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Artikel lesenReiskeimöl fürs Pferd: Wundermittel oder überschätztes Speiseöl?
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Das Wichtigste in Kürze
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Reiskeimöl ist das durch Extraktion gewonnene Fett aus der Reiskleie – es enthält keine Stärke und keinen Zucker, ist also in dieser Hinsicht für Stoffwechselpferde ungefährlicher als Reiskleie selbst, was es aber nicht automatisch gesund macht.
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Das Fettsäureprofil ist Omega-6-betont: Reiskeimöl enthält deutlich mehr Omega-6- als Omega-3-Fettsäuren, was bei dauerhafter Verfütterung das Entzündungsgeschehen im Körper fördern kann.
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Gamma-Oryzanol – die viel beworbene Wirksubstanz – zeigt in Studien bei Nagetieren interessante Effekte. Ob diese auf Pferde übertragbar sind, ist wissenschaftlich nicht belegt und fraglich, da Studien am Menschen zu sehr uneinheitlichen Ergebnissen kommen.
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Für Pferde mit EMS oder Insulinresistenz gibt es Hinweise, dass das Gamma-Oryzanol und der hohe Omega-6-Anteil die Insulinsensitivität langfristig verschlechtern können – das macht Reiskeimöl für genau die Pferde problematisch, für die es oft empfohlen wird.
Reiskeimöl erfreut sich in der Pferdeernährung wachsender Beliebtheit. Es wird als energiereiche, stärkefreie Alternative zu Kraftfutter angepriesen, mit dem Verweis auf sein besonderes Fettsäureprofil und die enthaltenen Antioxidantien. Was davon hält einem näheren Blick stand – und für wen ist Reiskeimöl tatsächlich geeignet?
Wie entsteht Reiskeimöl?
Reiskeimöl wird aus der Reiskleie – also Abfallprodukt der Reismühle – durch Lösungsmittelextraktion oder mechanische Kaltpressung gewonnen. Die industrielle Herstellung erfolgt überwiegend durch Lösungsmittelextraktion (meist mit Hexan), anschließende Raffination, Bleichung und Desodorierung. Das Ergebnis ist ein geschmacksneutrales, helles bis goldgelbes Öl mit einem Rauchpunkt von ca. 250 Grad Celsius.
Was nach dem Extraktionsprozess übrig bleibt, ist das entfettete Reiskleiemehl – ebenfalls ein Handelsprodukt, das in der Pferdeernährung unter verschiedenen Namen auftaucht.
Was steckt im Reiskeimöl?
Reiskeimöl enthält ca. 20 % gesättigte Fettsäuren, 47 % einfach ungesättigte Fettsäuren (vor allem Ölsäure) und etwa 33 % mehrfach ungesättigte Fettsäuren. Das Omega-6-zu-Omega-3-Verhältnis liegt je nach Quelle bei etwa 20:1 bis 25:1 – also stark Omega-6-betont.
Darüber hinaus enthält Reiskeimöl bioaktive Substanzen, die in der Vermarktung intensiv hervorgehoben werden: Gamma-Oryzanol (ein Gemisch aus Ferulasäureestern von Phytosterolen), Tocopherole und Tocotrienole (Vitamin-E-Formen) sowie Phytosterole.
Gamma-Oryzanol: Was steckt wirklich dahinter?
Gamma-Oryzanol ist die am häufigsten zitierte Wirksubstanz des Reiskeimöls. In der Humanmedizin und Tierforschung wurden verschiedene Effekte beobachtet: cholesterinsenkende Wirkung bei Ratten und Menschen mit Fettstoffwechselstörungen, antiinflammatorische Eigenschaften in bestimmten Nager-Modellen sowie Effekte auf den Insulinstoffwechsel – allerdings mit stark widersprüchlichen Ergebnissen je nach Dosierung und Tiermodell.
Das zentrale Problem: Nahezu alle verfügbaren Studien wurden an Ratten, Mäusen oder Menschen durchgeführt. Belastbare Studien zum Einsatz von Gamma-Oryzanol beim Pferd fehlen. Die Übertragbarkeit von Nagermodellen auf die Pferdeernährung ist aus physiologischen Gründen sehr begrenzt. Was bei der Laborratte eine Insulinsensitivität verbessert, kann beim Pferd – mit seinem völlig anderen Verdauungssystem und Insulinstoffwechsel – einen anderen oder sogar gegenteiligen Effekt haben.
Warum Reiskeimöl für EMS-Pferde problematisch sein kann
Genau hier liegt der entscheidende Widerspruch in der Vermarktung: Reiskeimöl wird nicht nur für Sportpferde beworben, sondern häufig auch für Stoffwechselpferde empfohlen – also für Pferde mit EMS, Insulinresistenz oder Hufrehe-Vorgeschichte. Dabei gibt es konkrete Hinweise, dass es für diese Pferde die falsche Wahl ist.
