Trageerschöpfung beim Pferd: Erkennen, verstehen, behandeln

© Adobe Stock / Talitha

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Das Wichtigste in Kürze:

  • Trageerschöpfung entsteht, wenn die Rumpfträgermuskulatur überlastet ist und der Brustkorb absinkt
  • Typische Zeichen: eingesunkene Sattellage, hervorstehender Widerrist, ausgeprägte Unterhalsmuskulatur, verspannte Schultern
  • Ursachen sind vielfältig: falsches Training, unpassender Sattel, zu frühes Anreiten, mangelnde Gymnastizierung
  • Die Behandlung erfordert konsequente Reitpause oder Training ohne Reiter und systematischen Muskelaufbau
  • Ohne Therapie verschlimmert sich der Zustand und führt zu irreversiblen Schäden

 

Ein häufiges und oft übersehenes Problem

Trageerschöpfung ist ein Begriff, der erst in den letzten Jahren vermehrt Aufmerksamkeit bekommen hat, obwohl das Problem selbst so alt ist wie das Reiten. Immer mehr Pferde zeigen Symptome einer erschöpften Rumpfträgermuskulatur – doch viele Besitzer erkennen die Anzeichen nicht oder halten sie für normal. „So ist mein Pferd eben gebaut“ oder „Das ist rassetypisch“ sind häufige Fehleinschätzungen, wenn eigentlich eine Trageerschöpfung vorliegt.

Der Begriff wurde maßgeblich von der Pferdeosteopathin Tanja Richter geprägt, die in ihrer Praxis immer wieder auf Pferde mit ähnlichen Symptomen stieß: Der Brustkorb war zwischen den Schultern abgesunken, die Rückenmuskulatur verspannt, die tragende Muskulatur erschöpft. Diese Pferde konnten das Gewicht des Reiters nicht mehr gesund tragen – sie waren trageerschöpft.

Das Tragische daran ist, dass viele dieser Pferde trotz ihrer Probleme weiter geritten werden. Sie funktionieren noch irgendwie, zeigen vielleicht Rittigkeitsprobleme oder kleinere Lahmheiten, aber der Zusammenhang zur Trageerschöpfung wird nicht erkannt. Dabei ist die Trageerschöpfung nicht nur ein kosmetisches Problem, sondern ein ernsthafter Gesundheitszustand, der unbehandelt zu permanenten Schäden führt.

Symptome und Ursachen

Die Symptome einer Trageerschöpfung sind recht charakteristisch, wenn man weiß, worauf man achten muss. Das auffälligste Zeichen ist der abgesunkene Brustkorb. Der Rumpf hängt zwischen den Schulterblättern durch, die Sattellage ist eingesunken. Der Widerrist erscheint dadurch übermäßig prominent – er steht heraus, nicht weil er besonders hoch wäre, sondern weil die umliegende Muskulatur fehlt.

Typischerweise fehlt die Muskulatur vor dem Widerrist. Die sogenannten „Löcher“ beiderseits des Widerrists, wo eigentlich der Trapezmuskel sitzen sollte, sind deutlich sichtbar. Stattdessen ist die Schultermuskulatur außergewöhnlich ausgeprägt – nicht weil das Pferd dort trainiert wäre, sondern weil diese Muskeln permanent arbeiten müssen, um den absinkenden Brustkorb zu halten.

Die Unterhalsmuskulatur ist oft hart und bullig entwickelt, während die Oberhalsmuskulatur schwach ist. Das Pferd zeigt die typische „umgekehrte“ Halsung. Der Bauch hängt durch – der sogenannte Hängebauch. Die Kruppe wirkt verspannt und fest, die Lendenmuskulatur ist verhärtet. Oft steht auch das Brustbein deutlich hervor.

Die Ursachen für eine Trageerschöpfung sind vielfältig und meist eine Kombination mehrerer Faktoren. Falsches Training steht an erster Stelle: Pferde, die nie gelernt haben, über den Rücken zu gehen, die ständig mit hohem Kopf und hohlem Rücken geritten werden, entwickeln keine funktionierende Rumpfträgermuskulatur. Die Rückenmuskulatur muss mittragen, verspannt sich dauerhaft, und der Brustkorb sinkt ab.

