Das Darmmikrobiom des Pferdes: Warum die Bakterienvielfalt im Verdauungstrakt über Atemwege, Immunsystem und Leistung mitentscheidet

eine Herde Wildpferde galoppiert auf freier Fläche

© Adobe Stock / Terri Cage

Das Wichtigste in Kürze

  • Das Darmmikrobiom umfasst alle Bakterien, Pilze, Hefen und Viren im Verdauungstrakt des Pferdes sowie deren Stoffwechselprodukte – es ist ein eigenständiges, hochaktives Organ mit Einfluss auf den gesamten Körper.

  • Eine Studie der University of Surrey zeigt, dass die bakterielle Vielfalt im Kot von Fohlen im Alter von nur 28 Tagen mit dem späteren Risiko für Atemwegserkrankungen und sogar mit der sportlichen Leistungsfähigkeit als junges Pferd zusammenhängt.

  • Eine artenreiche Mikroflora im Dickdarm gilt unabhängig vom Alter als zentrales Merkmal eines gesunden Pferdes – eine "ideale" Zusammensetzung gibt es jedoch nicht, da sie je nach Region, Fütterung und Genetik stark variiert.

  • Plötzliche Futterumstellungen, große Kraftfuttermengen oder ein Wechsel der Heucharge können das Gleichgewicht der Mikroorganismen empfindlich stören und Kolik, Hufrehe oder eine schleichende Übersäuerung des Dickdarms begünstigen.

  • Eine faserbetonte, abwechslungsreiche Fütterung, Verzicht auf Heulage und andere fermentierte Futtermittel, langsame Futterumstellungen über mindestens zwei Wochen und ein zurückhaltender, ausschließlich tierärztlich angeleiteter Antibiotikaeinsatz sind die wirksamsten Stellschrauben, um die Darmflora zu schützen.

Dass die Verdauung eines Pferdes von Mikroorganismen abhängt, ist seit Langem bekannt. Wie eng dieses unsichtbare Ökosystem jedoch mit der Atemwegsgesundheit, dem Immunsystem und sogar der späteren Leistungsfähigkeit verknüpft ist, zeigt sich erst durch moderne genetische Sequenzierungsverfahren, die inzwischen immer häufiger eingesetzt werden. Was früher als reine "Verdauungshelfer" galt, wird heute als komplexes, im ganzen Körper wirksames Organ verstanden.

Was genau ist das equine Darmmikrobiom?

Unter dem Darmmikrobiom versteht man die gesamte mikrobielle Lebensgemeinschaft im Verdauungstrakt des Pferdes – Bakterien, Bakteriophagen (Viren, die Bakterien befallen), Archaebakterien, Protozoen, Pilze und Hefen – zusammen mit allen Stoffwechselprodukten, die diese Mikroorganismen produzieren. Dieses Ökosystem erstreckt sich über den gesamten Magen-Darm-Trakt, ist aber im Dickdarm (Blinddarm, großer und kleiner Colon, Mastdarm) besonders dicht und stoffwechselaktiv.

Wissenschaftler, die sich auf die Erforschung des equinen Mikrobioms spezialisiert haben, beschreiben es zunehmend als integralen Bestandteil der Pferdebiologie – vergleichbar mit der Bedeutung, die das menschliche Mikrobiom in der Humanmedizin inzwischen einnimmt. Die Art, wie der Organismus mit diesen Mikroorganismen interagiert, wirkt sich demnach maßgeblich auf die Gesundheit aus.

Wie die Darmflora Verdauung und Stoffwechsel beeinflusst

Im Dickdarm fermentieren spezialisierte Mikroorganismen die mit der Nahrung aufgenommenen Pflanzenfasern und liefern dem Pferd dabei kurzkettige, flüchtige Fettsäuren wie Butyrat, Acetat und Propionat. Diese Fettsäuren sind eine zentrale Energiequelle, besonders für ein Tier, dessen Verdauungssystem evolutionär auf eine kontinuierliche Faseraufnahme ausgelegt ist und nicht auf große Stärkemengen aus Getreide, Müsli oder pelletiertem Kraftfutter.

Eine gesunde Mikroflora schützt zudem die Darmwand selbst: Sie verdrängt unerwünschte Bakterien, die größere Mengen an Endotoxinen freisetzen könnten, und das produzierte Butyrat regt die Darmschleimhaut an, eine dichte Barriere zu bilden. Dadurch wird verhindert, dass Endotoxine und andere unerwünschte Stoffe in den Blutkreislauf übertreten – ein Mechanismus, der eng mit dem sogenannten Leaky-Gut-Syndrom zusammenhängt, bei dem eine durch chronische Entzündungen geschädigte Darmschleimhaut Gewichtsverlust und Leistungseinbußen nach sich ziehen kann.

