Heu, Gras, Heulage, Strukturhäcksel und Cobs: Raufutter beim Pferd in Praxis und Wissenschaft

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Dieser Artikel ist der zweite Teil einer mehrteiligen Fachreihe zur Raufutterfütterung beim Pferd. Während in Teil 1: "Raufutter & Faserlänge beim Pferd: Wie die Form des Raufutters die Verdauung beeinflusst" die physiologischen Mechanismen vom Kaumechanismus über die Speichelbildung bis hin zur Darmperistaltik beleuchtet werden, widmet sich dieser Teil der konkreten Bewertung der einzelnen Raufutterformen in Praxis und Forschung.

Langes Gras und Heu: die Referenz

Bevor wir uns die verarbeiteten Raufutterformen ansehen, brauchen wir einen Maßstab. Langstängeliges Gras und Heu sind die beiden Futtermittel, an denen sich alle anderen messen lassen müssen, weil sie dem am nächsten kommen, worauf der Kauapparat des Pferdes ausgelegt ist.

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Was wir in der Praxis sehen

Auffällig ist zunächst, was wir hier nicht sehen. Pferde, die ausschließlich langstängeliges Heu passender Qualität und dazu Weidegang auf gut gemanagten Wiesen bekommen, tauchen in der Beratung deutlich seltener mit chronischem Kotwasser, ständigen Blähungen oder anderen therapieresistenten Verdauungsproblemen auf. Und bei Pferden, die mit solchen Problemen vorgestellt werden, ist die Umstellung auf pferdegerechtes Heu häufig der Punkt, an dem sich die Verdauung endlich stabilisiert.

Das ist keine Garantie. Auch gutes Heu kann Probleme machen, wenn es hygienisch belastet, zum falschen Zeitpunkt geschnitten, zu zucker- oder eiweißreich oder schlicht zu knapp bemessen ist. Wir beobachten außerdem, dass Pferde auf Heu unterschiedlicher Herkunft unterschiedlich reagieren, und dass ein Chargenwechsel manchmal genügt, um Beschwerden auszulösen oder verschwinden zu lassen. Langes Heu ist also kein Selbstläufer. Aber es ist die Fütterungsform, mit der die wenigsten Probleme auftreten und auf die man bei bestehenden Problemen zurückgeht, wenn man nachhaltig Erfolg haben will.

Was die Wissenschaft dazu sagt

Für das Kauen ist langstängeliges Heu das mechanisch anspruchsvollste der gängigen Futtermittel, und hier haben wir tatsächlich direkte Messungen. In der Untersuchung von Bonin und Kollegen bewegte sich der Unterkiefer beim Heufressen in allen drei Raumrichtungen weiter als beim Fressen von Pellets, mit einer seitlichen Auslenkung, die für den vollständigen Kontakt der gegenüberliegenden Backenzahnreihen ausreichte. Langes Heu erzwingt also die ausgeprägte Mahlbewegung, die wir im vorigen Kapitel beschrieben haben. Dazu kommt die Kauarbeit selbst, mit etwa 3000 bis 3500 Kauschlägen pro Kilogramm nach Meyer und Kollegen, und die entsprechend hohe Speichelmenge von rund 3 bis 3,5 Litern pro Kilogramm.

Hoch aufgewachsenes Gras ist der natürliche Ausgangszustand, aber ausgerechnet der Vergleich zwischen Gras und Heu ist wissenschaftlich schlecht abgesichert. Weinert und Kollegen verglichen acht Stuten bei freiem Weidezugang mit ad libitum angebotenem Knaulgras-Heu. Auf der Weide verbrachten die Pferde im Mittel rund 14,8 Stunden täglich mit Fressaktivität, bei Heufütterung knapp zwölf Stunden. Die vom Sensorsystem berechnete Kaurate lag auf der Weide mit etwa 83,9 Bewegungen pro Minute höher als beim Heu mit 68,5.

Daraus lässt sich allerdings nicht schließen, dass Gras intensiver gekaut wird. Das eingesetzte System registriert Kieferbewegungen über einen Drucksensor im Nasenriemen und konnte bei der Validierung nicht zuverlässig zwischen dem Abrupfen des Grases mit den Schneidezähnen und dem anschließenden Kauen unterscheiden. Das “Gnibbeln” an einer abgegrasten Wiese kann also eine große Zahl an Kauschlägen messen, ohne dass das Pferd echte Kaubewegungen macht, wie beim Fressen von Heu. 

Eine gute Übereinstimmung mit der visuellen Beobachtung bestand nur für die Summe beider Bewegungsarten. Beim Grasen muss das Pferd das Pflanzenmaterial aber erst mit Lippen und Schneidezähnen abtrennen, was auf kurzer Grasnarbe sehr viele kleine Bewegungen erfordert. Beim Heu nimmt es größere Mengen bereits abgetrennten Materials auf einmal auf. Mehr registrierte Kieferbewegungen pro Minute bedeuten deshalb nicht automatisch mehr Mahlbewegungen.

Dazu kommt, dass in dieser Untersuchung nicht nur die Konservierung variierte. Die Weide bestand aus einer Mischung verschiedener Gräser, das Vergleichsheu war reines Knaulgras-Heu, und beide unterschieden sich deutlich in Trockenmasse, Protein, NDF und Kohlenhydraten. Der Versuch zeigt also zuverlässig, dass sich das Fressverhalten zwischen diesen beiden konkreten Fütterungssituationen unterschied. Welcher Anteil davon auf den Wassergehalt, die Pflanzenlänge, die Bestandshöhe, die Pflanzenart oder die Nährstoffzusammensetzung entfällt, lässt sich daraus nicht sagen, weil es nicht untersucht wurde.

Wie stark allein die Bestandshöhe das Fressverhalten verändert, zeigen Edouard und Kollegen. Sie boten Pferden Grasbestände vergleichbarer Qualität in etwa 6, 11 und 18 Zentimetern Höhe an. Auf dem kurzen Bestand nahmen die Pferde etwa 42 Bisse pro Minute, auf dem hohen nur etwa 30, bei rund dreifacher Trockenmasse pro Biss. Die Zahl der Kauvorgänge pro Gramm aufgenommener Trockenmasse war auf dem kurzen Gras höher. Eine Kauschlagzahl ohne Angabe zur Bestandshöhe ist deshalb kaum zu interpretieren. Und wie sich der Unterkiefer bei kurzem gegenüber langem Gras bewegt, hat bisher niemand gemessen.