Ein unpassender Sattel, der auf Reflexzonen drückt und das Pferd dazu bringt, den Rücken wegzudrücken, trägt massiv zur Entstehung einer Trageerschöpfung bei. Auch zu frühes Anreiten, bevor die Muskulatur ausreichend entwickelt ist, kann den Grundstein legen. Ein dreijähriges Pferd, das bereits dauerhaft geritten wird, hat oft noch nicht die körperlichen Voraussetzungen, um einen Reiter gesund zu tragen.

Mangelnde Losgelassenheit, fehlende Dehnungsphase im Training, zu hohe oder zu lange Belastung, zu wenig freie Bewegung durch Boxenhaltung – all das sind begünstigende Faktoren. Auch ein nicht ausbalancierter oder zu schwerer Reiter kann zur Überlastung beitragen. Und manchmal spielen auch gesundheitliche Probleme eine Rolle: Magengeschwüre, chronische Schmerzen, alte Verletzungen können dazu führen, dass das Pferd Schonhaltungen einnimmt, die langfristig zur Trageerschöpfung führen.

Was im Körper passiert

Biomechanisch betrachtet ist die Trageerschöpfung das Resultat eines erschöpften und dysfunktionalen Rumpfträgersystems. Wie bereits in früheren Artikeln beschrieben, hängt der Brustkorb des Pferdes nur an Muskulatur zwischen den Schulterblättern. Diese Rumpfträgermuskulatur – hauptsächlich Bauch-, Brust- und Widerristhebermuskeln – muss den Brustkorb aktiv anheben und stabilisieren.

Wenn diese Muskulatur nicht richtig arbeitet oder überfordert ist, sackt der Brustkorb nach unten. Die Schwerkraft zieht ihn zwischen die Schultern. Die Schultermuskulatur verspannt sich, weil sie versucht, das Absinken aufzuhalten. Gleichzeitig kann die Rückenmuskulatur nicht mehr locker arbeiten, sondern muss mittragen – eine Aufgabe, für die sie nicht gemacht ist.

Die Wirbelsäule wird nach unten durchgedrückt. Die Dornfortsätze kommen sich näher, die Wirbelgelenke werden komprimiert. Der Rücken kann nicht mehr schwingen, die Bewegung ist blockiert. Das Pferd geht nicht über den Rücken, sondern bewegt sich steif und unelastisch. Die Hinterhand kann nicht richtig untertreten, weil das Becken nicht richtig kippt und die Lendenwirbelsäule blockiert ist.

Das Pferd versucht verzweifelt, diese Situation zu kompensieren. Die Kruppe versucht, den Rücken von hinten anzuheben, was zu Verspannungen in der Kruppenmuskulatur führt. Die Lendenwirbelsäule versucht sich zu runden, um den Brustkorb anzuheben, was zu Überlastung der Lendenwirbel führt. Die Halsmuskulatur spannt an, um über Zugspannung am Nackenband den Rücken zu stabilisieren, was zu verhärtetem Unterhals führt.

All diese Kompensationen kosten enorm viel Energie, sind aber nicht effektiv. Das Pferd ist in einem permanenten Zustand der Anspannung gefangen. Es kann nicht mehr loslassen, nicht mehr entspannen, nicht mehr locker schwingen. Jede Bewegung wird zur Anstrengung, jede Trainingseinheit zur Qual.

Langfristige Folgen ohne Behandlung

Wird eine Trageerschöpfung nicht behandelt, verschlimmert sich der Zustand kontinuierlich. Die Muskulatur, die eigentlich tragen sollte, baut immer weiter ab. Die Muskulatur, die kompensatorisch arbeitet, verhärtet sich immer mehr. Der Brustkorb sinkt weiter ab, die Wirbelsäule wird stärker belastet.

