Raufutter & Faserlänge beim Pferd: Wie die Form des Raufutters die Verdauung beeinflusst

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Wer Pferde mit chronischen Verdauungsproblemen betreut, kennt die Situation. Das Pferd hat seit Monaten Kotwasser, gast auf, reagiert mit weichem Kot oder Koliken. Man hat die Zähne kontrolliert, Parasiten ausgeschlossen, das Mineralfutter angepasst und das Kraftfutter reduziert, und trotzdem stabilisiert sich die Verdauung nicht. Therapeuten, die mit solchen Pferden arbeiten, beobachten seit Jahren ein wiederkehrendes Muster: In der Ration finden sich auffallend häufig Strukturhäcksel, Heulage, eingeweichtes oder bedampftes Heu. Und bei vielen dieser Pferde kommt der Durchbruch erst, wenn die Fütterung konsequent auf langstängeliges, hygienisch einwandfreies, trockenes Heu umgestellt wird.

Diese Beobachtung ist der Grund, warum wir von Strukturhäckseln, Heulage und anderen Futtermitteln abraten. Und weil es eine Praxisbeobachtung ist, wird uns regelmäßig entgegengehalten, das sei wissenschaftlich nicht haltbar.

Die Kritik ist berechtigt, und sie verdient eine ernsthafte Antwort. Denn wer nur auf die Nährstoffanalyse schaut, findet zwischen einem Kilogramm Heu und einem Kilogramm Heuhäcksel aus demselben Aufwuchs kaum einen Unterschied. Rohfaser, NDF, Protein und Zucker sind nahezu identisch. Für das Pferd sind es trotzdem zwei verschiedene Futtermittel. Das eine muss es mit Lippen und Schneidezähnen aufnehmen, zu einem Bolus formen und zwischen den Backenzähnen zermahlen. Beim anderen hat eine Maschine einen Teil dieser Arbeit bereits übernommen, nur eben anders, als der Kauapparat des Pferdes es tun würde. Ähnliches gilt für Heu, das eingeweicht, bedampft oder siliert wurde: Die Inhaltsstoffe sind ähnlich, aber die Faser ist weicher, feuchter und elastischer - und das hat Einfluss darauf, wie das Futter gekaut wird. Und das Kauen wiederum hat Einfluss auf die Verdauung.

Verdauung beginnt beim Pferd im Maul. Wie ein Pflanzenpartikel gekaut wird, bestimmt, in welcher Form er abgeschluckt wird. Und in welcher Form er im Dickdarm ankommt, bestimmt mit, wie gut die Mikroorganismen dort mit ihm arbeiten können und wie lange er dafür Zeit bekommt.

Also gehen wir einmal dem natürlichen Ablauf der Futterverwertung nach, vom Kauen bis zum Kot. Für jede Form des Raufutters fragen wir: Was beobachten wir in der Praxis? Was davon lässt sich wissenschaftlich belegen? Wo gibt es physiologisch plausible Erklärungen, die bislang niemand untersucht hat? Und welche Studien scheinen dafür oder dagegen zu sprechen, und was sagen sie tatsächlich aus?

Die Antwort wird nicht so einfach ausfallen, wie viele es gern hätten. Aber sie zeigt, dass „wissenschaftlich nicht haltbar“ und „wissenschaftlich noch nicht untersucht“ zwei sehr verschiedene Dinge sind.

Kauen ist nicht gleich Kauen

Wenn in der Fütterungsberatung von „Kauen“ die Rede ist, klingt das nach einer einfachen Sache: Das Pferd nimmt Futter auf, kaut es, schluckt es ab. Je mehr es kaut, desto besser. Diese Vorstellung prägt auch viele Produktbeschreibungen. Strukturhäcksel sollen „zum Kauen anregen“, Müslis mit Faseranteil sollen „kauintensiv“ sein. Schaut man sich an, was in den Studien zum Kauverhalten eigentlich gemessen wird, zeigt sich allerdings schnell, dass „Kauen“ keine einheitliche Größe ist. Es gibt mindestens vier verschiedene Dinge, die man messen kann, und sie sagen jeweils etwas anderes aus.

