Anatomie und Biomechanik beim Pferd verstehen

Anatomie und Biomechanik beim Pferd verstehen

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Das Wichtigste in Kürze:

  • Anatomisches Wissen ist keine Theorie, sondern praktischer Schlüssel zu gesundem Training
  • Die Biomechanik des Pferdes gibt klare Richtlinien vor – wer sie ignoriert, riskiert die Gesundheit seines Pferdes
  • Viele Rückenprobleme, Lahmheiten und chronische Erkrankungen entstehen durch Unwissenheit über biomechanische Zusammenhänge
  • Korrekte Ausbildung respektiert die natürlichen Bewegungsabläufe und baut systematisch darauf auf
  • Die Investition in Wissen zahlt sich aus in Form eines gesunden, langlebigen Partners

Warum Anatomie und Biomechanik für die Pferdegesundheit entscheidend sind

Wer sein Pferd reitet, greift in dessen Biomechanik ein. Jede Trainingseinheit, jede Lektion, jeder Moment im Sattel beeinflusst den Pferdekörper – positiv oder negativ. Ohne Verständnis für die anatomischen Strukturen und die biomechanischen Abläufe ist es unmöglich, ein Pferd langfristig gesund zu erhalten.

Die gute Nachricht ist: Man muss kein Tierarzt oder Physiotherapeut sein, um die wichtigsten Zusammenhänge zu verstehen. Es reicht, die Grundlagen zu kennen und bei jedem Training im Hinterkopf zu behalten. Diese Artikelserie behandelt alle wesentlichen Themen – von den anatomischen Grundlagen über praktische Trainingsfragen bis hin zu kritischen Problemen, die in der Pferdewelt oft verschwiegen werden.

Die anatomischen Grundlagen: Was man unbedingt wissen sollte

Der Bewegungsapparat des Pferdes ist komplex, aber einige Grundprinzipien sind fundamental wichtig. Das Skelett mit seinen etwa 205 Knochen bildet das Gerüst, an dem Muskeln, Sehnen und Bänder ansetzen. Die Wirbelsäule ist die zentrale Achse – sie besteht aus sieben Halswirbeln, 18 Brustwirbeln, sechs Lendenwirbeln, dem verwachsenen Kreuzbein und den Schweifwirbeln.

Eine anatomische Besonderheit prägt die gesamte Biomechanik: Pferde besitzen kein Schlüsselbein. Der Brustkorb hängt nur an Muskulatur zwischen den Schulterblättern. Diese Konstruktion wird als Rumpfträger oder Tragesystem bezeichnet. Die Rumpfträgermuskulatur – hauptsächlich Bauch-, Brust- und Widerristhebermuskeln – muss den Brustkorb aktiv anheben und stabilisieren, damit das Pferd einen Reiter tragen kann.

Besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen Trage- und Bewegungsmuskulatur. Die (oft übersehene) Rumpfträgermuskulatur ist für das Tragen zuständig, während die sichtbare Rückenmuskulatur ein Bewegungsmuskel ist. Dieser lange Rückenmuskel sollte elastisch arbeiten, sich rhythmisch anspannen und entspannen – nicht dauerhaft verspannen und mittragen müssen.

Die Halswirbelsäule verdient besondere Aufmerksamkeit. Die ersten beiden Halswirbel – Atlas und Axis – ermöglichen Kopfbewegungen und sind entscheidend für Stellung und Biegung. Der Übergang vom siebten Halswirbel zum ersten Brustwirbel ist der tiefste Punkt der Wirbelsäule und besonders anfällig für Blockaden und Probleme.

Das Nacken-Rücken-Band-System verbindet den Hals mit dem gesamten Rücken. Wenn das Pferd den Kopf senkt und sich vorwärts-abwärts streckt, dehnt sich das Nackenband. Diese Dehnung stabilisiert die Wirbelsäule und ermöglicht die Aufwölbung des Rückens – eine Voraussetzung für gesundes Tragen.