Auch Heu ist nicht gleich Heu

Für die Praxis wichtig ist, dass „langstängelig“ keine feste Kauleistung garantiert. Die bereits erwähnte Untersuchung mit acht Pferden, in der feinhalmiges Bermudagras-Heu zu signifikant weniger Kauschlägen pro Kilogramm führte als Luzerne-, Rispengras- oder Knaulgras-Heu, zeigt das deutlich. Pflanzenart, Reifegrad, Blatt-Stängel-Verhältnis, Stängeldicke und Verholzung verändern die mechanischen Eigenschaften erheblich.

Das deckt sich mit der Praxisbeobachtung, dass Pferde auf unterschiedliche Heuchargen unterschiedlich reagieren, und es relativiert die Vorstellung, “hauptsache spät geschnittenes” Heu sei automatisch die Lösung. Denn wie viel Arbeit der Kauapparat leisten muss, hängt vom konkreten Heu ab.

Fresspausen verändern auch das Referenzfutter

Ein weiterer Punkt betrifft nicht das Futter, sondern die Situation, in der es angeboten wird. Glunk und Kollegen zeigten bei acht Pferden mit drei, sechs, neun beziehungsweise 24 Stunden Weidezugang, dass die Aufnahmerate umso höher lag, je stärker der Zugang zeitlich eingeschränkt war. Die Pferde glichen die Restriktion also zumindest teilweise durch schnelleres Fressen aus.

Ob sie dabei weniger gründlich kauten, wurde nicht gemessen. Wenn pro Minute mehr Trockenmasse durch das Maul geht, bleiben aber nur wenige Möglichkeiten: schneller kauen, pro Kauzyklus mehr Material aufnehmen, kürzere Kauzyklen oder weniger orale Bearbeitung vor dem Abschlucken. Bochnia und Kollegen fanden bei Pellets, dass eine höhere Aufnahmegeschwindigkeit mit geringerer Kauintensität einhergehen kann. Hart und Kollegen fanden bei Heu in Slowfeedern dagegen veränderte Fresszeiten ohne entsprechende Änderung der Kauschläge pro Kilogramm.

Für uns heißt das: Selbst bei identischem Heu ist die Kauleistung keine feste Größe. Sie hängt davon ab, wie lange das Pferd vorher nichts hatte, ob es Futter erwartet, das gleich wieder verschwindet, und ob es in Ruhe fressen kann oder regelmäßig von der Raufe verjagt wird. Das ist auch deshalb relevant, weil verarbeitete Raufutterformen in der Praxis besonders häufig gerade jenen Pferden gefüttert werden, deren Futter rationiert wird.

Was offen bleibt

Ein sauberer Vergleich zwischen Gras und Heu müsste denselben Pflanzenbestand einmal frisch und einmal als Heu verfüttern, bei standardisierter Halmlänge und mit dreidimensionaler Erfassung der Kieferbewegung. Diesen Versuch gibt es nicht. Ebenso wenig wissen wir, wie der abgeschluckte Bolus bei langem Heu tatsächlich aussieht, wie stark die Partikel zerrieben und aufgefasert sind und wie sich das zwischen verschiedenen Heutypen unterscheidet. Damit fehlt uns ausgerechnet der Referenzwert, an dem man alle anderen Futterformen messen müsste.

Sicher sagen können wir: Langstängeliges Heu erzwingt die größte seitliche Mahlbewegung, die bisher gemessen wurde, es erfordert die meiste Kauarbeit pro Kilogramm und erzeugt die größte Speichelmenge. Wie viel davon bei kurzem Gras, bei feinhalmigem Heu oder bei hoher Aufnahmegeschwindigkeit übrig bleibt, ist offen.

Strukturhäcksel: Wenn ausgerechnet die entscheidende Studie fehlt 

Was wir in der Praxis sehen

Strukturhäcksel sind der Punkt, an dem sich viele Diskussionen entzünden. Therapeuten beobachten seit Jahren, dass Pferde mit chronischem Kotwasser, wiederkehrenden Blähungen, auffällig saurem oder gärigem Kot und schwer stabilisierbarer Verdauung überdurchschnittlich häufig Häcksel in der Ration haben, sei es pur, sei es als Bestandteil eines Müslis. Und dass ein Teil dieser Pferde erst auf die Therapie anspricht, wenn die Häcksel konsequent weggelassen und durch langstängeliges Heu ersetzt werden.

Dabei ist wichtig, was diese Beobachtung nicht besagt. Sie besagt nicht, dass jedes Pferd mit Häckseln in der Ration Verdauungsprobleme bekommt. Viele Pferde vertragen sie offenbar problemlos, und die tauchen in der Beratung naturgemäß nicht auf. Sie besagt auch nicht, dass die Häcksel die einzige Ursache sind. Bei einer Futterumstellung ändert man meist mehr als einen Faktor. Was sie besagt, ist: Bei einem Teil der Pferde mit hartnäckigen Verdauungsproblemen verschwinden diese Probleme reproduzierbar mit Weglassen der Häcksel und kommen bei erneuter Fütterung zuverlässig wieder. Das ist ein Muster, das eine Erklärung verdient.

Was Strukturhäcksel eigentlich sind

Ein erstes Problem ist die Uneinheitlichkeit der Produkte. Unter „Strukturhäcksel“, „Chaff“ oder „Strukturfutter“ wird Pflanzenmaterial verkauft, das vor der Fütterung technisch auf wenige Zentimeter verkürzt wurde. Als Ausgangsmaterial dienen Luzerne, Stroh, Heu (Monokultur-Gras oder artenreich) oder Mischungen daraus. Je nach Produkt kommen oft Öl oder Melasse als Staubbinder, sowie Getreidebestandteile oder weitere Komponenten hinzu. Damit unterscheiden sich die Produkte nicht nur in der Partikellänge, sondern auch in Pflanzenart, Verholzung, Härte, Nährstoffgehalt und Geschmack.

Diese Uneinheitlichkeit zieht sich bis in die Literatur. Viele Vergleiche zwischen Häckseln und Heu verändern mehrere Variablen gleichzeitig, was ihre Interpretation erschwert. Oft genug wird “Chaff” als Begriff genannt, ohne genau zu spezifizieren, aus welcher Pflanze es stammt, wie die genauen Faserlängen und Struktur beschaffen sind oder was gegebenenfalls den Häckseln noch zugesetzt wurde. Das macht die Ergebnisse schwer interpretierbar und reduziert die Vergleichbarkeit zwischen Studien.

Was gemessen wurde

Der am häufigsten zitierte Beleg für eine intensive Kauarbeit bei Häckseln stammt von Vervuert und Kollegen. Bei vier Pferden erzeugte ein Häckselgemisch aus Stroh und Luzerne eine hohe Aktivität des Kaumuskels, bei gleichzeitig kürzeren Kauzyklen von etwa 0,22 gegenüber etwa 0,31 Sekunden beim Heu. Wie im Grundlagenkapitel beschrieben, misst ein EMG jedoch die Muskelaktivität, nicht die Bewegung des Unterkiefers. Ob die Zahnreihen beim Häcksel ähnlich weit übereinander gleiten wie beim langen Heu oder ob das bereits kurze Material mit stärker vertikaler Komponente zusammengedrückt statt gemahlen wird, lässt sich damit nicht beantworten.