Langfristig entstehen strukturelle Schäden. Die Wirbelgelenke entwickeln Arthrose durch die chronische Fehlbelastung. Die Dornfortsätze kommen sich so nahe, dass sie sich berühren – Kissing Spines entstehen. Die Bänder und Sehnen werden überlastet und entzünden sich. Die Nerven, die zwischen den Wirbeln austreten, werden komprimiert, was zu Schmerzen und sogar zu Lähmungserscheinungen führen kann.

Auch die Vorderbeine leiden. Weil der Brustkorb zwischen den Schultern hängt, wird die Vorhand überlastet. Die Pferde laufen stark vorhandlastig, was zu vermehrtem Verschleiß der Gelenke, Sehnen und Hufe führt. Hufrolleprobleme, Sehnenschäden, Arthrose in den Vorderbeinen – das alles sind häufige Folgeerkrankungen einer Trageerschöpfung.

Selbst innere Organe können betroffen sein. Wenn der Brustkorb absinkt, haben Lunge und Herz weniger Raum. Die Atmung kann beeinträchtigt sein, manche Pferde entwickeln chronischen Husten. Auch die Verdauungsorgane können in ihrer Funktion gestört sein, wenn der Bauchraum durch den hängenden Brustkorb eingeengt wird.


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Trainingsaufbau für betroffene Pferde

Die Behandlung einer Trageerschöpfung ist ein langer Prozess, der Geduld und Konsequenz erfordert. Das Wichtigste ist zunächst die Entlastung. Ein trageerschöpftes Pferd sollte zunächst nicht mehr geritten werden – oder nur sehr wenig und sehr korrekt. Das Reitergewicht würde die Situation nur weiter verschlimmern.

Stattdessen beginnt man mit der Arbeit vom Boden. Physiotherapie und Osteopathie helfen, die verspannten Muskeln zu lockern und Blockaden zu lösen. Danach folgt gezieltes Training ohne Reitergewicht: Arbeit an der Hand, Longenarbeit, Doppellongenarbeit. Das Ziel ist, die Rumpfträgermuskulatur aufzubauen und dem Pferd beizubringen, sich korrekt zu bewegen.

Wichtig sind Übungen, die die Bauchmuskulatur aktivieren. Rückwärtsrichten ist eine der besten Übungen dafür, denn dabei muss die Bauchmuskulatur kräftig arbeiten. Auch die „Rücken aufwölben“-Übung, bei der man mit den Fingern sanft am Bauch entlangfährt und das Pferd reflexartig den Rücken aufwölbt, ist hilfreich.

Stangenarbeit im Schritt an der Hand oder an der Longe fordern das Pferd, die Beine höher zu heben und den Rücken zu aktivieren. Bergaufarbeit – wenn verfügbar – kräftigt die Hinterhand und aktiviert automatisch die Bauchmuskulatur. Auch Arbeit auf verschiedenen Untergründen und kleine Übungen zum Balance-Training sind sinnvoll.

Die Arbeit an der Longe muss korrekt sein. Das Pferd soll nicht einfach nur im Kreis laufen, sondern lernen, sich zu dehnen, den Rücken aufzuwölben und in Balance zu gehen. Eine gute Anleitung – beispielsweise durch einen Trainer, der sich mit Biomechanik auskennt – ist hier wertvoll.

Wenn das Pferd nach Wochen oder Monaten wieder so weit ist, dass der Rumpf sich angehoben hat und die Muskulatur erste Fortschritte zeigt, kann man langsam wieder mit leichtem Reiten beginnen. Zunächst nur kurze Einheiten, nur in Dehnungshaltung, nur im Schritt und leichtem Trab. Der Fokus liegt darauf, dass das Pferd lernt, auch mit Reitergewicht seinen Rumpf zu tragen und über den Rücken zu gehen.

Der Sattel muss natürlich passen. Oft ist es nötig, nach dem Muskelaufbau den Sattel neu anpassen zu lassen, weil sich die Rückenform verändert hat. Auch der Reiter muss mitarbeiten: Ein ausbalancierter, leichter Sitz ist essentiell. Ein Reiter, der dem Pferd in den Rücken fällt oder schief sitzt, würde alle Fortschritte zunichte machen.