Vier Messgrößen, vier verschiedene Aussagen

Am häufigsten wird die Kaufrequenz erfasst, also die Zahl der Kaubewegungen pro Minute. Sie beschreibt, wie schnell ein Pferd kaut, aber nicht, was dabei mit dem Futter geschieht. Aus der Frequenz und der Fressdauer lässt sich die Zahl der Kauschläge pro Kilogramm Trockenmasse berechnen. Sie gibt an, wie viele Kaubewegungen eine bestimmte Futtermenge erfährt, und wird oft als Maß für die „Kauintensität“ verwendet. Nach den klassischen telemetrischen Messungen von Meyer und Kollegen braucht ein Pferd für ein Kilogramm Heu etwa 3000 bis 3500 Kauschläge, für ein Kilogramm Kraftfutter dagegen nur etwa 800 bis 1200.

Seltener wird die Aktivität der Kaumuskulatur gemessen, meist mittels Elektromyographie des M. masseter. Sie zeigt, mit welcher Kraft der Muskel arbeitet. Und nur in sehr wenigen Studien wurde die Kieferkinematik erfasst, also der Weg, den der Unterkiefer während eines Kauzyklus tatsächlich zurücklegt, in allen drei Raumrichtungen.

Diese Unterscheidung ist keine akademische Spitzfindigkeit. Denn erst die letzte Messgröße beantwortet die Frage, die für die Verdauung von Fasern entscheidend ist: Wird das Pflanzenmaterial zwischen den Backenzähnen gemahlen oder nur zusammengedrückt?

Wie ein Pferd Fasern mahlt

Um das zu verstehen, lohnt sich ein kurzer Blick auf den Kauapparat. Beim Pferd ist der Oberkiefer breiter als der Unterkiefer. Die oberen Backenzahnreihen stehen weiter auseinander als die unteren, und die Kauflächen sind schräg angewinkelt. Das Pferd kann deshalb immer nur auf einer Seite gleichzeitig kauen. Beim Mahlen schiebt es den Unterkiefer seitlich nach außen, schließt das Maul und zieht die unteren Zähne dann unter Druck quer über die oberen nach innen. In dieser Bewegung werden Pflanzenfasern zwischen den scharfen Schmelzleisten der Zähne geschert und zerrieben. Die Kauseite wechselt dabei regelmäßig.

Damit eine lange Faser auf diese Weise bearbeitet werden kann, muss sie zwischen den Zahnreihen festgehalten werden. In der Praxis sieht man, dass Pferde langes Heu mit Lippen, Zunge und Backen zu einer Art Wickel formen, der zwischen den Backenzähnen liegt und von der Mahlbewegung nach und nach zerkleinert wird. Die Wangen und die Zunge halten das Material dabei auf der Kaufläche. Diese Beobachtung kennt jeder Dentalpraktiker, sie wurde aber nie systematisch beschrieben oder vermessen.

Daraus ergibt sich eine Hypothese, die für die Frage nach Strukturhäckseln zentral ist. Sehr kurze Pflanzenstücke lassen sich schlechter zu einem zusammenhängenden Wickel formen. Wenn das Pferd sie mit voller seitlicher Mahlbewegung bearbeiten würde, könnten die kurzen Stücke leichter von der Kaufläche geschoben werden. Denkbar ist deshalb, dass kurz geschnittenes Material eher mit einer stärker vertikalen, quetschenden Bewegung verarbeitet wird. Das würde die Fasern zwar zusammendrücken und teilweise aufbrechen, aber weniger gründlich zerkleinern. Diese Hypothese ist physikalisch plausibel. Direkt untersucht wurde sie bisher nicht.

Was tatsächlich gemessen wird

Die bislang einzige Studie, die die Kieferbewegung beim Pferd direkt für unterschiedliche Futterformen vermessen hat, stammt von Bonin und Kollegen. Sie untersuchten sieben Pferde mittels dreidimensionaler Bewegungsanalyse beim Fressen von Heu und von Pellets. Bei den Pellets war die Kaufrequenz höher als beim Heu. Beim Heu bewegte sich der Unterkiefer aber in allen drei Raumrichtungen deutlich weiter, vor allem seitlich, im Vergleich zu den Pellets. Diese größere seitliche Auslenkung reichte beim Heu aus, damit die gegenüberliegenden Backenzahnreihen während des Mahlvorgangs vollständig übereinander glitten. Bei den Pellets war das nicht der Fall, hier kam es eher zu einer Quetschbewegung als einer Mahlbewegung.

