Stellung & Biegung – Was passiert im Pferdekörper?

Stellung & Biegung

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Das Wichtigste in Kürze:

  • Stellung erfolgt im Genick durch minimale Rotation des zweiten Halswirbels (Axis)
  • Ohne korrekte Stellung im Genick kann sich die gesamte Wirbelsäule nicht richtig biegen
  • Biegung ist eine Längsbiegung der gesamten Wirbelsäule, nicht nur des Halses
  • Zu viel Biegung kann genauso schädlich sein wie zu wenig – die Dosis macht das Gift
  • Übermäßige oder falsche Biegung führt zu Arthrose, Blockaden und Verschleiß der Halswirbelsäule

 

Der Unterschied zwischen Stellung und Biegung

Viele Reiter verwenden die Begriffe Stellung und Biegung synonym, doch biomechanisch handelt es sich um zwei unterschiedliche Dinge. Die Stellung bezeichnet die minimale Rotation des Kopfes im Genick, bei der das Pferd dem Reiter den inneren Augenwinkel zeigt. Diese Stellung erfolgt ausschließlich zwischen dem ersten und zweiten Halswirbel, also im Atlas-Axis-Gelenk.

Die Biegung hingegen ist eine Längsbiegung der gesamten Wirbelsäule. Im Idealfall biegt sich das Pferd vom Genick bis zur Schweifrübe gleichmäßig um den inneren Schenkel des Reiters. In der Realität ist die Biegefähigkeit der verschiedenen Wirbelsäulenabschnitte unterschiedlich: Die Halswirbelsäule kann sich am meisten biegen, die Brustwirbelsäule ist deutlich steifer, und die Lendenwirbelsäule hat wieder etwas mehr Beweglichkeit.

Die Rolle des Genicks: Mehr als nur Kopfhaltung

Die Stellung im Genick ist nicht einfach nur eine optische Frage oder eine Formalität der Reitkunst. Sie hat eine fundamentale biomechanische Bedeutung: Nur wenn das Genick korrekt gestellt ist, kann sich die gesamte Wirbelsäule physiologisch biegen. Der Grund liegt in der besonderen Anatomie des zweiten Halswirbels, des Axis.

Der Axis hat an seiner Oberseite einen knöchernen Kamm mit einer längs verlaufenden Rinne in der Mitte. Durch diese Rinne verläuft das Nackenband. Wenn der Axis rotiert – also wenn das Pferd im Genick gestellt wird – kippt dieser Kamm zur Seite. Dadurch wird das Nackenband auf dieser Seite minimal angespannt, was eine leichte Rotation in der gesamten Halswirbelsäule auslöst. Diese Vorrotation der Halswirbelsäule ist die Voraussetzung dafür, dass sich die gesamte Wirbelsäule biegen kann.

Deshalb fordern klassische Reitmeister, dass ein Pferd auch auf gerader Linie immer leicht im Genick gestellt sein soll – nämlich zur Seite, in die es sich als nächstes biegen soll. Ein Pferd ohne Genickstellung hat eine „neutrale“ Wirbelsäule, die sich nicht optimal biegen kann. Erst die Stellung bereitet die Wirbelsäule auf die kommende Biegung vor.

Wie viel Biegung ist gesund?

Die Wirbelsäule des Pferdes ist nicht für extreme Biegungen konstruiert. Die einzelnen Wirbel sind durch relativ kleine Gelenke miteinander verbunden, die nur begrenzte Beweglichkeit zulassen. Besonders die Brustwirbelsäule mit ihren Rippenansätzen ist sehr stabil und wenig beweglich. Fordert man zu viel Biegung, werden die Wirbelgelenke überstrapaziert.

In der Halswirbelsäule ist die Beweglichkeit am größten, aber auch hier gibt es Grenzen. Bei übermäßiger Biegung werden die Wirbelgelenke auf der konkaven Seite komprimiert, während sie auf der konvexen Seite überdehnt werden. Die Gelenkflächen reiben stärker aufeinander, die Gelenkflüssigkeit wird aus dem Spalt gedrückt, und es kommt zu erhöhtem Verschleiß. Langfristig führt das zu Arthrose der kleinen Wirbelgelenke.

