Ertugliflozin & Co. (SGLT2-Hemmer) beim Pferd: Wirkung, Risiken, neue Erkenntnisse

Tierärztin und Helferin nehmen einem schwarzen Pferd Blut ab

© AdobeStock / H_Ko

SGLT2-Hemmer wie Ertugliflozin, Canagliflozin, Dapagliflozin oder Velagliflozin werden zunehmend zur Behandlung von Pferden mit ausgeprägter Insulindysregulation eingesetzt. Besonders in Großbritannien werden sie inzwischen nicht nur bei therapieresistenten Fällen, sondern teilweise bereits bei übergewichtigen Pferden mit erhöhten Insulinwerten verschrieben.

Die Medikamente können die Insulinkonzentration im Blut deutlich senken und bei sorgfältig ausgewählten Patienten durchaus hilfreich sein. Die inzwischen vorliegenden Studien zeigen jedoch auch, dass sie tief in den Energie- und Fettstoffwechsel eingreifen. Eine erfolgreiche Senkung des Insulinwertes bedeutet deshalb nicht automatisch, dass sich der gesamte Stoffwechsel des Pferdes verbessert.

Insulindysregulation ist nicht dasselbe wie Diabetes mellitus

Der bisher häufig verwendete Begriff „Insulinresistenz“ beschreibt nur einen Teil der möglichen Störungen. Heute spricht man beim Pferd meist von einer Insulindysregulation. Dazu gehören eine übermäßige Insulinausschüttung nach der Futteraufnahme, erhöhte Ruheinsulinwerte, eine verminderte Insulinempfindlichkeit der Gewebe oder eine Kombination dieser Veränderungen.

Anders als Menschen mit einem fortgeschrittenen Diabetes mellitus Typ 2 sind die meisten betroffenen Pferde nicht dauerhaft hyperglykämisch. Sie können ihren Blutzuckerspiegel häufig noch im Normalbereich halten – allerdings um den Preis einer übermäßig hohen Insulinausschüttung. Ober eine dauerhafte Insulindysregulation auch beim Pferd langfristig zu einem Diabetes Typ 2 führen, ist bisher wissenschaftlich nicht untersucht, kann also weder bejaht noch verneint werden.

Deshalb reicht eine einmalige Bestimmung von Glukose und Insulin nur eingeschränkt zur Diagnostik aus. Ein deutlich erhöhter Ruheinsulinwert ist zwar relevant, ein unauffälliger Wert schließt eine Insulindysregulation jedoch nicht sicher aus. Dynamische Untersuchungen wie ein standardisierter oraler Zuckertest sind in vielen Fällen aussagekräftiger, bergen aber immer das Risiko, einen Hufreheschub auszulösen bei einem insulinresistenten Pferd.

Wie wirken SGLT2-Hemmer?

Die Nieren filtern fortlaufend Glukose aus dem Blut. Normalerweise wird der größte Teil dieser Glukose im proximalen Nierentubulus wieder aufgenommen und dem Blutkreislauf zurückgeführt. Einen wesentlichen Anteil dieser Rückresorption übernimmt der sogenannte Sodium-Glucose-Cotransporter 2, kurz SGLT2.

SGLT2-Hemmer blockieren diesen Transporter. Dadurch wird weniger Glukose in den Blutkreislauf zurückgeführt und stattdessen über den Urin ausgeschieden. Die Folgen sind:

  • verstärkte Glukoseausscheidung über den Urin,

  • ein geringerer Glukosereiz auf die Bauchspeicheldrüse,

  • eine reduzierte Insulinausschüttung,

  • häufig sinkende Ruhe- und postprandiale Insulinwerte,

  • gleichzeitig aber auch ein kontinuierlicher Verlust von Energie - ein Faktor, der häufig viel zu wenig beachtet wird.

Die Medikamente stellen die ursprüngliche Insulinsensitivität nicht wieder her. Sie umgehen einen Teil des Problems, indem sie Glukose aus dem Organismus entfernen, bevor diese eine weitere Insulinausschüttung auslöst.

Gerade beim Pferd ist das eine Besonderheit: Die meisten behandelten Pferde sind hyperinsulinämisch, aber nicht dauerhaft hyperglykämisch. Der Organismus verliert unter der Behandlung also Glukose, obwohl er den Blutzuckerspiegel zuvor noch weitgehend regulieren konnte.

Müssen SGLT2-Hemmer über den First-Pass-Effekt aktiviert werden?

