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Hufrehe durch Eiweiß in der Fütterung: Warum die Umstellung von Zucker und Stärke auf Protein beim Pferd für Probleme sorgen kann
© Adobe Stock / Grubärin
Das Wichtigste in Kürze
- Immer mehr Pferde werden von zucker- und stärkereicher auf proteinreiche Fütterung umgestellt – und bekommen trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, die nächste Hufrehe.
- Der Grund: Insulinausschüttung wird nicht nur durch Zucker ausgelöst. Auch Eiweiß beziehungsweise seine Bausteine, die Aminosäuren, können die Insulinausschüttung anregen.
- Beim stoffwechselgesunden Pferd ist das harmlos und gut geregelt. Bei einem Pferd mit Insulindysregulation (EMS, Cushing, Kortisonbehandlung) kann dieselbe proteinreiche Mahlzeit einen massiven Insulinpeak auslösen.
- Eine Studie fand bei EMS-Pferden eine rund neunfach stärkere Insulinantwort auf eine proteinreiche Mahlzeit als bei gesunden Pferden.
- Für den Stoffwechselpatienten zählt deshalb nicht nur der Zucker- und Stärkegehalt, sondern auch das Protein – beim gesunden Pferd ist Eiweiß dagegen nicht der Feind.
Eine Beobachtung aus dem Stall
Es ist ein gut gemeinter Reflex: Ein Pferd hat EMS, eine Insulinresistenz oder Cushing, also raus mit Zucker und Stärke aus dem Trog. Weg vom Getreide, weg von der Melasse, weg vom stärkereichen Müsli. Und weil das Pferd ja trotzdem irgendetwas fressen soll, wird stattdessen auf proteinreiche Produkte umgestellt – eiweißreiche Pellets, hochdosierte Mineralfutter mit Aminosäuren, „Muskelaufbau"-Ergänzungen.
Und dann passiert das, womit niemand gerechnet hat: Das Pferd schiebt die nächste Hufrehe. Obwohl man doch alles richtig gemacht und den Zucker konsequent gestrichen hat. In der Beratung sehen wir dieses Muster immer häufiger, und es wirkt zunächst völlig paradox. Die Erklärung liegt in einem Missverständnis darüber, was Insulin eigentlich auf den Plan ruft.
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Weiterführender Beitrag (kostenpflichtig): Die Webinaraufzeichnung GEBALLTES WISSEN #6: Sofortmaßnahmen bei akuter Hufrehe mit Dr. Christina Fritz gibt Tipps für die Akutphase, um die Wartezeit bis zum Eintreffen des Tierarztes zu überbrücken. Sie ersetzt jedoch keine tierärztliche Behandlung: Akute Hufrehe ist immer ein Notfall – ein Tierarzt sollte deshalb umgehend hinzugezogen werden. Werbung: Wenn das Pferd bereits eine Hufrehe-Vorgeschichte hat oder andere Stoffwechselauffälligkeiten zeigt, sollte nach der Abklärung durch einen Tierarzt ein kompetenter Therapeut hinzugezogen werden, um die Fütterung zu optimieren und Gefahrenquellen frühzeitig zu erkennen. In vielen Fällen hat sich der Einsatz von OKAPI HoofCool forte bewährt. |
Insulin reagiert nicht nur auf Zucker
In der Pferdewelt hat sich eine stark vereinfachte Gleichung etabliert: Zucker hoch = Insulin hoch. Das ist richtig, aber unvollständig. Denn Insulin ist nicht nur die Antwort des Körpers auf Zucker (der entweder direkt aus dem Futter stammt oder aus dem enzymatischen Abbau der Stärke im Dünndarm), sondern ganz allgemein das Signal „es kommen Nährstoffe an, verteilt sie" – und zu diesen Nährstoffen gehört auch das Eiweiß.
Protein wird im Dünndarm in seine Bausteine zerlegt, die Aminosäuren. Und ein Teil dieser Aminosäuren regt die Bauchspeicheldrüse direkt dazu an, Insulin auszuschütten. Besonders wirksam sind dabei bestimmte Aminosäuren wie Arginin, Lysin und Leucin. Sie wirken teils unmittelbar auf die insulinproduzierenden Zellen, teils über Darmhormone, die sogenannten Inkretine, die die Insulinausschüttung zusätzlich anstoßen. Beim Menschen ist das seit Jahrzehnten gut untersucht: Eine eiweißreiche Mahlzeit treibt den Insulinspiegel in die Höhe, auch ohne nennenswerten Zuckeranteil.
