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Artikel lesenPferde bei Hitze richtig abkühlen: Was wirklich hilft – und welche Mythen deinem Pferd sogar schaden können
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Das Wichtigste in Kürze
- Bei körperlicher Arbeit entsteht im Pferdemuskel enorm viel Wärme – rund 80 Prozent der umgesetzten Energie. Weil Pferde im Verhältnis zu ihrer Masse eine kleine Körperoberfläche haben, geraten sie bei Hitze und besonders bei Schwüle schnell an ihre Kühlgrenze.
- Kaltes Wasser auf ein heißes Pferd ist nicht gefährlich: Es löst weder Schock noch Kolik oder Kreuzverschlag aus - wenn man es richtig macht. Im Gegenteil – bei drohendem Hitzschlag ist reichlich kaltes Wasser die wirksamste und mitunter lebensrettende Sofortmaßnahme.
- Das sofortige Abziehen des Wassers mit dem Schweißmesser ist kein Muss. Wasser leitet Wärme besser als Luft, ein nasses Pferd kühlt schneller ab als ein trockenes – wer ständig neues kaltes Wasser aufbringt, kühlt am effektivsten.
- Eine nasse Decke oder ein nasses Handtuch auf dem Pferd behindern die Verdunstung und wirken eher wie eine Isolierschicht – zum Abkühlen sind sie ungeeignet.
- Jedes Pferd reagiert anders, und der höchste Temperaturwert wird manchmal erst in der Erholungsphase erreicht. Eine sich beruhigende Herzfrequenz bedeutet noch nicht, dass auch die Körperkerntemperatur wieder im grünen Bereich ist.
- Am wichtigsten ist Vorbeugen: Schatten, Arbeit in den kühleren Tageszeiten, langsame Gewöhnung an Hitze, jederzeit Zugang zu frischem Wasser und ein Ausgleich der über den Schweiß verlorenen Elektrolyte.
Hitzewellen werden auch in Deutschland häufiger – und mit ihnen die Frage, wie man Pferde bei großer Hitze sicher durch den Tag und durch die Arbeit bringt. Rund ums Abkühlen halten sich dabei hartnäckige Überzeugungen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden: dass kaltes Wasser dem erhitzten Pferd schade etwa, oder dass man Schweiß und Wasser unbedingt sofort abziehen müsse. Vieles davon ist gut gemeint, aber physiologisch überholt. Die Forschung der vergangenen Jahre zeichnet ein klares Bild davon, was Pferden bei Hitze wirklich hilft – und was ihnen im Ernstfall sogar schadet.
Warum Hitze für Pferde schnell zum Problem wird
Pferde sind Dauerläufer, doch ihr Muskelstoffwechsel arbeitet nicht besonders effizient: Der weitaus größte Teil der bei Bewegung umgesetzten Energie – rund 80 Prozent – wird nicht in Vortrieb umgewandelt, sondern als Wärme frei. Diese Wärme muss der Körper wieder loswerden, um die Kerntemperatur im verträglichen Bereich zu halten. Das Blut transportiert die überschüssige Wärme an die Hautoberfläche, wo sie über den Schweiß und vor allem über dessen Verdunstung abgegeben wird. Erschwerend kommt hinzu, dass Pferde im Verhältnis zu ihrer großen Körpermasse nur eine relativ kleine Körperoberfläche besitzen – pro Kilogramm Körpergewicht steht ihnen also weniger „Kühlfläche“ zur Verfügung als kleineren Tieren.
Steigt die Belastung, kann die Körperkerntemperatur rasch auf 41 bis 42 °C und darüber klettern. In diesem Bereich drohen Kreislaufprobleme, Muskel- und Organschäden bis hin zum lebensbedrohlichen Hitzschlag. Besonders tückisch ist dabei hohe Luftfeuchtigkeit: Schwitzen kühlt nur, wenn der Schweiß auch verdunsten kann. Ist die Luft bereits mit Feuchtigkeit gesättigt, verdunstet er langsamer – das Pferd schwitzt, aber die Kühlung bleibt aus. Ein schwüler 28-Grad-Tag ist deshalb oft belastender als trockene Hitze bei 35 Grad. Auch schlechte Stallbelüftung, pralle Sonne ohne Schatten, Übergewicht, Transport und intensive Arbeit bringen das empfindliche Gleichgewicht aus Wärmebildung und Wärmeabgabe ins Wanken.