Die überraschende Verbindung zwischen Darmflora und Atemwegsgesundheit

Besonders aufschlussreich sind Erkenntnisse zur sogenannten "kritischen Phase" in den ersten Lebenswochen eines Fohlens. Eine Studie [1] der University of Surrey untersuchte über 400 Kotproben von 52 Fohlen von der Geburt bis zum Alter von drei Jahren und erfasste dabei systematisch Atemwegs-, Magen-Darm-, orthopädische und leistungsbezogene Gesundheitsdaten an einer Kohorte aus dem Vereinigten Königreich. 

Das zentrale Ergebnis: Fohlen mit einer geringeren bakteriellen Vielfalt im Kot im Alter von 28 Tagen hatten ein deutlich erhöhtes Risiko, später an Atemwegserkrankungen zu erkranken. Interessanterweise zeigte sich auch ein Zusammenhang mit der sportlichen Karriere: Eine höhere bakterielle Diversität im ersten Lebensmonat ging mit besseren Leistungskennzahlen im Rennsport einher, gemessen unter anderem an offizieller Wertungsklasse und Platzierungen [1].

Auch der Einsatz von Antibiotika in den ersten vier Lebenswochen wurde untersucht: Fohlen, die in dieser Phase antibiotisch behandelt wurden, wiesen anschließend eine geringere bakterielle Vielfalt auf und entwickelten in der Folge signifikant häufiger Atemwegserkrankungen – ein Hinweis darauf, wie nachhaltig ein früher Eingriff in die Darmflora wirken kann.

Diese Befunde decken sich mit Beobachtungen aus der Humanmedizin, wo eine vielfältige Darmflora im frühen Lebensalter ebenfalls mit einer besseren Grundlage für das spätere Immunsystem in Verbindung gebracht wird. Die Forscher betonen jedoch, dass es sich bislang um Zusammenhänge und nicht um einen bewiesenen Kausalmechanismus handelt – die genauen biologischen Abläufe müssen erst noch genauer untersucht werden.

Großes Maß an individueller und regionaler Variation

Ein weiterer wichtiger Aspekt: Es existiert kein einheitliches "Idealmikrobiom", das für alle Pferde gleich gut funktioniert. Untersuchungen zur taxonomischen Zusammensetzung der equinen Kotflora zeigen eine außerordentlich große Vielfalt an Bakteriengruppen wie Actinobacteria, Bacteroidetes und Firmicutes, deren Wechselwirkungen erst in Ansätzen verstanden sind.

Selbst innerhalb von Pferdegruppen mit nahezu identischer Fütterung, ähnlichem Training und vergleichbarem genetischem Hintergrund – etwa bei Vollblütern im Rennsport – lässt sich eine erstaunliche individuelle Streuung der Darmflora feststellen. Hinzu kommen regionale Unterschiede: Je nachdem, welche Grundfuttermittel in einer Region typischerweise zur Verfügung stehen, etwa unterschiedliche Weidegräser oder Heutypen, bildet sich eine charakteristische bakterielle Zusammensetzung aus [2].

Eine mögliche Erklärung für diese geografische Beständigkeit liegt in der sogenannten vertikalen Übertragung: Ein Fohlen erhält einen wesentlichen Teil seiner ersten Darmbesiedlung von der Stute, vor allem unmittelbar nach der Geburt sowie durch den engen Kontakt und die so genannte Koprophagie (Kotfressen) in den ersten Lebenswochen. Vermischen sich Pferdepopulationen über Generationen kaum, bleiben auch ihre charakteristischen mikrobiellen Profile über lange Zeit stabil.

Mögliche Rolle der Magenflora bei Magengeschwüren

Auch im Magen selbst – getrennt in eine obere, mit Plattenepithel ausgekleidete (squamöse) und eine untere, drüsenhaltige (glanduläre) Region – existieren jeweils eigenständige mikrobielle Gemeinschaften. Bei Pferden mit Magengeschwüren (EGUS) wurden im Vergleich zu gesunden Tieren teils veränderte Bakterienpopulationen in der Magenschleimhaut festgestellt.

Eine Untersuchung der glandulären Magenschleimhaut bei Pferden mit und ohne glanduläre Magenerkrankung (EGGD) fand zwar Unterschiede in der Zusammensetzung einzelner Bakteriengruppen, jedoch keine eindeutige Dysbiose im Sinne eines klar gestörten Gleichgewichts; die Datenlage unterstützt eher die Vermutung, dass das Vorhandensein oder Fehlen bestimmter Bakterien mit der Erkrankung zusammenhängen könnte, als eine eindeutige Dysbiose. Auch der in der Humanmedizin als Ulkus-Auslöser bekannte Keim Helicobacter pylori ließ sich beim Pferd nicht überzeugend mit Magengeschwüren in Verbindung bringen [3].