Beim stoffwechselgesunden Organismus ist das kein Problem, sondern normale Physiologie. Die Insulinantwort fällt moderat aus, erledigt ihre Aufgabe und klingt wieder ab. Zum Problem wird es erst dort, wo die Insulinregulation bereits gestört ist.
Was die Studien am Pferd zeigen
Genau das ist inzwischen auch beim Pferd gemessen worden. In einer Untersuchung wurde gesunden Pferden und Pferden mit EMS eine ausgesprochen proteinreiche Mahlzeit vorgesetzt. Das Ergebnis war deutlich: Schon beim gesunden Pferd stieg der Insulinspiegel an – bei den EMS-Pferden aber fiel die Insulinantwort auf dieselbe Mahlzeit rund neunmal so stark aus (Loos et al. 2019). Das stoffwechselkranke Pferd überschießt also massiv, während das gesunde die Eiweißladung problemlos wegsteckt.
Noch eindrücklicher wird es, wenn ein weiterer Faktor hinzukommt. In einer neueren Studie bekamen Pferde zusätzlich Kortison – jenes Stresshormon, das auch bei Cushing-Pferden dauerhaft erhöht ist. Unter Kortison stiegen die Insulinwerte nach einer proteinreichen Mahlzeit so stark an, dass fast alle Pferde Werte über 200 Mikroeinheiten pro Liter erreichten – ein Bereich, der klar mit erhöhtem Hufrehe-Risiko verbunden ist (Palmer et al. 2025). Hier schließt sich der Kreis: Da ein hoher Insulinpeak ein entscheidender Auslöser der stoffwechselbedingten Hufrehe sein kann, kann eine eiweißreiche Mahlzeit ein Pferd mit gestörter Insulinregulation tatsächlich in die Rehe treiben – ganz unabhängig von Zucker und Stärke. Alle grundlegenden Ursachen und Abläufe im Huf haben wir übersichtlich in unserem Factsheet Hufrehe zusammengefasst.
Nicht jede Studie hat diesen Effekt gleich stark gefunden, und die genaue Größenordnung schwankt. Unstrittig ist aber die Richtung – und sie betrifft spezifisch das insulindysregulierte Pferd, nicht das gesunde.
Warum das Frühlingsgras seit jeher in Verdacht steht
Hier lohnt ein Blick zurück. Alte Pferdeleute haben das frische, satte Frühlingsgras immer auch wegen seines hohen Eiweißgehalts als Rehe-Auslöser gefürchtet. Mit dem heutigen Wissen galt das lange als Irrtum – schließlich sei ja der hohe Zuckergehalt im jungen Gras das eigentliche Problem, nicht das Eiweiß. Das stimmt auch insofern, als dass die Gräsersorten auf unseren Weiden heute oft wesentlich höhere Zuckergehalte aufweisen als noch vor 50 Jahren und abnorm hoch werden können, wenn die Sonne genug Energie liefert, damit die Pflanzen reichlich Zucker für ihr Frühjahrswachstum bilden können.
Aber das ist auch nur ein Teil der Geschichte. Die Wahrheit liegt vermutlich zwischen Zucker und Eiweiß. Junges Frühlingsgras liefert beides im Überfluss: eine Flut rasch verfügbarer Kohlenhydrate und zugleich einen Schwall an Aminosäuren. Beide schieben den Insulinspiegel nach oben, und bei vorbelasteten Pferden addiert sich das. Das Protein allein war also vermutlich nie die ganze Geschichte – aber es ist eben auch nicht ganz unschuldig.
Doch nicht nur das saftige, grüne Gras im Frühjahr birgt Gefahren: Eine oft unterschätzte Falle sind kurze und gestresste Weiden. Mehr dazu in der Podcast-Episode #14 Können hufrehegefährdete Pferde auf die abgenagte Weide? mit Dr. Christina Fritz.