Die Studie ist klein, und sie vergleicht nur zwei sehr unterschiedliche Futterformen. Sie zeigt aber etwas Grundsätzliches: Das Pferd passt seine Kaubewegung an die Struktur des Futters an. Und eine höhere Kaufrequenz bedeutet nicht automatisch gründlicheres Mahlen des Futters. Ein Pferd kann schnell kauen und dabei wenig mahlen.

Für Strukturhäcksel gibt es keine vergleichbare Studie. Vervuert und Kollegen haben bei vier Pferden die Aktivität des Masseters beim Fressen von Heu, Heulage und einem Häckselgemisch aus Stroh und Luzerne gemessen. Das Häckselgemisch erzeugte eine hohe Muskelaktivität bei gleichzeitig deutlich kürzeren Kauzyklen: etwa 0,22 Sekunden gegenüber etwa 0,31 Sekunden beim Heu. Diese Studie wird gern als Beleg dafür zitiert, dass Strukturhäcksel (auch als Chaff bezeichnet) „intensiv gekaut“ werde. Gemessen wurde aber die Kraft des Muskels, nicht die Bewegung des Kiefers. Kurze, kräftige Kauzyklen sind mit einer quetschenden Bewegung mindestens ebenso gut vereinbar wie mit einer mahlenden. Die Studie kann unsere Hypothese daher weder stützen noch widerlegen.

Mehr Kauschläge heißt nicht kleinere Partikel

Wie wenig die Zahl der Kauschläge über die tatsächliche Zerkleinerung aussagt, zeigt eine japanische Untersuchung von Miyaji und Kollegen. Sie verglichen Timothy-Heu mit Timothy-Grassilage. Die Silage wurde mit mehr Kauschlägen pro Gramm Trockenmasse gefressen als das Heu. Trotzdem fanden sich im Kot deutlich mehr große Partikel: 51 Prozent gegenüber 29 Prozent beim Heu. Würde man nur die Kauschläge zählen als Maßgabe für die Zerkleinerung, würde man das gegenteilige Ergebnis erwarten. Warum die Silage trotz mehr Kauarbeit gröber im Kot erschien, wurde nicht untersucht. Möglich sind eine andere Kaubewegung, ein anderes Bruchverhalten der feuchten, elastischen Faser oder eine schnellere Passage. 

Für die Grundlagen reicht hier die Feststellung: Die Zahl der Kauschläge beschreibt den Aufwand, nicht das Ergebnis.

Auch Heu ist nicht gleich Heu

Selbst bei langstängeligem Heu lässt sich keine feste Kauleistung angeben. Pflanzenart, Schnittzeitpunkt, Blatt-Stängel-Verhältnis, Stängeldicke, Verholzung und Trocknungsgrad verändern die mechanischen Eigenschaften erheblich. In einer 2026 veröffentlichten Untersuchung mit acht Pferden führte das feinhalmige Bermudagras-Heu zu signifikant weniger Kauschlägen pro Kilogramm als Luzerne-, Rispengras- oder Knaulgras-Heu. Die Autoren weisen selbst darauf hin, dass offen ist, ob eine geringere Kauarbeit mit Verdauungsstörungen zusammenhängt. Die Kieferbewegung wurde auch hier nicht gemessen.

Hinzu kommen große Unterschiede zwischen einzelnen Pferden. In einem Versuch von Müller mit langstängeliger und geschnittener Heulage aus demselben Ausgangsmaterial waren die Unterschiede zwischen den Pferden oft größer als viele Unterschiede zwischen den Futtervarianten bei einem Pferd. Das ist für die Praxis ein wichtiger Hinweis: Dieselbe Futterform kann für das eine Pferd unproblematisch und für das andere problematisch sein.

Das würde auch bestätigen, dass es Pferdehalter gibt, die angeben, dass ihre Pferde mit Strukturhäckseln augenscheinlich keine Probleme haben.

Gras: viele Kieferbewegungen, aber welche?