Die Prognose

Die gute Nachricht ist: Eine Trageerschöpfung ist nicht zwangsläufig das Ende der Reitpferdekarriere. Wenn sie früh erkannt und konsequent behandelt wird, können viele Pferde wieder aufgebaut werden. Die Muskulatur kann sich regenerieren, der Brustkorb kann sich wieder anheben, und das Pferd kann lernen, sich korrekt zu tragen.

Allerdings dauert dieser Prozess Monate, oft sogar ein bis zwei Jahre. Und er erfordert die Bereitschaft des Besitzers, in dieser Zeit auf das Reiten zu verzichten oder stark eingeschränkt zu reiten. Nicht jeder ist dazu bereit oder in der Lage. Viele Pferde mit Trageerschöpfung werden deshalb nie richtig behandelt und leiden ihr Leben lang.

Die schlechte Nachricht ist: Je länger die Trageerschöpfung besteht und je schwerer sie ist, desto schlechter ist die Prognose. Wenn bereits strukturelle Schäden entstanden sind – Kissing Spines, fortgeschrittene Arthrose, Sehnenverkalkungen – sind diese irreversibel. Das Pferd wird nie wieder vollständig gesund sein. Man kann den Zustand stabilisieren, weitere Verschlechterung verhindern und dem Pferd ein schmerzarmes Leben ermöglichen, aber die Schäden bleiben.

In sehr schweren Fällen, bei extremer Trageerschöpfung mit ausgeprägtem Senkrücken und multiplen strukturellen Schäden, ist das Pferd möglicherweise nicht mehr reitbar. Es kann nur noch vom Boden aus bewegt werden oder sollte in Rente gehen.

Prävention ist der beste Schutz

Wie bei so vielen Gesundheitsproblemen ist auch bei der Trageerschöpfung Prävention der beste Schutz. Ein Pferd, das von Anfang an korrekt ausgebildet wird, das lernt, über den Rücken zu gehen, dessen Rumpfträgermuskulatur systematisch aufgebaut wird, entwickelt keine Trageerschöpfung.

Das bedeutet: Pferde nicht zu früh anreiten, ihnen Zeit geben, körperlich zu reifen. Von Beginn an auf korrektes Reiten achten, viel in Dehnungshaltung arbeiten, die Hinterhand aktivieren, einen passenden Sattel verwenden und regelmäßig kontrollieren lassen, ausreichend freie Bewegung ermöglichen, nicht nur Boxenhaltung. Der Reiter sollte an einem ausbalancierten Sitz arbeiten.  

Das klingt alles selbstverständlich, ist es aber offenbar nicht. Sonst würden nicht so viele Pferde eine Trageerschöpfung entwickeln. Das Problem ist weit verbreitet und betrifft Pferde aller Rassen, Altersgruppen und Nutzungsrichtungen. Es ist ein stilles Leiden, das oft nicht erkannt oder nicht ernst genommen wird – bis es zu spät ist.

Wer die Anzeichen einer beginnenden Trageerschöpfung bei seinem Pferd erkennt, sollte sofort handeln. Je früher man eingreift, desto besser sind die Chancen auf vollständige Erholung. Ein trageerschöpftes Pferd ist ein leidendes Pferd – auch wenn es das vielleicht nicht offen zeigt. Die Verantwortung liegt beim Menschen, diese Leiden zu erkennen und zu beenden.

Team Sanoanimal

Team Sanoanimal

Wir sind ein erfahrenes Team von Therapeuten, spezialisiert auf Futterberatung und integrierte Tiertherapien für Pferde. Mit umfassender Erfahrung in der Behandlung von Stoffwechselproblemen setzen wir auf artgerechte Fütterung und naturheilkundliche Mittel, um die Gesundheit Ihres Pferdes zu verbessern. Profitieren Sie von unserem Wissen für das Wohl Ihres Pferdes.

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