Was das für die Praxis bedeutet
Daraus folgt keine Eiweiß-Angst, sondern Augenmaß. Beim gesunden Pferd ist Protein kein Risiko – ein echter Eiweißmangel ist bei erwachsenen Pferden mit anständigem Raufutter ohnehin selten. Ein ordentlich trainiertes Sportpferd oder eines, das nach längerer Krankheit wieder aufgepäppelt wird, darf auch moderat mehr Eiweiß in seiner Ration haben. Wer aber ein Pferd hat mit Insulinresistenz oder mit Symptomen, die Richtung EMS oder Cushing gehen, sollte nicht nur auf Zucker und Stärke schauen, sondern das Protein der Gesamtration (Weide, Heu und Futterschüssel) mit im Blick behalten.
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Werbung: Soll Eiweiß in der Ration ergänzt werden, eignen sich dafür OKAPI Esparsette Cobs, OKAPI Fix & Fertig Esparsette Pellets (ohne einweichen) oder OKAPI Fix & Fertig Luzerne Pellets. Alternativ kann das Protein im Grundfutter durch essentielle Aminosäuren (z.B. OKAPI Lymeth) qualitativ aufgewertet werden, ohne das Gesamteiweiß zu erhöhen. |
Konkret heißt das: Bei der Umstellung eines stoffwechselkranken Pferdes nicht reflexhaft von „zuckerreich" auf „eiweißreich" wechseln. Die Begeisterung der Marketingabteilungen für “High Protein” Produkte ist für diese Pferde mit Vorsicht zu behandeln. Das gilt vor allem für isolierte Eiweißquellen wie Erbsenprotein, die aktuell gerne als schnelle Lösung vermarktet werden. Warum genau Erbsenprotein bei stoffwechselempfindlichen Pferden problematisch sein kann und wie es im Futtertrog wirkt, erklären wir ausführlich in unserem Artikel Erbsenprotein in der Pferdefütterung – Wenn Beobachtungen aus der Praxis Fragen aufwerfen.
Die Basis der Ration bleibt passendes Raufutter in guter Qualität; eiweißreiche Zusätze gehören nur dann in den Trog, wenn ein echter, begründeter Bedarf besteht – und auch dann bedacht dosiert.
Und wie so oft gilt: Die Praxis hat das Muster früher gesehen, als die Studienlage es sauber belegen konnte. Dass das insulindysregulierte Pferd auf hohe Eiweißgehalte in der Ration mit einem Insulinpeak reagieren kann, ist heute messbar – aber das Unbehagen vieler erfahrener Ernährungsberater gegenüber dem „Eiweißmästen" der Pferde war schon vorher berechtigt.
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Weiterführender Beitrag (kostenpflichtig): Hufrehe entsteht nicht über Nacht und ist selten ein reines „Zuckerproblem“. Wer die komplexen Fütterungs- und Stoffwechselzusammenhänge versteht, kann Warnsignale frühzeitig erkennen und gezielt gegensteuern. In unserem Onlineseminar: Hufrehe beim Pferd geht Dr. Christina Fritz den Ursachen auf den Grund, räumt mit Mythen auf und erklärt praxisnah, worauf es bei artgerechter Fütterung und ganzheitlichem Management ankommt, um Reheschüben nachhaltig vorzubeugen. |
Quellen
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Loos, C. M. M., Dorsch, S. C., Elzinga, S. E., Brewster-Barnes, T., Vanzant, E. S., Adams, A. A., & Urschel, K. L. (2019). A high protein meal affects plasma insulin concentrations and amino acid metabolism in horses with equine metabolic syndrome. The Veterinary Journal, 251, 105341. https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S1090023319300760
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Palmer, A. L. et al. (2025). Corticosteroid administration enhances the glycemic, insulinemic, and incretin responses to a high-protein mixed meal in adult horses. Journal of Veterinary Internal Medicine, 39(2), jvim17305. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11891927/
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Yanagisawa, Y. (2023). How dietary amino acids and high protein diets influence insulin secretion. Physiological Reports, 11(2), e15577. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9875820/
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Newsholme, P., Bender, K., Kiely, A., & Brennan, L. (2007). Amino acid metabolism, insulin secretion and diabetes. Biochemical Society Transactions, 35(5), 1180-1186. https://portlandpress.com/biochemsoctrans/article-abstract/35/5/1180/85658/Amino-acid-metabolism-insulin-secretion-and