Ein gesundes Maß an Biegung orientiert sich an der Linie, auf der das Pferd läuft. Auf einem Zirkel sollte sich das Pferd gleichmäßig der Zirkellinie anpassen – nicht mehr und nicht weniger. Auf einer Volte ist entsprechend mehr Biegung nötig als auf einem großen Zirkel. Der Fehler, den viele Reiter machen, ist, dass sie auf engen Linien zu viel Hals und zu wenig Körper biegen. Der Hals knickt zur Seite ab, während der Rumpf gerade bleibt.

Die Gefahr der Überbiegung

Besonders in Ausbildungssituationen neigen Reiter dazu, zu viel Biegung zu fordern. Sie denken, je mehr Biegung, desto besser sei das Pferd gymnastiziert. Das Gegenteil ist der Fall. Zu viel Biegung über einen längeren Zeitraum schädigt die Halswirbelsäule massiv.

Wenn ein junges Pferd über Monate hinweg hauptsächlich auf engen Zirkeln und kleinen Volten gearbeitet wird, entwickeln sich Veränderungen an den Halswirbeln. Die Gelenkflächen werden ungleichmäßig abgenutzt, es bilden sich knöcherne Zubildungen, und die Beweglichkeit nimmt ab. Viele Pferde, die in ihrer Ausbildung übermäßig auf engen Linien gearbeitet wurden, zeigen später chronische Halswirbelsäulenprobleme.

Besonders kritisch ist die Kombination aus starker Biegung und gleichzeitiger Aufrichtung. In höherer Aufrichtung verstärken sich die Krümmungen der Halswirbelsäule, was zu noch mehr Belastung der Wirbelgelenke führt. Deshalb sollten enge Wendungen und starke Biegungen vorwiegend in Dehnungshaltung geritten werden, in der die Halswirbelsäule gestreckter ist und die Belastung auf mehrere Wirbel verteilt wird.

Häufige Fehler und ihre Folgen

Ein klassischer Fehler ist das Überbiegen des Halses bei gleichzeitig geradem Rumpf. Das Pferd läuft dann mit stark zur Seite geknicktem Hals, während sein Körper der Linie gar nicht folgt. Äußerlich sieht es aus, als würde das Pferd sich biegen, tatsächlich weicht es aber mit der Schulter nach außen oder mit der Hinterhand nach innen aus. Diese falsche Biegung belastet die Halswirbelsäule einseitig und führt zu Verspannungen.

Ein anderer häufiger Fehler ist die fehlende Stellung vor der Biegung. Manche Reiter versuchen, das Pferd zu biegen, ohne es vorher korrekt im Genick zu stellen. Das Pferd verdreht dann seinen Hals, aber die Wirbelsäule folgt nicht. Es entstehen Blockaden im Übergang von Hals- zu Brustwirbelsäule, und das Pferd zeigt Widersetzlichkeiten.

Auch das dauerhafte Reiten auf einer Hand ohne Ausgleich ist problematisch. Pferde, die hauptsächlich auf der Hand geritten werden, auf der sie sich ohnehin leichter biegen (meist die hohle Seite), verstärken ihre natürliche Schiefe. Die eine Seite der Halswirbelsäule wird überlastig, die andere verkümmert. Es entwickelt sich eine asymmetrische Muskulatur, und die Wirbelgelenke verschleißen ungleichmäßig.

Die richtige Biegung erarbeiten

Eine korrekte Biegung entsteht von hinten nach vorne, nicht umgekehrt. Das innere Hinterbein muss unter den Schwerpunkt treten und Last aufnehmen. Diese Aktivität der Hinterhand setzt sich über das Becken und die Lendenwirbelsäule fort und bringt den gesamten Rumpf in Biegung. Der Hals folgt dieser Körperbiegung, anstatt sie zu ersetzen.

