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Artikel lesenEMS, MIM, Hufrehe: Kohlenhydrate im Futter verstehen
© Adobe Stock / Annabell Gsödl
Das Wichtigste in Kürze:
- Kohlenhydrate sind nicht gleich Kohlenhydrate: Je nach Typ wirken sie völlig unterschiedlich auf Blutzucker, Darm und Stoffwechsel.
- Zucker und Stärke treiben den Blutzucker hoch – das ist das zentrale Problem bei EMS und Insulindysregulation.
- Fruktane, Inulin und Stachyose werden im Blinddarm rapide fermentiert – das kann eine Caecum-Azidose und Hufrehe auslösen.
- Pektine fermentieren ebenfalls sehr schnell im Blinddarm – auch hier droht bei großen Mengen eine Dysbiose.
- Cellulose ist die einzige Faser, die langsam und kontrolliert fermentiert wird und dabei gesunde flüchtige Fettsäuren liefert.
- Lignin ist fast unverdaulich: Pferde, die hauptsächlich Stroh fressen, verhungern buchstäblich bei vollem Magen.
- Viele „dicke Pferde" haben kein echtes EMS, sondern ein Pseudo-EMS – aber auch für sie sind Kohlenhydrate der entscheidende Hebel.
Warum Kohlenhydrate so ein großes Thema sind
Kaum ein Thema wird in der Pferdefütterung so oft falsch verstanden wie Kohlenhydrate. Die gängige Vereinfachung lautet: „Wenig Zucker = gut, viel Ballaststoff = gut." Das stimmt – aber nur grob. Denn nicht jeder Zucker ist gleich problematisch, nicht jede Faser ist gleich unbedenklich, und die Wirkung hängt entscheidend davon ab, wo im Verdauungstrakt ein Kohlenhydrat verarbeitet wird.
Für Pferde mit EMS, Pseudo-EMS, Hufrehe-Vorgeschichte oder Muskelstoffwechselstörungen wie MIM / PSSM ist dieses Wissen kein Nice-to-have – es ist Grundlage jeder sinnvollen Fütterungsentscheidung.
Die Kohlenhydrat-Typen und was sie im Pferd auslösen
Zucker und Stärke → Blutzucker steigt
Einfachzucker (Glukose, Fruktose, Saccharose) und Stärke aus Getreide werden im Dünndarm verdaut und direkt ins Blut aufgenommen. Der Blutzuckerspiegel steigt – die Bauchspeicheldrüse schüttet Insulin aus. Bei Pferden mit Insulindysregulation reagieren die Zellen aber nicht mehr ausreichend auf dieses Signal: Der Blutzucker bleibt erhöht, die Bauchspeicheldrüse produziert immer mehr Insulin – ein Teufelskreis, der langfristig zu Übergewicht und / oder Hufrehe führen kann.
Wichtig zu wissen ist auch: Stärke hat eine begrenzte Kapazität zur Verdauung im Dünndarm. Was dort nicht verarbeitet wird, wandert weiter in den Blinddarm – mit denselben Folgen wie bei anderen nicht-dünndarmverdaulichen Polysaccharien wie Fruktanen.
Besonders relevant für: Pferde mit Insulindysregulation, Hufrehe-Vorgeschichte, MIM/PSSM-Spektrum, Übergewicht als EMS oder Pseudo-EMS.
Wo sie vorkommen: Getreide (Mais, Weizen, Gerste, Hafer)..., Müslis und andere Kraftfutter, auch als versteckte Zucker in getreidefreien Mischfuttern, Saftfutter (Äpfel, Möhren in größeren Mengen), frisches Weidegras, Heu von Leistungswiesen.
Fruktane, Inulin, Stachyose → rapide Blinddarm-Fermentation
Diese Kohlenhydrate kann das Pferd enzymatisch überhaupt nicht verdauen – sie gelangen unverdaut in den Blinddarm (Caecum). Dort werden sie von den Mikroorganismen extrem schnell fermentiert. Das Problem: Dabei entstehen große Mengen organischer Säuren, der pH-Wert im Blinddarm fällt rapide – es entsteht eine Caecum-Azidose. Säurebildende Bakterien verdrängen die nützlichen Dickdarmbewohner, die Darmwand entzündet sich und wird durchlässig, Endotoxine gelangen ins Blut. Das Ergebnis: Dysbiosen, systemische Entzündungen – und bei entsprechender Veranlagung: Hufrehe.
