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Artikel lesenThermalheu für Pferde: Was steckt wirklich dahinter?
© Adobe Stock / Westwind
Das Wichtigste in Kürze
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Thermalheu ist fermentiertes Heu, das nach der Fermentation thermisch getrocknet wird – im Grunde eine getrocknete Heulage.
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Durch die Fermentation entstehen große Mengen Milchsäure und Milchsäurebakterien, die durch die Trocknung nicht absterben, sondern in Überdauerungsstadien übergehen.
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Im feuchten Milieu des Pferdedarms werden diese Bakterien wieder aktiv und können das Darmmikrobiom erheblich belasten.
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Der niedrigere Zuckergehalt gegenüber normalem Heu ist real – aber er erkauft sich durch eine Bakterienlast, die für viele Pferde problematischer ist als der Zucker.
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Pferde mit empfindlichem Darm, Stoffwechselproblemen oder Entgiftungsstörungen wie KPU sind durch Thermalheu besonders gefährdet.
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Wer zuckerarmes Heu sucht, sollte eine Heuanalyse machen und gezielt kaufen – das ist günstiger und sicherer.
Thermalheu klingt nach Innovation – nach schonend verarbeitetem, besonders hochwertigem Futter für empfindliche Pferde. Doch was sich hinter dem Begriff tatsächlich verbirgt, ist physiologisch betrachtet alles andere als unproblematisch.
Was ist Thermalheu überhaupt?
Thermalheu wird aus frisch geerntetem Gras hergestellt, das zunächst einen kontrollierten Fermentationsprozess durchläuft – also genau das, was auch bei der Heulageherstellung passiert. Milchsäurebakterien bauen dabei Zucker ab, der pH-Wert sinkt, und das Pflanzenmaterial wird durch die entstehende Milchsäure konserviert. Anschließend wird das fermentierte Material getrocknet, wobei Temperatur, Luftführung und Dauer gezielt gesteuert werden.
Das Ergebnis ist ein Produkt, das optisch und haptisch an Heu erinnert, im Kern aber ein getrocknetes Fermentationsprodukt ist. Werblich wird vor allem der reduzierte Zuckergehalt hervorgehoben – ein Argument, das für stoffwechselempfindliche Pferde auf den ersten Blick attraktiv klingt.
Was passiert bei der Trocknung – und was überlebt sie?
Die entscheidende Frage ist: Was macht die Hitze mit dem fermentierten Material? Die Antwort hängt stark von der angewendeten Temperatur ab.
Bei niedrigen Trocknungstemperaturen unter 70 Grad Celsius überleben viele Milchsäurebakterien die Trocknung aktiv oder gehen in sogenannte Überdauerungsstadien über – eine Art biologischen Ruhezustand, aus dem sie reaktiviert werden können, sobald die Bedingungen wieder günstig sind. Milchsäurebakterienkulturen aus fermentierten Lebensmitteln werden genau auf diese Weise haltbar gemacht: durch Trocknung, nicht durch Abtötung.
Bei höheren Temperaturen über 100 Grad Celsius werden vegetative Bakterienzellen zuverlässig abgetötet. Allerdings überleben hitzeresistente Endosporen auch diese Temperaturen – und zusätzlich verändert starke Hitze die Proteinstruktur des Heus, reduziert den Gehalt an den hitzeempfindlichen Vitaminen und kann die Faserstruktur so verändern, dass die Fermentierbarkeit im Dickdarm beeinträchtigt wird.
Kurz gesagt: Entweder überleben die Bakterien die Trocknung, oder die Hitze, die sie abtöten würde, schadet gleichzeitig der Futterqualität. Ein echtes Dilemma, das in der Vermarktung von Thermalheu selten erwähnt wird.
Was passiert im Pferdedarm?