Die Stellung im Genick wird durch die leichte Annahme des inneren Zügels bei nachgebender äußerer Hand hergestellt. Der äußere Zügel begrenzt die Stellung und verhindert, dass das Pferd den Hals zu stark zur Seite nimmt. Die Biegung selbst entsteht durch das Zusammenspiel von innerer treibender Hilfe, äußerem begrenzenden Schenkel und der korrekten Gewichtsverlagerung des Reiters.

Wichtig ist, dass die Biegung nie erzwungen wird. Ein Pferd, das sich noch nicht biegen kann, braucht Zeit und gymnastische Übungen, um die nötige Beweglichkeit zu entwickeln. Zieht man am Zügel, um mehr Biegung zu erreichen, blockiert man das Pferd nur und verhindert die korrekte Längsbiegung. Echte Biegung entsteht durch Loslassen und Nachgeben, nicht durch Festhalten und Ziehen.

Übungen für gesunde Biegung

Seitengänge sind die klassischen Übungen zur Erarbeitung von Biegung und Stellung. Beim Schulterherein lernt das Pferd, sich gleichmäßig zu biegen, während das innere Hinterbein vermehrt Last aufnimmt. Bei Travers und Renvers wird die Biegung aus der Hinterhand heraus entwickelt. Diese Lektionen sollten jedoch erst geritten werden, wenn das Pferd die Grundlagen beherrscht und sich auf beiden Händen einigermaßen losgelassen bewegen kann.

Für junge oder nicht ausbalancierte Pferde sind Schlangenlinien und sanfte Bögen besser geeignet als enge Wendungen. Durch häufige Handwechsel lernt das Pferd, sich auf beiden Seiten zu biegen, ohne dass eine Seite überlastet wird. Der stetige Wechsel der Biegung ist auch eine gute Gymnastik für die Halswirbelsäule, weil die Gelenkflächen abwechselnd belastet und entlastet werden.

Wichtig ist der regelmäßige Wechsel zwischen Biegung und gerader Haltung sowie zwischen Aufrichtung und Dehnung. Ein Pferd, das eine Minute lang auf einer gebogenen Linie läuft, sollte danach die Möglichkeit haben, sich auf gerader Linie zu strecken und die Muskulatur zu entspannen. Nach einer Phase der Versammlung sollte immer eine Phase der Dehnungshaltung folgen, in der sich die Halswirbelsäule wieder strecken kann.

Stellung und Biegung als Gesundheitsvorsorge

Korrekte Stellung und Biegung sind kein Selbstzweck und keine rein ästhetischen Kriterien. Sie sind fundamentale Elemente gesunden Reitens. Ein Pferd, das sich korrekt stellen und biegen kann, belastet seine Wirbelsäule gleichmäßig, entwickelt keine einseitigen Verspannungen und bleibt beweglich bis ins hohe Alter.

Die Arbeit an Stellung und Biegung ist immer auch Arbeit an der Geraderichtung, an der Losgelassenheit und an der Balance. Ein Pferd, das sich auf beiden Händen gleich gut biegen lässt, ist ein gerade gerichtetes Pferd. Ein Pferd, das sich losgelassen biegen kann, ohne den Rücken festzuhalten, ist ein gesundes Pferd. Die Zeit und Mühe, die man in diese Grundlagen investiert, ist die beste Gesundheitsvorsorge, die man seinem Pferd bieten kann.

Team Sanoanimal

Team Sanoanimal

Wir sind ein erfahrenes Team von Therapeuten, spezialisiert auf Futterberatung und integrierte Tiertherapien für Pferde. Mit umfassender Erfahrung in der Behandlung von Stoffwechselproblemen setzen wir auf artgerechte Fütterung und naturheilkundliche Mittel, um die Gesundheit Ihres Pferdes zu verbessern. Profitieren Sie von unserem Wissen für das Wohl Ihres Pferdes.

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