Fruktane gelten als ein Hauptauslöser der Weidehufrehre im Herbst und Winter. Ihr Gehalt im Gras schwankt stark – besonders hoch ist er nach sonnigen Tagen und kalten Nächten sowie und bei Trockenstress.
Besonders relevant für: Alle Pferde – nicht nur Risikopferde.
Wo sie vorkommen: Fruktan in frischem Weidegras (saisonal und tagesrhythmisch stark schwankend), in deutlich geringeren Mengen auch in Heu; Inulin in vielen Wurzeln wie Topinambur oder Zichorie und Stachyose in Sojabohnen.
Pektine → ebenfalls schnelle Fermentation im Blinddarm
Pektine werden oft als „gute Faser" bezeichnet – aber das stimmt nur bedingt. Sie fermentieren im Blinddarm zwar etwas langsamer als Fruktane, aber immer noch deutlich schneller als Cellulose. Bei großen Mengen kann auch das zu Fehlgärungen, rapider pH-Wert Absenkung und Dysbiosen führen, mit allen Folgen, die wir auch bei Fruktan oder Stachyose sehen.
Besonders relevant für: Alle Pferde – vor allem für solche, die Rübenschnitzel als Raufutterersatz bekommen.
Wo sie vorkommen: Rübenschnitzel (auch unmelassiert!), junges Gras, zweiter oder dritter Schnitt Heu, Äpfel, Möhren.
Cellulose, Hemicellulose → langsame Fermentation = gesunde Energie
Cellulose und Hemicellulose sind die wichtigsten Energiequellen des Pferdes – und sie funktionieren genau so, wie es der Verdauungstrakt des Pferdes über Jahrmillionen gelernt hat. Im Dickdarm werden sie durch spezialisierte Mikroorganismen langsam und kontrolliert fermentiert. Dabei entstehen flüchtige Fettsäuren (vor allem Acetat, Propionat, Butyrat) – der eigentliche Hauptenergielieferant des Pferdes. Kein Blutzuckeranstieg, kein Insulinschub, keine Dysbiose- oder Azidosegefahr im Dickdarm.
Das ist der Grund, warum gutes Heu die Basis jeder artgerechten Fütterung ist – und warum Kraftfutter diese Basis nicht ersetzen kann.
Besonders relevant für: Alle Pferde.
Wo sie vorkommt: Gutes Heu, faserreiches Gras (nicht zu jung!), Stroh (in Maßen).
Lignin → unverdaulich: Sattmacher ohne Energie
Lignin ist die „Verholzung" der Pflanzenfaser. Es kann weder enzymatisch noch mikrobiell effizient im Darm des Pferdes abgebaut werden – der Körper bekommt daraus also praktisch keine Energie. Das bedeutet: Ein Pferd, das hauptsächlich Stroh statt Heu bekommt, hat zwar den ganzen Tag etwas im Magen – aber es “verhungert” trotzdem, weil die Energiezufuhr nicht stimmt. Stroh eignet sich daher nur als ergänzender Sattmacher für Pferde, die kalorisch wirklich sehr niedrig eingestellt werden müssen – und auch dann nur in Kombination mit gutem Heu und einer sorgfältig angepassten Mineralversorgung.
Wo es vorkommt: Stroh, überständiges Heu, Äste, Zweige, Baumstämme, Stallbauten.
Wer muss worauf achten?
Pferde mit MIM / PSSM-Spektrum
Für diese Pferde steht der Blutzucker im Vordergrund: Zucker und Stärke sind das zentrale Problem. Die Muskulatur hat ein Problem mit Energie aus Glukose – sie braucht stattdessen flüchtige Fettsäuren aus der Celluloseverdauung. Kraftfutter und Getreide haben hier nichts verloren, auch beim Heu und Weidegras muss unbedingt auf den Zuckergehalt geachtet werden.
Pferde Insulindysregulation
Zucker und Stärke sind auch hier das Hauptproblem – wegen der direkten Wirkung auf den Blutzucker und den Insulinhaushalt. Aber auch Fruktane und Pektine in großen Mengen sind relevant, weil eine gestörte Darmflora die Insulindysregulation zusätzlich befeuert.