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Pferdeschweiß ist nicht einfach nur Wasser. Er besteht aus Wasser, Elektrolyten – allen voran Natrium, dazu Chlorid und Kalium – sowie einem schaumbildenden Eiweiß namens Latherin, das den typischen weißen Schaum verursacht. Ein stark schwitzendes Pferd verliert also nicht nur Flüssigkeit, sondern auch Mineralstoffe. Beides muss ersetzt werden, damit Wasserhaushalt und Muskelfunktion stabil bleiben. |
Hitzestress ist nicht nur ein Hochsommer-Thema
Ein verbreiteter Irrtum lautet, Hitzschlag oder Hitzeerschöpfung könnten nur bei Hochsommerwetter auftreten. Tatsächlich kann die Körpertemperatur eines Pferdes schon bei intensiver Arbeit an eigentlich kühlen Tagen deutlich ansteigen. Und auch beim Transport in einem aufgeheizten, schlecht belüfteten Anhänger kann sich ein Pferd gefährlich erhitzen, ganz unabhängig von der Jahreszeit. Hitzestress ist damit weniger eine Frage des Kalenders als das Zusammenspiel aus Belastung, Umgebungstemperatur, Luftfeuchtigkeit und Belüftung. Wer nur an Rekordtagen aufmerksam wird, übersieht die weniger offensichtlichen Risikosituationen.
Mythos „Kaltes Wasser schadet dem heißen Pferd“
Der wohl langlebigste Mythos besagt, man dürfe ein heißes, verschwitztes Pferd nicht mit kaltem Wasser übergießen – das löse Schock, Kolik, Kreuzverschlag oder Muskelverkrampfungen aus. Diese Sorge ist unbegründet. Untersuchungen zeigen übereinstimmend, dass selbst sehr kaltes Wasser einem überhitzten Pferd nicht schadet und keine dieser gefürchteten Reaktionen hervorruft. Im Gegenteil: Bei einem akut überhitzten Pferd zählt jede Minute, und großflächig aufgebrachtes kaltes Wasser ist die schnellste und wirksamste Methode, die Körpertemperatur zu senken. Auch der alte Rat, nur die großen Blutgefäße an den Beinen zu benetzen, ist überholt – am schnellsten sinkt die Temperatur, wenn möglichst viel Wasser über den ganzen Körper läuft. Wichtig ist aber, mit der Kühlung immer an den Hufen anzufangen und sich langsam Richtung Herz vorzuarbeiten. Eiswasser einfach über ein erhitztes Pferd zu kippen kann in der Tat Schock auslösen.
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Bei drohendem Hitzschlag gilt: so schnell und so großflächig wie möglich kühlen. Reichlich kaltes Wasser über den ganzen Körper ist keine Gefahr, sondern die beste Erste Hilfe. |
Mythos „Man muss das Wasser sofort abziehen“
Eng verwandt ist die Überzeugung, das Wasser müsse sofort mit dem Schweißmesser abgezogen werden, weil es sonst auf dem Pferd „isoliere“ und die Wärme staue. Auch das beruht auf einem physikalischen Irrtum. Wasser leitet Wärme deutlich besser als Luft – ein nasses Pferd gibt seine Körperwärme also schneller ab als ein trockenes und kühlt selbst bei hoher Luftfeuchtigkeit rascher aus. Zieht man das Wasser sofort ab, verkürzt man genau den Kontakt, über den die Wärme abfließt. Sinnvoller ist es, immer wieder frisches kaltes Wasser aufzubringen, weil sich das aufliegende Wasser auf dem heißen Körper schnell erwärmt. Das Abziehen ist an sich nicht schädlich, aber überflüssig – und beim akut überhitzten Pferd kostet es wertvolle Zeit, die besser ins Nachgießen fließt.
Aus demselben Grund ist es keine gute Idee, dem Pferd zum Kühlen eine nasse Decke oder ein nasses Handtuch aufzulegen. Eine solche Auflage verhindert, dass Wasser und Schweiß frei verdunsten, und blockiert damit genau den Mechanismus, der eigentlich kühlen soll. Zum Abkühlen gehört freie Verdunstung – alles, was die Haut großflächig abdeckt, wirkt eher gegenteilig.