Das natürliche Vergleichsfutter ist das frische Gras. Hier ist die Studienlage überraschend dünn. Eine häufig zitierte Untersuchung von Weinert und Kollegen fand bei acht Stuten auf der Weide eine höhere Rate an Kieferbewegungen als bei Heufütterung. Das verwendete Sensorsystem konnte allerdings nicht zuverlässig zwischen dem Abrupfen des Grases mit den Schneidezähnen und dem eigentlichen Kauen unterscheiden. Die gemessene „Kaurate“ ist deshalb die Summe aus beidem.

Dass diese Unterscheidung wichtig ist, zeigen Edouard und Kollegen. Auf kurzem Gras nahmen die Pferde deutlich mehr, aber kleinere Bissen auf als auf hohem Gras, und die Zahl der Kaubewegungen pro Gramm aufgenommener Trockenmasse war auf dem kurzen Bestand höher. Wie sich der Unterkiefer dabei bewegt, ob ein Pferd auf einer kurzen Grasnarbe genauso seitlich mahlt wie beim Verarbeiten eines großen Bissens langer Halme, hat bisher niemand untersucht.

Hunger und Zeitdruck verändern das Kauen

Neben der Futterstruktur beeinflusst auch die Fütterungssituation, wie ein Pferd frisst. Glunk und Kollegen gaben acht Pferden drei, sechs, neun oder 24 Stunden Weidegang. Je kürzer der Zugang, desto schneller nahmen die Pferde während der verfügbaren Zeit Trockenmasse auf. Sie kompensierten die Einschränkung also zumindest teilweise durch schnelleres Fressen.

Ob sie dabei auch anders kauen, wurde nicht gemessen. Wenn aber in derselben Zeit mehr Pflanzenmaterial durch das Maul geht, gibt es nur wenige Möglichkeiten: Das Pferd kaut schneller, nimmt pro Kauzyklus mehr Material auf, oder jedes Gramm Futter wird weniger lange bearbeitet, bevor es abgeschluckt wird. Für Pellets zeigten Bochnia und Kollegen, dass eine höhere Aufnahmegeschwindigkeit mit geringerer Kauintensität einhergehen kann. Für Heu ist der Zusammenhang weniger eindeutig. In einer Slowfeeder-Studie von Hart und Kollegen veränderte sich die Fressdauer, ohne dass sich die Zahl der Kauschläge pro Kilogramm entsprechend änderte.

Für unser Thema folgt daraus eine wichtige Einschränkung, die in fast allen Kaustudien fehlt. Ob ein Pferd vor dem Versuch stundenlang nichts zu fressen hatte, ob es weiß, dass die Raufe sich nach einer halben Stunde wieder schließt, oder ob es in Ruhe und ohne Konkurrenz fressen kann, verändert möglicherweise das Kauverhalten ebenso stark wie das Futter selbst. In der Praxis überlagern sich beide Einflüsse oft: Heulage, Strukturhäcksel, Heucobs oder eingeweichtes Heu werden häufig rationiert gefüttert, vor allem wenn die Pferde abnehmen sollen oder deren Futter gezielt dosiert wird.

Speichel: der unterschätzte Teil des Kauens

Kauen dient nicht nur der Zerkleinerung. Das Pferd bildet Speichel nur, während es kaut, und die Menge hängt eng an der Kauarbeit. Nach Meyer und Kollegen wird unzerkleinertes Heu mit etwa 3 bis 3,5 Litern Speichel pro Kilogramm eingespeichelt, Krippenfutter nur mit etwa einem Liter. Der Speichel befeuchtet das Futter, macht es schluckfähig und puffert die Magensäure.

Für eingeweichtes und bedampftes Heu ergibt sich daraus eine naheliegende Frage: Wenn das Futter bereits nass ins Maul kommt, braucht das Pferd dann weniger Kauarbeit, um einen schluckfähigen Bolus zu formen? Und bildet es dadurch weniger Speichel? Beides ist plausibel. Messungen dazu gibt es nicht.

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Die Blackbox zwischen Maul und Blinddarm

Damit sind wir bei der größten Lücke des gesamten Themenfeldes. Um zu beurteilen, wie gut ein Futter gekaut wurde, müsste man eigentlich den abgeschluckten Bolus untersuchen: Wie groß sind die Partikel? Sind die Fasern zerrieben oder nur gequetscht? Wie stark sind sie eingespeichelt? Genau diese Messung fehlt praktisch überall. Die Studien beschreiben das Futter vor dem Maul, zählen Kauschläge und untersuchen später meist den Kot, im besten Fall den Inhalt des Blinddarms von fistulierten Pferden. Was dazwischen geschieht, bleibt weitgehend unbeobachtet.

