Das Wichtigste in Kürze:
- Jede Gangart folgt einem festgelegten Bewegungsmuster – Abweichungen können auf Probleme hinweisen
- Im Schritt bewegt sich das Pferd im Viertakt mit vier einzelnen Hufschlägen
- Der Trab ist eine Zweitakt-Gangart mit diagonaler Beinbewegung und Schwebephase
- Der Galopp erfolgt im Dreitakt mit deutlicher Schwebephase
- Gangpferde wie Isländer oder Paso Peruanos beherrschen zusätzlich Tölt und Pass
- Das Verständnis der physiologischen Bewegung hilft, Lahmheiten und Taktfehler frühzeitig zu erkennen
Warum die Biomechanik der Gangarten so wichtig ist
Die Art und Weise, wie sich ein Pferd bewegt, verrät viel über seinen Gesundheitszustand und seine Ausbildung. Jede Gangart folgt einem bestimmten biomechanischen Muster, das durch die Anatomie des Pferdes vorgegeben ist. Weicht das Pferd von diesem Muster ab, zeigt es einen Taktfehler oder lahmt, ist das ein deutliches Warnsignal. Nur wer die physiologische, also die gesunde Bewegung kennt, kann Probleme rechtzeitig erkennen und reagieren.
Die Biomechanik beschreibt, wie sich der Pferdekörper bei der Fortbewegung verhält: welche Muskeln arbeiten, wie die Gelenke belastet werden, wie sich das Gewicht verteilt und wie die einzelnen Körperteile zusammenspielen. Dieses Wissen ist nicht nur für die Beurteilung der Bewegungsqualität wichtig, sondern auch für die Trainingsgestaltung. Ein Pferd, das sich biomechanisch korrekt bewegt, kann gesund altern. Ein Pferd, das dauerhaft falsche Bewegungsmuster zeigt, wird früher oder später Verschleißerscheinungen entwickeln.
Der Schritt: Energieeffizient und schonend
Der Schritt ist eine Viertakt-Gangart ohne Schwebephase. Das bedeutet, dass immer mindestens zwei Hufe gleichzeitig den Boden berühren und man vier einzelne Hufschläge hören kann. Die Reihenfolge ist beispielsweise: rechts hinten, rechts vorne, links hinten, links vorne. Diese gleichmäßige Abfolge macht den Schritt zur energiesparendsten Gangart des Pferdes.
Biomechanisch betrachtet ist der Schritt besonders interessant, weil das Pferd hier mit minimaler Muskelkraft auskommt. Wenn das Pferd den Hals senkt, wird das Nacken-Rücken-Band (NRB) gedehnt und die Wirbelsäule stabilisiert. Gleichzeitig verlagert sich der Schwerpunkt nach vorne, was die Vorwärtsbewegung erleichtert. Der lange Rückenmuskel arbeitet dabei wechselseitig: Wenn das rechte Hinterbein nach vorne schwingt, spannt sich der rechte Rückenmuskel an, während der linke entspannt.
Ein taktrein gelaufener Schritt mit deutlicher Nickbewegung des Kopfes zeigt, dass das Pferd losgelassen ist und über den Rücken geht. Verkürzte Schritte, ein hastiger oder schlurfender Schritt können hingegen auf Verspannungen, Schmerzen oder mangelnde Losgelassenheit hinweisen.
Der Trab: Schwung und Dynamik
Der Trab ist eine Zweitakt-Gangart, bei der sich die diagonalen Beinpaare gleichzeitig bewegen. Zunächst fußt beispielsweise das rechte Vorderbein gemeinsam mit dem linken Hinterbein auf, dann folgt eine kurze Schwebephase, bevor das linke Vorderbein und das rechte Hinterbein den Boden berühren. Diese diagonale Bewegung sorgt für Stabilität und Gleichgewicht.
Im Trab muss die Rumpfträgermuskulatur deutlich aktiver arbeiten als im Schritt, um den Brustkorb zwischen den Schultern zu stabilisieren. Die Schwebephase bedeutet zusätzliche Belastung für Sehnen, Bänder und Gelenke beim Auffußen. Deshalb sieht man viele Lahmheiten im Trab deutlicher als im Schritt oder Galopp. Ein gut gehendes Pferd federt diese Stöße durch eine elastische Muskulatur und geschmeidige Gelenke ab, ein Pferd mit Schmerzen nimmt eine Schonhaltung ein und das Gangbild wird “unrund”.
Die Schrittlänge im Trab sagt viel über die Qualität der Bewegung aus. Ein Pferd mit guter Hinterhandaktivität tritt deutlich unter den Schwerpunkt und zeigt einen raumgreifenden Trab mit Kadenz. Stolpert das Pferd häufig, schleift mit den Hufen oder zeigt einen unregelmäßigen Takt, können Probleme in der Hinterhand, im Rücken oder in den Vorderbeinen die Ursache sein.
Der Galopp: Die schnellste Grundgangart
Der Galopp ist eine Dreitakt-Gangart mit deutlicher Schwebephase. Im Rechtsgalopp fußt beispielsweise zuerst das linke Hinterbein auf (erster Taktschlag), dann gleichzeitig das rechte Hinterbein und das linke Vorderbein (zweiter Taktschlag), schließlich das rechte Vorderbein (dritter Taktschlag), bevor alle vier Beine kurzzeitig in der Luft sind.
