Das Wichtigste in Kürze:
- Prophylaxe ist der Schlüssel zu einem langen, gesunden Pferdeleben und verhindert viele Zivilisationskrankheiten.
- Eine durchdachte Impfstrategie mit Titerbestimmung schützt wirksam, ohne das Immunsystem unnötig zu belasten.
- Selektive Entwurmung auf Basis von Kotproben erhält die Wirksamkeit der Anthelminthika und schont den Organismus.
- Regelmäßige Zahnkontrollen verhindern Verdauungsprobleme, Rittigkeitsschwierigkeiten und Schmerzen.
- Konsequente Hufpflege ist das Fundament für einen gesunden Bewegungsapparat.
- Optimales Stallklima und ein gesunder Darm schützen die empfindlichen Atemwege vor chronischen Erkrankungen.
- Gezielte Unterstützung im Fellwechsel entlastet Leber und Nieren in dieser Hochleistungsphase.
- Die Vorbeugung von Hufrehe beginnt mit der Erhaltung eines gesunden Dickdarms und stabiler Insulinsensitivität.
- Artgerechte Fütterung nach dem Vorbild der Wildpferde beugt den meisten Stoffwechselstörungen vor.
Gesundheit vorbeugen statt Krankheit behandeln – das ist das Herzstück einer verantwortungsvollen Pferdehaltung. Prophylaxe bedeutet, die Gesundheit des Pferdes aktiv zu erhalten und zu fördern, bevor Probleme entstehen. Das spart nicht nur Tierarztkosten und Leid, sondern ermöglicht dem Pferd ein langes, vitales Leben. Viele der häufigsten Erkrankungen bei Hauspferden sind Zivilisationskrankheiten, die durch eine konsequente Prophylaxe verhindert werden können.
In diesem umfassenden Leitfaden erfährst du alles über die wichtigsten Prophylaxe-Maßnahmen, die jeder Pferdebesitzer kennen und umsetzen sollte. Von der kritischen Auseinandersetzung mit Impfungen über die moderne selektive Entwurmung bis hin zur artgerechten Fütterung und dem optimalen Stallklima – wir zeigen dir, wie du die Gesundheit deines Pferdes ganzheitlich schützen kannst.
Impfprophylaxe: Der kritische Blick auf Nutzen und Risiko
Die Entscheidung für oder gegen eine Impfung sollte niemals eine Routinehandlung sein. Jedes Vakzin muss einer strengen Nutzen-Risiko-Analyse unterzogen werden, denn auch Impfungen sind medizinische Eingriffe mit potenziellen Nebenwirkungen.
Die Tetanus-Impfung ist die einzige unverzichtbare Basis-Impfung für jedes Pferd. Mit einer Sterblichkeitsrate von nahezu 100 Prozent ist Wundstarrkrampf lebensbedrohlich, und die Impfung bietet zuverlässigen Schutz. Die gute Nachricht: Der Impfschutz hält oft deutlich länger als die üblichen drei Jahre. Eine Titerbestimmung ermöglicht es, die Notwendigkeit einer Auffrischung zu prüfen und unnötige Impfungen zu vermeiden.
Influenza- und Herpes-Impfungen sollten kritisch hinterfragt werden. Sie erzeugen keine sterile Immunität und können häufiger zu Impfreaktionen führen. Die Entscheidung sollte sich nach dem tatsächlichen Risiko richten: Turnierpferde, Zuchtstuten oder Pferde in Beständen mit hohem Infektionsrisiko profitieren von der Impfung. Für den reinen Freizeitpartner ohne viel Kontakt zu fremden Pferden ist der Nutzen oft zu gering im Verhältnis zum Risiko.
Die West-Nil-Virus-Impfung erfordert eine individuelle Risikoabwägung. Da die meisten Infektionen symptomlos verlaufen und nur selten neurologische Symptome auftreten, muss das regionale Infektionsrisiko gegen das Impfrisiko abgewogen werden.