Dies ist immer eine wichtige Frage, da bei vielen Pferden die Biotransformation in der Leber offenbar nur noch eingeschränkt abläuft, was üblicherweise als KPU bezeichnet wird. Bei SGLT2-Inhibitoren ist die klare Antwort: Nein. Die verwendeten Wirkstoffe liegen bereits pharmakologisch aktiv vor. Sie müssen nicht zunächst von der Leber in eine wirksame Form umgewandelt werden.

Wie bei anderen oral aufgenommenen Medikamenten können Darm und Leber jedoch beeinflussen, welcher Anteil der verabreichten Dosis tatsächlich im systemischen Kreislauf ankommt. Das ist jedoch nicht der eigentliche Wirkmechanismus. Für mögliche Überdosierungen und Nebenwirkungen sind vor allem die aufgenommene Wirkstoffmenge, die Verteilung im Körper, die individuelle Clearance, die Halbwertszeit und das Dosierungsintervall entscheidend.

Eine vermeintliche Störung des First-Pass-Effekts ist daher keine notwendige Erklärung für ungewöhnlich starke Reaktionen. Wesentlich plausibler ist eine zu hohe oder sich bei wiederholter Gabe aufbauende Wirkstoffexposition.

Was zeigen die bisherigen Studien zur Wirksamkeit?

Mehrere Studien haben inzwischen bestätigt, dass SGLT2-Hemmer hohe Insulinkonzentrationen beim Pferd wirksam senken können.

In einem experimentellen Versuch verhinderte Velagliflozin bei insulindysregulierten Ponys die Entstehung einer durch eine kohlenhydratreiche Fütterung provozierten Hufrehe. Eine weitere Untersuchung über 16 Wochen zeigte ebenfalls deutlich niedrigere postprandiale Insulinwerte. 

Auch Fallserien und kontrollierte Studien zu Ertugliflozin und Canagliflozin berichteten über teilweise erhebliche Rückgänge der Ruhe- und postprandialen Insulinkonzentrationen. Besonders bei Pferden mit wiederkehrender Hufrehe und extremen Insulinwerten, die auf Fütterungs- und Haltungsmaßnahmen allein nicht ausreichend reagierten, konnten klinische Verbesserungen beobachtet werden. 

SGLT2-Hemmer können damit in ausgewählten, schwerwiegenden Fällen eine therapeutische Option sein. Sie sind aber kein Ersatz für eine angepasste Fütterung, Gewichtsmanagement, Bewegung und die Beseitigung der Ursachen der Insulindysregulation und ihre Anwendung muss diagnostisch engmaschig überwacht werden - was in der Praxis leider oft vergessen wird.

Lange Halbwertszeiten und das Risiko einer Akkumulation

Ein entscheidender Unterschied zwischen Mensch und Pferd liegt in der Pharmakokinetik.

In einer Untersuchung an acht gesunden Islandpferden hatte Canagliflozin eine mittlere terminale Halbwertszeit von etwa 29,8 Stunden. Nach 24 Stunden ist somit noch ein erheblicher Teil der vorherigen Dosis im Organismus vorhanden, wenn bereits die nächste Tagesdosis verabreicht wird. 

Dass dies tatsächlich zu einer relevanten Akkumulation führen kann, zeigte ein 2026 veröffentlichter Fallbericht. Bei einer Stute führte die tägliche Gabe von 0,6 mg Canagliflozin pro Kilogramm Körpergewicht zu einer Akkumulationsrate von 2,73. Die gesamte Wirkstoffexposition war nach täglicher Gabe etwa dreimal so hoch wie bei derselben Dosis im Abstand von 48 Stunden. Die Insulinkontrolle blieb bei diesem einzelnen Pferd auch unter dem längeren Dosierungsintervall erhalten. 

Dabei handelt es sich nur um einen Einzelfall. Daraus lässt sich keine allgemeingültige Dosierungsempfehlung ableiten. Die Untersuchung belegt aber, dass die aus der Humanmedizin abgeleitete tägliche Gabe beim Pferd nicht automatisch als unproblematisch angesehen werden darf.

Für Ertugliflozin wurde 2026 bei gesunden Pferden eine mittlere Halbwertszeit von rund 17,7 Stunden ermittelt. Bei täglicher Gabe wird ein stabiler Wirkstoffspiegel voraussichtlich erst nach mehreren Tagen erreicht. Auch hier muss deshalb die Wirkung am Steady State beurteilt werden und nicht ausschließlich nach der ersten Dosis. 

