können sich Boden und Vegetation erholen. Unsere Weiden sind deutlich kleiner, werden zu intensiv genutzt und haben keine Chance, sich zu regenerieren. Das Ergebnis: verdichteter Boden, überweidete Flächen, veränderte Pflanzengesellschaften – und innerhalb weniger Jahre ein Stall voller Pferde mit Hufproblemen, Stoffwechselstörungen und Darmerkrankungen. Die artgerechte Lösung für dicht besiedelte Gebiete heißt: im Winter Weide zu, Paddock mit Heu rund um die Uhr – und im Sommer Weidenutzung mit Bedacht und Pausen für den Boden.

Mythos 7: „Zu dicken Pferden muss man Heu rationieren"

Dieser Mythos ist nicht nur falsch, sondern kann aktiv schaden. Pferde werden nicht von Pflanzenfasern dick – sie werden dick von zu viel Zucker oder zu viel Eiweiß im Futter. Heu rationieren bedeutet: Das Pferd steht stundenlang ohne Futter, der Magen produziert trotzdem Säure, das Stresshormon Cortisol steigt – und Cortisol steigert den Blutzuckerspiegel und damit Insulinresistenz und Gewichtszunahme - ein Teufelskreis. Man tut also das Gegenteil von dem, was man möchte. Die eigentliche Frage ist nicht „wie viel Heu", sondern „welches Heu". Für leichtfuttrige Pferde sollte der Zuckergehalt unter 6% liegen, für andere maximal 10%. Der Rohproteingehalt sollte zwischen 6 und 9% liegen – liegt er darüber, setzt das Pferd Fett an. Eine Heuanalyse kostet wenig und gibt Klarheit. Damit lässt sich jedes Pferd artgerecht und ohne Hunger versorgen – ganz ohne Rationierung.

Mythos 8: „Heu oder Heulage – ist doch dasselbe"

Ist es nicht. Heulage ist fermentiertes Gras, eingewickelt in Plastik und konserviert durch Milchsäurebakterien – das Prinzip ist dasselbe wie bei der Sauerkrautherstellung. Der niedrige pH-Wert durch die entstehende Milchsäure ist kein Nebeneffekt, sondern das eigentliche Konservierungsmittel: Er verhindert, dass das eingewickelte organische Material schimmelt. Soweit die Technik. Das Problem: Mit jeder Portion Heulage füttert man gigantische Mengen Milchsäure und Milchsäurebakterien in den Verdauungstrakt. Diese siedeln sich im Laufe der Zeit im Darm an, senken dort den pH-Wert und begünstigen säureliebende Bakterien – auf Kosten der natürlichen Darmflora, die unter diesen Bedingungen still und leise stirbt. Was folgt, ist keine dramatische Akuterkrankung, sondern ein schleichendes Ungleichgewicht: Kotwasser, Hufrehe, Entgiftungsstörungen wie KPU – Probleme, bei denen viele Pferdehalter lange nicht auf die Idee kommen, die Heulage als Ursache in Betracht zu ziehen. Gutes, staubfreies Heu in passender Qualität ist und bleibt die bessere Wahl – für den Darm, den Stoffwechsel und die langfristige Gesundheit.

Team Sanoanimal

Team Sanoanimal

Wir sind ein erfahrenes Team von Therapeuten, spezialisiert auf Futterberatung und integrierte Tiertherapien für Pferde. Mit umfassender Erfahrung in der Behandlung von Stoffwechselproblemen setzen wir auf artgerechte Fütterung und naturheilkundliche Mittel, um die Gesundheit Ihres Pferdes zu verbessern. Profitieren Sie von unserem Wissen für das Wohl Ihres Pferdes.

Weitere Artikel zu dieser Kategorie

Anzeige
Suchergebnisse werden zusammengestellt...