Reiskleie fürs Pferd: getreidefrei, proteinreich, für EMS geeignet? Was wirklich dahintersteckt

Holzschüssel mit Reiskleie und Reiszweigen

© Adobe Stock / 琢也 栂

Das Wichtigste in Kürze

  • Reiskleie ist kein eigenständiges Futtermittel, sondern ein Industrieabfallprodukt aus der Reisverarbeitung – die Schicht, die beim Polieren von Reis zu weißem Reis abgefräst wird.

  • Reiskleie enthält je nach Verarbeitungsgrad 13–30 % Stärke und Zucker (NSC) – das ist nicht getreidefrei im physiologischen Sinne, auch wenn keine Reiskörner enthalten sind.

  • Das Calcium-Phosphor-Verhältnis in Reiskleie ist mit ca. 0,1 % Calcium und 1,3 % Phosphor extrem ungünstig – eine dauerhafte Verfütterung belastet den Mineralstoffhaushalt und muss durch gezielte Calciumsupplementierung ausgeglichen werden.

  • Phytinsäure in der Reiskleie bindet Mineralstoffe wie Kalzium, Zink und Eisen und reduziert die Proteinverdaulichkeit – was den vermeintlichen Ernährungsvorteil erheblich relativiert.

  • Für Pferde mit EMS, Insulinresistenz, PSSM1 oder MIM ist Reiskleie aufgrund des Stärkegehalts kritisch zu betrachten – der NSC-Gehalt liegt deutlich über dem, was diese Pferde tolerieren sollten.

  • Reiskleie muss stabilisiert werden, weil sie ohne Hitzebehandlung innerhalb von Stunden ranzig wird – ein Hinweis darauf, wie instabil dieses Produkt von Natur aus ist.

 

Reiskleie wird immer mal wieder als das neue Wunderfutter gehyped: getreidefrei, reich an Protein und Fett, angeblich ideal für Pferde mit EMS, PSSM oder MIM. Klingt gut – stimmt aber so nicht. Wer verstehen will, warum, sollte sich anschauen, was Reiskleie eigentlich ist, wie sie entsteht und was sie im Pferdekörper macht.

Was ist Reiskleie und wo kommt sie her?

Wenn Rohreis zu weißem Reis verarbeitet wird, wie er in Asien bevorzugt gegessen wird, muss die äußere Schicht des Reiskorns entfernt werden. Diese Schicht – bestehend aus Silberhäutchen, Aleuronschicht und Reiskeim – ist die Reiskleie. Sie ist ein Abfallprodukt der industriellen Reismühle, das irgendwo hin muss. Weltweit fallen jährlich 60 - 95 Millionen Tonnen an, die traditionell als Dünger für die Reisfelder oder als Viehfutter für Nutztiere verwertet werden.

Es klingt nach einem natürlichen Produkt. Ist es irgendwie auch – aber eben eines, für das die Verdauung des Pferdes nicht vorgesehen ist und dessen Nährstoffprofil erhebliche Tücken bereithält.

Was steckt in der Reiskleie?

Die Zusammensetzung von Reiskleie schwankt je nach Reissorte, Mahlgrad und Verarbeitungstiefe, liegt aber typischerweise bei:

  • 11-17 % Rohprotein
  • 12-22 % Fett
  • 13-30 % nichtstrukturelle Kohlenhydrate (Stärke und Zucker)
  • 10-15 % Rohfaser
  • ca. 0,1 % Kalzium
  • ca. 1,3 % Phosphor

Außerdem enthält sie nennenswerte Mengen an Phytinsäure (ca. 6–7 %), Trypsin-Inhibitoren und verschiedene bioaktive Substanzen wie Gamma-Oryzanol, Tocopherole und Phytosterole.

Das „getreidefrei"-Argument: Warum es in die Irre führt

Das Argument, Reiskleie sei getreidefrei, ist botanisch korrekt – Reis gehört zwar zur Familie der Süßgräser, wird aber in der Pferdeernährung üblicherweise nicht als klassisches Getreide geführt und die Reiskleie ist ja nur ein Restprodukt des Reiskorns. Das Problem ist: Für den Pferdestoffwechsel ist nicht relevant, ob eine Stärke aus Hafer, Gerste, dem ganzen Reiskorn oder eben der Reiskleie kommt. Relevant ist, dass Stärke Stärke ist.

