Pferden Stroh statt Heu füttern? Was die vielzitierte Studie wirklich

braunes Pferd frisst Stroh Nahaufnahme vom Kopf

© Adobe Stock / kamilly77

Warum eine sinnvolle Abnehm-Studie gerade zum vermeintlichen Heu-Sparmodell umgedeutet wird – und was davon in den Stallalltag gehört

Das Wichtigste in Kürze

  • Die oft zitierte Studie (Dosi et al. 2020) zeigt, dass eine Heu-Stroh-Mischung übergewichtigen, robusten Weideponys beim Abnehmen helfen kann – nicht, dass man bei jedem Pferd einfach die Hälfte des Heus durch Stroh ersetzen darf.
  • Entscheidend und oft übersehen: Die Ponys standen den ganzen Winter auf der Weide und hatten über das Gras zusätzlich Futter – eine in Großbritannien übliche, in Deutschland eher seltene Haltungsform.
  • Es war eine Praxisbeobachtung, keine kontrollierte Fütterungsstudie: Die beiden Gruppen waren nur bedingt vergleichbar und die individuelle Futteraufnahme pro Pferd wurde gar nicht gemessen.
  • Die Strohgruppe bekam schon mengenmäßig weniger Zusatzraufutter angeboten und ließ zusätzlich Stroh übrig – der Gewichtsverlust entstand also auch über eine geringere Gesamtaufnahme.
  • Es wurde nur das Körpergewicht erfasst, kein Body Condition Score – ob die Pferde Fett, Lymphe oder Muskelmasse verloren haben, lässt sich aus der Studie nicht sagen. Wichtige Stoffwechselwerte wie Insulin oder Leberwerte wurden ebenfalls nicht erhoben.
  • Das verwendete Stroh war energetisch kaum ärmer als das Heu; die Behauptung „Stroh hat viel weniger Energie“ traf hier gar nicht zu.
  • Für übergewichtige, zahngesunde, leichtfuttrige Pferde kann hygienisch einwandfreies Stroh als Teil der Ration sinnvoll sein; als pauschaler Heuersatz bei Knappheit taugt die Studie nicht.

Worum gerade so hitzig gestritten wird

Das Heu ist in diesem Jahr knapp und teuer, und prompt macht eine Studie die Runde, die scheinbar die Lösung liefert: Man ersetze einfach die Hälfte des Heus durch Stroh, dann würden die Pferde auch noch schlanker. In Futtergruppen und Kommentarspalten wird daraus rasch die Faustregel „50 Prozent Stroh statt Heu ist unbedenklich“.

Die Studie gibt es wirklich, und sie ist auch nicht schlecht. Sie beantwortet nur eine ganz andere Frage als die, die ihr gerade untergeschoben wird. Es lohnt sich deshalb, einmal genau hinzuschauen, was tatsächlich untersucht wurde – und was eben nicht.

Was die Studie wirklich gemacht hat

Untersucht wurden 40 überwiegend robuste Ponys und Cob Mischlinge sowie ein Vollblut, ein Warmblutmix und ein Muli, die über vier Wintermonate draußen auf rund 1,6 Hektar großen Mischweiden standen, nicht gearbeitet und nicht eingedeckt wurden. Und hier liegt der erste, für die Übertragung auf deutsche Verhältnisse entscheidende Punkt: Diese Pferde lebten den gesamten Versuch über auf der Weide. In Großbritannien ist die ganzjährige Weidehaltung die Regel, bei uns eher die Ausnahme. Das bedeutet, dass die Tiere neben Heu und Stroh ständig auch Gras aufnehmen konnten – und wie viel Gras jedes einzelne Pferd fraß, hat niemand gemessen. Schon deshalb lässt sich die Situation nicht ohne Weiteres auf ein deutsches Pferd übertragen, das im Winter auf dem Paddock steht und ausschließlich konserviertes Raufutter bekommt.

