Parasitenprophylaxe beim Pferd: Warum „prophylaktisch“ entwurmen nicht funktioniert

Parasitenprophylaxe beim Pferd: Warum „prophylaktisch“ entwurmen nicht funktioniert

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Das Wichtigste in Kürze:

  • Die routinemäßige, ungezielte Gabe von Wurmkuren fördert die Bildung von Resistenzen gegen die gängigen Wirkstoffe.
  • Eine gezielte Entwurmung auf Basis regelmäßiger Kotproben ist die einzig nachhaltige Prophylaxe im Kampf gegen Parasiten.
  • Das Prinzip ist dasselbe wie bei Antibiotika: Der Wirkstoff sollte nur bei einem nachgewiesenen Befall eingesetzt werden, nicht auf Verdacht.
  • Die Zusammenarbeit mit einem spezialisierten Labor und eine korrekte Probennahme sind für zuverlässige Ergebnisse unerlässlich.
  • Wurmkuren sind kein Teufelszeug; sie sind ein unverzichtbares Werkzeug, wenn ein Befall nachgewiesen wurde.
  • Durch das gezielte Vorgehen schonst du die Darmflora deines Pferdes und trägst aktiv zum Erhalt wirksamer Medikamente bei.

Gesundheit vorbeugen – das ist der Kerngedanke einer modernen Pferdehaltung. Lange Zeit gehörte dazu das feste Ritual, das Pferd zweimal jährlich ungefragt mit einer chemischen Wurmkur zu behandeln. Doch diese Routine hat zu einem massiven Problem geführt, das die gesamte Pferdegesundheit bedroht: Resistenzen. Heute weiß man, dass ein blindes Entwurmen nicht nur das Pferd unnötig belastet, sondern die Wirksamkeit der wenigen verfügbaren Medikamente dauerhaft zerstört.

Das Dilemma der Resistenzen: Warum die Routine versagt

Die Analogie zum Humanbereich ist hier sehr hilfreich: Wie bei den Antibiotika gilt auch bei den chemischen Wurmkuren (Anthelminthika): Je häufiger sie eingesetzt werden, desto schneller entwickeln sich Resistenzen. Stell dir vor, du würdest zweimal im Jahr Antibiotika nehmen, nur weil du vielleicht eine bakterielle Infektion bekommen könntest. Das würde die Bakterien schnell gegen alle Mittel immun machen.

Bei Pferden ist es dasselbe:

  1. Nicht alle Würmer sterben: Bei jeder Wurmkur überleben die stärksten Parasiten, die von Natur aus resistenter gegen den Wirkstoff sind.
  2. Sie vermehren sich: Diese überlebenden Würmer vermehren sich und geben ihre Resistenz an die nächste Generation weiter.
  3. Wirkstoff wird nutzlos: Die Folge ist, dass die Wurmkur beim nächsten Mal gegen diese Population unwirksam ist. Das Mittel ist „verbrannt“.

Da kaum neue Wirkstoffe auf den Markt kommen, ist die gezielte (selektive) Entwurmung die einzige sinnvolle Prophylaxe gegen dieses drohende Szenario.

Gezielte Prophylaxe: Kotproben statt Kalender

Die selektive Entwurmung, auch zeitgemäße Entwurmung genannt, basiert auf der regelmäßigen Untersuchung der Kotproben des Pferdes. Nur wenn ein relevanter Befall nachgewiesen wird, erfolgt die Behandlung mit einem passenden Wirkstoff.

Dieses Vorgehen hat entscheidende Vorteile:

  • Schutz des Pferdes: Das Pferd wird nicht unnötig mit chemischen Substanzen belastet. Die empfindliche Darmflora bleibt intakt.
  • Resistenzmanagement: Man nimmt den Würmern die Chance, eine breite Resistenz aufzubauen, da nur die tatsächlich befallenen Pferde behandelt werden.
  • Erhalt der Wirkstoffe: Die wenigen noch wirksamen Medikamente bleiben für echte Notfälle und starke Befälle erhalten.

Darauf kommt es an: Zusammenarbeit mit dem Labor

Der Erfolg der selektiven Entwurmung hängt maßgeblich von der korrekten Durchführung und Analyse ab.