Für die Frage, warum bestimmte Raufutterformen in der Praxis immer wieder mit Verdauungsproblemen in Verbindung gebracht werden, ist das der entscheidende Punkt. Wir wissen, dass das Pferd seine Kaubewegung an die Futterstruktur anpasst. Wir wissen, dass mehr Kauschläge nicht automatisch zu kleineren Partikeln führen. Und wir wissen, dass Hunger und Zeitdruck die Aufnahmegeschwindigkeit verändern. Wie der Bolus nach dem Kauen von Strukturhäckseln, eingeweichtem Heu oder Heulage im Vergleich zu langem, trockenem Heu tatsächlich aussieht, wissen wir dagegen nicht. Und damit auch nicht, in welcher Form diese Fasern schließlich im Dickdarm ankommen.

Was mit unterschiedlich langen Fasern im Dickdarm passiert

Wenn ein Pferd Pflanzenfasern abschluckt, ist ihre Verdauung noch lange nicht abgeschlossen. Magen und Dünndarm können Cellulose und Hemicellulose nicht aufschließen. Das übernehmen die Mikroorganismen in Blinddarm und Grimmdarm. Für sie ist entscheidend, in welcher Form die Faser ankommt und wie lange sie Zeit haben, sie abzubauen. Ob die Länge und Struktur der Fasern dabei eine Rolle spielt, ist die zweite Hälfte unserer Leitfrage.

Warum Partikelgröße und Verweildauer zusammengehören

Mikroorganismen bauen Pflanzenfasern von der Oberfläche her ab. Sie heften sich an die Faser an, zersetzen die Zellwände und arbeiten sich von aufgebrochenen Stellen aus ins Innere vor. Je größer die zugängliche Oberfläche und je stärker die Faser aufgebrochen ist, desto mehr Angriffsfläche haben sie. Das ist das Grundprinzip hinter der Zerkleinerung beim Kauen.

Mindestens ebenso wichtig ist die Zeit. Faserabbau ist ein langsamer Prozess, und die Verdaulichkeit hängt stark davon ab, wie lange das Material im Fermentationsraum bleibt. Längere Verweildauern gehen in den meisten Untersuchungen mit einer besseren Verdaulichkeit und einer höheren mikrobiellen Aktivität einher. Auch Frape beschreibt, dass eine deutlich verkürzte Verweildauer mit einer geringeren Verdaulichkeit verbunden ist. Zu lange Verweildauern können wiederum zu Fehlgärungen und Dysbiosen führen, die sich dann negativ auf die Verdauung auswirken können.

Für die Verdauung zählen also zwei Dinge zugleich: wie gut die Faser für die Mikroorganismen zugänglich ist und wie lange sie ihnen zur Verfügung steht. Beides kann durch die Form des Raufutters beeinflusst werden.

Ein Darm, der bremst

Der Dickdarm des Pferdes ist kein gerades Rohr, durch das der Nahrungsbrei gleichmäßig nach hinten fließt. Vom Blinddarm aus gelangt der Inhalt in das rechte ventrale Colon, läuft dort nach vorne, biegt an der Brustbein-Flexur um auf die linke Körperseite, läuft nach hinten, biegt dann in der Beckenflexur in Richtung Rücken ab, läuft im dorsalen Colon erst nach vorne, verläuft über die Zwerchfellflexur wieder auf die andere Körperseite und von dort aus nach hinten und geht dann in das Rektum über. An mehreren Stellen verengt sich der Darm deutlich, insbesondere am Übergang vom Blinddarm ins Colon und an den Flexuren. Die Richtungswechsel an den Flexuren und die Engstellen wirken als Bremsen.

Frape beschreibt in der dritten Auflage seines Lehrbuchs, dass der Widerstand gegen den Weitertransport von Barriere zu Barriere zunimmt und die letzte den größten Widerstand bietet. Partikel von etwa zwei Zentimetern Länge können nach seiner Darstellung teils mehr als eine Woche zurückgehalten werden. Eine Quelle für diese Angabe nennt er nicht.

