Grundlagen Anatomie des Pferdes: Bewegungsapparat

Grundlagen Anatomie des Pferdes: Bewegungsapparat

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Das Wichtigste in Kürze:

  • Das Pferdeskelett besteht aus etwa 205 Knochen und bildet die Grundlage für alle Bewegungen
  • Pferde besitzen kein Schlüsselbein – der Brustkorb ist nur über Muskeln mit den Vorderbeinen verbunden
  • Die Rumpfträgermuskulatur ist entscheidend dafür, dass das Pferd einen Reiter gesund tragen kann
  • Sehnen übertragen die Muskelkraft auf die Knochen, während Bänder die Gelenke stabilisieren
  • Ein grundlegendes Verständnis der Anatomie hilft dabei, Trainingsfehler zu vermeiden und die Gesundheit des Pferdes langfristig zu erhalten

Der Bewegungsapparat: Ein faszinierendes Zusammenspiel

Wer sein Pferd gesund reiten und trainieren möchte, kommt um anatomisches Grundwissen nicht herum. Der Bewegungsapparat des Pferdes ist ein komplexes System aus Knochen, Gelenken, Muskeln, Sehnen und Bändern, die perfekt aufeinander abgestimmt zusammenarbeiten müssen. Jede Bewegung, jeder Schritt und jede Lektion im Training beansprucht dieses System – und nur wenn man versteht, wie es funktioniert, kann man Überlastungen vermeiden und das Pferd langfristig gesund erhalten.

Das Skelett: Mehr als nur ein Gerüst

Das Skelett eines erwachsenen Pferdes besteht aus etwa 205 Knochen, die durch Gelenke miteinander verbunden sind. Es erfüllt mehrere wichtige Funktionen: Es gibt dem Körper Form und Stabilität, schützt lebenswichtige Organe wie Herz und Lunge und dient als Ansatzpunkt für die Muskulatur. Gleichzeitig ermöglichen die Gelenke zwischen den Knochen die Beweglichkeit, die ein Pferd für seine natürlichen Bewegungsabläufe braucht.

Die Wirbelsäule bildet das zentrale Element des Skeletts. Sie besteht aus sieben Halswirbeln, 18 (17 bis 19) Brustwirbeln, 6 (5 bis selten auch 7) Lendenwirbeln, 5 (selten 4 oder 6) miteinander verwachsenen Kreuzbeinwirbeln und 15 bis 21 Schweifwirbeln. Während die Halswirbelsäule sehr beweglich ist und dem Pferd erlaubt, seinen Kopf in alle Richtungen zu drehen, ist die Brust- und Lendenwirbelsäule deutlich stabiler und nur begrenzt beweglich. Diese Stabilität ist wichtig, damit das Pferd das Gewicht des Reiters tragen kann, ohne dass die Wirbelsäule zu sehr belastet wird.

Die Besonderheit: Pferde haben kein Schlüsselbein

Eine anatomische Besonderheit macht das Pferd zu etwas ganz Besonderem: Es besitzt kein Schlüsselbein. Während bei Menschen und vielen anderen Säugetieren das Schlüsselbein die Verbindung zwischen Schultergürtel und Brustkorb herstellt, ist beim Pferd der gesamte Brustkorb nur durch Muskulatur, Sehnen und Bänder zwischen den Schulterblättern aufgehängt. Diese Konstruktion wird auch als „Rumpfträger“ bezeichnet.

Diese besondere Anatomie hat weitreichende Konsequenzen für das Training. Der Brustkorb hängt gewissermaßen wie in einem Muskelkorsett zwischen den Vorderbeinen. Damit das Pferd einen Reiter gesund tragen kann, muss diese Muskulatur kräftig genug sein, um den Brustkorb anzuheben und zu stabilisieren. Ist die Rumpfträgermuskulatur zu schwach, sackt der Brustkorb zwischen den Schulterblättern ab – mit gravierenden Folgen für die gesamte Statik des Pferdes und seine Gesundheit.