Das Prinzip lautet: So viel wie nötig, aber so wenig wie möglich impfen. Eine verantwortungsvolle Prophylaxe bedeutet, jede Impfung kritisch zu prüfen und nur bei klarer Indikation durchzuführen.
→ Mehr erfahren: Impfen beim Pferd – Der kritische Blick auf die Prophylaxe
Parasitenprophylaxe: Selektive Entwurmung statt Routinekur
Die Zeiten der pauschalen, viermaligen Wurmkur pro Jahr sind vorbei. Diese Praxis hat zu massiven Resistenzbildungen geführt und bedroht die Wirksamkeit der wenigen verfügbaren Anthelminthika. Die moderne Prophylaxe setzt auf selektive Entwurmung.
Das Prinzip ist einfach und effektiv: Nur entwurmen, wenn ein nachgewiesener Befall vorliegt. Durch regelmäßige Kotproben wird der tatsächliche Verwurmungsgrad festgestellt. Liegt die Eizahl unter dem kritischen Schwellenwert, ist keine Behandlung notwendig. Das schont nicht nur den Organismus und die empfindliche Darmflora des Pferdes, sondern verhindert auch die Entstehung resistenter Wurmpopulationen.
Die korrekte Durchführung ist entscheidend: Frische Kotproben müssen sachgerecht gesammelt und zeitnah an ein spezialisiertes Labor geschickt werden. Für Bandwürmer sind Sammelproben über drei Tage notwendig, da diese ihre Eier nicht kontinuierlich ausscheiden.
Das Ergebnis: Durch gezieltes Entwurmen werden nur die tatsächlich befallenen Pferde behandelt, die Wirksamkeit der Medikamente bleibt erhalten, und die Darmgesundheit wird geschont. Eine Win-win-Situation für Pferd und Besitzer.
→ Mehr erfahren: Parasitenprophylaxe beim Pferd
Zahngesundheit: Die stille Prophylaxe im Maul
Zahnprobleme gehören zu den am häufigsten übersehenen Gesundheitsrisiken beim Pferd. Der Grund: Pferde fressen aufgrund ihres Überlebensinstinkts auch bei starken Schmerzen weiter. Erst wenn die Probleme massiv werden, fallen sie auf – dann ist oft schon erheblicher Schaden entstanden.
Die regelmäßige Kontrolle und Korrektur durch einen qualifizierten Dentalpraktiker (mindestens einmal jährlich, bei jungen und alten ggf. Pferden häufiger) ist die wichtigste Prophylaxe-Maßnahme. Scharfe Kanten, Haken, Diastasen und andere Probleme werden frühzeitig erkannt und behoben, bevor sie zu Schmerzen, Verletzungen oder Verdauungsproblemen führen.
Die Folgen unbehandelter Zahnprobleme sind gravierend: Unzureichend gekautes Futter belastet den gesamten Verdauungstrakt, kann Magengeschwüre verschlimmern, Koliken auslösen und zu massivem Gewichtsverlust führen. Auch Rittigkeitsprobleme und Verspannungen im Rücken haben oft ihre Ursache im Maul.
Die Wahl eines kompetenten Dentalpraktikers ist entscheidend. Die IGFP-Zertifizierung bietet eine gute Orientierung, da sie Qualifizierung und Fachwissen garantiert.
→ Mehr erfahren: Zahngesundheit beim Pferd
Hufpflege: Das Fundament der Pferdegesundheit
“Ohne Huf kein Pferd” – dieser alte Spruch bringt es auf den Punkt. Der Huf ist ein hochkomplexes, sensibles Organ und die Basis des gesamten Bewegungsapparates. Mangelnde Pflege führt unweigerlich zu Problemen, die sich auf den gesamten Körper auswirken.
Die tägliche Hufpflege durch den Besitzer ist unverzichtbar: Gründliches Auskratzen entfernt Schmutz, Steine und vor allem Kot, der Fäulnisbakterien den Nährboden bietet. Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Strahlfurchen, die sauber und trocken gehalten werden müssen, um Strahlfäule vorzubeugen.