Das Problem der Dosierung in der Praxis

In kontrollierten Studien werden die Pferde gewogen, die Dosis wird in Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht berechnet und die Tiere werden unter definierten Bedingungen gehalten, gefüttert und untersucht. Neben Insulin und Glukose werden häufig auch Triglyceride, Leberwerte, Elektrolyte, Gewicht und weitere Laborparameter kontrolliert.

In der tierärztlichen Praxis wird das Gewicht dagegen häufig nur geschätzt. Abweichungen von 50 bis 100 Kilogramm sind bei einer reinen Sichtschätzung ohne Weiteres möglich. Hinzu kommen das Auf- oder Abrunden auf verfügbare Tablettengrößen und möglicherweise eine weitere Dosissteigerung, wenn der gewünschte Rückgang des Insulins nicht sofort erreicht wird. Hinzu kommt, dass viele betroffene Pferde multimorbid sind, man also nicht automatisch davon ausgehen kann, dass die Verstoffwechselung von Medikamenten in derselben Rate vor sich geht wie bei gesunden Versuchspferden.

Bei einem Medikament mit langer Halbwertszeit kann aus einer scheinbar moderaten Abweichung nach mehreren Tagen eine deutlich höhere Wirkstoffexposition entstehen. Wird anschließend nur kontrolliert, ob der Insulinwert gesunken ist, bleiben Veränderungen im Fett-, Protein-, Leber- oder Elektrolytstoffwechsel möglicherweise unentdeckt.

Hypertriglyceridämie ist eine nachgewiesene Nebenwirkung

Die derzeit am besten dokumentierte metabolische Nebenwirkung ist ein Anstieg der Triglyceride. Dieser wurde inzwischen bei Canagliflozin, Ertugliflozin, Dapagliflozin und Velagliflozin beschrieben. 

In einer retrospektiven Untersuchung von Pferden, die Ertugliflozin oder Dapagliflozin erhielten, hatten nach 30 Tagen 21 Prozent der untersuchten Pferde Triglyceridwerte über 2 mmol/l. Der höchste gemessene Wert betrug 10,8 mmol/l. Gleichzeitig stiegen unter anderem β-Hydroxybutyrat, Gesamtcholesterin und GGT an. 

Eine 2026 veröffentlichte Feldstudie untersuchte 70 Pferde, die drei Wochen lang Canagliflozin erhielten. Bei den meisten sank die postprandiale Insulinkonzentration deutlich. Allerdings zeigten 13 Prozent keine Verbesserung des Insulinwertes. Bei neun Prozent stiegen die Triglyceride auf Werte über 5,6 mmol/l und damit in den Bereich einer Hyperlipämie. Auch die GLDH-Aktivität nahm im Mittel zu. 

Besonders deutlich war der Dosis-Wirkungs-Zusammenhang in einer randomisierten Studie aus dem Jahr 2026. Eine Erhöhung der Canagliflozin-Dosis von 0,6 auf 1,2 mg/kg brachte nur eine vergleichsweise geringe zusätzliche Senkung der Insulinreaktion. Gleichzeitig stieg die mittlere Triglyceridkonzentration auf mehr als das Doppelte. Fünf von 14 Pferden in der höheren Dosisgruppe entwickelten Werte über 5 mmol/l. In dieser Gruppe stieg außerdem die GLDH-Aktivität an. 

Diese Daten zeigen deutlich: Mehr Wirkstoff führt nicht automatisch zu einem proportional größeren therapeutischen Nutzen, kann aber die metabolischen Nebenwirkungen überproportional verstärken.

Warum steigen die Triglyceride?

Glukose, die über den Urin ausgeschieden wird, steht dem Körper nicht mehr als Energiequelle zur Verfügung. Gleichzeitig sinkt die Insulinkonzentration. Da Insulin normalerweise die Mobilisierung von Fett aus dem Fettgewebe hemmt, wird bei niedrigeren Insulinspiegeln vermehrt Fett freigesetzt.

Untersuchungen am Menschen zeigen, dass SGLT2-Hemmer die Nutzung von Kohlenhydraten als Energiequelle reduzieren und den Stoffwechsel in Richtung Fettverbrennung verschieben. Gleichzeitig steigt die körpereigene Glukoseproduktion (Gluconeogenese), da fortlaufend Glukose über den Urin verloren geht. 