Einen methodisch sauberen Gegenversuch lieferte Müller. Zehn Pferde erhielten im Cross-over langstängelige oder geschnittene Heulage aus demselben Pflanzenmaterial. Die Unterschiede waren kleiner als erwartet: Fresszeit pro Kilogramm Trockenmasse und Kotpartikelverteilung waren ähnlich, die Kaugeschwindigkeit bei geschnittenem Material etwas höher, die Zahl der Kauschläge pro Kilogramm dagegen niedriger. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Pferden waren größer als die Unterschiede zwischen den Futterarten. Diese Studie ist wertvoll, weil sie den Pflanzenbestand kontrolliert. Sie beantwortet unsere Frage trotzdem nicht: Geschnittene Heulage ist nicht dasselbe wie ein trockenes, hartes kommerzielles Häckselgemisch, und wieder wurden weder die Kieferbewegung noch der abgeschluckte Bolus untersucht.

Was Kritiker anführen und was daran zutrifft

Das häufigste Gegenargument lautet, Häcksel seien wissenschaftlich als kauintensiv belegt. Dieser Befund existiert tatsächlich, betrifft aber einen anderen Vergleich. In dem Übersichtsartikel von Harris und Kollegen, verfasst unter anderem von Autoren aus der Futtermittelforschung, heißt es, dass der Zusatz von etwa 30 Prozent gehäckseltem Raufutter zu Pellets die Aufnahmezeit des Kraftfutters verdoppelte. Verglichen wurde also Kraftfutter mit und ohne Häcksel, nicht Häcksel mit Heu.

Derselbe Übersichtsartikel hält an anderer Stelle fest, dass gehäckselte Luzerne etwa doppelt so schnell gefressen wird wie langstieliges Heu. Und dass das Häckseln von sehr spät geschnittenem Heu auf 3,5 Zentimeter bei acht Pferden die Aufnahmezeit nicht verkürzte, was zeigt, dass der Effekt zusätzlich von der Ausgangspflanze abhängt und nicht nur davon, ob sie gehäckselt wurde oder nicht.

Damit lässt sich die Debatte präzisieren. Luzerne-Häcksel im Kraftfutter verlangsamen die Aufnahme des Kraftfutters. Das ist belegt. Daraus folgt aber nicht, dass Häcksel dem langen Heu gleichwertig sind. Die verfügbaren Daten deuten eher darauf hin, dass sie schneller gefressen werden. Ein Teil des Streits auf Social Media dürfte darauf beruhen, dass beide Seiten über verschiedene Vergleiche sprechen.

Die Hypothese, und was ihr fehlt

Bleibt die Kernfrage: Werden kurze Häcksel anders gekaut als langes Heu, und kommen dadurch anders beschaffene Fasern im Dickdarm an?

Physikalisch ist die Überlegung naheliegend. Um eine lange Faser zu zermahlen, muss das Pferd sie zwischen den Backenzähnen halten, während die Zähne mit Druck übereinander gleiten. Um das zu erreichen, wird aus Heu oder abgebissenem, langstängeligem Gras ein Raufutterwickel geformt, der dann von Backen und Zunge zwischen den Backenzähnen gehalten wird. Kurze Partikel lassen sich nicht wickeln und damit schlechter zwischen den Backenzähnen fixieren, und eine weit ausholende seitliche Mahlbewegung würde sie eher von der Kaufläche schieben. Denkbar ist deshalb, dass Häcksel eher gequetscht als gemahlen werden, mit kurzen, kräftigen Kauzyklen, wie sie bei Vervuert gemessen wurden. Gequetschte Fasern wären aufgebrochen, aber weniger zerrieben und aufgefasert als zermahlene.

Das würde bedeuten, dass das Pferd schlecht zerkleinerte Fasern abschlucken könnte, mit einer anderen Oberfläche, einem anderen Bruchmuster und damit möglicherweise einer anderen Zugänglichkeit für die faserabbauenden Mikroorganismen. Wie wir im vorigen Kapitel gesehen haben, lässt sich aus Drogouls Befunden ableiten, dass die Art der Zerkleinerung für den mikrobiellen Abbau offenbar wichtiger sein kann als die reine Partikelgröße.

Jeder einzelne Baustein dieser Kette ist physiologisch plausibel, und für den ersten Baustein, die Abhängigkeit der Kieferbewegung von der Futterstruktur, gibt es mit Bonin eine direkte Messung. Für Häcksel selbst gibt es keine. Es existiert bis heute keine dreidimensionale Kieferstudie zu Strukturhäckseln und keine Untersuchung des abgeschluckten Bolus. Die Hypothese ist damit weder bewiesen noch widerlegt. Sie ist ungeprüft. Zu sagen, das sei wissenschaftlich nicht bewiesen, stimmt. Aber nicht, weil es widerlegt wäre - sondern weil es noch keiner untersucht hat.

Ein zweiter möglicher Weg: der Magen

Unabhängig vom Kauen gibt es Hinweise, dass grobe Häcksel die Magenschleimhaut mechanisch reizen können. Vondran und Kollegen verglichen bei Absetzfohlen Gras-Heu, Luzernepellets und grobes Luzerne-Häcksel. Nach dem Absetzen waren die Läsionen am Pylorus in der Häckselgruppe signifikant schwerer. Allerdings hatten schon vor dem Absetzen 84,3 Prozent der Fohlen Magenläsionen, und das Absetzen selbst ist ein massiver Stressor. Ein gesundes erwachsenes Pferd bildet die Studie nicht ab.

Eine zweite Untersuchung derselben Arbeitsgruppe nahm deshalb sechs ältere Wallache in einem Cross-over. Nach zwölf Tagen Luzerne-Häcksel stieg der mediane Score im Antrum von 0 auf 2. Der Hauptvergleich lag mit p = 0,07 knapp über der Signifikanzgrenze; nach der Auswaschphase fiel der Score auf 0,5, was mit p = 0,04 signifikant war.

Sechs Pferde und ein p-Wert von 0,07 rechtfertigen nicht die Aussage, Häcksel verursachten Magengeschwüre. Sie rechtfertigen aber ebenso wenig die Aussage, Häcksel hätten keinen Effekt auf den Magen. Es ist ein Richtungsbefund in einer sehr kleinen Stichprobe, also genau die Art Ergebnis, aus der eine größere Studie entstehen sollte. Dem gegenüber steht, dass Luzerne in anderen Untersuchungen eher als schleimhautschützend gilt, was mit ihrem hohen Calcium- und Proteingehalt begründet wird.