Eine Gruppe erhielt zusätzlich zur Weide eine Mischung aus Gerstenstroh und Heu, die andere nur Heu. Wichtig sind die tatsächlichen Mengen: Die Stroh-Heu-Gruppe (25 Tiere) bekam je Fünfergruppe rund 7 Kilogramm Stroh und 10 Kilogramm Heu, also etwa 1,4 Kilogramm Stroh und 2 Kilogramm Heu pro Pony. Die reine Heugruppe (15 Tiere) bekam rund 20 Kilogramm Heu je Fünfergruppe, also etwa 4 Kilogramm pro Pony – jeweils obendrauf zur Weide. Vier Kilogramm Zusatzheu pro Pony plus freiem Weidezugang sind für mittelgroße Robustpferde bereits reichlich bemessen; entsprechend nahm diese Gruppe im Mittel sogar leicht zu, während die Stroh-Heu-Gruppe im Schnitt rund 27 Kilogramm oder gut sechs Prozent verlor. Fälle von Kolik oder Hufrehe traten in den vier Monaten in keiner der beiden Gruppen auf (Dosi et al. 2020).

So weit klingt das nach einem klaren Ergebnis. Die entscheidenden Einschränkungen stecken aber im Aufbau. Gefüttert wurde aus Rundraufen für jeweils fünf Pferde gemeinsam – wer davon wie viel Heu, wie viel Stroh und wie viel Gras tatsächlich aufnahm, weiß niemand. Schwerer wiegt noch, dass die beiden Gruppen gar nicht vergleichbar waren. Die Tiere wurden nicht zufällig verteilt, sondern blieben in ihren bestehenden Herden – und sie unterschieden sich massiv in der Körpergröße: Die Strohgruppe wog im Schnitt rund 453 Kilogramm, die Heugruppe nur etwa 238 Kilogramm. Die Strohgruppe bestand also aus deutlich größeren, schwereren Tieren, bekam aber pro Kopf aber weniger Zusatzfutter gemessen an der Körpergröße (3,4kg Heu-Sroh-Mix für 453kg Körpergewicht) und damit erheblich weniger als die kleinen Ponys der Heugruppe (4kg Heu bei 238kg Körpergewicht). Schon dieses Missverhältnis erklärt, warum die großen Tiere abnahmen und die kleinen zunahmen, ganz ohne besondere Eigenschaft des Strohs. Pferdetyp, Ausgangsgewicht, Rangordnung und Weidequalität hängen zudem alle gleichzeitig an der Fütterungsgruppe. Für eine Praxisbeobachtung ist das in Ordnung – für eine allgemeingültige Fütterungsregel ist es eine sehr wacklige Grundlage.

Warum die Gewichtsabnahme nicht das ist, wonach sie aussieht

Die naheliegende Erklärung „Stroh hat weniger Energie, also nehmen die Pferde ab“ trägt bei dieser Studie kaum. Das analysierte Stroh lieferte etwa 7,4 Megajoule verdauliche Energie je Kilogramm, das Heu 7,6 – ein Unterschied von gerade einmal 0,2 Megajoule. Ausgerechnet das hier verwendete Stroh war energetisch also fast so gehaltvoll wie das Heu.

Woher kam dann die Abnahme? Vor allem aus Quellen, die mit „Stroh statt Heu“ nur am Rande zu tun haben. Erstens bekam die Strohgruppe schon von der angebotenen Menge her weniger Zusatzraufutter zur Winterweide als die Heugruppe – ca. 0,75% des Körpergewichts im Vergleich zu 1,68%, bevor überhaupt ein Halm gefressen war. Zweitens ließen die Pferde einen Teil des Strohs liegen. Das ist kein Zeichen von weniger Hunger: Die Studie selbst erklärt es damit, dass die Tiere mit dem sperrigen, langsam zu fressenden Stroh schneller ein Füllungsgefühl im Darm erreichten und Stroh zudem weniger schmackhaft ist. Genau diese Sperrigkeit und schwere Verdaulichkeit ist aber auch der Grund, warum zu viel Stroh zu Verstopfungskoliken führen kann – die Strohmenge, die ein Pferd freiwillig frisst, ist also von Natur aus begrenzt, und sie zwangsweise nach oben zu treiben wäre riskant. Unterm Strich nahmen die Tiere schlicht weniger Gesamtfutter auf. Ob sie abnahmen, weil es Stroh war oder weil es insgesamt weniger war, lässt sich nicht sauber trennen.