Dass der Darm den Nahrungsbrei aktiv zurückhält, ist gut belegt. Sellers und Kollegen untersuchten bereits 1979 dreizehn chronisch instrumentierte, nicht narkotisierte Pferde sowie 25 Darmpräparate. Sie beschrieben den Übergangsbereich zwischen ventralem und dorsalem Colon als Zone mit Widerstand gegen den Weitertransport und als wahrscheinliche Schrittmacherregion. In einer Folgearbeit von 1982 zeigten sie, dass im Bereich der Beckenflexur ein Schrittmacher sowohl vorwärts gerichtete als auch rückläufige Kontraktionswellen auslöst. Die rückläufigen Wellen halten Blinddarm und ventrales Colon gefüllt und verschaffen den Mikroorganismen so Zeit für den Abbau der Cellulose.

Der Pferdedickdarm besitzt also eine gegenläufige Peristaltik, die gezielt die Verweildauer im Fermentationsraum verlängert. Das ist gut untersucht und in der Physiologie seit Jahrzehnten beschrieben.

Was diese Studien nicht zeigen, ist eine Rückhaltung, die gezielt auf die Partikelgröße reagiert. Die Retropulsion hält den Inhalt insgesamt zurück. Ob lange Fasern dabei länger zurückgehalten werden als kurze, lässt sich aus den Arbeiten von Sellers nicht ableiten.

Werden große Partikel länger zurückgehalten?

Genau das behauptet Frapes Lehrbuchaussage, und hier wird die Literatur widersprüchlich.

Die vermutlich älteste Grundlage ist die Arbeit von Argenzio und Kollegen aus dem Jahr 1974. Sie brachten bei caecumfistulierten Pferden Marker direkt in den Blinddarm ein und fanden eine selektive Rückhaltung großer Partikel am Übergang vom ventralen zum dorsalen Colon. Frapes Angabe von zwei Zentimetern dürfte auf diese oder vergleichbare Versuche zurückgehen. Allerdings verwendeten Argenzio und Kollegen Kunststoffpartikel. Solche Marker werden weder gekaut noch mikrobiell abgebaut und behalten ihre Größe während der gesamten Passage. Eine Pflanzenfaser wird dagegen im Dickdarm fortlaufend kleiner.

Andere Arbeiten, insbesondere von Björnhag, Sperber und Kollegen, fanden an einer späteren Stelle das Gegenteil: eine Anreicherung kleiner Partikel am Übergang vom dorsalen Colon in das Colon transversum.

Neuere Untersuchungen haben die Frage mit Markern aus echtem Raufutter wieder aufgegriffen. Hummel und Kollegen fütterten Ponys unzerkleinertes, markiertes Raufutter, siebten anschließend den Kot in verschiedene Größenklassen und bestimmten für jede Klasse die Verweildauer. Große Partikel blieben etwas länger im Darm als kleine, der Unterschied war aber so gering, dass die Autoren ihn als biologisch nicht relevant einstuften. Schwarm und Kollegen brachten 2022 bei fünf caecumfistulierten Pferden Fasermarker von ein bis zwei Millimetern und von acht Millimetern Länge direkt in den Blinddarm ein. Die mittlere Verweildauer im Dickdarm lag bei 26,2 beziehungsweise 26,3 Stunden, also praktisch gleich. Schwarm und Kollegen führen den früheren gegenteiligen Befund von Argenzio auf die Kunststoffpartikel und deren sehr große Abmessungen zurück.

Bestätigt haben beide neueren Studien einen gut bekannten Unterschied: Feste Partikel bleiben insgesamt etwas länger im Dickdarm als die Flüssigphase.

Auf den ersten Blick spricht das gegen die Vorstellung, dass lange Fasern im Dickdarm hängen bleiben. Die Autoren selbst ziehen aber einen vorsichtigeren Schluss. Sie halten es für möglich, dass große Partikel am Übergang vom ventralen zum dorsalen Colon und kleine Partikel an einem späteren Übergang zurückgehalten werden und sich beide Effekte über die gesamte Passage gegenseitig aufheben. Ihr Versuch kann eine solche regionale Sortierung nicht ausschließen. Das Schlüsselwort im Titel ihrer Studie ist deshalb „net“: Es gibt keine größenabhängige Netto-Rückhaltung. Über lokale Sortierungsprozesse sagt das wenig.