Reiskleie enthält je nach Analyse zwischen 13 und 30 % nichtstrukturelle Kohlenhydrate, der Stärkeanteil allein liegt häufig bei 15–20 %. Zum Vergleich: Für Pferde mit Stoffwechselproblemen empfehlen alle gängigen Ernährungsrichtlinien einen Gesamtgehalt an Stärke und Zucker (NSC) von unter 10 %, besser unter 6 % bezogen auf die Tagesration. Reiskleie überschreitet diesen Wert als Einzelkomponente deutlich.

Der glykämische Index von Reiskleie ist zwar niedriger als der von Hafer oder Mais – trotzdem löst Reiskleie eine messbare Insulinantwort aus. Für ein Pferd, dessen Insulinstoffwechsel bereits gestört ist, ist das zu viel.

Das Calcium-Phosphor-Problem

Eines der gravierendsten Probleme bei der regelmäßigen Verfütterung von Reiskleie ist das extrem ungünstige Mineral-Verhältnis. Ein gesunder Pferdeorganismus benötigt ein Calcium-zu-Phosphor-Verhältnis von mindestens 4:1 bis 6:1. Reiskleie liefert ca. 0,1 % Kalzium, aber 1,3 % Phosphor – das ergibt ein Verhältnis von fast 1:13.

Dauerhaft zu viel Phosphor im Verhältnis zu Kalzium führt zu einer Störung der Knochenmineralisation. Der Körper gleicht den Mangel aus, indem er Kalzium aus den Knochen mobilisiert – ein Prozess, der langfristig zu Knochenschwund führen kann. In der Tierfütterungspraxis ist Reiskleie deshalb immer nur in Kombination mit einer gezielten Calciumsupplementierung vertretbar.

Wer Reiskleie kauft und einfach in den Trog kippt, verfüttert mit jeder Ration aktiv ein Mineralungleichgewicht.

Phytinsäure: Der stille Mineralräuber

Reiskleie enthält ca. 6–7 % Phytinsäure – eine Verbindung, die Mineralstoffe wie Kalzium, Zink, Eisen und Mangan im Darm bindet und deren Aufnahme blockiert. Gleichzeitig hemmt Phytinsäure das Enzym Trypsin, was die Verdaulichkeit des enthaltenen Proteins erheblich reduziert. Das viel beworbene Rohprotein von 11–17 % klingt beeindruckend – aber ein erheblicher Teil davon kommt beim Pferd gar nicht an.

Reiskleie für EMS, PSSM und MIM: Was die Zahlen wirklich sagen

Dass Reiskleie für Pferde mit EMS, PSSM1 oder MIM empfohlen wird, ist ein Beispiel für gut gemeinte, aber physiologisch nicht zu Ende gedachte Fütterungsberatung.

Bei EMS und Insulinresistenz: Das Ziel ist eine strenge Reduktion des NSC-Gehalts der Gesamtration auf deutllich unter 10 %. Reiskleie mit 13–30 % NSC leistet dazu keinen positiven Beitrag. Studien zeigen zudem, dass fettreiche Diäten bei Pferden mit bestehender Insulinresistenz diese verschlimmern können – gerade das hohe Fettangebot von Reiskleie, überwiegend in Form von Omega-6-Fettsäuren, ist in diesem Zusammenhang kritisch.

Bei PSSM1: Zucker und Stärke sind der Hauptauslöser für die pathologische Glykogenspeicherung in der Muskulatur. Jede stärkehaltige Komponente in der Ration – auch wenn ihr glykämischer Index niedriger ist als der von Hafer – trägt zur Belastung bei. PSSM1-Pferde sollten nicht mit Reiskleie gefüttert werden.

Bei MIM (PSSM2): Hier steht der Proteinbedarf im Vordergrund. Das Problem: Das in der Reiskleie enthaltene Protein ist aufgrund der Phytinsäure und der Trypsin-Inhibitoren in seiner Verdaulichkeit eingeschränkt. MIM-Pferde brauchen hochwertiges, gut verfügbares Protein mit einem ausgeglichenen Aminosäureprofil – das ist bei Reiskleie nicht gewährleistet.