Pferde mit EMS oder Pseudo-EMS
Viele übergewichtige Pferde, die mit dem Etikett „EMS" versehen werden, haben in Wirklichkeit ein Pseudo-EMS – also übermäßige Lympheinlagerungen. Dickdarm-Dysbiosen, KPU, hormonelle Dysbalancen oder auch Insulinresistenz kommen als mögliche Ursachen in Frage. Pferde mit EMS hingegen leiden unter übermäßigen Fetteinlagerungen. Diese gehen auf eine zu hohe Energiezufuhr zurück, daher muss man auch hier Stärke und Zucker, aber auch den Proteingehalt der Ration genauer anschauen. EMS-Kandidaten können zeitgleich auch eine Insulinresistenz haben, wobei sich beide Krankheitsbilder gegenseitig verstärken können.
Bei Pferden mit EMS oder Pseudo-EMS gilt wie für alle Pferde: die Energie muss aus den flüchtigen Fettsäuren der Cellulose- und Hemicellulose-Fermentation im Dickdarm kommen. Alle anderen Kohlenhydrate sind problematisch.
Pferde mit Hufrehe-Vorgeschichte
Sowohl der Blutzucker-Weg (Zucker/Stärke → Insulindysregulation → Lamellenischämie) als auch der weg über Dickdarm-Störungen (Fruktane/Inulin/Stachyose/Pektine → Caecum-Azidose → Endotoxine → Entzündung) können eine Hufrehe auslösen. Beide Wege müssen gleichzeitig im Blick behalten werden.
Futtermittel im Überblick
|
Futtermittel |
Dominanter Kohlenhydrat- |
Bewertung |
|
Gutes Heu (Analyse!) |
Cellulose |
✅ Basis der Fütterung |
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Stroh |
Lignin |
⚠️ Nur als Sattmacher, nie als Hauptfutter |
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Rübenschnitzel (unmelassiert) |
Pektine |
⚠️ bis ❌ besser nicht füttern, besonders bei Dysbiose-Neigung |
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Weidegras (jung, stressiert) |
Fruktane, Zucker |
⚠️ bis ❌Tageszeit und Saison beachten, Risikopferde streng kontrollieren |
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Heu mit hohem Zucker oder NSC |
Zucker, (Fruktane) |
⚠️ Heu analysieren lassen! Bei hohen Zuckerwerten anderes Heu besorgen oder Zucker auswaschen. |
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Getreide (Hafer, Mais, Weizen, Gerste) |
Stärke (hoch) |
❌ Für alle Risiko- und Stoffwechselpferde ungeeignet |
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Müsli / Kraftfutter / Mischfutter |
Stärke + Zucker |
❌ Nicht geeignet |
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Rübenschnitzel (melassiert) |
Pektine + Zucker |
❌ Pektin- und Zuckeranteil zu hoch |
Was bedeutet das in der Praxis?
Heu analysieren lassen. Der Zucker- und Fruktangehalt im Heu schwankt erheblich – je nach Schnittzeitpunkt, Witterung und Lagerung. Eine Analyse ist für Risikopferde keine Kür, sondern Pflicht. Zielwert: Zucker immer unter 10 % in der Trockenmasse, optimal unter 6%.
Getreide, Müsli und sonstiges Kraftfutter streichen. Ohne Ausnahme, auch nicht „nur eine Handvoll".
Rübenschnitzel sind problemtaisch. Auch unmelassierte Rübenschnitzel enthalten in hohem Maß Pektine, die schnell fermentieren. Daher sollte man lieber darauf verzichten, um Dysbiosen zu vermeiden.
Stroh richtig einsetzen. Als ergänzender Sattmacher für adipöse (EMS) Pferde sinnvoll – aber nie als Hauptfutter, nie statt Heu, und immer mit angepasster Protein- und Mineralversorgung.
Weide mit Köpfchen. Fruktangehalte sind morgens und nach Kälte-Sonne-Perioden am höchsten. Zuckergehalte können an Sonnentage gefährlich hoch steigen. Risikopferde lieber erst ab Mittag auf die Weide, mit Fressbremse – oder gar nicht.
Nicht alle Kohlenhydrate sind gleich – und das kann deinem Pferd das Leben retten
Wer Kohlenhydrate beim Pferd wirklich versteht, hört auf, nur auf Zahlen auf dem Futtersack zu schauen. Entscheidend ist, wo im Verdauungstrakt ein Kohlenhydrat verwertet wird, wie schnell es dort verarbeitet wird – und ob der Körper des Pferdes damit umgehen kann. Für Pferde mit EMS, Pseudo-EMS, Hufrehe-Vorgeschichte oder Muskelstoffwechselstörungen wie MIM oder PSSM ist das keine Kleinigkeit. Es ist der Unterschied zwischen krank und gesund.