Insgesamt gilt: Ob veränderte Bakterienpopulationen Ursache oder Folge von Magengeschwüren sind, ist noch nicht abschließend geklärt. Sicher ist hingegen, dass Faktoren wie Fütterung, Stress, Trainingsintensität und Haltungsmanagement das mikrobielle Gleichgewicht im Magen und die Gesundheit der Magenschleimhaut mitbestimmen.

Wann spricht man von einer gestörten Darmflora (Dysbiose)?

Eine eindeutige, allgemeingültige Definition für eine gestörte Darmflora gibt es bislang nicht. Statt fester Grenzwerte orientieren sich Fachleute an klinischen Auffälligkeiten: Eine Tendenz zu Koliken, wiederkehrendem Durchfall, Kotwasser oder auch häufigen Atemwegsinfekten beim erwachsenen Pferd können Hinweise auf eine zugrunde liegende Störung der Darmflora sein. Da Mikroorganismen im Darm nachweislich auch über die sogenannte Darm-Hirn-Achse mit dem Nervensystem in Verbindung stehen, wird – in Anlehnung an Erkenntnisse aus der Human- und Tierversuchsforschung – diskutiert, ob auch vermehrt ängstliches Verhalten ein Symptom sein könnte.

Als begünstigende Faktoren für eine Dysbiose gelten neben insgesamt unpassender Fütterung vor allem der Wandel von traditioneller, raufutterbasierter Haltung zu intensiverer, urbaner Pferdehaltung mit reduzierter Diversität im Futterangebot und kraftfutterbetonter Fütterung, was die Anfälligkeit für Stoffwechselerkrankungen erhöhen kann. Auch ein nicht indizierter oder unsachgemäßer Antibiotikaeinsatz steht in einem klar belegten Zusammenhang mit nachhaltigen Veränderungen der Darmflora.

Fütterung als wichtigster Hebel für eine stabile Darmflora

Das klassische Schreckensszenario – ein Pferd bricht in die Futterkammer ein und überfrisst sich an Kraftfutter – verdeutlicht drastisch, was im Kleinen ebenfalls geschehen kann: Eine große Menge unverdauter Stärke gelangt in den Dickdarm, wird dort von Bakterien rasch zu Milchsäure fermentiert. Der daraus resultierende, abrupte pH-Abfall kann zu einem regelrechten Massensterben von Mikroorganismen führen – mit der Gefahr von Kolik oder schwerer Hufrehe als Folge.

Doch auch deutlich subtilere Veränderungen bergen Risiken, die oft unterschätzt werden. Wird etwa vor einem Turnier "nur ein bisschen mehr" Kraftfutter gegeben, kann dies den Dickdarm bereits messbar belasten, ohne dass äußerlich dramatische Symptome auftreten. Die Folge sind unter Umständen vermehrte Gasbildung, ein aufgegaster Bauch oder leichte Koliksymptome – Resultate einer verstärkten, sauren Fermentation im Dickdarm.

Auch ein Wechsel der Heucharge wird in seiner Wirkung auf die Darmflora häufig unterschätzt. Jede Futterumstellung – ob bei Heu, Kraftfutter oder beim Weidegang – sollte daher grundsätzlich graduell über mindestens zwei Wochen erfolgen, um der Mikroflora Zeit zur Anpassung zu geben.

Da das gesamte Verdauungssystem des Pferdes auf eine kontinuierliche Faseraufnahme ausgelegt ist, sollte Kraftfutter – auch bei Sportpferden mit erhöhtem Energiebedarf – stets nur ergänzend und in ausgewogenem Verhältnis zu reichlich Raufutter eingesetzt werden. Ergänzend gilt: Je vielfältiger das pflanzliche Angebot, desto diverser in der Regel auch die bakterielle Gemeinschaft im Darm. Da viele Weiden und Heuwiesen heute aus relativ artenarmen Grasmonokulturen bestehen, während Pferde in ihrem natürlichen Lebensraum eine deutlich größere Bandbreite an Kräutern und Pflanzenteilen aufnehmen würden, kann eine bewusst vielfältigere Weide- und Raufuttergestaltung die mikrobielle Vielfalt im Darm unterstützen.