Auch hier gilt also: Die Daten sind heterogen und erlauben in keine Richtung ein abschließendes Urteil. Für die Praxis ergibt sich daraus die Hypothese, dass grobe, harte Partikel bei bereits empfindlicher oder vorgeschädigter Schleimhaut mechanisch irritierend wirken können. Schmerzen beim Fressen wiederum verändern das Kauverhalten, womit sich der Kreis zu unserer Ausgangsfrage schließt.

Ein paar Häcksel im Müsli machen noch kein Raufutter

Ein Sonderfall sind Müslis mit Strukturanteil. Sie werden oft mit dem Argument beworben, der Faseranteil sorge für ausreichende Kauarbeit. Wie oben beschrieben, verlangsamen Häcksel die Aufnahme des Kraftfutters tatsächlich, und das ist gegenüber einem reinen Pelletfutter ein Vorteil. Ein Müsli mit Häckselanteil erreicht damit aber nicht die Kauarbeit und Speichelmenge von langem Heu, und der Vergleich, der das belegen würde, existiert nicht.

Unabhängig davon bleibt der Stärkeanteil eines solchen Futters bestehen. Dass größere Stärkemengen das Milieu und die mikrobielle Zusammensetzung im Dickdarm verändern, ist deutlich besser belegt als alles, was wir über Faserstruktur wissen. Eine Untersuchung an neunzehn jungen Pferden, bei denen nach 129 Tagen stärkereicher gegenüber faserreicher Fütterung mehrere Darmabschnitte direkt untersucht wurden, fand unter der stärkereichen Ration eine geringere mikrobielle Vielfalt unter anderem in Blinddarm, Beckenflexur und rechtem dorsalem Colon. Auch hier wurden zwei komplette Fütterungssysteme verglichen, nicht eine einzelne Zutat. Die Richtung ist aber gut abgesichert.

Für die Praxis heißt das: Ein Häckselanteil macht ein stärkehaltiges Müsli nicht zu einem Raufutter, und er hebt die Wirkung der Stärke nicht auf.

Was offen bleibt

Für Strukturhäcksel fehlt ausgerechnet die Untersuchung, die wir am dringendsten für die Praxis im Pferdestall bräuchten: ein direkter Vergleich der dreidimensionalen Kieferbewegung und der Partikelverteilung im abgeschluckten Bolus zwischen langem Heu und Häckseln aus demselben Ausgangsmaterial. Solange dieser Versuch fehlt, ist die Aussage „wissenschaftlich nicht haltbar“ ebenso wenig belegt wie das Gegenteil. Was wir haben, sind eine reproduzierbare Praxisbeobachtung, ein direkt gemessener Zusammenhang zwischen Futterstruktur und Kieferbewegung bei anderen Futterformen, Hinweise auf eine mögliche Magenreizung von Häckseln und eine große Forschungslücke genau dazwischen.

Eingeweichtes und bedampftes Heu: eine auffällige Forschungslücke


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Was wir in der Praxis sehen

Einweichen und Bedampfen werden aus guten Gründen eingesetzt: zur Staubreduktion bei Atemwegspatienten, zur Senkung des Zuckergehalts bei EMS-Pferden, zur Verbesserung der hygienischen Qualität. Aus therapeutischer Sicht fällt aber auf, dass ein Teil dieser Pferde parallel Verdauungsprobleme entwickelt oder bestehende Probleme nicht loswird, obwohl die Ration ansonsten passt. Auffällig ist außerdem, dass viele Pferde eingeweichtes oder bedampftes Heu schneller aufnehmen als dasselbe Heu trocken.

Auch hier ist die Beobachtung nicht eindeutig. Pferde, die eingeweichtes Heu bekommen, sind oft ohnehin kranke Pferde: Sie haben Atemwegsprobleme, Stoffwechselerkrankungen oder stehen unter Futterrestriktion. Es wäre also gut möglich, dass wir einen Effekt der Grunderkrankung oder des Fütterungsmanagements sehen und nicht des Einweichens. Was wir aber wiederholt beobachten, ist eine Besserung, wenn stattdessen geeignetes trockenes Heu gefüttert wird, ohne dass sich sonst etwas ändert.

Die Hypothese

Die physikalische Überlegung ist einfach. Beim Einweichen und Bedampfen werden trockene Pflanzenstrukturen hydratisiert. Das Material wird weicher und elastischer und erreicht das Maul bereits mit einem erheblichen Wasseranteil.

Daraus ergeben sich zwei Vermutungen. Erstens könnte ein weicheres, feuchtes Futter mechanisch eher die Eigenschaften von frischem Pflanzenmaterial annehmen als die von trockenem Heu, was die Kaubewegung verändern könnte. Zweitens muss das Pferd weniger Speichel beisteuern, um einen schluckfähigen Bolus zu formen. Da die Speichelbildung ausschließlich an die Kaubewegung gekoppelt ist, könnte ein Futter, das bereits nass ins Maul kommt, mit weniger Kauarbeit abgeschluckt werden. Weniger Kauarbeit hieße weniger Zerkleinerung und weniger Speichel pro Kilogramm Trockenmasse.

Beides ist plausibel. Untersucht ist keines von beiden.

Was gemessen wurde und warum es nicht reicht

Es gibt eine Studie, die genau unsere Frage zu beantworten scheint. Glatter und Kollegen untersuchten sechs Pferde im Cross-over mit nativem, 15 Minuten eingeweichtem und 60 Minuten bedampftem, nicht näher definierten Wiesenheu.

Leider ist die Publikation in sich widersprüchlich. Im Abstract werden 3537 Kauschläge pro Kilogramm Trockenmasse dem bedampften und 2521 dem eingeweichten Heu zugeordnet. Im Ergebnisteil und in Tabelle 5 steht durchgängig das Gegenteil: 3537 für das eingeweichte und 2521 für das bedampfte Heu, gegenüber 2622 beim nativen Heu. Auch die Diskussion behandelt das eingeweichte Heu als besonders kauintensiv. Die zentrale Zuordnung ist zwischen Abstract und Haupttext also vertauscht.

Eine Publikation mit einem Fehler genau in ihrem Hauptergebnis kann für die Frage, ob Einweichen die Kauarbeit erhöht oder senkt, keine tragende Evidenz sein. Hinzu kommen sechs Pferde, eine Messung während einer begrenzten Testmahlzeit und die Beobachtung der Autoren, dass “das eingeweichte Heu schlechter angenommen wurde”. Langsameres Fressen könnte also zumindest teilweise ein Geschmackseffekt gewesen sein und muss nicht auf notwendiger Kauarbeit beruhen. Wir erwähnen die Studie der Vollständigkeit halber, leiten aus ihr aber keine Richtung ab, weil die Studie das schlicht nicht hergibt.