Dazu kommen die methodischen Einschränkungen, die wir eingangs beschrieben haben, und sie gelten für beide Seiten. Argenzio, Drogoul und Schwarm arbeiteten mit fistulierten Tieren, und es gibt Hinweise, dass die Fistulierung die Passage des Nahrungsbreis verändert. Austbø und Volden fanden bei denselben Pferden vor und nach dem Anlegen einer Caecumfistel unterschiedliche Verweildauern. Die Versuche mit direkt in den Blinddarm eingebrachten Markern umgehen außerdem Maul, Magen und Dünndarm vollständig. Die Fasern waren maschinell auf eine definierte Länge geschnitten, nicht gekaut. Sie beantworten deshalb die Frage, ob ein Dickdarm zwei maschinell geschnittene Faserlängen unterschiedlich lange zurückhält. Sie beantworten nicht, wie er auf Fasern reagiert, die je nach Kaubewegung unterschiedlich gebrochen, gequetscht, zerrieben oder eingespeichelt sind.

Fein hinein, gröber heraus

Wenn die Länge der Faser allein nicht entscheidet, was dann? Einige Versuche, in denen dasselbe Futter in unterschiedlicher Form verfüttert wurde, liefern überraschende Antworten.

Drogoul und Kollegen fütterten Ponys eine Mischung aus Luzerne- und Knaulgras-Heu, entweder gehäckselt oder auf 1,5 Millimeter gemahlen und pelletiert. Nach der gängigen Vorstellung sollte das fein gemahlene Material schneller passieren und leichter verdaut werden. Das Gegenteil war der Fall: Die Verweildauer im Dickdarm verlängerte sich sowohl für die Flüssig- als auch für die Partikelphase. Bei vier fistulierten Ponys bauten die Mikroorganismen im Blinddarm und Colon Trockenmasse und Faser des gemahlenen Heus langsamer und weniger vollständig ab. Die Gesamtverdaulichkeit der Faser unterschied sich trotzdem kaum. Die Autoren vermuten, dass die längere Verweildauer den langsameren Abbau ausgeglichen hat.

Silva und Kollegen fütterten vier Pferden mit Fistel im ventralen Colon Heu in vier Formen: lang, gehäckselt sowie auf 5 und auf 3 Millimeter gemahlen. Die gemahlenen Varianten verlängerten die Transitzeit der festen Phase um etwa drei Stunden. Die mittlere Verweildauer unterschied sich nicht. Im Colon fanden sich beim auf 3 Millimeter gemahlenen Heu erwartungsgemäß die kleinsten Partikel.

Starrett und Kollegen verglichen 2026 bei zwanzig gesunden Pferden eine reine Pelletdiät mit einer Ration aus Bermudagras-Heu und Pellets. Die Autoren erwarteten bei der Pelletdiät kleinere Kotpartikel. Tatsächlich fanden sie mehr große Partikel und eine geringere Faserverdaulichkeit. Allerdings unterschieden sich die Rationen nicht nur in der Struktur, sondern auch in Zusammensetzung und Futteraufnahme, sodass die Pelletierung nicht als alleinige Ursache gelten kann.

Und bei Miyaji und Kollegen, die wir bereits erwähnt haben, führte Grassilage trotz mehr Kauschlägen zu deutlich mehr großen Kotpartikeln als Heu aus demselben Gras, bei gleichzeitig kürzerer Verweildauer.

Diese Befunde haben nicht zwingend denselben Mechanismus. Gemeinsam zeigen sie aber, dass sich die Partikelgröße im Kot nicht einfach aus der Partikelgröße vor dem Fressen vorhersagen lässt. Technisch fein zerkleinertes Material wird nicht automatisch schneller oder besser verdaut. Und ein Futter, das stärker gekaut wurde, erscheint nicht automatisch feiner im Kot. Zwischen Maul und Kot laufen mechanische, mikrobielle und motorische Prozesse ab, die wir nur bruchstückhaft kennen.