Ein weiterer Faktor wird in den Veröffentlichungen gar nicht beschrieben, wäre aber für die Beurteilung wichtig: Wie wurde das Raufutter angeboten? In Raufen, ja, aber mit oder ohne Heunetz? Gerade bei engmaschigen Heunetzen, in die zusätzlich Stroh gemischt ist, kann die Fressgeschwindigkeit so stark sinken, dass ein Pferd deutlich weniger aufnimmt, als es eigentlich bräuchte. Ob und wie Netze eingesetzt wurden, bleibt offen – ein weiterer Grund, die schlichte Gleichung „Stroh macht schlank“ mit Vorsicht zu lesen. 

Hör-Tipp: Auf das die Vor- und Nachteile von Heunetzen geht Dr. Christina Fritz in der Podcast-Episode #41 – Slowfeeder ein.
 

Abgenommen heißt nicht automatisch Fett verloren

Ein Punkt, der in der ganzen Diskussion fast völlig untergeht: In der Studie wurde ausschließlich das Körpergewicht per Pferdewaage erfasst. Kein Body Condition Score, keine Messung der Fettauflage, keine Differenzierung zu Lympheinlagerungen, keine Beurteilung der Muskulatur. Die Waage sagt aber nur, dass das Pferd leichter geworden ist – nicht, woraus der Verlust bestand. 

Das ist alles andere als nebensächlich. Eine strohbetonte Ration ist eiweißarm, und wenn gleichzeitig weniger gefressen wird, sinkt die Proteinversorgung weiter. Fehlt dem Körper aber ausreichend verwertbares Eiweiß, greift auch die Muskulatur an. Ein Pony, das „27 Kilogramm abgenommen“ hat, kann also einen Teil davon an Muskelmasse und Oberlinie verloren haben – und genau das ist nicht das Ziel einer Abnehmkur. Ohne Fett- und Muskelbeurteilung bleibt offen, ob die Studie gesundes „Abspecken“ oder zum Teil schlicht Muskelabbau dokumentiert hat.

Mehr zu dem Thema: Den richtigen Ernährungszustand bei Pferden ermitteln

Was die Studie ausdrücklich nicht zeigt

Damit sind wir beim Kern der Umdeutung. Die eigentliche Frage der Studie lautete: Kann man übergewichtigen, robusten Weideponys im Winter beim Abnehmen helfen, indem man einen Teil der Heufütterung durch Stroh ersetzt? Daraus wird im Netz: Heu ist knapp, also kann man bei jedem Pferd die Hälfte durch Stroh austauschen. Das sind zwei grundverschiedene Themen.

Bei Heuknappheit reden wir plötzlich auch über normalgewichtige Pferde, über Senioren und Zahnpatienten, über schwerfuttrige Tiere, Sport- und Jungpferde – und vor allem aber über Pferde ohne die Weidehaltung aus der Studie, sondern Pferde, die im Stall oder auf dem Paddock rund um die Uhr ausschließlich konserviertes Raufutter bekommen. Für keine dieser Situationen liefert die Studie einen Beleg, dass diese Form der Fütterung gesund oder artgerecht wäre. Ebenso wenig wurde ein einziger Stoffwechselwert erhoben – kein Insulin, kein Blutzucker, kein dokumentierter EMS-Status, keine Leberwerte oder Triglyceride, die helfen würden, die Gewichtsveränderung einzuordnen. Die gern gezogene Schlussfolgerung „50 Prozent Stroh schützt das insulinkranke Pferd“ steht auf keiner Datengrundlage; das in der Studie eingesetzte Heu war mit rund fünf Prozent wasserlöslichen Kohlenhydraten ohnehin schon sehr zuckerarm.