Muskeln: Die wichtigsten Gruppen für das Training

Die Muskulatur des Pferdes lässt sich grob in drei für das Training besonders relevante Gruppen einteilen:

Die Rumpfträgermuskulatur besteht hauptsächlich aus der Bauchmuskulatur, der Brustmuskulatur und den sogenannten Widerristhebern. Diese Muskeln sind dafür verantwortlich, den Brustkorb anzuheben und zu stabilisieren. Sie müssen aktiv arbeiten, damit das Pferd seinen Rücken aufwölben und das Gewicht des Reiters gesund tragen kann. Ein gut trainierter Rumpfträger ist die Grundvoraussetzung für gesundes Reiten.

Die Rückenmuskulatur, insbesondere der lange Rückenmuskel (Musculus longissimus dorsi), der beiderseits der Wirbelsäule verläuft, ist entgegen der weit verbreiteten Annahme kein Tragemuskel, sondern ein Bewegungsmuskel. Diese Muskeln spannen sich wechselseitig an, wenn das Pferd seine Beine nach vorne führt. Sie sollten locker und elastisch arbeiten können. Wenn sie dauerhaft verspannt sind und mittragen müssen, weil die Rumpfträgermuskulatur zu schwach ist, führt das zu ernsthaften Rückenproblemen.

Die Hinterhandmuskulatur umfasst die Muskeln an Kruppe, Oberschenkel und Unterschenkel. Sie ist der Motor des Pferdes und verantwortlich für den Schub, der das Pferd nach vorne bringt. Eine gut entwickelte Hinterhandmuskulatur ermöglicht es dem Pferd, Last aufzunehmen und sich zu versammeln.

Sehnen und Bänder: Verbindung und Stabilität

Sehnen sind faserige Strukturen, die die Muskulatur mit den Knochen verbinden. Sie übertragen die Kraft, die der Muskel erzeugt, auf das Skelett und ermöglichen so die Bewegung. Sehnen sind sehr zugfest, aber auch anfällig für Überlastungen. Besonders die Beugesehnen an den Beinen sind häufig von Verletzungen betroffen, wenn Pferde zu intensiv oder falsch trainiert werden.

Bänder hingegen verbinden Knochen miteinander und stabilisieren die Gelenke. Ein besonders wichtiges Band ist das Nacken-Rücken-Band, das vom Hinterhaupt über die gesamte Wirbelsäule bis zum Kreuzbein verläuft. Es spielt eine zentrale Rolle dabei, dass das Pferd seinen Rücken aufwölben kann. Wenn das Pferd den Kopf senkt und vorwärts-abwärts geht, wird das Nackenband gedehnt und diese Spannung überträgt sich bis zum Rückenband. Dadurch stabilisiert sich die Wirbelsäule und der Rücken kann sich aufwölben – eine Voraussetzung dafür, dass das Pferd den Reiter gesund tragen kann.

Warum anatomisches Wissen im Trainingsalltag hilft

Das Verständnis dieser anatomischen Grundlagen ist kein theoretisches Fachwissen, das nur für Tierärzte oder Physiotherapeuten relevant wäre. Es hat ganz praktische Auswirkungen auf den Trainingsalltag. Wer weiß, dass die Rumpfträgermuskulatur und nicht die Rückenmuskulatur das Pferd trägt, wird sein Training anders gestalten. Wer versteht, dass das Nacken-Rücken-Band (NRB) gedehnt werden muss, damit der Rücken sich aufwölben kann, wird die Bedeutung der Dehnungshaltung erkennen. Und wer die Belastbarkeit von Sehnen und Bändern kennt, wird sein Pferd nicht überfordern.

Viele Ausbildungsfehler und Gesundheitsprobleme beim Pferd entstehen aus Unwissenheit über die anatomischen Zusammenhänge. Ein Pferd, das dauerhaft mit hohem Kopf und hohlem Rücken läuft, entwickelt zwangsläufig Probleme, weil es gegen seine Anatomie arbeitet. Ein junges Pferd, das zu früh mit zu viel Gewicht belastet wird, bevor seine Muskulatur ausreichend entwickelt ist, wird langfristig Schäden davontragen. Die Anatomie gibt klare Richtlinien vor – und wer diese kennt und respektiert, wird seinem Pferd ein langes, gesundes Leben als Reitpferd ermöglichen können.

Team Sanoanimal

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