Andere Untersuchungen zeigen, dass Feuchtigkeit die Aufnahme beschleunigen kann. Earing und Kollegen untersuchten sechs Pferde mit zwei Luzerne-Knaulgras-Heusorten unterschiedlicher hygienischer Qualität. Beim schimmelarmen Heu stieg die in zwei Stunden gefressene Trockenmasse nach dem Bedampfen von 0,64 auf 2,02 Kilogramm, beim stärker belasteten Heu änderte sich nichts. Da die Pferde zwischen behandeltem und unbehandeltem Heu wählen konnten, handelt es sich eher um einen Akzeptanzversuch als um eine Untersuchung der Kauphysiologie.

Eine 2026 veröffentlichte Untersuchung an zwölf Konikpferden macht das Bild noch bunter: Nur angefeuchtetes Heu wurde sehr gut aufgenommen, tatsächlich eingeweichtes deutlich schlechter. Auch hier fehlt jede Messung der Kieferbewegung. Die Studie zeigt aber, dass „angefeuchtet“, „eingeweicht“ und „bedampft“ physiologisch nicht in einen Topf gehören und dass Geschmack und hygienische Qualität die Aufnahme erheblich mitbestimmen.

Was dabei gern übersehen wird

Zwei Aspekte kommen in der Diskussion selten vor, sind für die Praxis aber bedeutsam.

Zum einen verändert langes Einweichen die hygienische Qualität nicht nur zum Guten. Bei warmen Temperaturen und langer Einweichzeit vermehren sich Bakterien im Einweichwasser erheblich. Für unsere Fragestellung heißt das: Ein Teil der beobachteten Verdauungsprobleme könnte auch auf die Keimbelastung zurückgehen und nicht auf die veränderte Faserstruktur.

Zum anderen wird eingeweichtes und bedampftes Heu in der Praxis fast nie ad libitum gefüttert. Es wird portioniert, weil die Zubereitung Aufwand bedeutet und weil die Pferde häufig ohnehin rationiert werden. Damit kommen die Effekte zusammen, die wir im bereits beschrieben haben: Wer nach einer Pause portioniert gefüttert wird, frisst schneller.

Was offen bleibt

Ob eingeweichtes oder bedampftes Heu tatsächlich mit einer grasähnlicheren Kieferbewegung verarbeitet wird, ob die Fasern dadurch weniger zerrieben werden und ob das Pferd pro Kilogramm Trockenmasse weniger Speichel bildet, wurde bislang offenbar nie direkt untersucht. Es fehlen Messungen der seitlichen Kieferauslenkung, Untersuchungen der abgeschluckten Partikel und belastbare Daten zur Speichelmenge bei trockenem gegenüber feuchtem Heu.

Die vorhandenen Daten sind damit nicht „gegen“ die Praxisbeobachtung. Sie sind schlicht unzureichend und heterogen. Fest steht nur, dass Aufnahmeverhalten und Akzeptanz stark vom Ausgangsheu, von der Behandlungsart und von der Behandlungsdauer abhängen. Der entscheidende Versuch fehlt.

Heulage und Silage: Das größte Problem beginnt beim Namen

Was wir in der Praxis sehen

Bei Heulage ist die Beobachtung besonders deutlich. Pferde mit chronischem Kotwasser, Blähungen, gärig oder sauer riechendem Kot oder wiederkehrenden Koliken haben überdurchschnittlich häufig Heulage in der Ration, und die Umstellung auf gutes Heu ist bei einem erheblichen Teil dieser Pferde der Punkt, an dem sich die Verdauung stabilisiert. Hinzu kommt, dass wir bei langjähriger Heulagefütterung auch gehäuft Stoffwechselauffälligkeiten sehen.

Gleichzeitig ist Heulage die Futterform, bei der Praxisbeobachtung und Studienlage besonders schwer zusammenzubringen sind. Das liegt vor allem an einem sprachlichen Problem.

Was in den Studien eigentlich gefüttert wurde

Kaum ein Begriff wird in Pferdestudien so unscharf verwendet wie „haylage“ (zu Deutsch: Heulage). Ein in Folie gewickeltes Raufutter mit 85 oder 90 Prozent Trockenmasse ist physiologisch etwas völlig anderes als ein deutlich feuchteres, milchsauer vergorenes Futter. Beides erscheint in der Literatur unter derselben Bezeichnung.

Für eine sinnvolle Interpretation müssten mindestens Trockenmasse, pH-Wert, Milchsäure, Essigsäure und möglichst das gesamte Fermentationsprofil angegeben sein. Fehlen diese Angaben, wissen wir nicht, was das Pferd gefressen hat. Die in der Kau-Literatur häufig verwendete „Haylage“ aus den Arbeiten um Brüssow und Vervuert lag beispielsweise bei rund 89 Prozent Trockenmasse und damit praktisch im Bereich eines trockenen Heus. Ohne dokumentierten pH-Wert und ohne Fermentationssäuren taugt sie kaum als Modell für eine typische feuchte, vergorene Heulage.

Dasselbe Problem kennt die Praxis. Vieles, was als Heulage verkauft wird, hat nie eine geordnete Milchsäuregärung durchlaufen. Das ist keine harmlose Ungenauigkeit: Bei zu hoher Trockenmasse reicht der Zuckergehalt und die Verdichtung oft nicht für eine stabile Vergärung, sodass sich weder ein niedriger pH-Wert einstellt noch eine konservierende Säurewirkung entsteht. Welche Mikroorganismen sich in einem solchen Ballen stattdessen entwickeln, ist offen. Schenck und Müller fanden bei spät im Jahr geernteter Heulage nach der Konservierung deutlich höhere Keimzahlen an Enterobakterien und Milchsäurebakterien als bei früher geernteter. Bei Heulage ist die hygienische Qualität also mindestens so variabel wie bei Heu, nur schlechter einzuschätzen, weil man dem verschlossenen Ballen nichts ansieht. Da man durch das Einwickeln in Plastik ein feucht-warmes Milieu im Ballen erzeugt, kann man davon ausgehen, dass die Keimzahlen mit der Lagerung erhebliche Ausmaße annehmen, wenn die Fermentation unvollständig abgelaufen ist.

Was gemessen wurde

Der methodisch wertvollste Versuch stammt von Müller und Kollegen. Sie stellten aus demselben Grasbestand Heu mit 81,5 Prozent, Heulage mit 54,8 Prozent und Silage mit 34,3 Prozent Trockenmasse her und verfütterten sie vier fistulierten Pferden im Cross-over über jeweils 21 Tage, mit Probenahme aus dem rechten ventralen Colon und aus dem Kot. Der Ansatz ist stark, weil Pflanzenbestand und Erntegut nicht gleichzeitig mit der Konservierungsmethode wechseln.