Genau hier liegt das eigentliche Problem. Der Verdauungstrakt des Pferdes ist auf die Fermentation von Pflanzenfasern durch ein stabiles, spezialisiertes Mikrobiom ausgelegt. Milchsäurebakterien spielen in diesem System eine untergeordnete Rolle – sie sind in einem gesunden Pferdedarm in ganz geringer Zahl vorhanden, aber nicht als dominante Gruppe.
Wenn mit jeder Portion Thermalheu große Mengen ruhender Milchsäurebakterien in den Verdauungstrakt gelangen und dort auf Feuchtigkeit und Wärme treffen, werden diese ruhenden Bakterien reaktiviert. Sie beginnen, Milchsäure zu produzieren, der pH-Wert im Dickdarm sinkt, und säureliebende Bakterienstämme erhalten einen Selektionsvorteil gegenüber den natürlichen Darmbewohnern. Was folgt, ist eine schleichende Verschiebung des Mikrobioms.
Die Konsequenzen kennen viele Pferdehalter, ohne den Zusammenhang zu ahnen: Kotwasser, unruhige Darmgeräusche, wechselhafte Kotkonsistenz, schleichender Leistungsverlust, Hautprobleme, angelaufene Beine, Hufrehe... Denn ein dauerhaft übersäuertes Darmmilieu beeinträchtigt nicht nur die Verdauung, sondern auch die Aufnahme von Mineralstoffen, die Entgiftungsleistung der Leber und das Immunsystem.
Thermalheu und der Vergleich mit Heulage
Physiologisch betrachtet ist Thermalheu das, was es bei genauem Hinsehen auch ist: getrocknete Heulage. Der einzige relevante Unterschied zur frischen Heulage ist, dass der Wasseranteil entfernt wurde. Die Milchsäure ist im getrockneten Produkt konzentriert vorhanden, die Bakterien befinden sich im Ruhezustand – aber weder die eine noch die anderen sind verschwunden.
Auch die Magenpassage ändert daran nichts. Denn beim getrockneten Produkt sind die in ihre “Überdauerungshüllen” verpackten, ruhenden Bakterien noch besser vor der Magensäure geschützt und können problemlos bis in den Dickdarm gelangen, wo sie unter günstigen Bedingungen wieder aktiv werden.
Für wen ist Thermalheu besonders problematisch?
Grundsätzlich gilt: Kein Pferd profitiert langfristig von einer hohen Milchsäurebakterienlast im Darm. Besonders gefährdet sind jedoch Pferde mit bereits beeinträchtigtem Mikrobiom, mit Stoffwechselerkrankungen wie EMS oder Insulinresistenz, mit Entgiftungsstörungen wie KPU sowie Pferde, die zu Hufrehe neigen oder unter chronischen Hautproblemen wie Sommerekzem leiden. Bei diesen Tieren kann die schleichende Darmbelastung durch Thermalheu die bestehenden Probleme sehr schnell und deutlich verschlimmern
Was stattdessen tun – wenn der Zucker wirklich das Problem ist?
Der einzige sachlich nachvollziehbare Grund, Thermalheu zu wählen, ist der reduzierte Zuckergehalt. Aber: Dieser Effekt lässt sich günstiger und ohne die beschriebenen Risiken erzielen. Eine professionelle Heuanalyse kostet wenig und liefert verlässliche Werte für Zucker, Eiweiß, Fasergehalt und mikrobiologische Kontamination. Wer gezielt nach Heu mit niedrigem Zuckergehalt sucht und beim Erzeuger oder Händler nachfragt, bekommt in der Regel das, was er braucht – ohne Fermentationsrückstände, ohne Milchsäurebakterienlast und ohne den entsprechenden Aufpreis.
Für leichtfuttrige Pferde gilt zusätzlich: Heu mit Stroh im Heunetz mischen verdünnt die Energiedichte, verlangsamt die Futteraufnahme und hält das Pferd beschäftigt – einfach, günstig, physiologisch sinnvoll. Thermalheu hingegen ist viel Marketing mit wenig Nutzen.