Auch beim Pferd sprechen die steigenden Triglyceridwerte dafür, dass verstärkt Fett mobilisiert wird. Die 2026 veröffentlichte Canagliflozin-Studie diskutiert darüber hinaus, dass für die gesteigerte Glukoneogenese nicht nur Glycerin aus dem Fettstoffwechsel und Propionat aus der Verdauung, sondern möglicherweise auch glucogene Aminosäuren genutzt werden. Damit könnte neben Fettmasse auch fettfreie Masse, also beispielsweise Muskulatur, verloren gehen. 

Der mögliche Stoffwechselkreislauf lautet:

Glukoseverlust über den Urin
→ negativer Energiehaushalt
→ vermehrte körpereigene Glukoseproduktion
→ Mobilisierung von Fett und möglicherweise Aminosäuren
→ erneuter Verlust der gebildeten Glukose über den Urin.

Je stärker und länger die SGLT2-Hemmung wirkt, desto ausgeprägter kann dieser katabole Stoffwechselzustand theoretisch werden.

Massive Ödeme: Was ist bekannt und was ist bisher nur eine Theorie?

Massive generalisierte Ödeme oder schnelle Gewichtszunahmen von 50 bis 100 Kilogramm wurden in den kontrollierten Studien bisher nicht als typische Nebenwirkung beschrieben. Im Gegenteil verloren die untersuchten Pferde im Mittel an Gewicht.

Aus der therapeutischen Praxis liegen jedoch Berichte über einzelne Pferde vor, die nach Beginn oder Steigerung einer SGLT2-Hemmer-Therapie innerhalb kurzer Zeit massiv aufschwemmten, sich kaum noch bewegen wollten und erheblich an Gewicht zunahmen. In mehreren beobachteten Fällen besserte sich der Zustand nach tierärztlich begleiteter Dosisreduktion oder nach Absetzen des Medikaments rasch.

Diese wiederholte Besserung nach Dosisreduktion oder Absetzen wird in der Pharmakologie als positiver Dechallenge bezeichnet. Sie beweist den genauen Mechanismus nicht, ist aber ein ernst zu nehmendes Signal für einen möglichen Zusammenhang mit dem Medikament.

Eine physiologisch plausible Arbeitshypothese wäre folgende:

Eine zu hohe oder akkumulierende Wirkstoffexposition könnte einen besonders ausgeprägten Glukose- und Energieverlust verursachen. Dadurch werden Fettmobilisation, Glukoneogenese und möglicherweise auch der Abbau von Muskelprotein verstärkt. Gleichzeitig können sehr hohe Triglyceridwerte die Leber belasten.

Kommt es zusätzlich zu einer verminderten Albuminsynthese, einem Proteinverlust über Niere oder Darm, einer erhöhten Gefäßdurchlässigkeit oder einer anderen Störung des Protein- und Flüssigkeitshaushalts, könnte die Albuminkonzentration im Blut sinken. Albumin trägt wesentlich dazu bei, Flüssigkeit im Gefäßsystem zu halten. Bei einer deutlichen Hypoalbuminämie sinkt der kolloidosmotische Druck und Flüssigkeit kann in das umliegende Gewebe austreten.

Die umgangssprachlich als „Lympheinlagerungen“ bezeichneten Schwellungen wären medizinisch zunächst als Ödeme einzuordnen, solange keine primäre Erkrankung des Lymphsystems nachgewiesen ist.

Wichtig ist die klare Einschränkung: Eine SGLT2-Hemmer-bedingte Hypoalbuminämie ist beim Pferd bisher nicht wissenschaftlich nachgewiesen. In der kontrollierten Canagliflozin-Studie von 2026 blieben Gesamtprotein, Hämatokrit und Plasmaosmolalität unter den untersuchten Bedingungen unverändert. Albumin wurde dort nicht als Ursache massiver Ödeme identifiziert. Aber auch hier muss man natürlich wieder einschränken, dass die Dosierung der Medikamente in der Praxis meist eher auf Schätzungen beruht, sodass es zu deutlichen Verschiebungen in den Blutwerten kommen kann, die ein einem Studiendesign mit seinen strikt kontrollierten Bedingungen nicht erfasst würde.