Das Ergebnis spricht zunächst gegen unsere Beobachtung. Mikrobielle und chemische Zusammensetzung im rechten ventralen Colon und im Kot waren zwischen den drei Konservierungsformen weitgehend ähnlich, ebenso die Fermentationskinetik im Colon. Die einzige nennenswerte Ausnahme betraf die Streptokokkenzahlen, und die lagen bei Heufütterung höher als bei Heulage und Silage. Das ist ein reales Ergebnis, und es gehört in diese Diskussion.

Was die Studie allerdings nicht zeigen kann, ist, dass Heulage den Pferdedarm langfristig unverändert lässt. Dafür ist sie nicht ausgelegt. Vier Pferde sind eine sehr kleine Stichprobe, die Tiere waren fistuliert, die Fütterungsdauer betrug drei Wochen, und beprobt wurde ein einziger Darmabschnitt sowie der Kot. Die mikrobielle Zusammensetzung wurde überwiegend mit kulturbasierten Verfahren beurteilt, es wurden also die Keimgruppen gezählt, nach denen gesucht wurde. Moderne Sequenzierungs- oder Metabolomdaten gibt es nicht. Auch das Kauverhalten wurde nicht erfasst. Eine Aussage über Pferde, die jahrelang Heulage bekommen, über andere Darmabschnitte oder über Heulagen anderer Zusammensetzung lässt sich daraus nicht ableiten. 

Der interessanteste Befund kommt von Miyaji und Kollegen mit langem Timothy-Heu und Timothy-Grassilage. Die Silage erzeugte mehr Kauschläge pro Gramm Trockenmasse, 5,3 gegenüber 4,6. Trotzdem bestanden bei der Silage 51 Prozent der untersuchten Kotfraktion aus großen Partikeln, beim Heu nur 29 Prozent. Gleichzeitig war die mittlere Verweildauer sowohl für die Flüssig- als auch für die Festphase unter Silage kürzer, während sich die scheinbare Verdaulichkeit von Trockenmasse und Faser nicht signifikant unterschied.

Das ist einer der aufschlussreichsten Befunde des gesamten Themenkomplexes. Mehr Kauarbeit, gröbere Partikel im Kot, schnellere Passage. Warum, wurde nicht untersucht. Möglich sind ein anderes Bruchverhalten der feuchten, elastischen Faser, eine andere Bewegungsgeometrie beim Kauen oder ein Effekt der schnelleren Passage selbst.

Die Ergebnisse von Müller und Miyaji widersprechen sich nicht zwangsläufig. Sie messen unterschiedliche Ebenen. Aus Müller lässt sich kein „Heulage ist darmneutral“ ableiten und aus Miyaji kein „Heulage wird schlecht gekaut“.

Warum Heulage eine Sonderstellung hat

Gegenüber trockenem Heu ändern sich bei Heulage mehrere Dinge gleichzeitig: Feuchtigkeit und Elastizität der Faser, das Vorhandensein von Gärsäuren und mikrobiellen Stoffwechselprodukten, die mikrobielle Besiedlung des Futters selbst, mögliche Veränderungen der Pflanzenstruktur durch den Gärprozess sowie Akzeptanz und Aufnahmegeschwindigkeit.

Für die Verdauung heißt das: Selbst wenn sich zeigen ließe, dass Heulage anders gekaut wird, wäre das nur einer von mehreren möglichen Wirkwegen. Ein Futter, das dem Darm bereits große Mengen Milchsäurebakterien und Gärsäuren zuführt, wirkt möglicherweise unabhängig von seiner Faserstruktur auf das mikrobielle Gleichgewicht. Diese Wege lassen sich nur trennen, wenn man sie einzeln untersucht. Das ist bisher nicht geschehen.

Was offen bleibt

Für Heulage fehlt ein Versuch, der dieselbe Pflanzencharge einmal als Heu und einmal als vollständig charakterisierte, tatsächlich vergorene Heulage verfüttert und dabei nicht nur Kauschläge zählt, sondern die gesamte Kette misst: Kieferbewegung, abgeschluckten Bolus, Partikelverteilung in verschiedenen Dickdarmabschnitten und moderne Mikrobiomanalyse. Bis dahin lässt sich sagen: Konservierung verändert Kauverhalten, Partikelstruktur und Passage, sie führt dem Darm zusätzlich Säuren und Keime zu, und welche Kombination davon bei empfindlichen Pferden klinisch relevant wird, ist ungeklärt.

Für die Praxis bleibt ein Punkt unabhängig von aller Physiologie bestehen: Bei einem als Heulage verkauften Ballen weiß man ohne Analyse weder, ob eine saubere Fermentation stattgefunden hat, noch, was sich sonst darin entwickelt hat.

Heucobs und Pellets: Wenn die Maschine vorkaut

Heucobs nehmen in dieser Reihe eine Sonderstellung ein. Anders als beim Häcksel wurde das Pflanzenmaterial hier nicht nur gekürzt, sondern vermahlen und anschließend unter Druck und Hitze zu Pellets gepresst. Das Pferd bekommt also ein Futter, bei dem die mechanische Zerkleinerung technisch bereits weitgehend vorweggenommen wurde.

Was wir in der Praxis sehen

Das Bild ist hier differenzierter als bei Häckseln oder Heulage. Heucobs sind für viele Pferde ein sinnvolles Futter, etwa für Senioren mit schlechten Zähnen oder zur Ergänzung bei knapper Raufutterversorgung, und wir sehen viele Pferde, die damit gut zurechtkommen, vor allem wenn sie eingeweicht verfüttert werden.

Auffällig ist aber, dass es offenbar auf das Produkt ankommt. In der Beratung zeigt sich immer wieder, dass Pferde mit Verdauungsproblemen auf Heucobs eines bestimmten Herstellers reagieren und dieselben Pferde ein anderes Produkt problemlos vertragen. Ein Wechsel des Herstellers ist bei manchen Pferden der entscheidende Schritt. Dabei scheint der Pelletdurchmesser eine Rolle zu spielen: Pellets mit etwa 6 bis 8 Millimetern Durchmesser funktionieren in der Regel gut, dickere Pellets machen häufiger Probleme. Ähnliches gilt für die Härte der Pellets, die wiederum von der Zusammensetzung abhängt. Produkte mit hohem Luzerne- oder Grasanteil, mit Melasse oder Bindemitteln verhalten sich anders als reine, sehr fest gepresste Grascobs.