Der Galopp erfordert besonders viel Kraft aus der Hinterhand und eine gute Koordination. Das innere Hinterbein muss deutlich untertreten und Last aufnehmen können, damit das Pferd ausbalanciert galoppieren kann. Gleichzeitig muss der Rücken schwingen können, um die Bewegung abzufedern. Ein Pferd, das im Galopp den Rücken festhält oder auf der Vorhand läuft, wird schnell ermüden und zeigt eine unökonomische Bewegung.
Taktfehler im Galopp sind in der Regel deutlich zu hören und zu sehen. Ein Viertakt-Galopp, bei dem das diagonale Beinpaar nicht mehr gleichzeitig auffußt, deutet oft auf Rückenprobleme oder mangelnde Versammlung hin. Auch häufiges Umspringen im Galopp oder Schwierigkeiten beim Angaloppieren auf einer Hand können auf Schiefe, Verspannungen oder Schmerzen hinweisen.
Tölt und Pass: Die besonderen Gangarten
Einige Pferderassen wie Isländer, Paso Peruanos oder American Saddlebreds beherrschen neben den drei Grundgangarten auch Tölt und Pass. Diese Gangarten sind genetisch veranlagt, müssen aber durch Training entwickelt und gefestigt werden.
Der Tölt ist eine Viertakt-Gangart wie der Schritt, aber deutlich schneller und mit Schwebephasen. Das Besondere: Der Reiter sitzt nahezu erschütterungsfrei, weil die Bewegung nicht auf und ab geht wie im Trab, sondern vorwärts fließt. Biomechanisch ist der Tölt für das Pferd anspruchsvoll, weil es eine gute Balance und Koordination erfordert. Ein korrekt getöltertes Pferd zeigt eine klare Viertakt-Fußfolge und trägt sich selbst, ohne auf die Vorhand zu fallen.
Der Pass ist eine Zweitakt-Gangart, bei der sich die lateralen Beinpaare, also die Beine einer Körperseite, gleichzeitig bewegen. Zuerst fußen rechts vorne und rechts hinten auf, dann links vorne und links hinten. Der Pass ist sehr schnell, aber auch weniger stabil als der Trab. Für Distanzreiten ist er ideal, weil das Pferd hohe Geschwindigkeiten erreichen kann, ohne zu galoppieren. Allerdings erfordert der Pass vom Reiter viel Geschick und vom Pferd eine ausgeprägte Seitenstabilität.
Viele Gangpferde neigen bei Rückenproblemen dazu, statt Trab in Pass oder Tölt zu fallen, weil diese Parallelgangarten zu weniger Rotation in der Wirbelsäule führen als der Trab. Die so genannten “Naturtölter”, die nur Tölt, aber keinen Trab zeigen, werden häufig zum “Naturtraber”, nachdem der Osteopath den Rücken gelöst und der Satterl den Sattel korrekt angepasst hat.
Was ist physiologische Bewegung?
Von physiologischer Bewegung spricht man, wenn das Pferd sich so bewegt, wie es seiner Anatomie und Biomechanik entspricht. Das bedeutet: Das Pferd zeigt einen klaren, gleichmäßigen Takt, tritt mit den Hinterbeinen deutlich unter den Schwerpunkt, lässt den Rücken schwingen und bewegt sich in Balance. Der Kopf nickt im Takt der Bewegung mit, die Muskulatur arbeitet elastisch und nicht verkrampft.
Eine physiologische Bewegung erkennt man auch daran, dass das Pferd mühelos wirkt. Es stolpert nicht, es schleift nicht mit den Hufen, es schwankt nicht mit der Hinterhand und zeigt keine Ausweichbewegungen. Die Schrittlänge ist gleichmäßig, das Pferd fußt gerade und nicht zu eng oder zu weit. Besonders wichtig: Das Pferd kann diese Bewegungsqualität auf beiden Händen gleich gut zeigen.
Abweichungen von der physiologischen Bewegung können viele Ursachen haben: Schmerzen, Verspannungen, Blockaden, einen unpassenden Sattel, falsches Reiten oder auch angeborene Exterieurmängel. Entscheidend ist, dass man diese Abweichungen erkennt und nicht als normal akzeptiert. Ein Pferd, das dauerhaft nicht physiologisch läuft, wird seine Probleme mit der Zeit verschlimmern, weil es Kompensationsmuster entwickelt, die wiederum andere Strukturen überlasten.
Die Bedeutung für Training und Gesundheit
Das Verständnis der biomechanischen Abläufe in den verschiedenen Gangarten ist die Grundlage für jedes Training. Nur wenn man weiß, wie sich ein Pferd gesund bewegen sollte, kann man beurteilen, ob das Training korrekt ist oder ob es zu Fehlbelastungen führt. Viele chronische Probleme wie Sehnenschäden, Arthrose oder Rückenprobleme entstehen durch dauerhaft falsche Bewegungsmuster.
Besonders wichtig ist es, die natürliche Bewegung des Pferdes regelmäßig zu beobachten – idealerweise auf der Weide oder in der Halle ohne Reiter. Wie bewegt sich das Pferd frei? Zeigt es flüssige, raumgreifende Bewegungen oder ist es kurztrittig und verspannt? Diese Beobachtungen geben wertvolle Hinweise darauf, ob das Pferd gesund ist oder ob es bereits Probleme gibt, die sich unter dem Reiter dann verstärken.