Die Hypothese könnte daher für Pferde mit deutlich höherer Wirkstoffexposition, längerer Behandlungsdauer, individueller Empfindlichkeit oder zusätzlichen Leber-, Nieren-, Darm- oder Herz-Kreislauf-Problemen relevant sein. Um sie zu überprüfen, müssten genau während der klinischen Verschlechterung Albumin, Gesamtprotein, Triglyceride, Leber- und Nierenwerte sowie Urinparameter bestimmt werden.

Auch die stark reduzierte Bewegung kann Ödeme weiter verstärken. Pferde sind für den venösen und lymphatischen Rücktransport aus den Gliedmaßen auf Bewegung, Muskelkontraktionen und den Hufmechanismus angewiesen. Bewegt sich ein Pferd aufgrund von Schwäche, Unwohlsein oder Hufschmerzen kaum noch, nimmt dieser Rücktransport ab und kann die sichtbare Problematik deutlich verstärken.

Kann trotz sinkender Insulinwerte eine Hufrehe entstehen?

SGLT2-Hemmer werden gerade deshalb eingesetzt, weil hohe Insulinwerte Hufrehe auslösen können und eine Senkung des Insulins dieses Risiko reduzieren soll. Das bedeutet jedoch nicht, dass jede während der Therapie auftretende Hufrehe automatisch unabhängig vom Medikament sein muss.

Bei einem Pferd, das innerhalb kurzer Zeit große Mengen Flüssigkeit einlagert, steigt die mechanische Belastung der Hufe erheblich. Gleichzeitig bewegt es sich weniger und verlagert sein Gewicht seltener. Bei bereits vorgeschädigten Hufstrukturen können zusätzliche mechanische, vaskuläre und metabolische Belastungen problematisch werden.

Dazu können schwere Hypertriglyceridämie, Leberbelastung, Elektrolytveränderungen, eine gestörte Flüssigkeitsverteilung oder eine zugrunde liegende systemische Erkrankung kommen.

Eine direkte Kausalkette von SGLT2-Hemmern über Ödeme zur Hufrehe ist bisher nicht untersucht und daher weder bewiesen, noch kann sie ausgeschlossen werden. Physiologisch ist es aber plausibel, dass eine massive metabolische Entgleisung und schnelle Flüssigkeitszunahme bei einem bereits rehegefährdeten Pferd eine zusätzliche Belastung darstellen und einen Reheschub mit begünstigen können.

Langfristiger Proteinmangel könnte außerdem Muskelmasse, Geweberegeneration und Hornqualität beeinträchtigen. Er erklärt allein jedoch keine innerhalb weniger Tage entstehende akute Hufrehe.

Welche Kontrollen sind unter der Therapie notwendig?

Die alleinige Kontrolle von Glukose und Insulin reicht nicht aus. Vor Beginn der Behandlung sollte das tatsächliche Körpergewicht möglichst genau bestimmt und die Dosis in Milligramm pro Kilogramm dokumentiert werden.

Zusätzlich zu einer geeigneten Insulindiagnostik sollten abhängig vom Einzelfall kontrolliert werden:

  • Triglyceride und gegebenenfalls weitere Lipidparameter,

  • Albumin, Gesamtprotein und Globuline,

  • GLDH, GGT, AST, Bilirubin und gegebenenfalls Gallensäuren,

  • Kreatinin und Harnstoff,

  • Natrium, Kalium, Chlorid, Calcium, Phosphat und Magnesium,

  • Hämatokrit und Blutbild,

  • CK zur Beurteilung einer möglichen Muskelbeteiligung,

  • Entzündungsparameter wie SAA und Fibrinogen,

  • Urinstatus einschließlich Glukose, Protein und spezifischem Gewicht.

Wichtig sind außerdem regelmäßige Gewichtskontrollen sowie die Beobachtung von Wasseraufnahme, Urinmenge, Appetit, Verhalten, Bewegungsfreude, Schwellungen, Hufwärme und digitalem Puls.

Besonders aufmerksam sollte man werden, wenn ein Pferd nach Beginn oder Dosissteigerung:

  • rasch aufschwemmt oder deutlich an Gewicht zunimmt,

  • ungewöhnlich matt oder bewegungsunwillig wird,

  • auffällig viel trinkt und uriniert,

  • Muskelmasse verliert,

  • weniger frisst,

  • warme Hufe oder einen verstärkten digitalen Puls zeigt.