Die Stabilitätsfrage: Warum Reiskleie immer hitzebehandelt werden muss

Frische Reiskleie ist innerhalb weniger Stunden nach der Mahlung ranzig – wegen der enthaltenen Lipasen, die das Fett sofort zu spalten beginnen. Das führt zu ranzigem Geruch, Geschmacksveränderungen und dem Abbau von Nährwerten. Reiskleie für den Einsatz als Pferdefutter muss deshalb zwingend stabilisiert werden, üblicherweise durch Hitzebehandlung (Extrusion oder Bedampfung) und / oder Zusatz von Konservierungsmitteln, die nicht immer deklarationspflichtig sind.

Das bedeutet: Was im Handel als “natürliche” Reiskleie für Pferde verkauft wird, ist ein industriell stark verarbeitetes Produkt, das eine Wärmebehandlung durchlaufen hat – mit allen damit verbundenen Auswirkungen auf die Nährstoffstruktur, insbesondere auf hitzeempfindliche Vitamine und die Proteinqualität.

Warum wird Reiskleie in Pferdefutter verwendet?

Die Antwort ist so simpel wie ernüchternd: Reiskleie ist billig. Als Abfallprodukt der industriellen Reismühlen fallen jedes Jahr Millionen Tonnen an und die müssen irgendwo verwertet werden. Der globale Einkaufspreis liegt bei etwa 23 Cent pro Kilogramm – deutlich weniger als was die meisten anderen Proteinträger in der Tierfutterindustrie kosten. Zum Vergleich: Sojaextraktionsschrot, ein weiterer Abfall der Lebensmittelindustrie, der im Pferdefutter beliebt ist, kommt schon auf etwa 30 Cent pro Kilogramm, während Esparsette, die wirklich hochwertiges Eiweiß für Pferde liefert, mit 2,50 Euro zu Buche schlägt.

Gleichzeitig liest sich das Nährwertprofil auf dem Etikett beeindruckend: 11–17 % Rohprotein, 12–22 % Fett. Das sind Werte, mit denen sich gut werben lässt – als proteinreich, energiedicht, getreidefrei. Für Futterhersteller ist Reiskleie damit ein attraktiver Rohstoff: günstig eingekauft, mit positiven Kennzahlen auf dem Etikett, gut in Marketingbotschaften verpackbar.

Was das Etikett nicht zeigt: Die Phytinsäure in der Reiskleie bindet einen erheblichen Teil der Mineralstoffe und hemmt die Proteinverdaulichkeit, sodass die ausgewiesenen Nährwerte beim Pferd real nicht ankommen. Das Rohprotein auf der Verpackung und das tatsächlich verwertbare Protein im Pferd sind zwei verschiedene Dinge. Was bleibt, ist ein billiges Industrienebenprodukt – mit teurer Verpackung und einem Preisaufschlag, der sich aus dem Marketing speist, nicht aus dem Mehrwert für das Pferd.

Was stattdessen?

Wer ein Pferd mit Stoffwechselproblemen energetisch gut und gesund versorgen möchte, ohne den Insulinstoffwechsel zu belasten, hat bessere Alternativen: qualitativ gutes Heu in bedarfsgerechter Zusammensetzung, hochwertige Fasern aus eingeweichten zuckerarmen Heucobs, Esparsette oder OKAPI Vitalcobs für einen höheren Eiweißgehalt in der Ration mit hochwertigem Aminosäureprofil. Für Pferde mit erhöhtem Proteinbedarf empfehlen sich außerdem gezielt ausgewählte Aminosäurenpräparate mit nachgewiesen hohem Gehalt an Lysin, Methionin und Threonin (wie z.B. das OKAPI Lymeth) – nicht ein Abfallprodukt der Reismühle, dessen Proteinverdaulichkeit durch Antinutritiva eingeschränkt ist.

Team Sanoanimal

Team Sanoanimal

Wir sind ein erfahrenes Team von Therapeuten, spezialisiert auf Futterberatung und integrierte Tiertherapien für Pferde. Mit umfassender Erfahrung in der Behandlung von Stoffwechselproblemen setzen wir auf artgerechte Fütterung und naturheilkundliche Mittel, um die Gesundheit Ihres Pferdes zu verbessern. Profitieren Sie von unserem Wissen für das Wohl Ihres Pferdes.

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