So kühlst du dein Pferd bei Hitze richtig ab
Aus der aktuellen Studienlage lässt sich eine klare, einfache Vorgehensweise ableiten:
- Sattel, Trense und übrige Ausrüstung abnehmen, damit möglichst viel Körperoberfläche frei liegt.
- Reichlich kaltes Wasser großflächig über den ganzen Körper geben – mit Schlauch oder Eimern, an den Beinen beginnen und Richtung Körper vorarbeiten. Je kälter das Wasser, desto schneller die Kühlung; im Notfall darf es ruhig eiskalt sein.
- Kontinuierlich weiterkühlen statt nur kurz abzuspritzen. Das Wasser erwärmt sich auf dem heißen Körper rasch, deshalb immer wieder neues aufbringen – anhaltendes Übergießen kühlt schneller als vereinzelte Güsse mit zwischenzeitlichem Abziehen.
- Das Pferd dabei immer wieder ruhig im Schritt führen, statt es stillstehen zu lassen; das unterstützt den Kreislauf.
- Für Schatten und Luftbewegung sorgen – ein luftiger Standort oder ein Ventilator verbessern die Verdunstung zusätzlich.
- Weiterkühlen, bis sich das Pferd erkennbar erholt: Vor allem die Atmung sollte sich wieder beruhigen und das Auge wacher blicken. Frisches Wasser zum Trinken anbieten.
Jedes Pferd reagiert anders – und der Hitzegipfel kommt manchmal später
Ein pauschales Kühlschema nach dem Prinzip „einer für alle“ greift zu kurz und kann im Ernstfall sogar riskant sein, denn Pferde unterscheiden sich erheblich in ihrer Wärmereaktion. Manche Tiere kommen mit Hitze gut zurecht, andere überhitzen schneller oder brauchen länger, um wieder herunterzukühlen. Es lohnt sich deshalb, das eigene Pferd zu kennen: wie es normalerweise auf Belastung und Wärme reagiert und wie lange es zur Erholung braucht.
Hinzu kommt eine wichtige, oft unterschätzte Beobachtung: Der höchste Temperaturwert wird nicht zwangsläufig während der stärksten Belastung erreicht. Bei kurzer, intensiver Arbeit kann die Körperkerntemperatur ihren Gipfel erst in der Erholungsphase erreichen – bei Trabrennpferden im Mittel rund eine halbe Stunde nach dem Rennen. Besonders trügerisch ist dabei, dass eine sich normalisierende Herzfrequenz noch keine Entwarnung bedeutet: Die Kerntemperatur kann noch deutlich erhöht sein, während der Puls bereits wieder gesunken ist. Wer allein auf den Puls schaut, wiegt sich womöglich in falscher Sicherheit. Und auch das gängige Rektalthermometer misst die wahre Kerntemperatur nur verzögert und etwas zu niedrig. Die Konsequenz: Nach starker Belastung sollte man nicht nur während, sondern auch nach dem Abkühlen weiter beobachten.
Elektrolyte und Wasser: Was beim Schwitzen verloren geht
Weil mit dem Schweiß nicht nur Wasser, sondern auch Mineralstoffe verloren gehen, gehört zum Hitzemanagement mehr als das Abkühlen von außen. Zentral ist Natrium: Es steuert gemeinsam mit anderen Elektrolyten den Wasserhaushalt im Körper, weshalb Flüssigkeits- und Elektrolytverluste eng zusammenhängen. Jederzeit frei verfügbares, frisches Wasser ist deshalb die wichtigste Grundlage. Ergänzend sollte jedes Pferd Zugang zu Salz haben – etwa über einen Salzleckstein zum Grundfutter.
Bei starkem, langem Schwitzen – etwa im Sport oder während anhaltender Hitzeperioden – kann eine gezielte Elektrolytgabe sinnvoll sein, um die Verluste auszugleichen. Wichtig ist dabei Augenmaß: Ein gesundes Pferd bei moderater Belastung deckt viel bereits über gutes Raufutter und eine bedarfsgerechte Mineral- und Salzversorgung. Elektrolytpräparate gehören dosiert und anlassbezogen eingesetzt, nicht als dauerhafte, womöglich zuckerreiche Zugabe. Und sie ersetzen niemals den freien Zugang zu Wasser – im Gegenteil, sie wirken nur, wenn das Pferd ausreichend trinkt.