Ein weiterer Unterschied ist die Art der Fütterung. Heucobs können trocken oder eingeweicht gegeben werden, und beides sind physiologisch zwei verschiedene Futtermittel. Eingeweichte Cobs zerfallen zu einem Brei, den das Pferd kaum noch kauen muss. Trockene Pellets muss es dagegen zerbeißen und zermahlen, wobei es je nach Härte und Durchmesser unterschiedlich viel Arbeit hat. Für die Kauleistung ist das ein erheblicher Unterschied, für die Passage und die Fermentation im Dickdarm vermutlich ebenfalls.

Was gemessen wurde

Für die Kaubewegung haben wir mit Bonin und Kollegen eine direkte Messung: Pellets wurden mit höherer Kaufrequenz, aber deutlich kleinerer seitlicher Auslenkung des Unterkiefers gekaut als Heu, und die seitliche Bewegung reichte nicht für denselben vollständigen Kontakt der Backenzahnreihen aus. Bei Pellets ist die Abweichung vom Mahlmuster also nicht mehr eine Praxisbeobachtung der Dentalpraktiker und daraus aufgestellte Hypothese, sondern ein Befund. Das stützt indirekt auch unsere Überlegung zum Häcksel: Das Pferd passt seine Kaubewegung an die Partikelgröße an, und je kleiner das Material ins Maul kommt, desto mehr wird gequetscht statt gemahlen.

Dass die physikalischen Eigenschaften eines Pellets das Fressverhalten verändern, zeigen Bochnia und Kollegen. Sie verglichen zwei pelletierte Mischfutter, die sich ausschließlich in ihren physikalischen Eigenschaften unterschieden, und fanden Unterschiede im Kauverhalten. Damit ist die Grundannahme hinter der Praxisbeobachtung gestützt: Nicht jedes Pellet ist gleich. Welche Eigenschaft welchen Effekt hat, also Durchmesser, Härte, Bindemittel oder Vermahlungsgrad, lässt sich daraus allerdings nicht ableiten. Und untersucht wurden in dem Fall Mischfutter, nicht Heucobs.

Am aufschlussreichsten für die Verdauung ist der Versuch von Drogoul und Kollegen, den wir bereits kennen. Ponys erhielten dieselbe Mischung aus Luzerne- und Knaulgras-Heu entweder gehäckselt oder auf 1,5 Millimeter gemahlen und pelletiert. Die feine Vermahlung führte nicht zu einer schnelleren Passage, sondern zu einer verlängerten Verweildauer von Partikel- und Flüssigphase, besonders im Colon. Gleichzeitig waren Geschwindigkeit und Ausmaß des mikrobiellen Abbaus von Trockenmasse und NDF bei vier fistulierten Ponys vermindert. Die Gesamtverdaulichkeit der Faser unterschied sich dagegen kaum, vermutlich weil die längere Verweildauer den langsameren Abbau ausglich.

Dieser Versuch widerlegt die naheliegende Vorstellung, dass ein feiner vermahlenes Futter für den Darm automatisch leichter zu verdauen sei. Für die Praxis ist er deshalb bedeutsam, weil genau diese Vorstellung oft hinter der Empfehlung steht, bei Verdauungsproblemen auf Heucobs umzustellen.

In dieselbe Richtung weist der Befund von Starrett und Kollegen, dass eine reine Pelletdiät bei zwanzig Pferden zu mehr großen Kotpartikeln und geringerer Faserverdaulichkeit führte als eine heubasierte Ration. Da sich die Rationen nicht nur in der Struktur unterschieden, lässt sich die Pelletierung nicht als alleinige Ursache benennen. Die Richtung ist aber dieselbe: Technische Vorzerkleinerung garantiert nicht, dass am Ende feineres Material den Darm verlässt.

Und Silva und Kollegen fanden bei vier Pferden, dass auf 5 und 3 Millimeter gemahlenes Heu die Transitzeit der festen Phase um etwa drei Stunden verlängerte, während sich die mittlere Verweildauer nicht unterschied. Im Colon waren die Partikel beim fein gemahlenen Heu erwartungsgemäß am kleinsten.

Der Vermahlungsgrad als übersehene Variable

Aus diesen Befunden ergibt sich eine Überlegung, die in der Diskussion um Heucobs kaum vorkommt. Die Praxis achtet auf Durchmesser und Härte des fertigen Pellets. Physiologisch dürfte aber mindestens ebenso wichtig sein, wie fein das Material vor dem Pressen vermahlen wurde. Genau diese Variable hat Drogoul verändert, und genau dort zeigten sich die deutlichsten Effekte auf Abbaugeschwindigkeit und Verweildauer.

Der Vermahlungsgrad ist zwischen Herstellern sehr unterschiedlich, wird aber nicht deklariert. Er hängt mit der Härte zusammen, denn fein vermahlenes Material lässt sich fester pressen, und indirekt auch mit dem Durchmesser. Wenn sich die Praxisbeobachtung zu den Herstellerunterschieden also physiologisch erklären lässt, dann möglicherweise weniger über den Durchmesser als über den Vermahlungsgrad und die daraus resultierende Struktur der Faser. Das ist eine Hypothese, aber eine, die sich mit vertretbarem Aufwand prüfen ließe.

Trocken oder eingeweicht

Für eingeweichte Heucobs kommt hinzu, was wir im Kapitel zum eingeweichten Heu beschrieben haben. Ein Futter, das bereits als Brei ins Maul gelangt, erfordert kaum Kauarbeit und entsprechend wenig Speichel. Bei Heucobs ist dieser Effekt noch ausgeprägter als bei eingeweichtem Heu, weil hier nicht nur Wasser hinzukommt, sondern die Struktur ohnehin schon aufgelöst ist.

Für Pferde, die aufgrund ihrer Zähne nicht mehr mahlen können, ist genau das der Zweck. Für ein Pferd mit intaktem Gebiss bedeutet es dagegen, dass ein erheblicher Teil der Ration an Kauarbeit und Einspeichelung vorbeigeht. Direkte Messungen zum Kauverhalten oder zur Speichelbildung bei eingeweichten Heucobs gegenüber trockenen Pellets oder Heu gibt es nicht.

Was offen bleibt

Der Versuch, der hier fehlt, ist derselbe wie beim Häcksel, nur mit mehr Varianten: dieselbe Heucharge lang, gehäckselt sowie unterschiedlich fein vermahlen und zu Pellets unterschiedlichen Durchmessers und unterschiedlicher Härte gepresst, jeweils trocken und eingeweicht verfüttert, mit Messung der Kieferbewegung, des abgeschluckten Bolus, der Passage und der Fermentation. Bis dahin gilt: Dass die Verarbeitung von Raufutter zu Pellets die Kaubewegung verändert, ist gemessen. Dass feiner nicht automatisch besser verdaulich bedeutet, ist ebenfalls gemessen. Welche Produkteigenschaft für die in der Praxis beobachteten Unterschiede verantwortlich ist, ist offen.