Solche Veränderungen erfordern eine zeitnahe tierärztliche Untersuchung und eine Überprüfung von Dosis und Dosierungsintervall. Ein Medikament sollte nicht eigenmächtig verändert oder abgesetzt werden. Gleichzeitig darf eine klinische Verschlechterung nicht ignoriert werden, nur weil Glukose und Insulin im Labor niedriger geworden sind.

Für welche Pferde kommen SGLT2-Hemmer infrage?

Die bisherigen Studien untersuchten vor allem Pferde mit deutlicher oder therapieresistenter Insulindysregulation und teilweise wiederkehrender, therapieresistenter Hufrehe. Daraus lässt sich nicht ableiten, dass jedes übergewichtige Pferd oder jeder einzelne erhöhte Insulinwert eine medikamentöse Therapie rechtfertigt.

SGLT2-Hemmer sollten nicht dazu dienen, zuckerreiches Raufutter, Bewegungsmangel, eine ungeeignete Haltung oder fehlendes Gewichtsmanagement zu kompensieren.

Die Grundlage der Behandlung bleibt: Zucker- und Stärkeaufnahme kontrollieren, Raufutter analysieren, Übergewicht langsam reduzieren, regelmäßige Bewegung ermöglichen, Stressfaktoren senken und mögliche Begleiterkrankungen berücksichtigen.

Bei schweren, anderweitig nicht ausreichend kontrollierbaren Fällen können SGLT2-Hemmer eine wertvolle Ergänzung sein, vor allem um ein Pferd aus einem akuten Hufreheschub zu holen, der durch Insulindysregulation und einen Insulinpeak verursacht wurde. Sie sind aber keine harmlosen „Insulinsenker“. Sie verändern den gesamten Energiestoffwechsel und müssen daher individuell dosiert und umfassend überwacht werden.

Entscheidend ist nicht nur die Frage:

„Ist der Insulinwert gesunken?“

Ebenso wichtig ist:

„Welchen metabolischen Preis zahlt das Pferd für diese Senkung?“


Mehr zu dem Thema: Weitere Infos zu Insulindysregulation beim Pferd findest du auf unserer Themenseite EMS & Insulinresistenz und in unserem Onlineseminar Insulinresistenz mit Dr. Christina Fritz. Wissenschaftliche Erkenntnisse rund um Pferde findest du auf der Themenseite Wissenschaft.

Wenn der Verdacht auf eine Insulindysregulation besteht, empfiehlt sich eine Beratung und Umstellung der Fütterung durch einen kompetenten Therapeuten aus unserem Sanoanimal-Therapeutennetzwerk.


Quellen

  1. Durham, A. E., Frank, N., McGowan, C. M., Menzies-Gow, N. J., Roelfsema, E., Vervuert, I., Feige, K. & Fey, K. (2019). ECEIM consensus statement on equine metabolic syndrome. Journal of veterinary internal medicine, 33(2), 335-349. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6430910/

  2. Menzies‐Gow, N. J., & Knowles, E. J. (2025). Sodium‐glucose transport protein 2 inhibitor use in the management of insulin dysregulation in ponies and horses. Journal of Veterinary Pharmacology and Therapeutics, 48, 31-40. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11736997/

  3. Meier, A., Reiche, D., de Laat, M., Pollitt, C., Walsh, D., & Sillence, M. (2018). The sodium-glucose co-transporter 2 inhibitor velagliflozin reduces hyperinsulinemia and prevents laminitis in insulin-dysregulated ponies. PLoS One, 13(9), e0203655. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6136744/

  4. Meier, A., de Laat, M., Reiche, D., Fitzgerald, D., & Sillence, M. (2019). The efficacy and safety of velagliflozin over 16 weeks as a treatment for insulin dysregulation in ponies. BMC Veterinary Research, 15(1), 65. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6390376/

  5. Kellon, E. M., & Gustafson, K. M. (2022). Use of the SGLT2 inhibitor canagliflozin for control of refractory equine hyperinsulinemia and laminitis. Open Veterinary Journal, 12(4), 511-518. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9473365/

  6. Sundra, T., Kelty, E., & Rendle, D. (2023). Preliminary observations on the use of ertugliflozin in the management of hyperinsulinaemia and laminitis in 51 horses: a case series. Equine Veterinary Education, 35(6), 311-320. https://beva.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/eve.13738

  7. Kellon, E. M., & Gustafson, K. M. (2023). Hypertriglyceridemia in equines with refractory hyperinsulinemia treated with SGLT2 inhibitors. Open Veterinary Journal, 13(3), 365. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10072834/