Wie sich das Pferd bewegt – und was dabei schiefgehen kann

Jede Gangart folgt einem festgelegten Bewegungsmuster. Der Schritt ist ein Viertakt ohne Schwebephase, der Trab ein Zweitakt mit diagonalen Beinpaaren, der Galopp ein Dreitakt mit Schwebephase. Diese Taktfolgen sind biomechanisch vorgegeben – Abweichungen davon sind Warnsignale.

Taktfehler sind keine Kleinigkeiten. Ein Pass-Schritt, ein unreiner Zweitakt im Trab oder ein Viertakt-Galopp zeigen, dass biomechanisch etwas nicht stimmt. Oft stecken Verspannungen, Schmerzen oder Ausbildungsfehler dahinter. Auch häufiges Stolpern, Schleifen der Hufe oder ungleiche Schrittlängen deuten auf Probleme hin.

Die natürliche Schiefe ist bei jedem Pferd vorhanden – ähnlich wie Menschen Rechts- oder Linkshänder sind. Diese angeborene Asymmetrie führt zu ungleicher Belastung und muss durch Geraderichtung korrigiert werden. Geraderichtung bedeutet nicht, das Pferd gerade zu machen, sondern beide Seiten gleich beweglich, gleich stark und gleich geschickt zu entwickeln. Ohne Geraderichtung entstehen einseitige Verschleißerscheinungen, die langfristig zu Lahmheiten und Rückenproblemen führen.

Stellung und Biegung sind mehr als ästhetische Kriterien. Die Stellung im Genick bereitet die gesamte Wirbelsäule auf die Biegung vor. Ohne korrekte Stellung kann sich das Pferd nicht physiologisch biegen. Zu viel Biegung über zu lange Zeit schädigt die Halswirbelsäule ebenso wie zu wenig Biegung. Die richtige Dosis und die korrekte Ausführung sind entscheidend.

Der Einfluss von Reiter, Sattel und Zäumung

Der Reiter beeinflusst durch Gewicht, Sitz und Einwirkung die gesamte Biomechanik des Pferdes. Ein unausbalancierter Sitz verschiebt den Schwerpunkt und zwingt das Pferd zu Kompensationen. Ein Reiter, der in den Rücken fällt, blockiert die Aufwölbung. Ein Reiter mit harter Hand verhindert die Aktivität der Hinterhand. Die eigene Schiefe des Reiters verstärkt die natürliche Schiefe des Pferdes.

Der Sattel ist die Schnittstelle zwischen Reiter und Pferd. Ein unpassender Sattel kann die gesamte Biomechanik negativ beeinflussen. Druckpunkte am Rücken lösen Reflexe aus, die das Pferd dazu bringen, den Rücken wegzudrücken. Die Folgen reichen von Verspannungen über Muskelatrophien bis zu dauerhaften Schäden an der Wirbelsäule. Regelmäßige Sattelkontrollen sind nicht optional, sondern notwendig.

Gebiss und Zäumung wirken über die Hebelwirkung am Genick auf das gesamte Nackenbandsystem. Zu starke Zügeleinwirkung kann Nackenbandverkalkungen verursachen und die Hinterhand blockieren. Hilfszügel können in kundigen Händen zeitweise hilfreich sein, richten aber in unkundigen Händen oder bei Dauergebrauch enormen Schaden an. Die Rollkur oder Hyperflexion schädigt die Halswirbelsäule massiv und führt zu chronischen Problemen.

Die häufigsten Gesundheitsprobleme und ihre Ursachen

Trageerschöpfung entsteht, wenn die Rumpfträgermuskulatur überlastet ist und der Brustkorb absinkt. Typische Zeichen sind eingesunkene Sattellage, hervorstehender Widerrist, ausgeprägte Unterhalsmuskulatur und verspannte Schultern. Ohne Behandlung verschlimmert sich der Zustand und führt zu irreversiblen Schäden. Die Korrektur erfordert konsequente Reitpause oder reiterfreies Training und systematischen Muskelaufbau.