Stroh: Struktur allein ist kein Qualitätsmerkmal

Stroh gehört in diese Reihe, weil es zeigt, dass eine lange Faser nicht automatisch eine gut verdauliche Faser ist. Es ist gewissermaßen der Gegenpol zum Häcksel: mechanisch anspruchsvoll, aber mikrobiell schwer zugänglich.



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Was wir in der Praxis sehen

Stroh wird in erster Linie als Beschäftigungs- und Strukturfutter für leichtfuttrige Pferde eingesetzt und als Einstreu, die mitgefressen wird. In begrenzten Mengen und in guter hygienischer Qualität sehen wir damit meist keine Probleme. Auffällig wird es, wenn Stroh in größeren Mengen das Heu ersetzt, insbesondere bei Pferden, deren Heuration ohnehin knapp bemessen ist und die es entsprechend hastig oder in sehr großen Mengen aufnehmen. Dann sehen wir gehäuft Anschoppungskoliken und Pferde mit auffallend groben Fasern im Kot.

Was gemessen wurde

Dass Stroh mikrobiell schlecht abbaubar ist, ist gut belegt. Martuzzi und Kollegen verglichen bei sechs Pferden verschiedene Raufutter: Stroh hatte mit etwa 44,6 Prozent die niedrigste gemessene Trockenmasseverdaulichkeit und war mit größeren Kotpartikeln verbunden, während eine Weidelgras-Klee-Mischung bei etwa 74,4 Prozent lag.

Das ist für die Beurteilung grober Kotfasern wichtig. Sie entstehen nicht nur durch mangelhaftes Kauen, sondern auch dadurch, dass stark verholztes Material von den Mikroorganismen kaum angegriffen wird und deshalb in erkennbarer Form als grobe Faser wieder erscheint. Große Fasern im Kot eines Pferdes, das viel Stroh frisst, sagen deshalb etwas anderes aus als große Fasern im Kot eines Pferdes, das ausschließlich Heu bekommt.

Für das Kauverhalten ist die Datenlage dünn. Eine kleine Cross-over-Untersuchung mit acht Pferden verglich eine Ration aus 50 Prozent Haferstroh und 50 Prozent Heulage mit reiner Heulage. Die Strohmischung wurde im Verlauf langsamer aufgenommen, die während kurzer Beobachtungsfenster gezählten Kauschläge unterschieden sich dagegen nicht zuverlässig. Aus fünf Minuten Kauschlagzählung lässt sich über die Verarbeitung einer ganzen Tagesration allerdings wenig sagen. Auch zwischen den Strohsorten dürfte es Unterschiede geben, denn Hafer-, Weizen-, Gersten- und Roggenstroh unterscheiden sich in Halmdicke, Härte und Verholzung. Untersucht ist das für das Kauverhalten nicht.

Zum Magen gibt es gegenläufige Befunde. In der dänischen Risikofaktorstudie von Luthersson und Kollegen war Stroh als einziges oder überwiegendes Raufutter mit einem erhöhten Ulkusrisiko verbunden. Die Autoren vermuteten als Ursache eine mechanische Reizung, eine veränderte Schichtung des Mageninhalts oder eine geringere Pufferkapazität aufgrund des niedrigen Calcium- und Proteingehalts von Stroh. In der Untersuchung von Jansson und Kollegen verschlechterten sich die Magenbefunde dagegen nicht, als über drei Wochen die Hälfte der Ration durch Weizenstroh ersetzt wurde, bei längerer Fresszeit und günstigerem Stoffwechselprofil. Dabei ist zu beachten, dass dort nicht gegen Heu verglichen wurde, sondern gegen eine Ration aus reiner Heulage, und dass die Pferde das Stroh erst fraßen, nachdem die Heulage aufgebraucht war.

Ein Punkt, der in dieser Diskussion fast immer fehlt, ist die hygienische Qualität. Stroh ist ein Nebenprodukt der Getreideernte, das nicht als Futtermittel angebaut und oft nicht entsprechend gelagert wird. Untersuchungen an Strohpartien aus Pferdeställen haben erhebliche Gehalte an Mikroorganismen, Mykotoxinen und Lipopolysacchariden gefunden; Jansson und Kollegen weisen selbst darauf hin, dass über deren langfristige Wirkung auf den Verdauungstrakt wenig bekannt ist. In ihrer Studie wurde das Stroh vorab auf hygienische Qualität geprüft und ohne Beanstandung befunden. In der Praxis geschieht das praktisch nie. Ein Teil des Widerspruchs zwischen den beiden Untersuchungen könnte also schlicht darin liegen, dass dort zwei sehr unterschiedliche Strohqualitäten verfüttert wurden.

Hinzu kommt, dass Stroh in der Praxis meist gar nicht als Ration gefüttert wird, sondern als Einstreu im Stall liegt. Was davon aufgenommen wird, weiß niemand, und gefressen wird es typischerweise dann, wenn das Heu aufgebraucht ist. Damit fällt die Strohaufnahme genau in die Phasen, in denen das Pferd hungrig ist und hastig frisst, also in genau die Situation, in der wir ohnehin eine veränderte Kauleistung vermuten. Für ein Pferd mit knapper Heuration ist Stroh deshalb nicht einfach ein zusätzliches Strukturfutter, sondern das Futter der Fresspause.

Warum Stroh unsere Frage von der anderen Seite beleuchtet

Für unsere Leitfrage ist Stroh aus einem bestimmten Grund lehrreich. Es ist ein Futter, das die Kauarbeit eher fordert als reduziert, und trotzdem erscheinen große Partikel im Kot und die Verdaulichkeit ist niedrig. Das zeigt, dass zwischen Kauleistung und Faserverdauung keine einfache Gleichung besteht. Was die Mikroorganismen im Dickdarm mit einer Faser anfangen können, hängt nicht nur davon ab, wie stark sie zerkleinert wurde, sondern auch davon, wie verholzt sie ist und wie zugänglich ihre Zellwände sind.

Für die Beurteilung von Kotwasser, Blähungen und groben Kotfasern folgt daraus eine praktische Konsequenz: Man muss immer wissen, welches Raufutter das Pferd in welcher Form und in welcher Menge bekommt, bevor man aus dem Kot Rückschlüsse zieht.

Was offen bleibt

Auch für Stroh fehlen Messungen der Kieferbewegung und des abgeschluckten Bolus. Interessant wäre außerdem, wie sich verschiedene Strohsorten unterscheiden und wie sich das Kauverhalten ändert, wenn Stroh bei rationierter Fütterung anstelle von Heu angeboten wird, also genau in der Situation, in der wir in der Praxis Probleme sehen.

 


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