  8. Lindåse, S., Nostell, K., Forslund, A., Bergsten, P., & Bröjer, J. (2023). Short-term effects of canagliflozin on glucose and insulin responses in insulin dysregulated horses: A randomized, placebo-controlled, double-blind, study. Journal of Veterinary Internal Medicine, 37(6), 2520-2528. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10658518/

  9. Sundra, T., Rossi, G., Kelty, E., Lester, G., & Rendle, D. (2024). Oral sugar test responses to ertugliflozin in ten horses with insulin dysregulation. Equine Veterinary Education, 36(6), 317-324. https://beva.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/eve.13924

  10. Michanek, P., Bröjer, J., Lilliehöök, I., Fjordbakk, C. T., Löwgren, M., Hedeland, M., Bergquist, J. & Ekstrand, C. (2025). Pharmacokinetics and alterations in glucose and insulin levels after a single dose of canagliflozin in healthy Icelandic horses. Journal of veterinary Pharmacology and Therapeutics, 48, 41-49. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11736998/

  11. Sundra, T., Knowles, E., Rendle, D., Kelty, E., Lester, G., & Rossi, G. (2025). Short-term clinical and biochemical responses following treatment with dapagliflozin or ertugliflozin in horses with hyperinsulinemia: a retrospective case series. Domestic animal endocrinology, 90, 106894. https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0739724024000572

  12. Thane, K., Voth, R., Klee, R., Warnken, T., Chukwu, V., & Frank, N. (2025). Effects of the sodium-glucose cotransporter-2 inhibitor velagliflozin on insulin concentrations in horses with insulin dysregulation. Journal of Veterinary Internal Medicine, 39(6), jvim70256. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12508266/

  13. Hällbom, M., Lindåse, S. T., Wartel, M., & Bröjer, J. (2026). Short‐term clinical responses in horses and ponies treated with canagliflozin: A clinical field study. Equine Veterinary Journal. https://beva.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/evj.70181

  14. Bröjer, J., Hanche-Olsen, S., Fintl, C., Svonni, E., Hellings, I. R., Müller, C., & Lindåse, S. (2026). Efficacy and safety of canagliflozin in insulin dysregulated horses: a 4-week multi-arm, double-blind, randomized, clinical trial. Journal of Veterinary Internal Medicine, 40(3), aalag107. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC13310091/

  15. Kirkwood, N. C., Hughes, K. J., Lovett, A. L., Doran, G. S., Rendle, D. I., & Edwards, S. H. (2026). Pharmacokinetics of Ertugliflozin, a Sodium-Glucose Co-Transporter-2 Inhibitor (SGLT2i) in Horses After Enteral Administration. Veterinary Sciences, 13(5), 445. https://www.mdpi.com/2306-7381/13/5/445

  16. Burbidge, C., White, K., Armstrong, K., & Rosa, B. (2026). Canagliflozin treatment of a horse with hyperinsulinemia, including pharmacokinetic analysis of different dosing protocols: a case report. Frontiers in Veterinary Science, 13, 1838222. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC13402110/

  17. Ferrannini, E., Muscelli, E., Frascerra, S., Baldi, S., Mari, A., Heise, T., Broedl, U.C., & Woerle, H. J. (2014). Metabolic response to sodium-glucose cotransporter 2 inhibition in type 2 diabetic patients. The Journal of clinical investigation, 124(2), 499-508. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3904627/

  18. Merovci, A., Solis-Herrera, C., Daniele, G., Eldor, R., Fiorentino, T. V., Tripathy, D., Xiong, J., Perez, Z., Norton, L., Abdul-Ghani M.A. & DeFronzo, R. A. (2014). Dapagliflozin improves muscle insulin sensitivity but enhances endogenous glucose production. The Journal of clinical investigation, 124(2), 509-514. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3904617/

 

Team Sanoanimal

Team Sanoanimal

Wir sind ein erfahrenes Team von Therapeuten, spezialisiert auf Futterberatung und integrierte Tiertherapien für Pferde. Mit umfassender Erfahrung in der Behandlung von Stoffwechselproblemen setzen wir auf artgerechte Fütterung und naturheilkundliche Mittel, um die Gesundheit Ihres Pferdes zu verbessern. Profitieren Sie von unserem Wissen für das Wohl Ihres Pferdes.

Weitere Artikel zu dieser Kategorie

Anzeige
Suchergebnisse werden zusammengestellt...