Kissing Spines – wenn die Dornfortsätze der Wirbel sich berühren – sind eine der häufigsten Rückenerkrankungen. Am häufigsten betroffen ist der Bereich zwischen dem 10. und 18. Brustwirbel, genau unter der Sattellage. Ursachen sind falsches Reiten, unpassender Sattel, Trageerschöpfung und manchmal genetische Prädisposition. Mit konsequenter Behandlung und richtigem Training können viele betroffene Pferde wieder geritten werden.

Die Oberlinie – die Muskelkette von Kruppe über Rücken bis zum Genick – zeigt deutlich, ob ein Pferd korrekt geritten wird. Gesunde Rückenmuskulatur ist symmetrisch, gut entwickelt und geschmeidig. Probleme zeigen sich durch Löcher vor dem Widerrist, ausgeprägte Unterhalsmuskulatur und verspannte Schultern. Der richtige Muskelaufbau erfolgt durch gymnastizierendes Training, nicht durch Krafttraining.

Vorhandlastigkeit – wenn das Pferd zu viel Gewicht auf den Vorderbeinen trägt – ist eine unterschätzte Gefahr. Die Folgen sind Arthrose, Sehnenschäden, Hufrollenentzündung und vorzeitiger Verschleiß der Vorderbeine. Die Ursachen liegen meist in mangelnder Hinterhandaktivität. Die Korrektur erfordert systematisches Training zur Lastaufnahme der Hinterhand.

Die Grundprinzipien korrekten Trainings

Losgelassenheit ist die Basis für alles weitere. Sie bedeutet das rhythmische An- und Entspannen der Muskulatur im Bewegungstakt. Nur ein losgelassenes Pferd kann seinen Rücken aufwölben und über den Rücken gehen. Die Dehnungshaltung – das Vorwärts-Abwärts – ist der Schlüssel zur Losgelassenheit. Sie muss in jeder Trainingseinheit erarbeitet werden.

Die Hinterhand ist der Motor des Pferdes. Aktives Untertreten der Hinterbeine unter den Schwerpunkt ist Voraussetzung für gesundes Tragen des Reiters. Ohne aktive Hinterhand bleibt das Pferd vorhandlastig und entwickelt Verschleißerscheinungen an den Vorderbeinen. Die Aktivierung erfolgt durch gymnastische Übungen wie Übergänge, Seitengänge und Stangenarbeit – nicht durch ständiges Treiben.

Das Prinzip „von hinten nach vorne“ ist fundamental. Die Ausbildung beginnt mit der Aktivierung der Hinterhand. Daraus ergibt sich die Aufwölbung des Rückens. Und daraus wiederum ergibt sich die Kopf-Hals-Position. Wer versucht, die Kopfposition über den Zügel zu erzwingen („von vorne nach hinten“), blockiert die Hinterhand und schädigt das Nackenband.

Was oft verschwiegen wird

Zu frühes Anreiten ist weit verbreitet, obwohl die Risiken bekannt sind. Pferde sind erst mit 5-6 Jahren vollständig ausgewachsen – die letzten Wachstumsfugen schließen sich erst dann. Frühes Anreiten belastet unreife Knochen, Knorpel und Wachstumsfugen und kann zu dauerhaften Schäden führen. Wirtschaftlicher Druck führt dazu, dass die meisten Pferde mit 2,5-3,5 Jahren angeritten werden – zu früh für ihre körperliche Entwicklung.

Im Hochleistungssport zeigen viele Pferde spektakuläre Lektionen, ohne biomechanisch korrekt zu gehen. Kompensationsmuster ermöglichen es, durch Kraft statt gesunder Biomechanik beeindruckende Bewegungen zu präsentieren. Typische Merkmale sind ausgeprägte Unterhalsmuskulatur, fehlende Hankenbeugung und „Spanischer Schritt“-Mechanismen. Diese Pferde sind kurzlebig – viele sind mit 12-15 Jahren verschlissen. Der sportliche Erfolg wird mit der Gesundheit des Pferdes bezahlt.