1. Die richtige Probennahme

Für eine aussagekräftige Kotprobe muss der Kot des Pferdes korrekt gesammelt werden:

  • Mischprobe oder Einzelprobe: Sprich mit deinem Labor, welche Beprobung in deinem Fall mehr Sinn macht. Für die Einzelprobe nimmst du einmalig eine Probe (eine gute Handvoll) von einem frisch abgesetzten Kothaufen. Zieh dir eine Plastiktüte oder einen Hundekotbeutel über die Hand, greif in den Haufen und stülpe die Tüte dann über die Hand, sodass der Mist in der Tüte bleibt. Zuknoten, fertig.
    Bei einer Sammelprobe nimmst du jeweils einmal täglich eine Probe an drei aufeinander folgenden Tagen. Das ist wichtig bei Wurmarten, die ihre Wurmeier nicht kontinuierlich ausscheiden, wie Bandwürmer.
  • Frisch und Sauber: Sammle den Kot unmittelbar nach dem Absetzen. Achte darauf, dass du keinen Mist sammelst, der mit Sand, Erde oder alter Einstreu vermischt ist.
  • Korrekte Lagerung: Beschrifte die Tüten und lagere sie bis zum Versand kühl, idealerweise im Kühlschrank. Wer das eklig findet, kann sie in eine fest verschlossene Plastikbox geben, die ausschließlich für Kotproben verwendet wird.
  • Zeitraum: Aus den Eiern schlüpfen irgendwann Larven, die in den Eizählungs-Methoden nicht mehr erfasst werden. Das gibt falsch-negative Ergebnisse. Um das zu vermeiden, lagere die Proben so kurz wie möglich. Optimal sammelst nimmst du die Kotprobe Montag früh und bringst sie gleich zur Post. Dann ist sie am Dienstag im Labor, geht in die Kühlung und liefert aussagekräftige Ergebnisse.

2. Das spezialisierte Labor

Es ist wichtig, dass du die Proben an ein spezialisiertes veterinärmedizinisches Labor schickst, das Erfahrung in der Parasitologie von Pferden hat. Nur diese Labore können die verschiedenen Wurmarten korrekt identifizieren und die Eizahlen (EPG: Eier pro Gramm) zuverlässig bestimmen, um eine Behandlungsempfehlung auszusprechen.

Die wichtigsten Wurmarten im Überblick

Nicht jeder Wurm ist gleich gefährlich. Eine gute Prophylaxe kennt die Hauptakteure, um die Behandlung anzupassen.

Wurmart Vorkommen/Gefahr Notwendige Maßnahmen
Kleine Strongyliden (Cyathostominae) Sehr häufig. Larven können sich in die Darmwand einkapseln (Enzystierung) und schwere Koliken auslösen. Regelmäßige Kotproben und gezielte Entwurmung.
Große Strongyliden (Strongylus vulgaris) Selten, aber sehr gefährlich. Larven wandern durch Blutgefäße und können massive Organschäden verursachen. Werden durch die Probenkontrolle der Kleinen Strongyliden in der Regel miterfasst, sicherheitshalber sollte einmal im Jahr eine Larvenanzucht mit beauftragt werden.
Spulwürmer (Parascaris equorum) “Kinderkrankheit”. Massive Befälle führen bei Jungpferden zu Wachstumsstörungen und Verstopfungskoliken im Dünndarm. Regelmäßige Kotproben 4-6 mal im Jahr bei Pferden bis zu 6 Jahren, danach sind die Pferde meist resistent gegen Befall. Eier werden aber bei den Routinekotproben mit erfasst.
Bandwürmer (Anoplocephala perfoliata) Regelmäßig, aber geringere Gefährlichkeit. Können selten  Koliken und Nährstoffmangel auslösen. Wird durch Routineproben oft übersehen. Sammelkotproben, Gezielte Untersuchung (z.B. ELISA-Test oder spezielles Kotverfahren) 1 mal jährlich und bei Verdacht.

Vorbeugen ist besser als blind behandeln

Die chemische Wurmkur ist ein unverzichtbares Medikament, wenn man einen Befall mit Darmparasiten therapieren muss. Sie ist aber keine Wellness-Anwendung oder eine Prophylaxe im Sinne einer Immunisierung.

Indem man als Pferdebesitzer die “prophylaktische” Entwurmung kritisch hinterfragt und sich für die gezielte Prophylaxe entscheidet, handelt man nicht nur im besten Sinne des eigenen Pferdes, sondern übernimmt auch Verantwortung für die gesamte Pferdegesundheit. Denn selektives Entwurmen verhindert, dass uns die wirksamen Waffen im Kampf gegen die Parasiten ausgehen. Wenn du unsicher bist, besprich das Vorgehen mit deinem Tierarzt oder Therapeuten und nimm das Heft für die Gesundheitsvorsorge selbst in die Hand.

Team Sanoanimal

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