Antibiotika nur nach tierärztlicher Diagnose

Antibiotika sind ein unverzichtbares Werkzeug zur Behandlung bakterieller Infektionen, greifen aber unweigerlich auch in die Darmflora ein. Ihr Einsatz sollte daher ausschließlich evidenzbasiert erfolgen – das heißt: nur dann, wenn tatsächlich begründeter Verdacht auf eine bakterielle Infektion besteht, und stets in Abstimmung mit dem behandelnden Tierarzt. Ein unkritischer oder vorsorglicher Einsatz kann, wie die oben beschriebene Fohlenstudie zeigt, langfristige Folgen für Atemwegsgesundheit und allgemeines Wohlbefinden haben.

Praktische Empfehlungen für eine gesunde Darmflora

Aus dem aktuellen Forschungsstand lassen sich folgende handlungsleitende Grundsätze für die tägliche Praxis ableiten:

  • Heu als Fütterungsbasis etablieren und Kraftfutter nur gezielt und in angemessener Menge ergänzen

  • Eine möglichst vielfältige Raufutterauswahl anbieten - artenreiches Heu und gut gepflegte, artenreiche Weiden - statt sich auf eine einzige Futterquelle wie Grassamenheu zu beschränken

  • Jede Futterumstellung – bei Heu, Kraftfutter oder Weidegang – über mindestens zwei Wochen schrittweise vornehmen

  • Antibiotika ausschließlich nach tierärztlicher Diagnose und Anweisung einsetzen

  • Bei Fohlen besonders auf eine ungestörte, vielfältige Darmbesiedlung in den ersten Lebenswochen achten, da sich hier eine entscheidende Weichenstellung für die spätere Gesundheit vollzieht

Die Forschung hat noch viel zu tun

Die Forschung zum Mikrobiom des Pferdes steckt - vor allem im Vergleich zur Forschung am Menschen oder an Nagern - noch in den Kinderschuhen. Aber wir wissen heute schon, dass das Darmmikrobiom des Pferdes weit mehr ist als nur ein passiver Verdauungshelfer – es handelt sich um ein dynamisches, individuell stark variierendes Ökosystem mit Wirkung auf Stoffwechsel, Immunsystem und sogar die Atemwegsgesundheit. Ein einheitliches Idealprofil existiert nicht, doch eine artenreiche, stabile Mikroflora gilt unabhängig von Rasse, geographischer Region oder Nutzungsrichtung als wichtiges Gesundheitsmerkmal. 

Wer auf eine faserbetonte, abwechslungsreiche Fütterung, behutsame Futterumstellungen und einen verantwortungsvollen Umgang mit Antibiotika achtet, schafft die besten Voraussetzungen dafür, dass sich diese unsichtbare, aber einflussreiche mikrobielle Gemeinschaft im Gleichgewicht halten kann – von den ersten Lebenswochen des Fohlens bis ins hohe Alter.



Quellen: 

  1. Leng, J., Moller-Levet, C., Mansergh, R.I. et al. Early-life gut bacterial community structure predicts disease risk and athletic performance in horses bred for racing. Sci Rep 14, 17124 (2024). DOI: 10.1038/s41598-024-64657-6

  2. Gilroy R, Leng J, Ravi A, Adriaenssens EM, Oren A, Baker D, La Ragione RM, Proudman C, Pallen MJ. "Metagenomic investigation of the equine faecal microbiome reveals extensive taxonomic diversity." PeerJ, 2022;10:e13084. DOI: 10.7717/peerj.13084

  3. Paul LJ, Ericsson AC, Andrews FM, et al. "Gastric microbiome in horses with and without equine glandular gastric disease." Journal of Veterinary Internal Medicine, 2021. DOI: 10.1111/jvim.16241

  4. Wunderlich G, Bull M, McGilchrist N, Zhao C, Ross T, Rose M, Chapman B. “The horse gut bacteriome and anaerobic mycobiome are influenced by seasonal forages and small intestinal starch digestibility.” Journal of Applied Microbiology, 2025;136(9):lxaf203. DOI: 10.1093/jambio/lxaf203

  5. Cryan JF, Dinan TG. “Mind-altering microorganisms: the impact of the gut microbiota on brain and behaviour.” Nature Reviews Neuroscience, 2012;13(10):701–712. DOI: 10.1038/nrn3346 (Humanstudie/Übersichtsarbeit – Grundprinzip der Darm-Hirn-Achse, beim Pferd nicht direkt untersucht, aber als artübergreifender Mechanismus anerkannt)

  6. Metcalf JL, Song SJ, Morton JT, Weiss S, Seguin-Orlando A, Joly F, Feh C, Taberlet P, Coissac E, Amir A, Willerslev E, Knight R, McKenzie V, Orlando L. “Evaluating the impact of domestication and captivity on the horse gut microbiome.” Scientific Reports, 2017;7:15497. DOI: 10.1038/s41598-017-15375-9

 

Team Sanoanimal

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