Warnzeichen erkennen und richtig reagieren

Taktfehler, Gangunreinheiten und Überlastungssymptome sind keine Kleinigkeiten, sondern Warnsignale des Körpers. Häufiges Stolpern, Schleifen der Hufe oder unregelmäßige Schrittlänge deuten auf Probleme hin. Überlastung zeigt sich durch Ermüdung, Widersetzlichkeit oder Verhaltensänderungen.

Viele Ausbildungsfehler werden erst spät erkannt, wenn bereits Schäden entstanden sind. Mangelnde Grundlagenarbeit, fehlende Losgelassenheit, Aufrichtung –  zu viel und zu früh, fehlende Dehnungsphasen – all das führt zu Problemen. Das Ignorieren von Warnsignalen ist vielleicht der größte Fehler überhaupt.

Bei anhaltenden Problemen sollte man professionelle Hilfe hinzuziehen, bevor irreversible Schäden entstehen. Ein Tierarzt bei Lahmheiten, ein Physiotherapeut oder Osteopath bei Verspannungen und Blockaden, ein erfahrener Trainer bei Rittigkeitsproblemen, ein qualifizierter Sattler bei Sattelproblemen – die rechtzeitige Konsultation von Fachleuten kann viel Leid verhindern.

Die Verantwortung des Reiters

Wer reitet, trägt Verantwortung. Die Entscheidung, wie ein Pferd trainiert wird, liegt beim Menschen. Das Pferd kann nur durch sein Verhalten signalisieren, wenn etwas nicht stimmt – und diese Signale werden oft übersehen oder falsch interpretiert.

Die Investition in Wissen ist die beste Investition in die Gesundheit des Pferdes. Wer die Anatomie versteht, die Biomechanik respektiert und die Warnsignale erkennt, kann seinem Pferd ein langes, gesundes Leben als Reitpferd ermöglichen. Wer hingegen aus Unwissenheit oder Ignoranz gegen die Natur des Pferdes arbeitet, wird früher oder später die Konsequenzen sehen – in Form von Lahmheiten, Rückenproblemen oder Verhaltensauffälligkeiten.

Die gute Nachricht ist: Es ist nie zu spät, etwas zu ändern. Auch ein Pferd, das jahrelang falsch geritten wurde, kann oft noch korrigiert werden, wenn die Schäden nicht zu gravierend sind. Der erste Schritt ist die Erkenntnis, dass etwas nicht stimmt. Der zweite Schritt ist die Bereitschaft, etwas zu ändern. Und der dritte Schritt ist das konsequente Umsetzen eines korrekten Trainings.

Fazit: Anatomie als Schlüssel zur Pferdegesundheit

Anatomie und Biomechanik sind keine trockene Theorie für Fachleute, sondern praktisches Wissen für jeden Reiter. Die Grundprinzipien sind nicht kompliziert: Der Brustkorb muss angehoben werden, der Rücken muss schwingen können, die Hinterhand muss aktiv sein, die Muskulatur muss locker arbeiten können. Alles andere – alle Lektionen, alle Übungen, alle Fortschritte – baut darauf auf.

Wer diese Grundlagen versteht und respektiert, hat die besten Voraussetzungen für eine lange, erfolgreiche Partnerschaft mit seinem Pferd. Wer sie ignoriert, riskiert die Gesundheit seines Partners. Die Wahl liegt bei jedem einzelnen Reiter.

Diese Artikelserie bietet einen umfassenden Überblick über alle wichtigen Aspekte von Anatomie und Biomechanik im Bezug auf die Gesundheit des Pferdes. Von den Grundlagen über praktische Trainingstipps bis hin zu kritischen Themen, die oft verschwiegen werden – alle wesentlichen Informationen sind hier versammelt. Die Serie dient als Einstieg für Interessierte und als Nachschlagewerk für alle, die ihr Wissen vertiefen möchten.

Denn letztlich geht es um eines: Das Pferd gesund zu erhalten und ihm ein gutes Leben zu ermöglichen. Anatomisches Wissen ist der Schlüssel dazu.

Team Sanoanimal

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