Das Wichtigste in Kürze:
- Der Pferderücken ist von Natur aus nicht zum Tragen eines Reiters konstruiert – er muss dafür trainiert werden
- Die Rumpfträgermuskulatur (Bauch-, Brust- und Widerristheber) ist für das Tragen verantwortlich, nicht die Rückenmuskulatur
- Der Brustkorb hängt ohne Schlüsselbein nur an Muskeln zwischen den Schulterblättern und kann absinken
- Nur wenn der Rumpf angehoben wird und der Rücken sich aufwölben kann, ist das Pferd tragfähig
- Ein schwacher Rumpfträger führt zu Verspannungen, Schmerzen und langfristig zu ernsthaften Gesundheitsproblemen
Eine Konstruktion, die nicht fürs Reiten gedacht war
Die Evolution hat das Pferd nicht als Reittier vorgesehen. In der freien Natur trägt ein Pferd niemals dauerhaft Last auf seinem Rücken – höchstens kurzzeitig, wenn es sich wälzt oder durch dichtes Unterholz zwängt. Der Pferdekörper ist vielmehr für ausdauerndes Laufen in der Ebene optimiert, nicht für das Tragen von Gewicht. Diese Tatsache sollte jedem Reiter bewusst sein, denn sie erklärt, warum so viele Pferde Rückenprobleme entwickeln, wenn sie nicht korrekt ausgebildet und geritten werden.
Die gute Nachricht ist: Durch gezieltes Training kann man ein Pferd durchaus dazu befähigen, einen Reiter gesund zu tragen. Aber dafür muss man verstehen, wie das Tragesystem funktioniert und welche Muskulatur dafür zuständig ist.
Der Brustkorb hängt in einer “Muskelhängematte”
Wie den meisten Reitern bekannt, besitzen Pferde kein Schlüsselbein. Das hat weitreichende Konsequenzen für die gesamte Statik des Körpers. Der Brustkorb ist nicht fest mit den Schulterblättern verbunden, sondern hängt nur durch Muskulatur, Sehnen und Bänder zwischen den Vorderbeinen. Man kann sich das vorstellen wie einen schweren Korb, der an Seilen aufgehängt ist.
Diese Konstruktion nennt man den Rumpfträger oder auch das Tragesystem. Zur Rumpfträgermuskulatur gehören hauptsächlich die Bauchmuskulatur, die Brustmuskulatur und die sogenannten Widerristheber. Diese Muskeln müssen aktiv arbeiten, um den Brustkorb anzuheben und in Position zu halten. Sind diese Muskeln zu schwach oder arbeiten sie nicht korrekt, sackt der Brustkorb zwischen den Schultern ab.
Genau hier liegt das Problem bei vielen Reitpferden: Wenn die Rumpfträgermuskulatur nicht ausreichend trainiert ist oder das Pferd falsch geritten wird, sinkt der Brustkorb nach unten. Die Wirbelsäule wird dadurch nach unten durchgedrückt, der Rücken wird hohl und die gesamte Statik des Pferdes verändert sich. In diesem Zustand kann das Pferd das Gewicht des Reiters nicht gesund tragen.
Die Rückenmuskulatur ist kein Tragemuskel
Ein weit verbreiteter Irrtum ist die Annahme, dass die Rückenmuskulatur das Pferd trägt. Viele Reiter konzentrieren sich darauf, die Muskulatur auf dem Rücken aufzubauen, und übersehen dabei die viel wichtigere Rumpfträgermuskulatur. Tatsächlich ist der lange Rückenmuskel, der beiderseits der Wirbelsäule verläuft, ein Bewegungsmuskel und kein Tragemuskel.
Die Aufgabe der Rückenmuskulatur ist es, die Bewegung zu ermöglichen. Diese Muskeln spannen sich wechselseitig an, wenn die Beine nach vorne geführt werden. Sie sollten elastisch und geschmeidig arbeiten können, sich also rhythmisch anspannen und wieder entspannen. Wenn die Rückenmuskulatur dauerhaft verspannt ist und versucht, den Rumpf zu halten, weil die eigentlichen Tragemuskeln zu schwach sind, führt das zu massiven Problemen.
Ein verspannter Rückenmuskel kann nicht mehr locker schwingen. Das Pferd wirkt steif, zeigt Taktfehler und entwickelt mit der Zeit schmerzhafte Verhärtungen. Die Wirbelsäule wird belastet, die Bandscheiben werden gequetscht und es entstehen Entzündungen. Langfristig können solche Fehlbelastungen zu Kissing Spines, Spondylose oder anderen degenerativen Erkrankungen führen.
Wie der Rücken sich aufwölben kann
Damit das Pferd tragfähig wird, muss der Rücken sich aufwölben können. Diese Aufwölbung entsteht durch ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Strukturen. Wenn das Pferd den Kopf senkt und sich vorwärts-abwärts streckt, wird das Nackenband gedehnt. Diese Dehnung überträgt sich auf das Rückenband, das über die Dornfortsätze der Wirbel verläuft. Gleichzeitig spannt die Bauchmuskulatur an und hebt den Brustkorb von unten an.
Durch diese kombinierte Wirkung stabilisiert sich die Wirbelsäule und kann sich aufwölben wie eine Brücke. In diesem Zustand können die Wirbel die Last von oben aufnehmen und nach unten in die tragenden Strukturen ableiten. Die Dornfortsätze der Wirbel haben nun ausreichend Abstand zueinander, die Rückenmuskulatur kann locker arbeiten und das Pferd kann schwingen.