Das Omega-6-betonte Fettsäureprofil fördert entzündliche Prozesse im Körper, wenn nicht ausreichend Omega-3-Fettsäuren als Gegenspieler vorhanden sind. Je nach Fütterungsmanagement haben viele Pferde bereits eine Omega-6-lastige Ration – ein Öl mit einem 20:1-Verhältnis verstärkt dieses Ungleichgewicht weiter.
Hinzu kommt, dass es Hinweise gibt, wonach Gamma-Oryzanol die Insulinsensitivität bei bereits insulinresistenten Individuen langfristig verschlechtern kann – also bei genau den Pferden, für die es empfohlen wird.
Warum Ölfütterung beim Pferd generell kritisch zu betrachten ist
Unabhängig davon, welches Öl gefüttert wird, gibt es einen grundlegenden physiologischen Einwand gegen die Ölfütterung beim Pferd – einen, der in der Vermarktung von Reiskeimöl und anderen Speiseölen konsequent ignoriert wird.
Damit der Körper Fett überhaupt verwerten kann, muss es im Dünndarm zunächst emulgiert und dann durch das Enzym Lipase in seine Bestandteile, die Fettsäuren, gespalten werden. Für die Emulgation ist Gallenflüssigkeit notwendig. Und genau hier liegt das Problem: Das Pferd besitzt keine Gallenblase. Es kann Gallenflüssigkeit nicht auf Vorrat speichern und bei Bedarf auf einmal in den Dünndarm abgeben – wie es bei Hund, Katze oder Mensch der Fall ist. Das Pferd scheidet Gallenflüssigkeit kontinuierlich in kleinen Mengen aus, weil sein Verdauungssystem auf einen gleichmäßigen Strom von Pflanzenfasern ausgelegt ist, nicht auf portionsweise anfallende Fettmengen.
Trifft nun eine größere Ölportion auf einmal im Dünndarm ein, steht schlicht nicht genug Gallenflüssigkeit zur Verfügung, um sie vollständig zu emulgieren. Was nicht emulgiert wird, kann nicht verdaut werden. Das Öl legt sich stattdessen als feiner Fettfilm über den gesamten Nahrungsbrei – und verhindert damit zusätzlich, dass andere Verdauungsenzyme ihre Arbeit tun können. Stärken und Eiweiße aus der übrigen Ration werden schlechter aufgeschlossen. Ein Teil des Futters, der eigentlich im Dünndarm verdaut werden sollte, gelangt unverdaut in den Dickdarm – mit allen Konsequenzen für das Mikrobiom.
Dazu kommt: Pferde nehmen unverdaute Fremdfette teilweise direkt auf. Da diese biologisch nicht weiterverarbeitet werden können, lagert der Körper sie vorübergehend im Fettgewebe ein und entsorgt sie schließlich über die Talgdrüsen der Haut. Das führt zu dem glänzenden Fell, das viele Pferdehalter als Zeichen guter Versorgung deuten – es ist aber kein Zeichen von Gesundheit, sondern von Abfallentsorgung über die Haut.
Wer seinem Pferd wertvolle Fettsäuren zuführen möchte, ist mit ölhaltigen Samen deutlich besser beraten: Leinsamen (frisch geschrotet), Sonnenblumenkerne, Hagebuttenkernen oder einer hochwertigen Wildsamenmischung. In dieser Form kommen die Fettsäuren eingebettet in eine pflanzliche Zellstruktur in den Darm und können wesentlich besser aufgeschlossen und verwertet werden, als wenn dasselbe Öl flüssig aus der Flasche kommt.
Reiskeimöl - gut oder nicht?
Reiskeimöl ist nicht giftig und nicht generell ungeeignet – aber es ist auch kein Wundermittel. Eine ausdauer- oder leistungssteigernde Wirkung ist für Pferde nicht nachgewiesen, weshalb die Fütterung bei Sportpferden schon fragwürdig ist. Für Pferde mit Stoffwechselproblemen, EMS oder Insulinresistenz ist es aufgrund des Omega-6-betonten Fettsäureprofils und der möglichen Auswirkungen von Gamma-Oryzanol auf den Insulinstoffwechsel nicht die erste Wahl. Wer wirklich eine Hilfe für seinen Stoffwechselpatienten sucht, findet sie nicht im Regal der Trendprodukte, sondern in einer konsequenten Raufutterbasis mit passender Heuanalyse und einer gezielten Mineralversorgung.