Eine mögliche Erklärung für Drogouls Befund ist physiologisch naheliegend, aber nicht bewiesen. Beim maschinellen Mahlen entstehen Partikel mit einer anderen Bruchstruktur als beim Zermahlen zwischen den Zähnen. Möglicherweise kommt es für die Mikroorganismen weniger auf die Größe eines Partikels an als darauf, wie seine Oberfläche beschaffen ist: ob die Zellwände aufgerissen und die Fasern aufgefasert sind oder ob die Oberfläche glatt und verdichtet ist. Wenn das zutrifft, wäre nicht die Länge der Faser entscheidend, sondern die Art, wie sie zerkleinert wurde. Genau diese Frage stellt sich auch für Strukturhäcksel, eingeweichtes Heu und Heulage.

Mehr Bewegung heißt nicht mehr Transport

Auch die Motorik des Darms reagiert auf die Futterform. In einer weiteren Untersuchung von Starrett und Kollegen wurden bei zwölf Quarter Horses per Ultraschall die Darmkontraktionen an drei Stellen jeweils vier Minuten lang gezählt. An der Sternalflexur fanden sich unter der Pelletdiät mehr Kontraktionen, an Blinddarm und linkem ventralem Colon nicht. Die Autoren weisen selbst darauf hin, dass Ultraschall nicht erkennen kann, in welche Richtung eine Kontraktion den Inhalt bewegt: nach hinten, zurück, im Kreis oder kaum. Mehr Bewegung kann also mehr Weitertransport bedeuten, aber ebenso gut mehr Rückhaltung oder mehr Durchmischung. Die Studie zeigt jedoch, dass die Futterform die regionale Darmmotorik beeinflussen kann. Welche Richtung diese Motorik hat, bleibt offen.

Was große Fasern im Kot bedeuten und was nicht

Große, sichtbare Fasern im Kot gelten in der Praxis oft als Zeichen schlechter Zähne oder schlechten Kauens. Das kann zutreffen, ist aber nicht die einzige mögliche Erklärung. Martuzzi und Kollegen verglichen bei sechs Pferden verschiedene Raufutter. Stroh hatte mit etwa 45 Prozent die geringste Verdaulichkeit und führte zu größeren Kotpartikeln, eine Weidelgras-Klee-Mischung lag bei etwa 74 Prozent. Die Verholzung und die mikrobielle Abbaubarkeit des Pflanzenmaterials bestimmen also mit, welche Partikel im Kot erscheinen. Große Kotfasern sind ein ernst zu nehmender Hinweis. Beurteilen lassen sie sich aber nur im Zusammenhang mit dem Futter, welches das Pferd bekommt, sowie mit dem Zahnzustand, der Dauer des Kauvorgangs und der Kaubewegung - ob mahlend oder eher quetschend.

Was wir daraus mitnehmen

Für die Verbindung zwischen Kauen und Dickdarmverdauung lässt sich festhalten: Der Pferdedickdarm hält seinen Inhalt aktiv zurück, auch durch rückläufige Kontraktionswellen. Das verschafft den Mikroorganismen Zeit für den Faserabbau, und diese Zeit ist für die Verdaulichkeit entscheidend. Dass der Darm dabei lange Fasern gezielt länger zurückhält als kurze, ist mit Kunststoffmarkern beschrieben, mit Markern aus Raufutter aber netto bisher nicht bestätigt worden. Regionale Sortierungsprozesse sind damit nicht ausgeschlossen. Mehrere Versuche zeigen außerdem, dass technisch vorzerkleinertes Raufutter weder automatisch schneller passiert noch besser abgebaut wird und dass die Partikelgröße im Kot sich nicht aus der Futterform vorhersagen lässt.

Daraus ergibt sich eine Präzisierung unserer Ausgangshypothese: Die Art, wie ein Futter gekaut wurde, bestimmt die Beschaffenheit der Fasern, die im Dickdarm ankommen, ihre Bruchstruktur, ihre Oberfläche, ihre Hydratation. Das verändert, wie gut und wie schnell die Mikroorganismen sie abbauen können, und damit möglicherweise auch, wie der Darm sie transportiert und durchmischt. Einzelne Bausteine dieser Kette sind belegt. Die Kette als Ganzes wurde für die Raufutterformen, um die es hier geht, nie untersucht.


Quellen

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