Wichtig zu verstehen ist: Diese Aufwölbung entsteht nicht durch Muskelkraft im Rücken selbst, sondern durch die Aktivität der Bauchmuskulatur und die Dehnung der Bänder. Der Rücken muss loslassen können, nicht festhalten. Ein Pferd, das mit hohem Kopf und angespanntem Unterhals läuft, kann seinen Rücken nicht aufwölben. Das Nackenband ist in dieser Position verkürzt statt gedehnt, die Wirbelsäule wird nicht stabilisiert und der Brustkorb hängt durch.
Die Hinterhand muss mitmachen
Das Tragesystem funktioniert nur, wenn auch die Hinterhand ihre Aufgabe erfüllt. Die Hinterbeine müssen aktiv unter den Schwerpunkt treten und die Last aufnehmen. Nur dann wird die Bauchmuskulatur aktiviert und der Rumpf kann sich anheben. Ein Pferd, das mit der Hinterhand nach hinten heraussteht und das Gewicht hauptsächlich auf der Vorhand trägt, kann seinen Rumpf nicht stabilisieren.
Die Verbindung zwischen Hinterhand und Rumpf erfolgt über das Becken und die Lendenwirbelsäule. Wenn das Hinterbein nach vorne schwingt und auffußt, wird die Kruppen- und Lendenmuskulatur aktiviert. Diese Aktivierung überträgt sich auf die Bauchmuskulatur. Bei einem korrekt gehenden Pferd kann man deutlich sehen, wie mit jedem Schritt der Hinterhand eine Welle durch den gesamten Körper läuft – vom Becken über den Rücken bis zum Hals.
Was passiert bei einem schwachen Tragesystem
Wenn die Rumpfträgermuskulatur nicht ausreichend entwickelt ist, beginnt ein Teufelskreis. Der Brustkorb sinkt ab, der Rücken wird hohl, die Schultermuskulatur verspannt sich, weil sie versucht, den absackenden Brustkorb zu halten. Die Rückenmuskulatur muss mittragen und verhärtet sich. Das Pferd geht nicht mehr über den Rücken, die Bewegung wird blockiert.
Äußerlich sieht man bei solchen Pferden oft typische Anzeichen: einen tiefen Widerrist, eine eingesunkene Sattellage, deutlich sichtbare Schulterblätter, eine ausgeprägte Unterhalsmuskulatur, einen „Hängebauch“ und eine verspannte Kruppe. Die Pferde wirken steif, haben Schwierigkeiten bei Übergängen und zeigen oft Unwilligkeit beim Reiten, weil jede Bewegung mit dem Reitergewicht Schmerzen verursacht.
Langfristig entwickeln sich aus einem schwachen Tragesystem ernsthafte Erkrankungen. Die permanente Fehlbelastung führt zu Veränderungen an der Wirbelsäule, zu Sehnenschäden an den Vorderbeinen (weil diese die Last tragen müssen, die eigentlich die Hinterhand tragen sollte) und zu chronischen Verspannungen. Viele Fälle von Trageerschöpfung und Kissing Spines haben ihre Ursache in einem nie richtig aufgebauten oder durch falsches Reiten zerstörten Tragesystem.
Training für ein starkes Tragesystem
Die gute Nachricht ist: Das Tragesystem kann trainiert werden. Junge Pferde müssen systematisch vorbereitet werden, bevor sie einen Reiter tragen. Auch bei älteren Pferden mit geschwächtem Rumpfträger lässt sich durch gezieltes Training eine Verbesserung erreichen, sofern noch keine irreparablen Schäden entstanden sind.
Der Schlüssel liegt in der Aktivierung der Bauchmuskulatur und der korrekten Arbeit über den Rücken. Übungen wie Rückwärtsrichten, Seitengänge, Übergänge und Stangenarbeit fordern die Rumpfträgermuskulatur. Besonders wichtig ist die Arbeit in Dehnungshaltung, bei der das Pferd lernt, sich vorwärts-abwärts zu strecken und dabei den Rücken aufzuwölben. Auch Bodenarbeit ohne Reitergewicht, beispielsweise an der Longe oder Doppellonge, ist wertvoll, um die Muskulatur aufzubauen.
Entscheidend ist, dass das Pferd nicht einfach nur bewegt wird, sondern dass es lernt, sich korrekt zu bewegen. Ein Pferd, das 20 Minuten im Leichttraben mit hohem Kopf durch die Halle gejagt wird, trainiert nicht sein Tragesystem – es entwickelt Kompensationsmuster und Verspannungen. Qualität geht hier eindeutig vor Quantität.
Die Verantwortung des Reiters
Wer versteht, dass der Pferderücken von Natur aus nicht zum Tragen gemacht ist, wird mit seinem Pferd anders umgehen. Es wird klar, dass ein junges Pferd Zeit braucht, um die nötige Muskulatur zu entwickeln, bevor es dauerhaft geritten werden kann. Es wird deutlich, dass jeder Reiter die Verantwortung hat, sein Pferd so zu reiten, dass der Rumpfträger arbeiten kann und nicht der Rücken leidet.
Das Tragesystem ist keine abstrakte anatomische Theorie, sondern die Grundlage für jedes gesunde Pferdeleben unter dem Sattel. Wer diese Zusammenhänge ignoriert und sein Pferd einfach nur benutzt, ohne auf die Biomechanik zu achten, wird früher oder später die Konsequenzen in Form von Lahmheiten, Rückenproblemen oder Verhaltensauffälligkeiten erleben. Wer hingegen sein Pferd systematisch aufbaut und ihm ermöglicht, sein Tragesystem zu entwickeln, wird einen gesunden, leistungsfähigen und langlebigen Partner haben