Vorbeugen ist besser als kühlen
Die wirksamste Kühlung ist die, die gar nicht erst nötig wird. Ein durchdachtes Hitzemanagement senkt das Risiko deutlich. Bewährt haben sich: anstrengende Arbeit in die kühleren Tageszeiten am frühen Morgen oder Abend legen und die Mittagshitze meiden; für Schatten sorgen, sei es durch Bäume oder einen luftigen Unterstand; jederzeit frisches Wasser bereitstellen; auf gute Belüftung in Stall und Anhänger achten; und Übergewicht abbauen, da es die Wärmeabgabe zusätzlich erschwert. Auch die Gewöhnung an Hitze braucht Zeit – eine echte Akklimatisierung stellt sich erst über etwa zwei bis drei Wochen regelmäßiger Bewegung bei Wärme ein. Bei einer plötzlichen Hitzewelle ist ein Pferd also noch nicht angepasst und sollte entsprechend geschont werden.
Ebenso wichtig ist, die Warnzeichen von Hitzestress zu kennen: eine schnelle, flache Atmung, die nicht zur Ruhe kommt, Mattigkeit oder Taumeln, eine stark erhöhte Körpertemperatur. Ein besonderes Alarmsignal ist, wenn ein Pferd bei Hitze und Belastung plötzlich kaum noch schwitzt – dann fällt der wichtigste Kühlmechanismus aus, und es handelt sich um einen Notfall. In solchen Fällen gilt: sofort großflächig mit kaltem Wasser kühlen und umgehend den Tierarzt verständigen.
Physik schlägt Überlieferung
Viele überlieferte Kühl-Regeln halten der wissenschaftlichen Prüfung nicht stand. Kaltes Wasser schadet dem heißen Pferd nicht, das Abziehen des Wassers ist überflüssig, und nasse Decken behindern das Abkühlen sogar. Richtig ist der einfache, konsequente Weg: viel kaltes Wasser, großflächig und kontinuierlich aufgebracht, Ausrüstung ab, Schatten und Luftbewegung – und ein Blick fürs eigene Pferd, auch noch in der Erholungsphase. Der beste Hitzeschutz aber ist ein Management, das Überhitzung von vornherein vermeidet. Wer die Physik der Kühlung versteht, trifft im entscheidenden Moment die richtige – und manchmal lebensrettende – Entscheidung.
Quellen
1. Takahashi Y, Ohmura H, Mukai K, Shiose T, Takahashi T. „A Comparison of Five Cooling Methods in Hot and Humid Environments in Thoroughbred Horses.“ Journal of Equine Veterinary Science, 2020;91:103130. DOI: 10.1016/j.jevs.2020.103130
2. Verdegaal E-LJMM, Howarth GS, McWhorter TJ, Boshuizen B, Franklin SH, Vidal Moreno de Vega C, Jonas SE, Folwell LE, Delesalle CJG. „Continuous Monitoring of the Thermoregulatory Response in Endurance Horses and Trotter Horses During Field Exercise.“ Frontiers in Physiology, 2021;12:708737. DOI: 10.3389/fphys.2021.708737
3. Verdegaal E-LJMM, Delesalle C, Caraguel CGB, Folwell LE, McWhorter TJ, Howarth GS, Franklin SH. „Evaluation of a telemetric gastrointestinal pill for continuous monitoring of gastrointestinal temperature in horses at rest and during exercise.“ American Journal of Veterinary Research, 2017;78(7):778–784. DOI: 10.2460/ajvr.78.7.778
4. Marlin DJ, Scott CM, Roberts CA, Casas I, Holah G, Schroter RC. „Post-exercise changes in compartmental body temperature accompanying intermittent cold water cooling in the hyperthermic horse.“ Equine Veterinary Journal, 1998;30(1):28–34.
5. Klous L, Siegers E, van den Broek J, Folkerts M, Gerrett N, van Oldruitenborgh-Oosterbaan MS, et al. „Effects of Pre-Cooling on Thermophysiological Responses in Elite Eventing Horses.“ Animals, 2020;10(9):1664. DOI: 10.3390/ani10091664
6. Morgan K. „Thermoneutral zone and critical temperatures of horses.“ Journal of Thermal Biology, 1998;23(1):59–61. DOI: 10.1016/S0306-4565(97)00047-8