Die regelmäßige Bearbeitung durch den Hufschmied (alle 4-8 Wochen, je nach Wachstum und Haltung) ist ebenso wichtig. Nur durch korrekte Stellung und Balance wird eine optimale Lastverteilung gewährleistet und Fehlbelastungen von Sehnen und Gelenken vermieden.
Die innere Prophylaxe erfolgt über die Fütterung: Eine ausgewogene Versorgung mit Zink und Schwefel unterstützt die Hornbildung. Biotinmangel gibt es beim Pferd nicht, da es vom Darmmikrobiom produziert wird. Wichtiger ist eine gesunde Darmfunktion, denn Dysbiosen führen zu Entgiftungsstörungen (KPU), die wiederum Zink- und Schwefelmangel verursachen und die Hufqualität massiv beeinträchtigen.
Bewegung ist der Motor des Hufmechanismus: Beim Auffußen wird der Huf durchblutet wie ein Schwamm, der sich mit Blut vollsaugt. Diese Pumpe funktioniert nur bei ausreichender Bewegung auf unterschiedlichen Untergründen.
Stallklima: Prophylaxe für die Atemwege
Chronische Atemwegserkrankungen gehören zu den häufigsten Gesundheitsproblemen von Stallpferden. Die Ursache liegt oft in einem schlechten Stallklima. Staub, Schimmelpilzsporen und Ammoniak reizen die sensiblen Atemwege permanent und führen über die Zeit zu chronischen Entzündungen bis hin zum Equinen Asthma.
Die wirksamste Prophylaxe ist die Minimierung der Staubbelastung: Offenstall oder möglichst viel Weidegang bieten die beste Luftqualität. Bei Boxenhaltung ist eine optimale Belüftung mit ständigem Luftaustausch (aber ohne Zugluft) entscheidend. Das Misten sollte nur stattfinden, wenn das Pferd nicht im Stall ist.
Die Futterhygiene spielt eine zentrale Rolle: Heu muss staub- und schimmelfrei sein. Staubt es dennoch, hilft Wässern oder Bedampfen. Auch die Einstreu muss qualitativ hochwertig und staubarm sein. Stroh minderer Qualität ist oft stark mit Schimmelpilzsporen belastet.
Der Zusammenhang zwischen Darm und Lunge wird häufig übersehen: Pferde mit Darmstörungen entwickeln einen Schwefelmangel, der zu “trockenen” Atemwegen führt. Der fehlende Schutzfilm macht die Atemwege erheblich anfälliger für Staub und Keime. Eine artgerechte Fütterung und ein gesunder Dickdarm sind daher auch für die Atemwegsgesundheit essenziell.
Artgerechte Fütterung: Die Natur als Vorbild
Die beste Prophylaxe gegen Zivilisationskrankheiten ist eine Fütterung, die sich am Vorbild der Wildpferde orientiert. Die Anatomie und der Stoffwechsel unserer Hauspferde sind identisch mit denen freilebender Pferde. Weichen wir von ihrer natürlichen Ernährung ab, entstehen Probleme.
Der zentrale Baustein ist die ständige Verfügbarkeit von hochwertigem Raufutter (Heu). Fresspausen führen zur Übersäuerung des Magens und sind, zusammen mit Stress, die Hauptursache für Magengeschwüre. Das Pferd ist ein Dauerfresser und produziert kontinuierlich Magensäure, die nur durch Speichel neutralisiert wird – und Speichel fließt nur beim Kauen.
Die Gefahr der Überversorgung ist real: Viele moderne Fütterungsstrategien führen zu einem Überangebot an Energie, Eiweiß, Stärke und Zucker. Die Folge sind Zivilisationskrankheiten wie Hufrehe, EMS, Cushing-Symptome, Hautprobleme und Stoffwechselstörungen.
Das Prinzip ist einfach: Heu 24/7, im Sommer Weidezugang, dazu Mineralfutter (mit anorganischen Mineralien!), Salzleckstein und Wasser. Alles darüber hinaus weicht von der natürlichen Ernährung ab und sollte nur nach Bedarf und in Absprache mit einem unabhängigen Ernährungsberater gefüttert werden.