Stroh ist nicht einfach „kalorienarmes Heu“

Ernährungsphysiologisch ist ein hoher Strohanteil kein nebensächlicher Tausch. Stroh enthält deutlich mehr Lignin und schwer verdauliche Strukturkohlenhydrate und liefert typischerweise weniger Eiweiß und essenzielle Aminosäuren. Ein zu niedriger Proteingehalt der Gesamtration kann sogar die faserabbauenden Bakterien im Darm ausbremsen – ausgerechnet jene Mikroben, die das Pferd zum Verwerten der Rohfaser braucht.

Wer also dauerhaft einen großen Teil der Ration durch Stroh ersetzt, muss mindestens die Proteinversorgung, die Mineralstoffversorgung, die Wasseraufnahme, Zähne und Kauleistung sowie Kotkonsistenz und Gesamtfutteraufnahme im Blick behalten. Und ganz entscheidend: die hygienische Qualität. Schimmeliges oder stark staubendes Stroh wird nicht dadurch zum guten Pferdefutter, dass Heu teuer geworden ist – im Gegenteil, es ist ein echtes Risiko für Atemwege, Darm und am Ende die Gesundheit des Pferdes.

Hör-Tipp: Sanoanimal Podcast #7 Strohfütterung 

Was das für den Stallalltag heißt

Die ausgewogene Botschaft lautet weder „Stroh ist gefährlich“ noch „Stroh ersetzt Heu“. Für übergewichtige, leichtfuttrige Pferde mit guten Zähnen kann die kontrollierte Beimischung von hygienisch einwandfreiem Weizen- oder Haferstroh durchaus sinnvoll sein: Stroh im Heu verlängert die Fressdauer (schon allein durch das Aussortieren des Strohs), hält das Fressvolumen und damit die Beschäftigung hoch und senkt gleichzeitig die Energiedichte der Ration. Genau diese Anwendung stützt die Studie – und nicht mehr.

In der Praxis hat sich dabei eine vorsichtige Obergrenze bewährt. Verschiedene Fachleute empfehlen, Stroh auf etwa ein Viertel der gesamten Raufuttermenge zu begrenzen, und selbst wohlwollende Quellen ziehen die Grenze bei höchstens der Hälfte. Gleichzeitig muss ein Minimum von 1,5% des Körpergewichts als Heu angeboten werden, das ist bereits die „Diätversion“ – um das Pferd im Gewicht zu halten sprechen wir von 2-3% des Körpergewichts. Die pauschal aus der Studie gezogene Schlussfolgerung „bei Heumangel einfach die Hälfte durch Stroh ersetzen“ liegt also hier deutlich daneben – gerade bei Pferden, die ohnehin knapp mit Protein versorgt sind, schlechte Zähne und vor allem keinen Zugang zur Weide haben.

Wer in diesem Winter wegen der Heupreise über Strohbeimischung nachdenkt, fährt also am besten mit einer einfachen Faustregel: Stroh ist ein brauchbares Werkzeug für das übergewichtige, zahngesunde Pferd und als ergänzender Beschäftigungs- und Strukturanteil – aber kein Freifahrtschein, die Raufutterversorgung aller Pferde zur Hälfte von Heu auf Stroh umzustellen. Die Menge, die Strohqualität und das einzelne Pferd entscheiden, nicht der Heupreis.


Quelle

Dosi, M. C., Kirton, R., Hallsworth, S., Keen, J. A., & Morgan, R. A. (2020). Inducing weight loss in native ponies: is straw a viable alternative to hay? Veterinary Record, 187(8), e60. https://bvajournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1136/vr.105793

 

Team Sanoanimal

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