Fellwechsel: Unterstützung in der Hochleistungsphase
Zweimal jährlich vollbringt der Pferdekörper eine Höchstleistung: den Fellwechsel. In kurzer Zeit muss ein enormer Protein-Umsatz bewältigt werden, was die Entgiftungsorgane Leber und Nieren stark belastet.
Die gezielte Unterstützung erfolgt über Kräuter: Bitterkräuter wie Artischocke, Löwenzahn oder Schafgarbe unterstützen die Leber. Harntreibende Kräuter wie Brennnessel, Birke oder Goldrute fördern die Nierendurchspülung und helfen, die anfallenden Stoffwechselprodukte schneller auszuscheiden.
Die Basisversorgung muss stimmen: Heu in einwandfreier Qualität 24/7, ständig frisches Wasser (im Winter warm bei Magengeschwür-Kandidaten) und eine ausreichende Versorgung mit Zink und Schwefel für die Haarproduktion.
Ein gesunder Fellwechsel dauert sechs bis acht Wochen. Braucht das Pferd deutlich länger, zeigt übermäßigen Juckreiz oder Schuppen oder ist sehr lethargisch, liegt oft eine Stoffwechselstörung zugrunde, die therapeutisch angegangen werden muss.
Hufrehe-Prophylaxe: Stoffwechsel und Dickdarm im Fokus
Hufrehe ist keine Schicksalskrankheit, sondern meist die Folge von Stoffwechselstörungen oder Problemen im Dickdarm. Die beste Prophylaxe ist eine artgerechte Fütterung, die die Insulinsensitivität erhält und ein gesundes Dickdarmmilieu fördert.
Eine der Hauptursachen ist heute die Insulinresistenz: Der ständige Konsum von Stärke, viel Zucker oder organischem Selen führt dazu, dass die Zellen nicht mehr auf Insulin reagieren. Der Körper produziert immer mehr Insulin, was schließlich eine Hufrehe auslösen kann.
Dickdarm-Dysbiosen sind der zweite große Risikofaktor: Die Fütterung von Stärke (Getreide, Müslis) oder Heulage führt zur Ansiedlung von Milchsäurebakterien. Diese verdrängen die faserverdauenden Bakterien und produzieren bei “Futterschüben” (z.B. fruktanreiches Gras) große Mengen Milchsäure. Die absterbenden Bakterien setzen Endotoxine frei, die in den Blutkreislauf gelangen und die Entzündung in den Hufen auslösen.
Die Prophylaxe ist klar: Artgerechte Fütterung nach dem Vorbild der Wildpferde (Heu, Weidezugang, Mineralfutter, kein Getreide, keine Heulage, kein organisches Selen), Erhaltung eines gesunden Dickdarms und Vermeidung von Insulinspitzen. Nur so kann die Hufrehe wirkungsvoll vorbeugen werden.
Fazit: Prophylaxe ist eine Investition in die Zukunft
Gesundheitsprophylaxe beim Pferd ist keine Sammlung einzelner Maßnahmen, sondern ein ganzheitliches Konzept. Alle Bereiche greifen ineinander: Eine artgerechte Fütterung unterstützt die Darmgesundheit, die wiederum Einfluss auf Hufe, Atemwege und Stoffwechsel hat. Gute Hufpflege ermöglicht ausreichend Bewegung, die den Hufmechanismus und die Durchblutung fördert, was Huferkrankungen vorbeugt.
Der Schlüssel liegt in der artgerechten Haltung: So nah wie möglich am Vorbild der Wildpferde, mit viel Bewegung, frischer Luft, hochwertigem Raufutter und so wenig Zusätzen wie möglich. Die kritische Auseinandersetzung mit jeder medizinischen Maßnahme – von der Impfung über die Wurmkur bis zum Zusatzfutter – gehört zu einer verantwortungsvollen Prophylaxe dazu.
Investiere in die Vorbeugung, nicht in die Behandlung. Dein Pferd wird es dir mit einem langen und gesunden Leben danken.
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